Выбрать главу

»So könnte man es nennen«, fuhr sie nach einer Weile fort. »Und er hat euch zu uns geschickt?«

Skar nickte und schüttelte gleich darauf den Kopf. »Nicht direkt«, sagte er hastig, als er den fragenden Ausdruck in Legis' Augen sah. »Er ... hat im Fieber geredet. Ich war mir nicht sicher, ob er die Wahrheit sprach.«

»Und trotzdem seid ihr hierhergekommen?« fragte Legis erstaunt. »Ein ziemliches Risiko.« Wieder schwieg sie einen Moment. Sie wandte sich um, tauschte einen Blick mit einem der Quorrl-Krieger und fuhr sich mit einer unbewußten Geste über die Stirn; eine Bewegung, als sei sie es gewohnt, von Zeit zu Zeit eine lästige Haarsträhne aus dem Gesicht zu wischen.

»Wo habt ihr ihn gefunden?«

»Am Fluß«, antwortete Skar. »Einen Tagesritt von hier. Es hat eine Schlacht gegeben, unten an der Furt. Er war der einzige Überlebende.«

»Und ihr habt ihn mitgenommen - dreißig Meilen durch unbekanntes Land voller Gefahren.« Ein seltsamer Ton, dessen Bedeutung Skar nicht klarwurde, schwang in ihrer Stimme mit.

»Warum? Als Geisel? Oder habt ihr gedacht, er würde euch helfen, wenn ihr auf Quorrl trefft?«

Ihr Blick war mit einem Mal lauernd geworden, aber Skar schwieg. Und Legis schien auch nicht mit einer Antwort zu rechnen. Sie wandte sich um, ging mit raschen Schritten zu den Quorrl-Kriegern zurück und begann, gedämpft mit ihnen zu sprechen. Skar konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber einer der Schuppenkrieger deutete mehrmals auf ihn und Herger, was Legis jedesmal mit einem energischen Kopfschütteln quittierte. Der Quorrl war erregt, das war trotz seines ausdruckslosen Fischgesichts deutlich zu erkennen, und er sprach laut, nur eine Winzigkeit davon entfernt, loszuschreien.

Skar verfolgte den Disput eine Weile, ehe er zu Herger zurückging. Der junge Hehler hatte die ganze Zeit kein Ton gesagt, aber jede Bewegung Legis' und der Quorrl aus angstvoll geweiteten Augen verfolgt. Seine Hand lag noch immer auf dem Griff seines Schwertes, obwohl er genau wissen mußte, wie nutzlos die Waffe war.

Skar warf ihm einen warnenden Blick zu, schwieg aber. Die Quorrl starrten - mit Ausnahme des einen, der noch immer mit Legis stritt - zu ihnen herüber, und Skar war sicher, daß mindestens einer unter ihnen war, der ihre Sprache sprach und jedes Wort mißtrauisch verfolgte. Die Quorrl verhielten sich ruhig, aber die Tatsache, daß sie noch nicht angegriffen hatten, bedeutete nicht, daß sie es nicht nachholen würden - Legis' Worte hatten freundlich geklungen, aber Skar hatte die unausgesprochene Drohung darin sehr wohl bemerkt. Und auch er konnte sich eines immer stärker werdenden Gefühls der Furcht nicht erwehren, während er die stumm dastehenden Krieger betrachtete. Es waren Giganten, selbst für Quorrl-Verhältnisse. Legis mußte ihre Begleiter sehr sorgfältig ausgewählt haben - jeder einzelne war einen guten Kopf größer als Skar und so breitschultrig, daß sich ein normal gewachsener Mann bequem dahinter hätte verstecken können. Die Schwerter und Streitäxte in ihren Fäusten wirkten wie Spielzeuge. Skar bezweifelte, daß er auch nur mit einem einzigen von ihnen fertig geworden wäre.

Herger fingerte unruhig an seinem Schwert herum. Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren, und auf seiner Stirn perlte kalter Schweiß.

»Mach jetzt nur keinen Fehler«, zischte Skar ihm zu, ohne die Quorrl aus den Augen zu lassen. »Eine falsche Bewegung, und wir sind tot.«

»Das sind wir sowieso«, stammelte Herger. »Sie werden uns umbringen, Skar. Sieh dir diese Bestien doch an. Sie ... sie werden sich gleich auf uns stürzen.«

»Schweig!« zischte Skar. »Du redest uns noch um Kopf und Kragen!«

»Das tut er nicht«, sagte Legis ruhig. Skar zuckte zusammen, drehte sich halb um und starrte die Frau durchdringend an. Herger hatte trotz seiner Erregung leise gesprochen. Aber Legis schien über ein sehr feines Gehör zu verfügen.

