16.
Skar hatte ein vages Gefühl von Zeit, die vergangen war; sehr viel Zeit. In seinem Kopf war ein dumpfer Druck, wie man ihn manchmal spürt, wenn man zu lange geschlafen hat, aber gleichzeitig fühlte er sich - körperlich - müde. Sein Hals schmerzte, und hinter seiner Stirn wirbelten Erinnerungsfetzen und Bilder durcheinander, ohne daß er hätte sagen können, was davon Traum und was Wirklichkeit war. Es war kalt; gleichzeitig spürte er auf der rechten Wange und dem nackten Oberarm die Hitze einer offenen Flamme. Er versuchte, die Augen zu öffnen, aber es ging nicht. Sein Kopf war bandagiert. Ein breiter, straff umgelegter Verband schmiegte sich um seine Schläfen und preßte seine Lider herunter.
Für einen winzigen Moment drohte ihn Panik zu übermannen; er hatte plötzlich die irrsinnige Vorstellung, daß sie ihn geblendet haben könnten. Aber die Furcht verging so rasch, wie sie gekommen war. Sie hatten keinen Grund, etwas derart Grausames zu tun. Wahrscheinlich würden sie ihn ohne langes Zögern töten, wenn sie glaubten, daß er sie verraten oder ihnen - wenn auch unabsichtlich - auf andere Weise schaden könnte. Aber sie würden ihn nicht unnötig foltern.
Er erinnerte sich plötzlich an den Schmerz, den er gespürt hatte - einen dünnen, feurigen Stich in beide Schläfen, als bohrten sich zwei winzige glühende Nadeln in seinen Schädel. Für Augenblicke war er nicht sicher, ob die Erinnerung Teil eines wirren Traumes oder Realität war. Aber das Brennen rechts und links seiner Augenbrauen bewies ihm, daß zumindest dies wirklich geschehen war - wenn er auch immer noch nicht wußte, was nun mit ihm passiert war.
Doch seine Erinnerungen klärten sich, Stück für Stück, obwohl da irgend etwas in ihm war, das seine Gedanken wie eine unsichtbare graue Hand zurückhalten wollte.
Er hatte geredet - nicht geredet, geantwortet - auf Fragen, die sie ihm gestellt hatten, sehr viele und sehr ausführliche Fragen. Skar bewegte sich vorsichtig, hob beide Hände an den Kopf, tastete mit den Fingerspitzen über den groben Stoff des Verbandes und fühlte klebriges Blut und einen neuen, brennenden Schmerz, als er seine Schläfen berührte.
»Laß das«, sagte eine Stimme über ihm. »Ich nehme den Verband ab, wenn du es willst, aber nimm die Hände herunter.« Skar gehorchte. In der Dunkelheit neben ihm waren Schritte, das Rascheln von Seide und dann das Gefühl eines Körpers, der sich über ihn beugte. Eine Frau. Es war die Stimme einer Frau gewesen, und es war das Gefühl einer Frau, die sich an dem Verband um seinen Schädel zu schaffen machte: der leise, unaufdringliche Duft frisch gewaschener Haare und schmale, erfahrene Hände, die geschickt den Verband lösten und seinen Kopf anhoben.
»Stillhalten«, fuhr die Stimme fort. »Es wird jetzt weh tun.« Skar biß instinktiv die Zähne zusammen, aber der Schmerz war nicht so schlimm. Skar spürte nur ein neuerliches, kurzes Brennen, als der Verband mit einem scharfen Ruck heruntergerissen wurde. Er öffnete die Augen, blinzelte ein paarmal und drehte rasch den Kopf auf die Seite. Rings um sein Lager brannten Fackeln, und das grelle Licht schmerzte in seinen Augen.
»Es ist gleich vorbei. Vielleicht wirst du noch eine Weile Kopfschmerzen haben, aber das ist normal. Du wirst dich bald besser fühlen.«
Skar stemmte sich vorsichtig auf die Ellbogen hoch und zwang sich, in das flackernde Gegenlicht der Fackeln zu blicken. Er hatte halbwegs erwartet, Legis oder einen der Quorrl zu sehen, obwohl die Stimme nicht Legis' Stimme gewesen war. Aber es war eine Frau - eine Errish, wie ihr schmuckloses graues Gewand bewies. Anders als Legis trug sie den zeremoniellen Schleier der Ehrwürdigen Frauen, und selbst über dem schmalen, ausgesparten Streifen über ihren Augen spannte sich ein halb durchsichtiges Tuch, so daß Skar nur ein gelegentliches Aufblitzen sah, wenn sich das Licht der Fackeln in ihren Pupillen brach. Laynanya. Er wußte, daß es Laynanya war. Er konnte die Aura der Macht, die diese Frau umgab, fast sehen.
