Der Quorrl regte sich, und der Laut riß Skar aus seinen Überlegungen. Skar gab Herger ein Zeichen anzuhalten, sprang aus dem Sattel und trat vorsichtig zwischen die Pferde. Sie hatten Arme und Beine des Schuppenwesens sorgfältig an die zusammengebundenen Speere, aus denen die Trage angefertigt war, gefesselt, so daß der Quorrl kaum mehr fähig war, sich zu bewegen. Trotzdem hielt Skar vorsichtigen Abstand. Die Trage bebte unter dem Gewicht des gewaltigen Kriegers, und Skar war mit einem Mal gar nicht mehr so sicher wie noch vor Augenblicken, daß das Gebilde der Belastung wirklich standhalten würde.
Er nahm einen Wasserschlauch, öffnete den Verschluß und träufelte dem Quorrl ein paar Tropfen der eisigen Flüssigkeit auf die Stirn. Das Wesen stöhnte. Aber es war ein anderer Laut als vorher: ein Geräusch, das Schmerz ausdrückte, doch einen Schmerz, den es bewußt empfand. Der Quorrl war wach. »Verstehst du mich?« fragte Skar. Im ersten Moment zeigte der Quorrl-Krieger keine sichtbare Reaktion; dann flatterten seine Augenlider, und Skar begegnete dem Blick großer, pupillenloser schwarzer Augen. Es waren sehr sanfte Augen. Schmerz spiegelte sich in ihnen wider, aber auch etwas anderes, etwas, das so gar nicht der Wildheit und Brutalität entsprach, die man den gepanzerten Riesen unterstellte.
»Ich spreche deine Sprache nicht«, sagte Skar. Er sprach langsam und mit übermäßiger Betonung und legte zwischen den Worten große Pausen ein, so als rede er mit einem sehr kleinen Kind. »Aber vielleicht sprichst du meine. Wenn du mich verstehst und nicht antworten kannst, dann gib mir ein Zeichen.«
Wieder vergingen Sekunden, in denen sich der Blick des Quorrl in den Skars zu bohren schien. Dann schloß er ganz langsam die Augen; die Andeutung eines Nickens, zu dem ihm die Kraft fehlte.
»Er versteht mich!« sagte Skar überrascht. »Er spricht unsere Sprache.«
Herger antwortete nicht, aber sein Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an. Seine Rechte glitt nervös zum Gürtel und fingerte am Griff des Schwertes herum.
Skar wandte sich wieder an den Quorrl. »Hör mir zu«, sagte er. »Wir sind nicht deine Feinde. Wir haben dich auf dem Schlachtfeld gefunden und mitgenommen, aber wir gehören nicht zu denen, die deine Leute umgebracht haben. Verstehst du das?«
»Ich ... weiß ...«
Skar fuhr überrascht zusammen. Die Lippen des Quorrl hatten sich kaum bewegt, und die Worte waren unter seinem rasselnden Atem kaum zu verstehen.
»Die Männer, die euch überfallen haben, sind auch unsere Feinde«, fuhr Skar nach einem Moment fort. »Wir haben dich zu deinem eigenen Schutz gebunden.«
Der Quorrl antwortete nicht mehr; die beiden Worte schienen seine gesamte Kraft aufgebraucht zu haben. Aber Skar war jetzt sicher, daß das Wesen ihn verstand.
»Hör mir zu«, fuhr er fort. »Ich verlange nicht, daß du antwortest, aber du mußt mir glauben, daß wir dir nicht schaden wollen. Kannst du uns sagen, in welche Richtung die Dämonen gezogen sind?«
Der Quorrl schloß die Augen.
»Du wirst ihm doch nicht glauben ?« fragte Herger erschrocken. »Diese Wesen sind unsere Feinde, Skar. Er wird uns mit Freuden ins Verderben reiten lassen.«
Skar brachte ihn mit einer verärgerten Handbewegung zum verstummen. »Wohin sind sie geritten?« fuhr er fort. »Nach Süden?«
Der Quorrl reagierte nicht.
»Dann nach Norden, in Richtung Elay?«
»Ihr müßt... Rebellen gehen ...«, flüsterte der Quorrl. »Norden ... ihr ... Menschen und ...« Er stockte, rang mit einem schrecklichen, rasselnden Geräusch nach Atem und versuchte den Kopf zu heben. Sein Blick begann sich wieder zu verschleiern. »Nicht nur ... wir«, stöhnte er. »Rebellen ... wir ... kämpfen ... zus ... Errish ...«
»Was redet er da?« fragte Herger.
