»So wie ich es gesagt habe«, antwortete Skar. Er war nicht zum Reden gekommen während des Fluges. Der eisige Wind und die Furcht hatten seine Lippen gelähmt, aber er hatte Zeit gehabt nachzudenken. Er wußte jetzt, daß es ein Fehler gewesen war, sich nicht schon früher von Herger zu trennen. Eigentlich hatte er es die ganze Zeit über gewußt. Es war nur bequemer gewesen, mit ihm zu reiten.
Er deutete mit einer Kopfbewegung in die Richtung der Stadt. »Wir sind am Ziel«, sagte er. »Du wolltest mich nach Elay bringen, und wir sind da.«
»Und jetzt erwartest du, daß ich hierbleibe und warte, bis du zurückkommst oder auch nicht?« fragte Herger. Seine Stimme zitterte.
»Natürlich nicht«, entgegnete Skar. »Aber -«
»Du irrst dich, Satai«, fiel ihm Herger ins Wort, »wenn du denkst, daß die Sache damit erledigt ist. Ich werde dich begleiten, und wenn du geradewegs in die Hölle marschieren solltest. Du bist mein Kapital, vergiß das nicht. Alles, was ich noch habe, bist du.« Skar schüttelte geduldig den Kopf. »Hör mit diesem Unsinn auf, Herger«, sagte er ruhig. »Ich weiß, daß ich in deiner Schuld stehe, aber -«
»In meiner Schuld?« unterbrach ihn Herger erneut. »Du bist zu bescheiden, Satai. Du gehörst mir - ich habe alles, was ich habe, auf dich gesetzt: mein Leben, mein Vermögen, meinen Ruf. Ich müßte irrsinnig sein, wenn ich dich jetzt gehen ließe.« Er schüttelte entschieden den Kopf, setzte sich gerade auf und wies nach Norden. »Du willst in diese Stadt vordringen. Gut. Ich werde dich nicht daran hindern. Aber ich werde mitkommen.«
Skar wollte auffahren, beherrschte sich aber im letzten Moment. »Du weißt, was mich dort drüben erwartet«, sagte er. »Ich war ehrlich zu dir. Meine Chance, lebend aus Elay herauszukommen, ist nicht sehr groß. Es wäre Selbstmord von dir, mitzukommen. Und es wäre gefährlich für mich.«
»Es war auch gefährlich für mich, dir zu helfen. Und Selbstmord?« Er stieß ein abgehacktes, häßliches Lachen aus. »Du hast es vielleicht noch nicht begriffen, Skar, aber ich bin schon tot. Ich war es in dem Moment, in dem ich dir Unterschlupf gewährte. Du bist der einzige, der mich wieder zum Leben erwecken kann.« Skar seufzte, senkte den Blick und fuhr mit den Fingerspitzen durch den lockeren Sand des Bodens. »Ich kann dich zwingen hierzubleiben«, sagte er nach einer Weile. »Ich -«
»Nein, Satai, das kannst du nicht!«
Skar fuhr überrascht herum. Ein gewaltiger, graugeschuppter Schatten wuchs hinter ihm empor. Skar hatte nicht gehört, daß Mork näher gekommen war. Der Quorrl mußte sich lautlos wie eine Katze angeschlichen haben.
»Ich wüßte nicht, was es dich angeht«, sagte Skar verärgert. »Aber trotzdem - was meinst du?«
»Er wird nicht hierbleiben, weil keiner von uns hierbleibt«, erwiderte Mork ruhig. »Wir gehen alle.« Er schlug seinen Mantel zurück, zog sein Schwert eine Handbreit aus der Scheide und deutete mit dem anderen Arm zur Stadt hinüber. »Ich traue dir nicht, Satai, und ich traue auch diesen Errish nicht. Ich will sehen, was du dort tust, und ich will dabeisein, um es selbst zu tun, wenn du versagst.«
Skar stand langsam auf. Die Spannung, die plötzlich zwischen ihnen lag, war überdeutlich zu spüren. Aber der Quorrl hielt seinem Blick gelassen stand. Seine Schuppen schimmerten im blassen Licht der Sterne wie mattes Metall, und er erinnerte Skar mehr denn je an ein Bündel ungestümer, nur scheinbar gezähmter Kraft.
»Weder Herger noch du oder irgendein anderer werden mich begleiten«, sagte Skar. »Was ich dort drüben zu tun habe, ist allein meine Sache - Quorrl«, fügte er, in absichtlich beleidigendem Tonfall, hinzu.
»Das ist es schon lange nicht mehr, Satai«, erwiderte Mork auf die gleiche Weise. »Du hast unsere Hilfe angenommen hierherzukommen. Und wenn du die Wahrheit gesprochen hast, gibt es vielleicht nur noch diese eine Chance, diese machtbesessene Errish zu töten. Was erwartest du? Daß ich hierbleibe und die Zukunft meines Volkes in deine Hände lege? Wenn du das wirklich glaubst, dann bist du ein Narr, Satai.«
Ihre Stimmen waren immer lauter geworden, und Skar sah sich plötzlich von einem halben Dutzend schweigender Quorrl umringt. Sein Blick huschte nervös über die Reihe breitschultriger, geschuppter Körper und kehrte zurück zu Mork.
