»Und trotzdem kämpfst du jetzt gemeinsam mit Menschen -«
»Gegen Menschen«, fiel ihm Mork erregt ins Wort. »Auch der Löwe und die Antilope flüchten gemeinsam, wenn die Steppe brennt, erinnerst du dich? Wir werden beide bedroht, aber das macht uns nicht zu Brüdern. Ich habe mit angesehen, wie mein Vater und mein Weib erschlagen wurden, von Menschen, Skar. Ihr haltet uns für Tiere und werft uns Brutalität vor, aber ich habe Dinge mit ansehen müssen, die kein Tier einem anderen antun würde, Dinge, die Männer deines Volkes getan haben, Satai.« Er schwieg einen Moment, atmete hörbar ein und krampfte die Hand noch fester um den Schwertgriff. Sein Atem ging schneller, und Skar konnte fühlen, wie erregt der riesige Quorrl war, auch wenn er sich alle Mühe gab, beherrscht zu wirken.
»Ich glaube nicht, daß es dir oder mir nutzt, wenn wir uns jetzt gegenseitig Vorwürfe machen. Auch ich habe Greuel gesehen, die von Quorrl begangen wurden.«
»Wer hat mehr getötet, Skar?« fragte ihn Mork. »Quorrl Satai oder Satai Quorrl?« Er schnaubte. »Du wolltest wissen, was du von mir zu halten hast - jetzt weißt du es. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir euch beide getötet, als wir euch draußen auf der Ebene getroffen haben. Aber diese Arbeit nehmen uns jetzt andere ab.«
Er fuhr herum und stapfte davon. Skar sah ihm nach, bis er die Höhle verlassen hatte, schüttelte den Kopf und blickte Legis an. »Ich wollte dich warnen, Skar«, sagte die Errish. »Aber...« Skar winkte ab. »Mir ist ein Feind, den ich kenne, lieber als einer, von dem ich nicht weiß, was ich von ihm zu halten habe«, sagte er.
»Er ist nicht dein Feind«, widersprach Legis. »Er ist... verbittert, aber nicht böse. Sein Stamm wurde vernichtet. Vielleicht werden wir alle so wie er, wenn wir uns noch lange hier verkriechen müssen. Vielleicht sind wir es auch schon und haben es nur noch nicht gemerkt.«
Diesmal, das spürte Skar, erwartete sie eine Antwort; Widerspruch. Aber diesmal schwieg er.
Die Stadt war ein Schatten; ein Gebirge aus Dunkelheit und zu Materie gewordener Nacht, das in unbestimmbarer Entfernung vor dem Himmel aufwuchs und das Land in weitem Umkreis beherrschte. Skar schätzte, daß sie noch mehr als drei Meilen von der ersten der drei hintereinander gestaffelten Mauern entfernt waren, aber er hatte trotzdem bereits das Gefühl, von den gewaltigen Mauern und Türmen erdrückt zu werden. Elay war groß, ungeheuer groß; keine Festung, sondern eine Stadt, die als Festung angelegt und erbaut war. Selbst Ikne hätte gegen dieses Gebirge aus Stein und Dunkelheit wie ein Bauernhof gewirkt.
»Nun?« fragte Legis neben ihm. »Bist du beeindruckt?«
»Eher überrascht«, antwortete er leise. Obwohl sie noch weit von der Stadt entfernt waren und die Nacht und das klagende Geräusch des Windes ihnen Deckung genug gaben, senkte er unwillkürlich die Stimme. Dabei hatte er aber nicht Angst davor, von den Posten oben auf den Wehrgängen oder von einer Patrouille entdeckt zu werden; diese Gefahr bestand kaum. Die Daktylen hatten die letzten Meilen im Tiefflug zurückgelegt, eine Schwadron gewaltiger, lautloser Schatten, die nur mannshoch über dem Boden dahingestrichen und mit der Nacht verschmolzen gewesen waren. Von Legis wußte er außerdem, daß es so etwas wie Patrouillen kaum gab. Es war eher, als befürchte er, die Stadt selbst zu erwecken. Elay war mehr als eine Ansammlung von Häusern und Türmen, und es war nicht nur ihre Größe, die diesen Eindruck hervorrief. Er konnte die Stadt selbst jetzt nicht deutlich erkennen trotz ihrer gewaltigen Ausmaße. Ihre Umrisse schienen beständig zu fließen, auf und ab zu wogen wie nachtdunkle Nebelschwaden, und ein kaum spürbarer Hauch unseliger schwarzer Magie streifte Skars Seele, als er den Panzer, den er um seine Gefühle gelegt hatte, für einen Moment öffnete. Es war, als würde die Stadt leben, als wäre sie nichts als ein gewaltiges, schlafendes Tier. Er begriff plötzlich, warum die Errish ausgerechnet hier ihr Heiligtum errichtet hatten, und warum Elay auch die Verbotene Stadt genannt wurde.
