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Die Höhle, die sie aufnahm, war wieder riesengroß. Eine Unzahl von Fackeln und lodernden Feuerbecken verbreitete flackernde rote Helligkeit und Schatten, und in der Luft lag nicht nur Kälte, sondern auch ein spürbarer Hauch von Feuchtigkeit. Irgendwo floß Wasser.

Skar war beinahe enttäuscht. Er hatte - vielleicht in einer weiteren Analogie zu Velas unterirdischer Festung in Tuan - eine Art Privatgemach erwartet, eine winzige Enklave von Wärme und Wohnlichkeit, aber hier war nichts dergleichen. Die Höhle war vollgestopft mit Kisten, Tonkrügen und Fässern, Ballen mit Stoffen und Lebensmitteln - und Waffen. Sehr viele Waffen. Die einzige Konzession an die Bequemlichkeit war ein niedriger, mit Kissen und Felldecken übersäter Diwan, der von einem halben Dutzend glühender Kohlebecken eingerahmt wurde. Laynanya ging rasch darauf zu, ließ sich mit einer erschöpften Bewegung auf den Diwan nieder und machte eine einladende Bewegung, als sie sah, daß Skar zögerte.

»Setz dich zu mir, Skar«, sagte sie. »Es sei denn, du ziehst den nackten Boden als Sitzgelegenheit vor.«

Skar sah sich unschlüssig um. Es widerstrebte ihm, sich neben sie zu setzen - es wäre ihm wie eine Geste von Vertraulichkeit vorgekommen, die ihm nicht zustand.

Laynanya lachte, und Skar fiel plötzlich auf, wie sehr sie sich verändert hatte, seit sie diese Höhle betreten hatten. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber die Wandlung war überdeutlich. Draußen, in der Höhle, war sie nichts anderes als Laynanya, die Errish, gewesen, ein lebendes Symbol, die Führerin der Rebellen. Hier diese ungastliche Höhle war ihr Zuhause, wahrscheinlich der einzige Ort, an dem sie einfach Mensch sein durfte. Sie wirkte plötzlich viel lebendiger.

Er zuckte mit den Achseln und ließ sich neben ihr nieder, rückte aber so weit von ihr ab, wie es möglich war. Laynanya ließ sich nach hinten sinken, richtete sich aber sofort wieder auf, als sich diese Stellung als zu unbequem erwies. Skar griff impulsiv nach einem Kissen und reichte es ihr. Laynanya nickte dankbar.

»Wo sind ... die anderen?« fragte er zögernd.

»Legis und dein ... Begleiter? Sie kommen gleich. Die Wachen werden sie rufen. Während wir warten, kannst du deine Fragen stellen.«

Skar fröstelte. Nicht einmal die dicht nebeneinander brennenden Kohlefeuer vermochten die Kälte vollends zu vertreiben. Der Stoff, auf dem er saß, war klamm, und für einen Moment war es wie in Velas Festung - er glaubte das Gewicht der unzähligen Tonnen Fels, die über ihm lasteten, beinahe körperlich zu spüren. Sein erster Eindruck war richtig gewesen - er würde hier nicht leben können, ohne verrückt zu werden. Nicht einmal wenige Tage. »Du hast... Vela erwähnt«, begann er zögernd. Er war plötzlich nervös. Laynanyas Bereitschaft, auf seine Fragen zu antworten, stimmte ihn mißtrauisch. Sie wußte alles über ihn, wenigstens all das, was für sie von Interesse war, aber er war immer noch ein Fremder für sie.

»Nicht ich«, verbesserte ihn die Errish. »Du. Ich habe ihren Namen aus deinem Mund das erste Mal gehört.«

»Du kennst sie nicht?«

»Natürlich kenne ich Vela.« Laynanyas Stimme klang ein wenig ungeduldig, und Skar hätte in diesem Moment viel dafür gegeben, einen Blick durch den grauen Schleier vor ihrem Gesicht erhäschen zu können. »Sie war eine Errish wie ich, und wir kennen uns alle. Wir sind nicht mehr viele, Skar. Sie wurde ausgestoßen, weil sie ihren Drachen verlor. Das Leben einer Errish währt nur so lange wie das ihres Tieres.« Sie setzte sich auf, legte die Hand in einer unbewußten, schmerzerfüllten Bewegung auf den Bauch und zog sie hastig wieder zurück, als sie seinen Blick bemerkte. »Wir sprechen von der Vela, die jetzt irgendwo in Elay sitzt und ihre Fäden spinnt. Ich wußte nicht, daß sie es war. Aber das, was ich inzwischen weiß, und das, was du berichtet hast, runden das Bild ab.«

»Du hast sie ... nicht gesehen?«

Laynanya lachte, als hätte er etwas ungemein Dummes gesagt. »Niemand hat sie gesehen«, sagte sie. »Keiner von denen, die hier sind. Auf dem Thron von Elay sitzt noch immer Margoi, die Ehrwürdige Mutter. Aber es ist nicht mehr Margoi. Sie ist nicht mehr... nicht mehr die, die sie war, wenn du verstehst, was ich meine.«

