Выбрать главу

Aber es lief nicht vor den Fels. Skar erkannte plötzlich eine hohe, halbrunde Öffnung in der scheinbar massiven granitenen Wand, die bestens getarnt war durch einen Vorhang aus geflochtenen Pflanzenfasern. Die Echse stürmte, ohne ihr Tempo merklich zu vermindern, darauf zu, senkte den Kopf ein wenig und brach, die Flügel eng an den Körper gepreßt, hindurch.

Dahinter lag eine gewaltige, kuppelförmige Höhle, die vom Licht unzähliger rußender Fackeln in trübrote Helligkeit getaucht war. Der Flugsaurier wurde langsamer, hüpfte mit zwei, drei magenerschütternden Sprüngen seitlich vom Eingang fort und blieb mit einem plötzlichen Ruck stehen. Skar wurde nach vorne geworfen und fiel aus dem Sattel. Seine Knie zitterten, und für die Dauer eines Herzschlages wurde ihm schwindlig. Die Höhle begann sich um ihn zu drehen. Hinter ihnen strömten die anderen Daktylen durch den Eingang, ein halbes Dutzend schwarzer Schimären, auf deren Rücken selbst die Quorrl-Krieger klein und zerbrechlich aussahen. Skar hielt nach Herger Ausschau und entdeckte ihn zusammengekrümmt auf Morks Tier; der Quorrl hatte einen seiner mächtigen Arme um die Brust des Hehlers geschlungen und hielt ihn wie ein Spielzeug.

Allmählich verschwand das Schwindelgefühl aus Skars Schädel, aber seine Knie zitterten noch immer. Der Echsengestank in der Höhle war so intensiv, daß er Skar schier den Atem nahm. Skar sah sich um. Nur das vordere Drittel des gewaltigen steinernen Gewölbes war erleuchtet; der hintere, größere Teil lag im Dunkeln, und nur hier und da spiegelte sich das flackernde Rot der Fackeln auf einem Auge oder einer Kralle - es dauerte einen Moment, bis Skar in dem dunklen Gewimmel Einzelheiten erkannte. Daktylen, Dutzende, vielleicht Hunderte. Die Höhle war durch ein Netz unterteilt, und ihr rückwärtiger Teil schien als Stall für die Reit- beziehungsweise Flugtiere der Quorrl zu dienen. Skar fiel die Unruhe unter den gewaltigen Vogelkreaturen auf. Sie waren für die Luft geboren; das Eingesperrtsein unter einem Himmel aus Stein mußte sie rasend machen.

»Wenn du mit deiner Musterung fertig bist, dann können wir vielleicht gehen«, sagte Legis hinter ihm.

Skar drehte sich betont langsam herum. Die Errish hatte ihren Schleier abgenommen. Jetzt knüllte sie ihn zusammen und fuhr sich damit über Stirn und Augenpartie, um den Ruß zu entfernen. Das schmale Metalldiadem glitzerte wieder auf ihrem Turban. »Gehen? Wohin?«

Legis verzog ungeduldig die Lippen. »Ihr seid nicht zur Erholung hier, Satai«, sagte sie. »Ich bringe euch jetzt zu unserer Führerin - sie wird entscheiden, was mit euch zu geschehen hat.« Die Worte kamen Skar steif vor; ein eingelernter Text, den sie schon wer weiß wie oft wiederholt hatte, aber sie waren nichtsdestoweniger ein Befehl.

»Und Herger?«

»Zuerst du«, sagte Legis, ohne seine Frage direkt zu beantworten. »Einem Satai gebührt natürlich die Ehre, als erster vorgelassen zu werden.«

Der Spott in ihrer Stimme war unüberhörbar, aber Skar verbiß sich die sarkastische Antwort, die ihm auf der Zunge lag. Schweigend folgte er der Errish zum Ausgang. Zwei der mächtigen Quorrl-Krieger eskortierten sie, mit den Händen auf den Waffen. Skar beobachtete es mit einer Mischung aus Zorn und widerwilliger Anerkennung. Er hatte nicht viel Erfahrung mit Quorrl, aber wie die meisten Menschen hatte er sie bisher für einen Haufen unzivilisierter Wilder gehalten. Was er hier - zumindest bis jetzt - gesehen hatte, schien eher das Gegenteil zu beweisen. Die Krieger demonstrierten eine Disziplin, an der jeder General aus Ikne oder Kohon seine helle Freude gehabt hätte.

Ein neues Rätsel. Aber auch das würde sich auflösen.

Als sie die Höhle verließen, war Skar für einen Moment so gut wie blind. Von oben hatte er zahllose Feuer gesehen, aber von hier aus betrachtet, lag das Tal in absoluter Finsternis da - allenfalls der sanfte, rötliche Schimmer in der Luft über dem Lager hätte einem aufmerksamen Beobachter verraten können, daß dieser Teil der Ebene nicht so tot war, wie es schien.

