Erst als die Sonne vollends versank und das Grau der Dämmerung vom Schwarzblau der Nacht abgelöst wurde, hielten sie an; einfach da, wo sie waren, ohne nach einem besonderen Lagerplatz Ausschau zu halten.
Skar sprang von seinem Pferd, bewegte ein paarmal die Arme und Schultern, um das taube Gefühl aus seinen Gliedern zu vertreiben, und trat an die Bahre mit dem bewußtlosen Quorrl. Seine Hoffnung, daß der Krieger noch einmal erwachen und ihnen weitere Informationen geben würde, hatte sich nicht erfüllt, aber der Zustand des Quorrl hatte sich sichtlich gebessert: Aus dem fiebergeplagten Koma des Wesens war ein tiefer, erschöpfter Schlaf geworden, und als Skar sich herabbeugte und ihm prüfend die Hand auf die Stirn legte, glühte diese nicht mehr.
Er löste den Wasserschlauch von seinem Sattel, trank einen winzigen Schluck und träufelte dem Quorrl ein paar Tropfen der kostbaren Flüssigkeit ins Gesicht.
»Warum nimmst du ihn nicht in den Arm und wiegst ihn ein wenig?« fragte Herger bissig.
Skar verschnürte seinen Schlauch und hängte ihn wieder an den Sattel, ehe er sich zu Herger umwandte. »Wenn ich wüßte, daß es ihm hilft, dann würde ich es tun«, sagte er ernsthaft. »Aber ich glaube, daß das nicht nötig ist. Mit ein wenig Glück wird er auch so durchkommen. Er hat eine unglaubliche Konstitution.«
»Ich hoffe, daß das auch auf dich zutrifft«, sagte Herger. »Du wirst die Kraft von zehn Satai brauchen, wenn seine Brüder und Schwestern über uns herfallen.« Er schnaubte, schwang sich von seinem Pferd und machte ein paar Schritte. Ein halb unterdrückter Schmerzenslaut kam über seine Lippen. Er hatte den Ritt weit weniger gut verkraftet als Skar. Elf Tage lang hatte er mitgehalten, aber nun schienen seine Kräfte erschöpft zu sein. Er bewegte sich sehr vorsichtig; wahrscheinlich hatte er sich wundgeritten. Vielleicht war auch das ein Grund mehr für seine Gereiztheit. Schwäche und Furcht liegen nahe beieinander.
»Du haßt die Quorrl, nicht wahr?« fragte Skar.
Herger schenkte ihm einen trotzigen Blick. »Du nicht?«
»Nicht so wie du, Herger. Ich fürchte sie, so wie jeder, aber Furcht und Haß sind zwei verschiedene Dinge. Du solltest sie nicht verwechseln.«
Herger gab ein undeutbares Geräusch von sich, schüttelte den Kopf und wandte sich um, um mit wenigen ungelenken Schritten in der hereinbrechenden Nacht zu verschwinden. Skar dachte einen Moment daran, ihn zurückzurufen, tat es aber dann doch nicht, sondern begann statt dessen, die Pferde abzusatteln und das Nachtlager vorzubereiten. Es ging fast über seine Kräfte, die Trage mit dem Quorrl allein loszubinden und vorsichtig zu Boden sinken zu lassen. Als er es geschafft hatte, war er so erschöpft, daß er sich zitternd gegen die Flanke seines Pferdes lehnen und sekundenlang nach Atem ringen mußte. Sein Herz hämmerte. Die kurze Belastung hatte seinen geschundenen Muskeln alles abverlangt, und für einen winzigen Moment klangen Hergers Worte noch einmal in ihm auf. »Die Kraft von zehn Satai ...« Er hatte nicht einmal mehr die Kraft eines normalen Mannes. Wenn er sich täuschte und sie in eine Falle ritten, dann waren sie verloren. Er würde kaum mehr die Energie aufbringen, sich freizukämpfen. Aber die Schwäche verging, und mit ihr verblaßten auch die Gedanken an Kampf und Tod. Skar hatte in den letzten Monaten zu oft mit dem Leben abgeschlossen, um derartige Ideen noch ernstnehmen zu können.
Als er das Feuer entzündete, kam Herger zurück. Skar konnte sein Gesicht im zuckenden Schein der Flammen nicht deutlich erkennen, aber irgend etwas darin schien sich geändert zu haben; ein schwer zu bestimmender, neuer Ausdruck, den Skar noch nicht an ihm bemerkt hatte.
Herger blieb im Schatten eines Felsblocks stehen, starrte eine Zeitlang wortlos zu Skar herüber und ließ sich dann auf der anderen Seite des Feuers nieder.
»Es tut mir leid«, sagte er leise.