»Überrascht?« Legis' Stimme riß ihn abrupt in die Wirklichkeit zurück. »Du hast es dir anders vorgestellt?«
»Ich habe es mir überhaupt nicht vorgestellt«, sagte Skar. »Aber so auf keinen Fall. Es ist so ...«
»Düster«, half Legis aus. Sie nickte. »Mir ging es ebenso, als ich die Stadt zum ersten Mal sah. Elay erschreckt jeden, der zum ersten Mal herkommt. Sie wurde nicht von Menschen erbaut. Es ist eine Stadt der Alten. Die letzte, die es noch gibt.«
Skar wußte, daß das nicht stimmte. Elay war weder eine Stadt jenes Volkes, das Combat errichtet hatte, noch war es die letzte ihrer Art. Er hatte schon einmal eine solche Stadt gesehen, einen steingewordenen Alptraum aus Schwarz und Fremdartigkeit; aber das war lange her: ein Jahr und ein Leben. Und er hatte plötzlich das Gefühl, der Lösung des Rätsels ganz nahe zu sein.
Doch er sagte nichts von alledem, sondern wandte sich wortlos um und ging zu der Baumgruppe zurück, in deren Schutz die Daktylen gelandet waren. Legis folgte ihm. Sie hatten zwei von Legis' Männern als Kundschafter zur Stadt geschickt. Bis sie zurückkommen würden, konnten sie nichts anderes tun als warten.
Skar mußte wieder die Disziplin bewundern, die die gewaltigen Flugwesen an den Tag legten. Starr wie riesige lederne Statuen saßen sie da, in einem perfekten, nur an einer Stelle offenen Kreis, der eine lebende Schutzmauer für die Menschen und Quorrl in seinem Inneren bildete. Keine der Daktylen gab auch nur das leiseste Geräusch von sich. Die Leistung, die die Quorrl mit der Dressur dieser Bestien vollbracht hatten, stand der der Errish und ihrer Feuerechsen kaum nach.
Ein seltsames Gefühl machte sich in Skars Innerem breit, als er in den Kreis trat und sich wortlos neben Herger zu Boden sinken ließ - keine Erregung, wie es normal gewesen wäre, sondern beinahe das Gegenteil, eine dumpfe, betäubende Entspannung. Er war sich plötzlich seines Körpers so bewußt wie selten zuvor in seinem Leben. Er fühlte jeden Muskel, jeden einzelnen Nerv in seinem Leib; eine Empfindung, die wie eine warme, einschläfernde Woge durch seinen Körper strömte, ein Gefühl, wie er es manchmal schon, wenn auch noch nicht annähernd so stark, vor einem Kampf gehabt hatte. Und ein Gefühl des Endgültigen. Seine Irrfahrt war vorbei. Vela war hier, noch wenige Kilometer entfernt, und er wußte einfach, daß die Entscheidung jetzt fallen würde. Ganz egal, wie dieser ungleiche Kampf ausging - er würde enden, noch bevor die Sonne das nächste Mal unterging. Skar versuchte noch einmal, sich alle Stationen seines Weges vor Augen zu führen, aber seine Gedanken weigerten sich, in geordneten Bahnen abzulaufen, und echte Erinnerungen begannen sich mit Traum und Furcht zu vermischen.
Er schüttelte die Bilder ab, beugte sich vor und nahm etwas von dem kalten Fleisch, das Mork Herger und ihm gegeben hatte. Er war nicht hungrig, aber er würde seine Kräfte dringend brauchen, und sie würden kaum mehr zum Essen oder Trinken kommen, wenn sie erst einmal in der Stadt waren.
Unwillkürlich sah er sich nach Legis um. Weder Laynanya noch sie oder Mork hatten auch nur mit einer Andeutung verraten, wie sie in die Stadt hineingelangen wollten, und Skar hatte bisher stillschweigend angenommen, daß es ein geheimes Tor oder etwas Ähnliches geben würde, durch das er sich einschleichen konnte. Aber jetzt, nachdem er die Stadt gesehen hatte, wußte er, daß das nicht der Fall war.
»Wonach suchst du?« fragte Herger, der seinen Blick bemerkt hatte.
Skar überging die Frage. »Unsere Wege trennen sich hier«, sagte er.
Herger ließ das Stück Fleisch, das er gerade zum Mund führen wollte, verblüfft sinken und starrte ihn an. »Wie meinst du das?« fragte er.