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Skar überlegte einen Moment. Er fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, sich von seinem Tschekal zu trennen, aber immerhin kam er als Bittsteller hierher, und er gewann nichts, wenn er auf dieser unsinnigen Geste des Stolzes bestand.

Mit einem ergebenen Seufzen zog er das Schwert aus dem Gürtel und reichte es Tosen - mit der Spitze voran, so daß der Quorrl nur vorsichtig zugreifen konnte, wenn er sich nicht an der rasiermesserscharfen Doppelschneide die Hand aufreißen wollte. Der Quorrl quittierte die kaum verhohlene Provokation mit einem ärgerlichen Knurren, nahm das Tschekal jedoch ohne weiteren Kommentar an sich und schob es achtlos unter seinen Gürtel. »Komm.«

Sie betraten einen steinernen Tunnel. Die Decke war so niedrig, daß die Quorrl das Haupt neigen mußten, um sich nicht anzustoßen. Das Licht der Fackeln blieb hinter ihnen zurück, aber vor ihnen leuchtete ein zweiter, trübroter Lichtfleck. Seine Umgebung erinnerte Skar auf fatale Weise an die unterirdische Festung von Tuan, in der Vela ihn gefangengesetzt hatte, nur daß die Gänge hier nicht von Menschenhand, sondern von einer viel einfallsreicheren Natur geschaffen worden waren. Vielleicht waren diese Höhlen Vorbild für die Dämonenfestung in Tuan gewesen. Es wurde kälter. Ein scharfer Luftzug wehte ihnen in die Gesichter und verriet Skar, daß die Höhle mindestens noch einen weiteren Eingang haben mußte. Mit dem Wind kam der Geruch brennender Fackeln und gebratenen Fleisches. Skar fiel plötzlich wieder ein, wie hungrig er war. Es war jetzt der vierte Tag, den er schon hungerte. Sein Magen knurrte hörbar.

Legis, die neben ihm ging, unterdrückte ein Lächeln. »Es wird nicht lange dauern«, sagte sie halblaut. »Du bekommst zu essen, sobald du mit Laynanya gesprochen hast. Unsere Küche wird dir zusagen. Sie ist einfach, aber gut.«

Skar antwortete nicht. Er spürte, daß Legis es nur gut meinte, aber er war nicht in der Laune, Konversation zu treiben. Sein Magen hatte sich vier Tage geduldet - er würde auch noch eine weitere Stunde warten.

Trosen blieb stehen, als sie das Ende des Ganges erreicht hatten. Vor ihnen lag wieder eine kuppelförmige Höhle, auch sie war erhellt von vielen Fackeln und erfüllt von einer Kälte, die den prasselnden Flammen an den Wänden hohnzusprechen schien. Der Stollen endete nicht ebenerdig - sie standen auf einem breiten, steinernen Sims, der die Höhle in halber Höhe umlief und einen freien Blick über den gesamten Innenraum gestattete. Als sie weitergingen, hatte Skar ausreichend Gelegenheit, sich umzusehen. Die Höhle war groß, hatte vielleicht einen Radius von dreihundert Schritten und war hundert Fuß hoch. Die gewölbte Decke wurde von natürlich gewachsenen Säulen getragen, gewaltigen Stalaktiten, die im Laufe von Äonen zu Pfeilern herangewachsen waren und dem Raum etwas von einer Kathedrale verliehen. In Mannshöhe waren Seile durch die Höhle gespannt, an denen Teppiche und geflochtene Matten hingen und den Raum unterteilten in Dutzende verschieden großer Bereiche - Schlafkammern für Menschen und Quorrl, aber auch Kochstellen, Vorratslager und selbst Ställe. Skar sah nicht wenige Pferde, und während sie hinter Trosen eine schmale Steintreppe hinabschritten, glaubte er im Hintergrund der Höhle ein gewaltiges, geschupptes Etwas zu erkennen. Wo Errish waren, da waren auch Drachen. Sie betraten einen schmalen Gang, der zwischen den abgeteilten Räumen tiefer in die Höhle hineinführte. Überall waren Stimmen zu hören, aber außer seinen Begleitern bekam Skar kein lebendes Wesen zu Gesicht. Schließlich blieb Trosen stehen, schlug einen Vorhang beiseite und machte eine einladende Handbewegung. Skar trat zögernd an ihm vorbei.