Skar sah auf. »Was?«
Herger versuchte zu lächeln, aber es mißlang ihm. Dadurch wurde seine Verlegenheit noch deutlicher. »Ich war ungerecht«, murmelte er hilflos. »Aber du -«
Skar winkte ab und zog einen glimmenden Ast aus dem Feuer, um damit zu spielen. »Daran bin ich gewöhnt«, sagte er leichthin. »Jedermann ist ungerecht zu uns Satai.«
»Und das versuchst du auszugleichen - an dem da?« fragte Herger mit einer Geste auf den Quorrl. Seine Stimme klang um eine Winzigkeit schärfer, als sie hätte klingen dürfen, und Skar spürte, daß Hergers Zorn keineswegs erloschen war, sondern weiterbrodelte. Herger versuchte einzulenken, aber er hatte sich nicht gut genug in der Gewalt, um Skar zu täuschen. Was er tat, tat er aus einem ganz bestimmten Grund. Trotzdem entschied sich Skar, das Spiel - wenigstens für den Moment - mitzuspielen. »Er ist keine Gefahr«, sagte er. »Weder jetzt noch in absehbarer Zeit. Selbst wenn er gesund wird, ist er noch auf Wochen hinaus zu schwach, um auch nur einem Kind gefährlich werden zu können.«
»Und dann?« fragte Herger lauernd.
»Dann wird er längst nicht mehr bei uns sein.«
»Aber vielleicht wird er Kinder töten, Skar. Und Erwachsene. Männer, Brüder, Söhne oder Töchter. Und das Blut derer, die er erschlägt, wird in Wirklichkeit an deinen Händen kleben.« Skar spürte wieder die Welle heißer Wut, die ihn schon einmal überkommen hatte, als Herger von ihm verlangt hatte, den Quorrl zu töten. »Oder an deinen«, sagte er, mühsam beherrscht. »Ich habe es dir schon einmal gesagt - töte ihn, wenn du willst. Ich werde dich nicht daran hindern.«
Aber dieses Mal wirkten die Worte nicht. Herger hatte Zeit genug gehabt, darüber nachzudenken, und er schien zu einem Schluß gekommen zu sein, der Skar nicht gefiel.
»Du machst es dir ein wenig zu leicht, findest du nicht?« sagte er ruhig.
»Weil ich mich weigere, für dich zu morden?«
»Es ist kein Mord«, sagte Herger. »Wir führen Krieg mit diesen Wesen, Skar, und du bist Satai. Ich bin nur ein einfacher Krämer, kein Soldat.« Er sprach so schnell und glatt, daß Skar merkte, wie genau er sich die Worte überlegt hatte. »Du hast dich vor Jahrzehnten entschieden, mit der Waffe in der Hand zu leben, und niemand hat dich dazu gezwungen. Wir haben Krieg, und du bist der Soldat - nicht ich.«
»Es ist nicht mein Krieg«, antwortete Skar.
»Meiner auch nicht. Ich habe ihn nicht angefangen - so wenig wie du oder er. Trotzdem wird uns niemand danach fragen, wenn wir zufällig zwischen die Fronten geraten oder einer Quorrl-Patrouille über den Weg laufen.«
Skar warf den Ast ins Feuer zurück und sah zu, wie er verbrannte. Er spürte genau, daß hinter Hergers Worten mehr steckte, daß sie nur Auftakt und Vorbereitung zu etwas anderem waren. Aber er wußte nicht, zu was.
»Vielleicht hast du recht«, murmelte er. »Aber ich habe jetzt keine Lust, darüber zu reden. Ich bin müde.«
Herger wirkte für einen winzigen Moment verwirrt. Offenbar hatte er mit dieser Art von Reaktion nicht gerechnet. Aber er fing sich sofort wieder und war nicht geneigt, so rasch aufzugeben. »Du glaubst wirklich daran, hier irgendwo Rebellen zu treffen?« fragte er. »So eine Art Untergrundarmee, die sich geschworen hat, die alte Feindschaft zu vergessen und gemeinsam gegen die Errish zu ziehen?« Er gab sich Mühe, möglichst spöttisch zu sprechen, aber seine Erschöpfung ließ seine Stimme zittern und verdarb ihm den Effekt.
»Warum nicht?« fragte Skar ruhig. »Auch der Löwe und die Antilope fliehen gemeinsam vor dem Feuer. Warum sollten nicht Quorrl und Menschen gemeinsam gegen eine Gefahr stehen, die sie beide bedroht?«
»Weil es idiotisch ist«, stieß Herger hervor. »Weil es eine idiotische und kindische Vorstellung ist, Quorrl und Menschen Schulter an Schulter kämpfen zu sehen - noch dazu gegen eine Gefahr, von der sie keine Ahnung haben. Das ist romantisches Wunschdenken, das nicht zu dir paßt.«
Skar nickte. »Sowenig wie die Vorstellung eines kleinen Hehlers und Schmugglers, der plötzlich seine Existenz und sein Leben aufs Spiel setzt, um mir zu helfen«, sagte er ruhig.