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Herger schnaubte. »Ich habe meine Gründe, dir zu folgen. Aber ich glaube kaum, daß du sie verstehen würdest.«

Skar senkte den Blick und starrte nachdenklich in die Flammen. Er hatte Herger nichts von den beiden toten Hornkriegern erzählt, aber er glaubte auch nicht, daß das etwas geändert hätte. Nicht wirklich. Vielleicht hätte der Schrecken ein wenig tiefer gesessen, vielleicht hätte es ein paar Stunden oder auch Tage länger gedauert - aber Hergers Reaktion wäre so oder so gekommen. »Was willst du eigentlich?« fragte er in einer Mischung aus Zorn und Resignation. »Es steht dir frei zu gehen, jetzt, morgen ... wann immer du willst.«

»Gehen!« wiederholte Herger abfällig. »Wohin denn? Zurück nach Anchor, wo die Thbarg bereits auf mich warten? Oder in irgendeine andere Stadt? Ich gehöre zu dir, Skar, ob du willst oder nicht. Auf meinen Kopf ist der gleiche Preis ausgesetzt wie auf deinen.«

»Es war deine Entscheidung, mir zu helfen«, gab Skar ungerührt zurück. Er war beinahe froh, daß Herger ihm - wenn auch indirekt - Vorwürfe machte. »Du hättest mich an Tantor ausliefern und ruhig deiner Wege gehen können.«

Herger atmete hörbar ein. »Es scheint dir Spaß zu machen, mich bewußt falsch zu verstehen«, sagte er. »Ich bereue nicht, mit dir gekommen zu sein. Ich gebe zu, daß ich dir kein Wort geglaubt hätte, wenn ich nicht den Zwerg und dieses schwarze Ungeheuer mit eigenen Augen gesehen hätte. Aber ich bin hier, und ich glaube dir, und ich werde dir helfen - wenn du dir helfen läßt. Alles, was ich will, ist, daß wir diese Bestie hier zurücklassen und so schnell wie möglich verschwinden. Dieses Land ist verflucht.« Skar sah auf. Herger sprach mit einem Mal vollkommen ernst, und der Ausdruck in seinen Augen unterstrich seine Worte noch. Furcht. Was Skar sah, war Furcht, eine Angst, die weit über die Angst vor dem Quorrl oder vor Velas Soldaten hinausging. »Was soll das heißen - verflucht?«

Herger druckste herum. »Verflucht eben«, murmelte er. »Ich weiß nicht viel darüber - niemand weiß das. Aber es heißt, daß hier seltsame Dinge geschehen. Nichts lebt hier, und viele, die hierherkamen, sind nicht mehr zurückgekommen.«

»Unsinn«, sagte Skar. Aber es war nur eine instinktive Reaktion auf Hergers Worte, nicht seine Überzeugung. Er hatte nie an Flüche oder die Macht von Verwünschungen geglaubt, aber er hatte gelernt, auf die Warnung zu hören, die sich hinter den meisten Legenden verbarg. Auch wenn es manchmal nur die Warnung vor dem Unbekannten war.

»Es ist wahr«, fuhr Herger fort. »Ich ... habe nichts davon gesagt, weil du mir nicht geglaubt hättest. Du hättest gedacht, ich wollte dich nur davon abhalten, nach Norden zu reiten. Aber es ist wahr. Vielleicht ist es nur dummes Geschwätz, wie du es nennen würdest -«

»Das ist es ganz und gar nicht«, sagte eine Stimme irgendwo hinter Skar.

Skar sprang so schnell auf die Füße, daß er - vom Schwung seiner eigenen Bewegung mitgerissen - nach vorn taumelte und um ein Haar das Gleichgewicht verloren hätte. Herger stieß einen überraschten Laut aus, fuhr herum und trat instinktiv ins Feuer, um die Flammen zu löschen. Brennendes Holz und Funken stoben in einer lautlosen Explosion auf, und für zwei, drei Sekunden wurde es eher heller als dunkler.

Skar fing sich im letzten Moment, federte herum, um aus dem Licht zu kommen, und riß sein Schwert aus der Scheide.

Aus der Dunkelheit jenseits des Lagers erklang ein leises, amüsiertes Lachen. »Eine eindrucksvolle Vorstellung, Satai. Aber unnötig. Wenn wir euch hätten töten wollen, hätten wir es schon getan.«

Einer der dunklen Schatten dort draußen bewegte sich, kam näher und wuchs zu einer schlanken, in blaugraues Tuch gekleideten Gestalt heran. Tuch von der Farbe der Nacht, dachte Skar. Eine perfekte Tarnung. Und so unsichtbar wie seine Kleidung, so lautlos waren die Bewegungen des Mannes. Er kam näher, blieb zwei Schritte vor Herger stehen und musterte erst ihn, dann Skar mit einem langen, nachdenklichen Blick. Sein Gesicht war verhüllt, so daß nur ein schmaler Streifen über den Augen sichtbar blieb, und selbst dieser war mit Ruß eingeschwärzt. Auf dem dunklen Turban um seinen Kopf blitzte ein kaum fingerbreites Diadem, ein gerilltes Stahlband mit einem einzelnen blassen Kristall - der einzige Teil seiner Kleidung, der nicht matt war und das Licht des Feuers reflektierte, so daß er für einen Moment wie ein drittes, leuchtendes Auge wirkte. Es erschien Skar unlogisch, daß jemand, der solchen Wert auf Tarnung legte, ein so verräterisches Schmuckstück trug.

