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»Laß ihn, Legis«, sagte er. »Du wirst ihn nicht überzeugen. Er hat von Anfang an auf einen Moment wie diesen gewartet.« Sein Blick suchte den des Quorrl.

Mork nickte ungerührt. »Seit der ersten Stunde«, bestätigte er. »Und du wirst mich töten müssen, um mich von meinem Entschluß abzubringen.«

Skar lächelte, nahm in einer betont langsamen Bewegung die Hand vom Schwertgriff und schüttelte den Kopf. »Wenn wir beide morgen noch leben«, sagte er, »reden wir noch einmal darüber. Jetzt sollten wir gehen. Es wird bald hell. Wie kommen wir in die Stadt?«

Legis starrte ihn ungläubig an. »Auf dem gleichen Wege, auf dem wir geflohen sind«, sagte sie. »Aber du willst doch nicht...«

»Was ich will«, unterbrach sie Skar, »spielt im Moment keine Rolle. Zwölf Schwerter können mehr ausrichten als eines.«

»Aber das ist Irrsinn!« begehrte Legis auf, obwohl sie längst eingesehen haben mußte, daß sie Mork nicht mehr von seinem Entschluß abbringen konnte. Ihr Protest war nur noch ein Zeichen ihrer Verzweiflung. »Wir müssen durch die Drachenhöhlen. Die Tiere werden die Quorrl wittern und Alarm schlagen. Ein einzelner Mann hat eine viel größere Chance, unbemerkt einzudringen.«

Skar schüttelte nur schweigend den Kopf.

Eine der Daktylen gab einen halblauten, krächzenden Ruf von sich. Mork sah auf, starrte eine Sekunde lang aus zusammengekniffenen Augen in die Dunkelheit und straffte sich. »Die Kundschafter kommen zurück«, sagte er.

Skar lauschte angestrengt, hörte aber nichts. Der Quorrl mußte über weitaus schärfere Sinne verfügen als ein Mensch.

»Dann sollten wir aufbrechen«, sagte Skar. »Es ist eine Stunde bis zur Stadt, und die Sonne geht bald auf.«

Legis' Lippen begannen zu zittern. Aber sie sagte nichts. Nur ihre Hände gruben sich in einer Geste hilfloser Verzweiflung tief in den schwarzen Stoff ihres Mantels.

Skar schlug die Kapuze seines Mantels hoch, überprüfte ein letztes Mal den Sitz seines Harnisches und des Waffengurtes und setzte sich ohne ein weiteres Wort in Bewegung.

19.

Über den Zinnen von Elay lag noch immer schwarze, dräuende Finsternis, eine Schwärze, die sich noch vertieft zu haben schien, seit sie in den Schatten der gewaltigen Mauern eingetaucht waren, und die auch nicht weichen würde, wenn die Dämmerung hereinbrach und die Nacht vollends vertrieb. Ein eisiger Hauch ging von der Stadt aus, ein Gefühl, das eher die Seele als den Körper zu streifen schien, etwas wie der Atem der Zeit, all der ungezählten Jahrtausende, die an ihr vorübergegangen waren, ohne auch nur die geringsten Spuren zu hinterlassen. Vom Meer, das irgendwo jenseits der zinnengekrönten Dreifachmauern mit monotoner Wut gegen die Küste anrollte, drangen Salzwassergeruch und der Schrei einer einsamen Möwe herüber.

Skar nahm von alldem kaum Notiz; jedenfalls nicht soweit, daß er einen bewußten Gedanken daran verschwendet hätte. Die Stadt hatte ihn vollends in ihren Bann geschlagen und beherrschte seine Gedanken. Sie erfüllte ihn mit Furcht; eine Angst, die gegen alle Logik von seiner Seele Besitz ergriffen hatte und ihn langsam von innen heraus aufzufressen schien. Obwohl sie bereits so nahe daran waren, daß er meinte, nur noch die Hand ausstrecken zu müssen, um ihre Mauern zu berühren, konnte er sie immer noch nicht richtig sehen. Es war, als läge Elay hinter einer Wolke brodelnder, körperloser Finsternis; ein schattiges, zerfasertes Etwas, das sich dem direkten Blick entzog und in beständiger unruhiger Bewegung war. Da war etwas, eine unsichtbare, nur zu erahnende Trennlinie zwischen der Welt der Menschen und der Elays, die sie mehr schützte als alle Verbote und Tabus der Errish. Es fiel Skar mit jedem Schritt schwerer, sich darauf zu besinnen, warum er überhaupt hergekommen war.

»Dort entlang«, flüsterte Legis. Ihr Arm deutete irgendwohin in die Dunkelheit. Skar konnte auf der anderen Seite des schmalen, vegetationslosen Streifens, der die eigentliche Mauer wie ein erstarrter Burggraben umgab, nichts erkennen außer Schatten und der vagen Ahnung von Bewegung und Leben; das eine real und das andere eingebildet. Aber Legis schien genau zu wissen, wohin sie wollte.

