»Sie veränderte sich weiter und ... plötzlich hörten unsere Tiere auf, uns zu gehorchen.«
»Eure Drachen?« fragte er ungläubig.
»Ja. Sie ... wandelten sich. Auf die gleiche unmerkliche Weise wie Margoi. Wir ... das heißt Legis und ich und einige andere gingen hinunter in die Drachenhöhle, um das Geheimnis zu ergründen. Aber wir fanden keine Drachen, sondern ... Männer.«
»Männer?«
»Soldaten«, nickte Laynanya. »Velas Soldaten, wie ich jetzt weiß. Sie nahmen uns gefangen und sperrten uns in ein Verlies.« Sie schwieg, und Skar konnte sehen, wie der dichte graue Schleier vor ihrem Gesicht bebte; das einzige Anzeichen für die Erregung, die sie ergriffen hatte. Wieder glitten ihre Hände an ihren Leib, aber diesmal war es keine Geste des Schmerzes. Ihre Finger krallten sich in den grauen Stoff, und Skar merkte erst jetzt, daß selbst ihre Hände verhüllt waren. Sie trug Handschuhe aus der gleichen grauen Seide, aus der ihr Gewand gefertigt war. Er begriff plötzlich, warum sie - anders als Legis - selbst hier unten verhüllt blieb. Es war kein Festhalten an alten Riten und Gebräuchen, wie er zuerst angenommen hatte. Sie versteckte sich. Nicht der winzigste Teil ihres Körpers sollte sichtbar sein, und das graue Gewand, nach außen hin ein Zeichen ihrer Würde, war in Wirklichkeit ein Schild, hinter dem sie sich verkriechen konnte.
»Und?« fragte er nach einer Weile.
Laynanya zuckte zusammen, als hätte der Klang seiner Stimme sie abrupt in die Wirklichkeit zurückgerissen.
»Nichts«, sagte sie. »Wir erfuhren nichts. Sie hielten uns gefangen, und ... und sie taten mir Gewalt an. Mir und ... einigen anderen.«
»Du bist... vergewaltigt worden?« keuchte Skar ungläubig. Er wußte, daß Laynanya die Wahrheit sprach, aber es fiel ihm trotzdem schwer, ihr zu glauben. Der Gedanke, eine Errish vergewaltigen zu wollen, war ... undenkbar. Gotteslästerung und mehr. Die Ehrwürdigen Frauen waren tabu, nicht nur hier, sondern überall auf Enwor. Nicht einmal ein Quorrl wäre auf die Idee gekommen, einer Errish zu schaden. Skar hatte die Männer, die Vela um sich geschart hatte, kennengelernt, und er wußte, welche Männer das waren - Ausgestoßene, Verfemte, Männer, die für Geld und Macht alles taten, die nichts mehr zu verlieren hatten und dazu Vela vollkommen hörig waren.
Aber eine Errish vergewaltigen ?
Und doch war es so. Laynanyas Hiersein und ihr Zustand bewiesen es.
»Du glaubst mir nicht?«
Skar schwieg einen Moment. »Doch ...«, sagte er stockend. »Aber ... ich kenne Vela, und es ... es paßt nicht zu ihr.«
»Vielleicht paßt es nicht zu der Vela, die sie einmal war«, sagte Laynanya. »Doch sie ist anders geworden. Du hast vom Stein der Macht erzählt und davon, daß du ihn für sie geholt hast. Du hast ihn in Händen gehalten.«
Skar nickte. Laynanyas Worte weckten die Erinnerungen wieder, und er wußte, noch bevor sie weitersprach, worauf sie hinauswollte.
»Dann weißt du auch, daß dieser Stein mehr ist als ein bloßer Schlüssel zur Macht. Er gibt seinem Besitzer Gewalt über das Erbe der Alten, aber er fordert seinen Preis.«
Skar erinnerte sich. An das dunkle Flüstern in seinem Inneren, an die körperlose, tastende Hand, die durch seine Seele gefahren war, an den dunklen Hauch längst vergangener Geheimnisse und Kräfte, den er gespürt hatte. Und er hatte den Stein nur wenige Augenblicke besessen.