»Wohin?« fragte Skar.

Legis deutete wortlos nach links in den abzweigenden kürzeren Teil der Schlucht. Skar hörte zahlreiche Stimmen, als sie weitergingen - menschliche Stimmen, aber auch die gutturalen Laute verschiedener Quorrl-Dialekte, und ein paarmal bewegten sich vor ihnen Schatten, ohne daß er erkannt hätte, ob er einen Menschen, einen Quorrl oder eine andere Kreatur vor sich hatte. Aus dem Wald am hinteren Ende des Tales wehte ein schwerer, süßlicher Geruch zu ihnen her, und einmal glaubte Skar, ein Raubtier brüllen zu hören.

Schließlich betraten sie eine weitere Höhle. Auch sie war mit einem dichten Vorhang aus geflochtenen Pflanzenfasern verschlossen, damit kein verräterischer Lichtstrahl nach außen dringen konnte. Sie war aber viel kleiner als der Stall der Daktylen - eine drei Meter hohe Blase im Gestein, in deren Wänden zahlreiche unregelmäßig geformte Löcher gähnten: Durchgänge zu anderen Höhlen. Es mußte ein ganzes Labyrinth von Höhlen und unterirdischen Gängen sein, in dem die Rebellen ihr Lager aufgeschlagen hatten. Wahrscheinlich war auch die Schlucht nichts anderes als ein gewaltiger unterirdischer Hohlraum, dessen Decke irgendwann einmal eingestürzt war. Ein idealer Ort, um sich zu verbergen. Aber auch eine Falle, sollte das Versteck jemals entdeckt werden.

Legis gebot Skar mit einer knappen Geste zurückzubleiben, sagte ein Wort zu den beiden Quorrl, die hinter ihnen die Höhle betreten hatten und rechts und links des Einganges stehengeblieben waren, und verschwand in einem der Durchgänge.

Skar sah sich unruhig um. Auch in dieser Höhle brannten viele Fackeln, als wollten die Bewohner dieser unterirdischen Welt das Gewicht des Felsens über ihren Köpfen mit einer Flut von Licht vertreiben. Skar versuchte sich vorzustellen, wie es sein mußte, hier zu leben - schon jetzt spürte er ein leises Unbehagen, und es war kein Gefühl, das durch seinen Hunger oder die Erschöpfung allein ausgelöst wurde. Es war eine chtonische Welt voller Dunkelheit und Kälte und Nässe und hallender Gänge.

»Wie lange lebt ihr schon hier?« fragte er einen der Quorrl. Der Schuppenkrieger schwieg, und Skar unterließ es, ihn noch einmal anzusprechen. Vielleicht verstand das Wesen ja auch seine Sprache gar nicht.

Skars Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Legis blieb lange fort, und die Kälte, die Skar bis jetzt nicht gespürt hatte, kroch erneut in seine Knochen. Es war feucht in der Höhle, feucht und klamm. In den Ritzen des Bodens hatte sich Wasser angesammelt, und hier und da schimmerte noch Eis; so wie die Quorrl und ihre Verbündeten hatte sich auch der Winter unter die Erde verkrochen und trotzte hier noch dem Ansturm des Frühlings. Endlich kam die Errish zurück. Sie war nicht mehr allein - in ihrer Begleitung befand sich ein Quorrl - nicht Mork, aber ein Krieger, der ihm an Größe und Kraft kaum nachstand.

»Du bist Skar?« begann er übergangslos.

Skar nickte. Das Wesen war zwei Schritte vor ihm stehengeblieben und überragte ihn um eine Haupteslänge. Aber es war nur groß, nicht gewaltig wie Mork. Kein Gegner.

»Ich bin Trosen«, fuhr der Quorrl in akzentfreiem Tekanda fort. »Solange du hier bist, werde ich mich um dich kümmern.«

»Wie aufmerksam«, sagte Skar spöttisch. »Einen Quorrl nur für mich allein - wie komme ich zu der Ehre?«

Legis warf ihm einen warnenden Blick zu, den Skar aber bewußt ignorierte.

»Ob es eine Ehre wird, muß sich noch erweisen«, knurrte Trosen. »Und wenn, dann wird es vielleicht ein äußerst kurzes Vergnügen - für dich, Satai.« Er lächelte und entblößte dabei eine Doppelreihe messerscharfer Raubtierzähne, die dem zivilisierten Klang seiner Worte sofort wieder entgegenwirkten. »Dein Schwert«, forderte er.

Skar wich einen halben Schritt zurück, als der Quorrl die Hand ausstreckte. Die beiden Krieger hinter ihm traten näher; er spürte die Bewegung, ohne sie sehen zu müssen.

»Bitte, Skar«, sagte Legis. »Sei vernünftig. Wir sind nicht deine Feinde, aber niemand tritt Laynanya bewaffnet gegenüber. Auch unsere Gäste nicht.«