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Laynanya lachte.

»Weder das eine noch das andere, Skar. Vela ist nicht die einzige, die sich darauf versteht, das Erbe der Alten anzuwenden, wenn ich auch zugeben muß, daß ich nicht halb so geschickt darin bin wie sie.«

Skar erschrak. »Vela?« stieß er hervor.

»Du hast von ihr erzählt«, sagte Laynanya ruhig. »Wir können uns die Spielchen ersparen, Satai. Ich weiß, wer du bist, und ich weiß auch, warum du hier bist.«

»Dann ...«

»Wir haben dich verhört«, fuhr Laynanya fort, und in ihrer Stimme war jetzt eine winzige Spur von Zorn, vielleicht auch nur von Ungeduld. »Du brauchst also nicht den Dummkopf zu spielen. Deine Geschichte erklärt vieles - obwohl ich zugeben muß, daß ich sie kaum geglaubt hätte, wenn ich sie unter anderen Umständen von dir gehört hätte.«

Skar starrte die Errish verwirrt an. Für einen Moment erinnerte sie ihn an Vela - er fühlte sich plötzlich hilflos und verloren, und ihre Gegenwart vermittelte ihm das gleiche Gefühl der Ohnmacht, das er stets in Velas Nähe verspürt hatte. Er erinnerte sich nicht an alles, aber er wußte, daß sie ihm unzählige Fragen gestellt hatte. Es war kein sehr angenehmes Gefühl - er sah diese Frau zum ersten Mal, und sie wußte bereits alles von ihm, seine geheimsten Gedanken und Wünsche, alles, was er selbst am liebsten aus seinem Gedächtnis verbannt hätte.

»Du wirst nicht hierbleiben können«, sagte Laynanya plötzlich und scheinbar ohne Grund.

Skar nickte. Er war nicht sehr überrascht. »Ich bin eine Gefahr für euch«, sagte er. »Aber um das zu erfahren, hättest du dir nicht solche Mühe machen müssen.«

»Vielleicht. Aber Gefahr sind wir gewohnt, Skar. Darum geht es nicht. Seit wir in diese Höhlen geflohen sind, rechnen wir jeden Tag mit einem Angriff. Die Herrscherin von Elay unternimmt alles, was in ihrer Macht steht, um unseren Unterschlupf zu finden. Wenn sie uns entdeckt, dann sind wir verloren, ob mit oder ohne dich, Skar. Ginge es nur darum, würde ich dich bitten zu bleiben. Wir führen Krieg, und ein Mann wie du ist so wertvoll wie eine Armee.« Sie seufzte, setzte sich mit einer Bewegung, die ganz und gar nicht zu ihrer äußeren Erscheinung und der Position, die sie innehatte, zu passen schien, auf die Kante seines Lagers und verschränkte die Arme vor der Brust. Skar sah erst jetzt, daß sie schwanger war. Unter dem grauen Gewand wölbte sich ihr Leib sichtbar vor, obwohl sie sich geschnürt hatte, und zwar so fest, daß jede größere Bewegung zu einer Qual für sie werden mußte. Aber er tat so, als hätte er es nicht bemerkt.

»Was ist dann der Grund?« fragte er.

»Zum einen glaube ich nicht, daß du bleiben willst«, antwortete Laynanya. »Du bist nicht der Mann, der so kurz vor dem Ziel noch eine Rast einlegt. Und ich bin keine Frau, die glaubt, daß gemeinsame Feinde aus Fremden gleich Verbündete machen müssen. Wir kämpfen gegen denselben Gegner, doch das macht uns noch nicht zu Freunden. Aber du hast recht - du bist eine Gefahr für uns, oder besser gesagt für jeden, in dessen Nähe du dich aufhältst.« Sie schwieg einen Moment. »Trotzdem kannst du bleiben, solange du willst. Wir sind dir etwas schuldig, und ich bin es gewohnt, meine Schulden zu bezahlen.«

»Du sprichst von dem Quorrl?«

Laynanya schüttelte den Kopf. »Nein. Du hast ihm nicht aus Menschlichkeit das Leben gerettet, sondern weil du genau das erreichen wolltest - Dankbarkeit. In diesem Punkt hast du dich aber verrechnet, Skar. Wärest du auf eine Gruppe wilder Quorrl gestoßen, hätten sie dir aus reiner Dankbarkeit den Kopf abgeschnitten. Und wenn Legis dich und deinen Begleiter nicht gefunden hätte, dann wäret ihr draußen auf der Ebene verdurstet oder erfroren. Was das angeht, sind wir quitt.«

Sie schien auf eine Antwort zu warten, aber Skar schwieg. Die Art, in der sie über die Quorrl sprach, gefiel ihm nicht.