»Du bist Skar?« fragte der Fremde. »Ein Satai, wie ich sehe.« Skar nickte, obwohl die Worte nicht als Frage gedacht waren. Er versuchte, an dem Fremden vorbei in die Dunkelheit zu sehen, aber dort draußen war nichts als Nacht und Schatten. Trotzdem war Skar sicher, daß der Fremde nicht allein gekommen war. »Ich habe euch schon eine ganze Weile belauscht«, fuhr der Mann fort. »Laut genug wart ihr ja.«

»Wer bist du?« fragte Skar.

»Mein Name ist Legis. Aber es spricht sich besser, wenn du die Waffe wegsteckst. Ich glaube nicht, daß wir eure Feinde sind.« Skar senkte das Tschekal, steckte es jedoch noch nicht wieder zurück. »Du glaubst?«

Legis lachte leise. Seine Stimme war in Wirklichkeit nicht so rauh, wie sie klang. Seine Nervosität und der schwere Schleier vor seinem Gesicht ließen sie dunkler klingen, als sie war. Skar senkte die Waffe tiefer, trat einen Schritt näher und musterte Legis eingehend. Der schwere Wollmantel fiel lose auf Legis' Knöchel herab - aber nicht einmal er konnte die weichen Formen seiner Figur vollends verbergen. Legis war eine Frau.

Sie hielt seinem Blick ein paar Sekunden stand, lachte erneut und machte eine rasche Geste, deren Bedeutung Skar nicht zu erraten vermochte. »Bist du zufrieden?« sagte sie spöttisch. »Und um deine Frage zu beantworten - wie gesagt, ich habe euch schon eine Weile belauscht. Mir scheint, daß ihr vor den gleichen Leuten davonlauft wie wir.«

»Gemeinsame Feinde bedeuten nicht Freundschaft«, sagte Skar unsicher.

Statt einer Antwort hob Legis die Hände an den Kopf, löste den Schleier von ihrem Gesicht und atmete hörbar erleichtert ein. »Das stimmt«, antwortete sie mit einiger Verzögerung. »Ich sagte ja auch nur, daß ich glaube, nicht euer Feind zu sein - nicht, daß ich es weiß. Wir werden sehen.« Sie blickte ihn eine Sekunde lang kühl an, wandte sich um und klatschte in die Hände. Skar spannte sich, bemühte sich aber gleichzeitig, keine unbedachte Bewegung zu machen. Aus der Nacht traten weitere Gestalten hervor - drei, vier, schließlich ein halbes Dutzend breitschultriger, geschuppter Giganten.

Herger stieß einen krächzenden Laut hervor und sprang auf die Füße. Seine Hand zuckte zum Schwert, führte die Bewegung jedoch nicht zu Ende. »Quorrl!« keuchte er.

Legis lächelte amüsiert. »Wie du siehst, können der Löwe und die Antilope sehr wohl gemeinsam kämpfen«, sagte sie. »Aber frage mich jetzt bitte nicht, wer von uns der Löwe und wer die Antilope ist.« Sie wandte sich wieder an Skar. »Es wäre wirklich besser, wenn du dein Schwert wegstecken würdest, Skar«, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig wie zuvor, aber diesmal war es eindeutig ein Befehl, und Skar gehorchte. Sein Blick tastete nervös über die massigen Gestalten der Quorrl. Die Schuppenkrieger hatten in einem weit auseinandergezogenen Halbkreis zwischen ihnen und den Pferden Aufstellung genommen. Einer von ihnen kniete neben der Trage mit dem Bewußtlosen und machte sich an seiner Schulter zu schaffen.

»Also hat er die Wahrheit gesagt«, meinte Skar.

»Wer?« fragte Legis. »Der Krieger?«

Skar nickte. »Er sagte, wir sollten nach Norden gehen. Er sprach von Rebellen, aber wir waren nicht sicher.«

»Rebellen ...« Legis wiederholte das Wort auf sehr eigentümliche Weise, und ein Schatten schien über ihr Antlitz zu huschen. Aber Skar war sich nicht sicher. Der breite, geschwärzte Streifen über ihren Augen machte es schwer, ihre Züge richtig auszumachen. Wenigstens war zu erkennen, daß sie nicht so jung war, wie Skar erst vermutet hatte.