»Still!« zischte Skar. Er trat näher an den Quorrl heran, berührte ihn an der Schulter und beugte sich so tief über ihn, daß sein Ohr fast den Mund des Wesens berührte. Aber der Quorrl sprach nicht mehr. Seine Augen waren wieder geschlossen, und nach wenigen Sekunden beruhigte sich sein Atem. Er hatte erneut das Bewußtsein verloren.
Skar richtete sich kopfschüttelnd auf, trat enttäuscht zurück und lockerte nach kurzem Zögern die Lederriemen, mit denen der Krieger gebunden war.
»Was hat er gesagt?« fragte Herger erneut.
Skar ging zu seinem Pferd und schwang sich in den Sattel, ehe er antwortete. »Du hast ihn doch verstanden, oder?«
Herger nickte. »Verstanden schon - aber nicht begriffen. Was redet er da von Rebellen?«
Skar deutete nach Norden. »Reiten wir dorthin, Herger. Dann erfahren wir sicher, was er gemeint hat.«
»Du bist verrückt, Skar«, entfuhr es Herger. »Du willst auf die Fieberphantasien eines Quorrl hören?«
Skar nickte unbeeindruckt. »Es waren keine Fieberphantasien, Herger. Er hat ganz genau gewußt, was er sagte.«
»Das glaube ich«, sagte Herger grimmig. Er musterte den Quorrl mit einem feindseligen Blick und deutete nach Norden. »Und ich kann dir auch sagen, was wir dort finden werden: eine Horde blutrünstiger Quorrl, die darauf warten, daß wir ihnen in die Speerspitzen rennen. Rebellen!« Er lachte. »Die einzigen Rebellen, die wir finden werden, sind Quorrl, die gegen den Rest der Welt kämpfen.«
»Vielleicht«, murmelte Skar.
»Nicht vielleicht«, widersprach Herger aufgebracht, »sondern garantiert. Du wirst dieser Bestie doch nicht glauben?«
Skar schwieg einen Augenblick. Rebellen ... der Gedanke klang phantastisch, und Skar konnte Hergers Schrecken verstehen - aber auf der anderen Seite ergab der Gedanke auch Sinn. Warum sonst sollte Vela ihre Leibgarde ausgeschickt haben, nur um eine Handvoll Quorrl zu vernichten?
Herger schien seine Gedanken zu erraten. »Du bist verrückt, Skar«, keuchte er. »Selbst wenn er die Wahrheit gesprochen hat, ist es heller Wahnsinn.«
Ja, dachte Skar, das war es wohl. Nicht einmal der größte Narr würde den Worten eines sterbenden Quorrl glauben, geschweige denn ein Satai.
Er sah auf, lächelte dünn und deutete nach Norden. »Reiten wir«, sagte er.
»Aber...«
»Ich weiß, was du sagen willst«, fuhr Skar fort. »Aber ich habe mich gerade entschlossen, die Spielregeln zu ändern.«
14.
Das Land wurde steinig, als sie nach Norden ritten. Die Hügel, die den Fluß auf seiner nördlichen Seite flankiert hatten, wurden von Meile zu Meile flacher, und wo anfangs noch rissiger Lehm und Sand gewesen waren, lag nun harter Granit unter den Hufen ihrer Pferde. Sie ritten den ganzen Nachmittag und bis weit in den Abend hinein, ohne daß Herger noch ein einziges Wort gesprochen hätte. Skar war ein paarmal nahe daran, von sich aus das Eis zu brechen und das Wort an Herger zu richten, überlegte es sich jedoch jedesmal im letzten Moment wieder anders. Hergers Verhalten erinnerte ihn an das eines Kindes, das seinen Willen nicht durchsetzen konnte und nun mit Bockigkeit reagierte. Es war nicht so, daß er Hergers Furcht nicht verstand - im Grunde teilte er sie sogar -, aber die Art, in der der Hehler ihr Ausdruck verlieh, machte ihn rasend. Er hätte es noch begriffen, wenn Herger ihn im Stich gelassen und allein davongeritten wäre - halbwegs hatte er es sogar erwartet. Was er nicht erwartet hatte, war, daß Herger trotzdem bei ihm blieb und sich wie ein Kind benahm und schmollte.
Aber gab es überhaupt etwas an Herger, das er verstehen konnte?
Das Land veränderte sich weiter. Bald ritten sie durch ein bizarres Labyrinth aus Granit und Felsen, zwischen denen sich nur noch wenige dürre Büsche mit braunen Wurzelfingern festgekrallt hatten. Die Luft roch seltsam steril, und der Wind trug Wolken eines feinkörnigen, braunen Staubes heran, der sich in ihren Haaren festsetzte, unter ihre Kleider kroch und in den Augen brannte.