»Dankbar«, fuhr Laynanya fort, »bin ich dir für die Informationen, die du uns gegeben hast, wenn es auch sicher unfreiwillig geschah. Sie sind wichtig für uns.«

»Dann begleiche diese Schuld«, sagte Skar. »Bisher hast du gefragt, und ich habe geantwortet -«

»Und jetzt willst du fragen, und ich soll antworten.« Laynanya machte eine rasche, undefinierbare Geste und hob die Hand an den Kopf, um sich mit einer müden, abgespannt wirkenden Bewegung über die Augen zu reiben. Für die Dauer eines Atemzuges konnte Skar ihre Augen sehen - sie waren dunkel und groß und in ein Netz unzähliger winziger Falten eingebettet. Laynanya mußte älter sein, als er bisher angenommen hatte.

»Du hast wohl recht«, murmelte sie. »Aber hier ist nicht der richtige Ort. Wenn du dich kräftig genug fühlst, gehen wir in mein Gemach. Es ist wärmer dort, und du wirst sicher deinen Freund wiedersehen wollen.«

»Wenn du alles über mich weißt«, sagte Skar verärgert, »dann solltest du auch wissen, daß Herger nicht mein Freund ist.« Trotzdem stemmte er sich vollends hoch, wartete, bis Laynanya aufgestanden war, und schwang die Beine von der Liege. Ihm wurde schwindlig, als er aufstand, und der Schmerz in seinen Schläfen erwachte für Sekunden noch einmal zu einem wütenden Brennen. Er wußte selbst nicht, warum er so aggressiv auf Laynanyas Worte reagiert hatte - vielleicht war es nicht einmal der Zorn auf Herger, sondern auf sie. Sie hatte seine Gedanken gelesen und in seinen Gefühlen gegraben, Wunden aufgerissen, die gerade angefangen hatten zu heilen, und er ... ja, er schämte sich vor ihr. Laynanya schlug eine der Decken zur Seite und deutete hinaus. Skar trat zögernd an ihr vorbei und schrak zusammen, als zwei gewaltige graugeschuppte Schatten auf ihn zutraten. Im Innersten schalt er sich einen Narren. Jemand wie die Errish würde nicht allein mit einem Fremden - einem Satai noch dazu - in einem Raum bleiben, ohne sich abzusichern. Die beiden Quorrl hatten die ganze Zeit hier gewartet.

Er musterte die beiden Krieger abschätzend, wandte sich um und folgte Laynanya. Die beiden Quorrl gingen hinter ihm her, in drei Schritt Abstand - weit genug, um ihm nicht direkt den Eindruck zu vermitteln, er sei ein Gefangener, aber nicht so weit, daß er eine echte Chance gehabt hätte, sich etwa Laynanya mit einer raschen Bewegung zu greifen und als Geisel zu benutzen.

Die Errish führte ihn durch ein verwirrendes System von Gängen und leerstehenden Räumen. Skar verlor bereits nach wenigen Schritten die Orientierung, aber er wußte zumindest, daß sie sich tiefer in den Berg hinein bewegten - die zerschründete Decke über ihren Köpfen senkte sich langsam herab, und nach kurzer Zeit erreichten sie die gegenüberliegende Wand, eine senkrechte Mauer, die noch immer mehr als hundert Fuß emporstrebte und irgendwo im Dunkeln endete. Eine schmale, roh aus dem Fels gehauene und in scheinbar sinnlosen Windungen nach oben führende Treppe nahm sie auf und endete in einem kaum sechs Fuß hohen Gang. Skar mußte den Kopf senken, um sich nicht an der niedrigen Decke zu stoßen. Die beiden Quorrl, deren gewaltige Schulterbreite den Stollen zu sprengen gedroht hätte, blieben zurück.

Skar fuhr prüfend mit den Fingerspitzen über die Wände, während er der Errish folgte. Sie fühlten sich glatt an, als wären sie poliert oder mit einer dünnen Schicht geschmolzenen Glases überzogen. Wahrscheinlich war dieses ganze unterirdische Labyrinth durch Vulkanismus entstanden. Irgendwann, vor Jahrmillionen vielleicht, war hier glutflüssige Lava geströmt und hatte diesen Tunnel, die gewaltige Höhle draußen und all die anderen Räume aus dem Fels gebrannt.

Skar wußte nicht, warum, aber der Gedanke beunruhigte ihn. Der Gang endete nach etwa hundert Schritten vor einer niedrigen, sorgsam in den Stollen eingepaßten Holztür - eine fast rührende Bemühung, wenigstens den Anschein menschlicher Zivilisation in dieses dunkle chtonische Reich zu bringen. Laynanya öffnete sie, trat hindurch und richtete sich mit einem erleichterten Seufzen auf. Das rasche Gehen mußte ihr Schmerzen bereitet haben.