»Du bist...«
»Laynanya«, bestätigte sie. Ihre Stimme klang jung, jünger, als er erwartet hatte. Und es war die Stimme aus seinen Erinnerungen. Die Stimme, die ihm Fragen gestellt hatte. Fragen, dachte er mit einem Gefühl, von dem er selbst nicht wußte, ob es Schrecken oder Zorn oder auch etwas vollkommen anderes war, Fragen, auf die er bereitwillig geantwortet hatte, obwohl sie nach Dingen gefragt hatte, die er am liebsten vergessen hätte.
Sein Gaumen war trocken, und in seinem Hals war ein unangenehmes Kratzen. Er fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Laynanya hob die Hand und gab jemandem auf der anderen Seite des Bettes einen Wink. Skar widerstand im letzten Moment der Versuchung, den Kopf zu drehen.
»Du bekommst gleich etwas zu trinken«, sagte Laynanya. Trotz des Schleiers vor ihrem Gesicht glaubte Skar ein Lächeln über ihre Züge huschen zu sehen; aber vielleicht war es auch nur etwas in ihrer Stimme. »Du mußt durstig sein«, fuhr sie fort. »Immerhin hast du fast die ganze Nacht geredet.«
Skar schüttelte verwirrt den Kopf. Seine Erinnerungen klärten sich, aber gleichzeitig war er immer weniger sicher, was davon nun Traum und was wirklich Erlebtes war.
Laynanyas Augen lächelten wieder. »Streng dich nicht an, Skar«, sagte sie. »Dein Zustand ist vollkommen normal. Du wirst dich gleich besser fühlen.«
»Was ... habt ihr mit mir gemacht?« fragte er stockend. Er hob jetzt doch die Hand an die Schläfen und fühlte zwei winzige Einstiche.
»Ein Kratzer«, sagte Laynanya. »Jedenfalls für einen Mann wie dich.« Es wurde Skar nicht klar, ob diese Worte nun spöttisch gemeint waren oder nicht. Aber er war noch immer viel zu verwirrt, um wirklich darüber nachdenken zu können. Es war auch nicht wichtig.
»Um deine Frage zu beantworten«, fuhr Laynanya nach einer Weile fort, während ihr Blick in einer schwer zu bestimmenden Mischung aus Bewunderung und kalter Berechnung über seinen Körper glitt. »Ich habe mich mit dir unterhalten.«
»Unterhalten?« Skar setzte sich ganz auf, zog die Knie an den Körper und massierte seine Oberarme. Langsam kehrte das Leben in seine Glieder zurück, aber im gleichen Maße, wie die Mattigkeit schwand, spürte er auch die Kälte. Er war nackt bis auf seinen Lendenschurz, und die Fackeln verbreiteten zwar Licht, aber kaum Wärme. »Ich hatte eher den Eindruck, daß es ein Verhör war«, sagte er.
Laynanya nickte ungerührt. »Wenn dir dieses Wort lieber ist« - sie zuckte mit den Achseln, und Skar hörte ein leises, silberhelles Klingeln; er erinnerte sich daran, daß hochgestellte Errish winzige Glöckchen aus Edelmetall im Haar trugen - »bitte. Du wirst nicht im Ernst erwarten, daß wir jedem, der in unser Lager kommt, vorbehaltlos vertrauen. Wir müssen uns absichern. Ich muß dir nicht erzählen, wie gefährlich der Gegner ist, gegen den wir kämpfen.«
Sie verstummte, als sich Schritte näherten. Skar drehte den Kopf und sah einen dunkelhaarigen, in ein schmuckloses graues Gewand gekleideten Mann, der wortlos neben sein Lager trat und ihm einen Zinnbecher reichte. Skar bedankte sich mit einem Nicken, setzte den Becher vorsichtig an seine geschwollenen Lippen und trank; zuerst sehr vorsichtig, dann, als die Flüssigkeit seinen Gaumen und die Zunge geschmeidig gemacht hatte, mit fast gierigen Zügen. Er merkte erst jetzt, wie durstig er war.
»Trink ruhig«, sagte Laynanya, als er den Becher geleert und abgesetzt hatte. »Ghwalin kann dir noch mehr bringen. Wir haben nicht viel, aber für einen Becher Wein reicht es noch.«
Skar schüttelte den Kopf. Er war noch immer durstig, doch der Becher hatte wirklich Wein enthalten - keinen sehr schmackhaften, aber dafür einen um so stärkeren Wein, und Skar war so erschöpft, daß er die Wirkung des Alkohols bereits jetzt zu spüren begann. Es war besser, wenn er einen klaren Kopf behielt. »Wie hast du es geschafft, mich zum Reden zu bringen?« fragte er. »Drogen? Oder die Hexenkünste der Errish?«