»Ich ...«

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Satai«, fuhr sie gelassen fort. »Im Gegenteil - ich bin dafür, von Anfang an für klare Verhältnisse zu sorgen. Dein Freund haßt uns, aber das ist seine Sache.« Sie kam wieder näher, diesmal in Begleitung des Quorrl, mit dem sie bisher geredet hatte. Neben der kleinwüchsigen Frau wirkte der Krieger noch gewaltiger: ein grauer Koloß aus Schuppen und Knochen, der wie ein zum Leben erwachter Berg über ihr aufragte und Skar und Herger aus ausdruckslosen Augen anstarrte.

»Die Theorie, die du vorhin entwickelt hast«, fuhr Legis, an Herger gewandt, fort, »ist nicht uninteressant - von deinem Standpunkt aus. Aber ein wenig kurzsichtig - ich hätte dir mehr Intelligenz zugetraut. Auch ich wurde nicht mit dem Schwert in der Hand geboren, aber ich ergreife es, wenn es notwendig ist.« Herger erbleichte noch mehr. Vergeblich versuchte er, dem Blick der dunklen Augen Legis' standzuhalten. »Ich ... verstehe nicht...«, murmelte er.

Legis verzog abfällig die Lippen. »Du verstehst sehr gut«, sagte sie. »Und spiele bitte nicht den Narren - dazu bist du nämlich nicht klug genug. Und du beleidigst mich, wenn du glaubst, ich würde darauf hereinfallen.«

»Wie lange hast du uns schon belauscht?« fragte Skar.

»Lange genug«, antwortete Legis knapp.

»Du scheinst jedes Wort gehört zu haben«, murmelte Skar. »Mein Kompliment - es geschieht nicht oft, daß sich jemand so lange in meiner Nähe aufhält, ohne daß ich es merke.«

Legis lächelte flüchtig. »Aus dem Munde eines Satai stellen diese Worte wohl ein besonders großes Lob dar, wie?« sagte sie. »Wir mußten lernen, mit den Schatten zu gehen und so leise wie der Wind zu sein, wenn wir überleben wollen. Und um deine Frage zu beantworten - wir waren schon hier, als ihr gekommen seid.« Sie schwieg einen Moment, um sich über Skars offenkundige Verblüffung zu amüsieren. »Dein Freund wäre um ein Haar über mich gestolpert, als er wutentbrannt in die Nacht hinausgestürmt ist. Wir beobachten euch schon seit Tagesanbruch. Ihr wart nicht sehr vorsichtig für Männer, die auf der Flucht sind.«

»Ihr?« fragte Skar. »Wer ist das - ihr? Du lebst doch nicht allein mit diesen Quorrl hier draußen.«

Legis hob ungeduldig die Hand. »Deine Fragen werden beantwortet werden, ebenso wie die Frage, was mit euch geschehen wird. Aber nicht von mir und nicht hier und jetzt. Ihr werdet uns begleiten.«

»Wohin?«

»Zu unserem Lager. Es ist nicht weit von hier. Und nun kommt - wir haben schon zuviel Zeit verloren.« Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte sie sich um und sagte ein paar Worte in der Sprache der Quorrl. Ihr Begleiter unterstrich den Befehl mit einer raschen Geste. Skar beobachtete die Art, in der er sich bewegte, genau. Alles an dem Quorrl schien Kraft zu sein; er kam Skar wie ein Kraftpaket auf zwei Beinen vor, das beim geringsten Anstoß explodieren konnte.

Skar bückte sich, hob seine Decke auf und rollte sie zusammen, aber Legis rief ihn mit einem knappen Befehl zurück, als er zu seinem Pferd gehen wollte.

»Die Tiere bleiben hier«, sagte sie. »Nehmt ihnen das Zaumzeug ab und laßt sie laufen. Sie werden ihren Weg finden. Um den Krieger kümmern wir uns.«

Skar runzelte verwirrt die Stirn. »Aber -«

»Ihr werdet gehorchen«, unterbrach ihn Legis, plötzlich scharf und mit erhobener Stimme. Der riesige Quorrl hinter ihr drehte sich herum und sah Skar unbewegt an. Fünf, zehn, fünfzehn endlose Sekunden lang bohrte sich sein Blick in den Skars. Auf seinen Zügen zeigte sich nicht die geringste Regung, aber gerade das war es, was Skar erschreckte. Der Quorrl hatte es nicht nötig zu drohen - er war eine Drohung, allein durch seine gewaltige Erscheinung. Skar atmete innerlich auf, als sich der Quorrl - nach einer Ewigkeit, wie es ihm vorkam - umwandte und zu seinen Kameraden hinüberging. Skar wußte, daß er das stumme Duell nicht mehr länger durchgehalten hätte. Hätte der Quorrl nur noch wenige Atemzüge ausgeharrt, hätte Skar den Blick vor ihm senken müssen; zum ersten Mal in seinem Leben.