Skar war sich dessen nicht ganz sicher, aber er nickte. »Du meinst, Vela beherrscht ihren Geist?«

Laynanya überging seine Frage. »Du sagst, es wäre vier Monate her, seit ihre Armee vernichtet wurde und sie aus Cosh geflohen ist?«

»Ungefähr.«

»Dann hat sie nicht viel Zeit verloren. Das Beste wird sein, ich erzähle dir die ganze Geschichte - viel ist es nicht, was ich zu sagen habe.« Wieder schwieg sie einen Moment, und als sie weitersprach, war ihre Stimme leise und beinahe ausdruckslos und so monoton, daß Skar die mit letzter Kraft erzwungene Beherrschung dahinter spürte. Er wußte nicht, was diese Frau erlebt hatte, aber es mußte ihr große Qual bereiten, die Erinnerungen noch einmal wachzurufen und alles noch einmal zu durchleben. »Die Quorrl überschritten unsere Grenzen«, begann sie. »Keine kleine Gruppe, wie schon oft, sondern eine Armee - mehr als viertausend Krieger. Sie griffen Már'llion an und verbrannten die Stadt, ehe jemand einen Widerstand gegen sie organisieren konnte. Und Margoi« - ihre Stimme bebte - »Margoi rief das Land zu den Waffen.«

»Und?« fragte Skar. »Die Quorrl rüsten seit Jahren zum Krieg. Ein Teil von Larn ist bereits gefallen, und überall sammeln sich Heere.«

»Aber nicht hier!« sagte Laynanya mit Nachdruck. »Elay ist seit Anbeginn der Zeit ein Symbol für den Frieden, Skar. Die Errish haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, zu heilen und nicht zu töten. Es ist nicht das erste Mal, daß ein Heer unsere Grenzen überschreitet, und es wäre nicht das erste Mal, daß wir den Frieden wiederherstellen, ohne zu den Waffen zu greifen. Seit das erste Zeitalter vorbei ist, sind es die Errish, die für den Frieden auf Enwor garantieren, Skar.«

Skar mußte plötzlich daran denken, daß er fast die gleichen Worte einmal zu Gowenna gesprochen hatte. Nur hatte er die Satai gemeint, und er hatte mit der gleichen Überzeugung geredet, mit der Laynanya jetzt sprach. Wie viele mag es noch geben, dachte er, die glauben, das Wohl ihrer Welt läge einzig in ihren Händen? Und wieso war eine Welt, auf der die beiden mächtigsten Clans angeblich nur für den Frieden lebten, eine Welt voller Krieg und Gewalttätigkeit?

Aber er schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf das, was Laynanya berichtete.

»Die Ehrwürdige Mutter rief zum Krieg«, sagte sie dumpf. »Und wir folgten ihrem Ruf.«

»Und niemand hat daran gezweifelt?«

»Gezweifelt?« Laynanyas Stimme klang, als hielte sie ihn für verrückt. »Niemand zweifelt das Wort der Ehrwürdigen Mutter an, Satai«, sagte sie scharf. »Ihr Wunsch ist Gesetz. Für uns ist sie eine Göttin.«

Skar lächelte dünn. »Für dich nicht, wie mir schein. Sonst wärest du kaum hier.«

Laynanya starrte ihn an. »Du hast recht«, sagte sie nach einer Weile. »Obwohl ich zu Anfang ebensowenig daran dachte, über ihre Beweggründe nachzusinnen, wie die anderen. Ich half sogar mit, Boten in das Land hinauszuschicken und Pläne zu entwerfen, um die Quorrl zu schlagen. Es war eine meiner Novizinnen, die nach Thbarg ging und die Kapersegler zu Hilfe rief. Aber nach dieser ersten Entscheidung folgten andere, und nach und nach ...« Sie atmete hörbar ein. »Nach und nach begriff ich, daß Margoi nicht mehr sie selbst sein konnte. Und nicht nur ich - Legis und viele von denen, die hier bei uns sind, dachten ebenso wie ich. Ich... könnte dir viel erzählen, Skar, von unseren Versuchen, mit ihr zu reden, hinter das Geheimnis zu kommen ... Wir waren ... verwirrt. Die Margoi ist eine Göttin, und sie kann nicht fehlen. Und doch tat sie es. Eine Zeitlang trösteten wir uns mit dem Gedanken, daß ihre Beweggründe von einer Art sein konnten, die wir nicht verstanden. Doch es geschah noch mehr, Dinge, die wir uns nicht erklären konnten und die ...« Sie stockte, und Skar konnte sich vorstellen, was jetzt in ihr vorging. Was sie ihm hier mit wenigen Worten erzählte, war der Untergang ihrer Welt, der Zusammenbruch all dessen, woran sie einmal geglaubt und wofür sie gelebt hatte.