Der Quorrl lächelte kalt. »Ich würde es nicht tun, Skar«, sagte er. »Du kannst mich vielleicht töten, aber nicht uns alle.«
Skars Hand krampfte sich um den Schwertgriff. Aber er wußte, daß er tot sein würde, bevor er die Waffe auch nur halb gezogen hätte. Würde er es mit einem Menschen zu tun haben, hätte er vielleicht eine winzige Chance gehabt - aber bei Mork an Ritterlichkeit oder Ehre zu appellieren, war sinnlos. Der Quorrl wußte genau, was er wollte. Er hatte es von Anfang an so geplant. Skar verdammte sich im stillen für seine Gutgläubigkeit. Schon als er Mork das erste Mal gesehen hatte, hätte er gewarnt sein müssen. Der Quorrl hatte ihn nicht hierhergebracht, weil er Skar einen Gefallen tun wollte oder weil es Laynanyas Wille war. Er hatte sofort erkannt, daß ihm mit Skar die Möglichkeit in den Schoß gefallen war, endlich selbst nach Elay zu kommen und den Krieg dorthin zurückzutragen. Laynanya hätte einem direkten Angriff auf die Verbotene Stadt niemals zugestimmt.
»Du weißt, daß das gegen unser Abkommen verstößt«, mischte sich Legis ein.
Der Quorrl lachte leise. Seine Schuppen knirschten wie trockenes Holz, als er sich umwandte und mit zwei, drei raschen Schritten auf die Errish zutrat. »Welches Abkommen?« fragte er höhnisch. »Als wir zusammenkamen, waren wir Gejagte, ihr und wir. Abkommen - ha! Unser Abkommen bestand bisher darin, uns gemeinsam unter der Erde zu verkriechen und darauf zu warten, daß ein Wunder geschieht, Errish.«
Legis fuhr auf. »Ich dulde es nicht, daß -«
»Daß Quorrl mit ihrer Anwesenheit die Heilige Stadt besudeln?« fiel ihr Mork ins Wort. »So, wie es Laynanya all die Zeit nicht geduldet hat? Ihr habt euch geweigert, uns den geheimen Weg nach Elay zu verraten - habt ihr wirklich geglaubt, daß ich das stillschweigend hinnehme? Ich werde nicht zusehen, wie dieser Satai vielleicht unsere einzige Chance vergibt, Rache für die Vernichtung unseres Volkes zu üben, Errish.«
»Elay ist heilig!« widersprach Legis erregt. »Niemand darf die Stadt betreten, der ...«
»Niemand, mit Ausnahme eines Satai, der seine beschmutzte Ehre wiederherstellen will, nicht?« unterbrach sie Mork abermals höhnisch. Legis wollte widersprechen, aber Mork brachte sie mit einer wütenden Geste zum Schweigen. »Ich will diesen Unsinn nicht mehr hören! Euer Gerede von Ehre und Heiligtümern und Gesetzen! Ihr habt mehr als eines unserer Heiligtümer geschändet, und ihr tretet unsere Gesetze mit Füßen. Wir sind Verbündete, und wenn ihr meint, euer Teil des Bündnisses bestünde im Stillhalten und Beten, soll es mir recht sein.« Er schlug wuchtig mit der flachen Hand gegen sein Schwert. »Wir sind in euren Augen vielleicht nicht mehr als Tiere, aber wir sind Tiere, die sich wehren, wenn man sie schlägt. Mit Beten ist noch kein Krieg gewonnen worden, Legis. Mit euren Hexenkünsten vielleicht, aber darauf verstehe ich mich nicht. Worauf ich mich verstehe, das ist das Schwert. Und ich werde es benutzen.«
Skar sah sich unauffällig um. Rechnete er Herger und Legis nicht dazu, dann waren die Kräfte genau gleich verteilt. Die Errish hatte fünf von ihren Männern mitgebracht, und auch Mork gebot über fünf Krieger. Aber es waren fünf Quorrl - gewaltige, schuppige Kampfmaschinen, von denen es eine einzige mit einem halben Dutzend Männer aufnehmen konnte. Er verwarf den Gedanken an einen überraschenden Angriff wieder. Selbst wenn es ihm gelänge, einen oder zwei der Quorrl auszuschalten, ehe sich die anderen von ihrer Überraschung erholt hätten, wäre eine Attacke aussichtslos. Mork hatte alle Trümpfe auf seiner Seite. Und er war bereit zu kämpfen, während Skar - so oder so - bei einem Kampf nur verlieren konnte.