Er bemerkte die Bewegung im letzten Moment, aber seine Reaktion kam um eine Winzigkeit zu spät. Die Hand des Quorrl, eben noch gehoben, um den Vorhang zu halten, ballte sich plötzlich zur Faust und traf mit fürchterlicher Wucht seinen Nacken. Skar riß im letzten Moment den Kopf zur Seite, so daß der Hieb nicht wie beabsichtigt seine Schläfe traf, aber die Wucht des Schlages war noch immer groß genug, um ihn halb benommen in die Knie brechen zu lassen. Instinktiv hob er die Hände, um sein Gesicht vor weiteren Schlägen zu schützen, doch der Quorrl schien nichts dergleichen vorzuhaben. Ein harter Stoß traf Skar in den Rücken und ließ ihn vollends zu Boden fallen. Dann packten ihn gewaltige, schuppige Hände an Armen und Beinen und hoben ihn hoch. Skar stöhnte vor Schmerz und begann sich zu wehren, aber die Fäuste der Krieger waren hart wie Stahl. Vor seinen Augen drehten sich Feuerräder; er konnte seine Umgebung nur noch verschwommen wahrnehmen, und die Stimmen der Quorrl klangen, als wehten sie durch einen langen, eisernen Korridor herüber. Er wurde ein paar Schritte weit getragen und roh auf einen steinernen Tisch geworfen; die Pranken der Quorrl hielten ihn wie eiserne Fesseln nieder.

Skar stöhnte. »Was ...«

Ein harter Schlag traf ihn am Mund und ließ ihn verstummen. Sein Kopf prallte wuchtig gegen den Stein der Tischplatte, und der neuerliche Schmerz brachte ihn an den Rand der Bewußtlosigkeit. Auf seiner Zunge war Blut. Er sah nur noch Farbkleckse und dünne, feurige Linien.

»Haltet ihn!« sagte eine Stimme. Der Griff der Quorrl-Fäuste verstärkte sich, und eine weitere, knochige Hand legte sich auf seine Brust und drückte ihn nieder.

»Ganz fest. Er darf sich nicht bewegen können.«

Eine Welle panischer Angst durchbrach für einen Moment den dunklen Schleier, der sich über Skars Bewußtsein ausgebreitet hatte. Er bäumte sich auf, und die Furcht gab ihm die Kraft, selbst den Klammergriff der drei Quorrl zu sprengen, wenn auch nur für Augenblicke.

»Festhalten!« fuhr die Stimme fort in scharfem, befehlendem Ton.

Skar stöhnte vor Schmerz, als die Quorrl fester Zugriffen und ihn niederrangen. Der Druck auf seine Hand- und Fußgelenke wurde unerträglich; der dritte Quorrl warf sich mit seinem ganzen gewaltigen Gewicht auf seine Brust. Skars Schmerzenslaut verstummte. Er bekam keine Luft mehr, und in die kochenden Farben vor seinen Augen mischten sich schwarze Schleier.

»Aufpassen jetzt!« sagte die Stimme - die Stimme einer Frau, wie er trotz allem erkannte. »Er ist gefährlich.«

Kühle, aber kräftige Hände berührten sein Gesicht. »Bewege dich nicht, Skar«, sagte die Stimme. »Dir wird nichts geschehen, aber du bringst dich selbst in Gefahr, wenn du dich bewegst.« Skar gehorchte - weniger aus Einsicht als vielmehr, weil er sich ohnehin kaum mehr rühren konnte. Der Quorrl lag wie ein lebender Berg auf seiner Brust. Er versuchte verzweifelt zu atmen, aber es ging nicht.

Die Finger krochen weiter, tasteten über seine Augen und glitten über Nasenwurzel und Stirn, dann berührte etwas Hartes und schmerzhaft Kaltes seine Schläfen.

»Jetzt!«

Ein grausamer Schmerz schoß durch Skars Kopf. Für einen Moment hatte er das Gefühl, sein Gehirn würde explodieren. Dann, so rasch wie der Schmerz gekommen war, verging er wieder, und statt dessen breitete sich ein taubes, prickelndes Gefühl der Müdigkeit zwischen seinen Schläfen aus.

Er wußte nicht, was geschah - Stimmen waren um ihn herum, Stimmen und Geräusche, und der unerträgliche Druck auf seinem Brustkorb verschwand, so daß er wieder atmen konnte. Die Stimmen wurden lauter, drängender, und dann war da noch eine andere Stimme, eine Stimme, die antwortete. - Er erschrak zutiefst, als er erkannte, daß es seine eigene Stimme war und daß er auf Fragen antwortete, obgleich er die Worte nicht verstand.

Er redete lange Stunden, wie es ihm vorkam, obwohl sein Zeitgefühl wie alle anderen Empfindungen erlosch. Irgendwann fiel er in Trance; die Stimme lullte ihn ein, und jede Frage drang ein wenig tiefer, riß weitere, halb verheilte Wunden in seiner Seele auf und förderte zutage, was zu vergessen er sich seit Monaten bemüht hatte.

Später erwachte er, aber nicht ganz. Die Trance verging, aber dafür legte sich Müdigkeit auf seine Augenlider, eine Müdigkeit, die nicht natürlichen Ursprungs war. In einem kurzen, vergänglichen Moment seltsamer Klarheit erinnerte er sich an ein Gesicht: schmal, grau, von strähnigem, braunem Haar eingerahmt und mit hungrigen Augen. Dann verging auch dieses Bild, und er schlief.