Lautlos huschten sie weiter. Legis hatte die Führung übernommen, als sie sich der Stadt bis auf ein paar hundert Schritte genähert hatten, und die Quorrl waren so weit zurückgeblieben, daß Skar ihre Schritte nur noch mit Mühe hören konnte. Es erstaunte ihn noch immer, wie leise und schnell sich diese so plump anmutenden Wesen bewegen konnten, aber er - und wohl auch Legis - hatten in den letzten Stunden mehr über die Schuppenkrieger aus dem Norden gelernt als wahrscheinlich Generationen vor ihnen. Das meiste davon gefiel ihm nicht.

Skars Blick tastete besorgt über Legis' Gesicht. Es war starr, von jener gezwungenen, maskenhaften Unbewegtheit, hinter der sich ein wahrer Sturm von Gefühlen und Empfindungen zu verbergen pflegte. Skar war sich noch immer nicht darüber im klaren, was wirklich hinter der Stirn der Errish vorging. Sie war der schwache Punkt in Morks Plan, und auch der Quorrl mußte das wissen. Legis hatte sich seiner Entscheidung gebeugt, aber sie war nur vor der Gewalt zurückgewichen. Keiner von ihnen konnte sagen, wieviel es ihr bedeutete, einen Quorrl das Heiligtum der Errish betreten und damit entweihen zu lassen. Vielleicht würde sie es verhindern, selbst wenn es ihr Leben kosten sollte. Aber weder Mork noch er hatten eine andere Wahl, als sich der Errish auf Gedeih und Verderb auszuliefern. Es gehörte nicht sehr viel Phantasie dazu, sich auszumalen, wie unmöglich es war, auf einem anderen Weg in die Heilige Stadt einzudringen. Zudem ahnte Vela zumindest, daß er früher oder später hier auftauchen würde - wenn sie es nicht schon wußte, und sie wäre nicht sie selbst gewesen, wenn sie nicht Vorsorge getroffen hätte, jeden Eindringling schon frühzeitig in Empfang zu nehmen. Sie hatten während des Fluges hierher weder Reiter noch ein anderes Anzeichen von Leben entdeckt, und die Mauern waren zu hoch und die Nacht zu dunkel, um erkennen zu können, ob auf den Wehrgängen über ihren Köpfen Wachen patrouillierten oder nicht. Aber die Errish hatte andere Möglichkeiten, mit unerwünschten Fremden fertig zu werden. Skar schob den Gedanken mit einem lautlosen Seufzer zur Seite und beeilte sich, Legis zu folgen. Ihre Schritte waren schneller geworden, und obwohl sie kaum eine Armlänge vor ihm ging, ließen sie der schwarze Mantel und die Lautlosigkeit ihrer Bewegungen nahezu mit der Nacht verschmelzen. Er würde früh genug Gelegenheit bekommen, sich mit Vela auseinanderzusetzen - wenn es ihnen überhaupt gelang, in die Stadt einzudringen. All die Warnungen und düsteren Geschichten, die um die Verbotene Stadt der Errish kreisten, fielen ihm plötzlich mit fast schmerzhafter Wucht wieder ein. Noch niemandem war es gelungen, gegen den Willen der Errish diese Stadt zu betreten und lebend wieder zu verlassen.

Aber schließlich hatte auch noch niemand eine Errish als Führerin gehabt, und vielleicht - wahrscheinlich sogar - hatte es noch niemand ernsthaft versucht.

Skar spürte beinahe so etwas wie Zorn, als ihm klarwurde, daß ihn die Aufgabe bereits zu reizen begann. Trotz allem war es eine Herausforderung, die eines Satai würdig war.

Aber er durfte nicht so denken. Nicht jetzt; nicht nach allem, was geschehen war. Es war zu schnell gegangen, zu überstürzt. Vor kaum zwei Tagen waren sie noch draußen in der Wüste gewesen, hundert oder mehr Meilen entfernt, und die Zeit, die sie gewonnen hatten, fehlte ihm. Für einen Moment zweifelte er fast, daß er schon bereit war. Er würde nur diese eine Chance haben, und vielleicht nicht einmal die.

Legis blieb so abrupt stehen, daß Skar um ein Haar gegen sie geprallt wäre. Sie waren jetzt ganz dicht an der Mauer; Skar konnte den kühlen Hauch, den das schwarze Gestein ausstrahlte, spüren. Diesmal war er sicher, daß er sich das Gefühl nicht einbildete. Der Stein war kalt, viel kälter, als er hätte sein dürfen. »Wie geht es weiter?« fragte er.