»Du haßt sie«, fuhr Laynanya fort, »und du lebst nur noch dafür, dich zu rächen und sie zu töten. Aber dein Haß gilt nicht der Vela, die du in Ikne kennengelernt hast, und der meine nicht der Schwester, die sie einmal für mich war. Der Stein verändert seinen Besitzer. Er gibt Macht über die dunklen Kräfte unserer Seele, aber es ist diese Macht, die den Alten am Ende den Untergang brachte. Das Böse fordert seinen Preis, Skar, und Vela hat diesen Preis bezahlt. Sie ist nicht mehr sie selbst. Sie ist zu ... einem Ding geworden, einem bösen, berechnenden Ding. Sie ist kein Mensch mehr.«
»Wußte sie davon, als sie mich beauftragte, nach Combat zu gehen?« fragte Skar.
Laynanya zögerte einen Moment. »Ich glaube, sie hat es geahnt«, sagte sie dann. »Auch wir wissen nicht viel von der Macht der Alten. Es gibt Legenden, aber die meisten davon sind wirklich nicht mehr - Geschichten eben. Aber wir wußten um den Stein der Macht und den Fluch, der auf ihm lastet. Sie muß geahnt haben, in welche Gefahr sie sich begibt. Vielleicht hat sie sogar aus edlen Beweggründen gehandelt. Damals, als sie mit dir gesprochen hat, hat sie die Wahrheit gesagt. Sie wollte den Stein nicht für sich. Sie wollte Enwor retten« - sie lachte leise - »und der Welt den Frieden bringen. Aber das ist vorbei. Sie hat den Stein seit Monaten, und das, was an gutem Willen und Ehre in ihr war, ist verschwunden.«
»Und du?« fragte Skar leise. Er zweifelte nicht an ihren Worten. Sie sprach die Wahrheit, aber es gibt verschiedene Arten, die Wahrheit zu berichten. Laynanyas Wahrheit war voller Haß und Verbitterung, und für einen winzigen Moment glaubte er sich selbst zu sehen. Auch er war verbittert und voller Haß, nur daß er sich selbst belog.
Laynanya antwortete nicht, und Skar war nicht einmal sicher, daß sie seine Frage überhaupt verstanden hatte.
»Das war meine Geschichte«, fuhr sie nach sekundenlangem Schweigen fort. »Wir konnten fliehen. Auch wenn uns der größte Teil unserer Macht genommen ist, sind wir noch immer Errish, und es gelang uns, unsere Kerkermeister zu überlisten. Wir flohen aus Elay und kamen hierher.«
»So einfach war das?«
»Nein«, sagte Laynanya hart. »Wir haben lange gebraucht, um das Vertrauen der Quorrl zu gewinnen und sie um uns zu scharen. Und noch länger, um diesen Ort zu finden.«
»Und was habt ihr vor?« fragte Skar mit einem Blick auf die Überall aufgestapelten Waffen und Vorräte. »Einen Krieg gegen Vela und ihre Männer zu führen?«
»Nein. Es wäre ein Krieg gegen unsere Schwestern und Elay. Wir wollen ihn nicht führen. Aber wir sind gewappnet, wenn man ihn uns aufzwingt. Wenn sie uns aufspüren und angreifen, werden wir uns wehren.«
»Und sonst nichts?« fragte Skar. »Ihr wollt euch weiter hier verkriechen und nichts tun, während Vela sich daranmacht, in eurem Namen die Welt zu erobern?«
»Die Welt erobern?« Laynanya lachte. »Sei kein Narr, Skar. Es geht hier nicht um das Schicksal der Welt. Niemand kann das Schicksal einer ganzen Welt bestimmen, auch Vela nicht. Nicht einmal die Alten haben das vollbracht. Sie kann über das Wohl oder Wehe eines Zeitalters bestimmen, nicht mehr. Es spielt keine Rolle, ob sie gewinnt oder verliert. Letztlich wird die Zeit siegen. Sie siegt immer.«
»Die Zeit...« Skar schüttelte den Kopf und unterdrückte ein abfälliges Lachen. »Verzeih, Laynanya, aber ich glaube nicht, daß ich dich verstehe. Ich bin nicht bereit, ein Jahrtausend der Schmerzen und Unterdrückung abzuwarten. Ich werde sie töten.«
»Ich weiß«, antwortete Laynanya ruhig. »Aber nicht, weil du die Welt retten willst, Skar. Das redest du dir ein. Du haßt sie, weil sie dich entwürdigt und deinen Freund Del getötet hat, zumindest indirekt. Deshalb willst du sie umbringen. Aber ich werde dich nicht davon abhalten, wenn es das ist, was du befürchtest.«