Irgend etwas geschah zwischen der Errish und der gewaltigen Raubechse. Die beiden ungleichen Wesen starrten sich an, und es kam Skar fast so vor, als redeten sie miteinander. Die Kiefer der Echse mahlten. Ihre Klauen zuckten, öffneten sich wie bizarre, dreifingrige Hände und schlossen sich wieder. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, Sekunden, in denen sich die Blicke der Errish und der Feuerechse ein stummes, gnadenloses Duell lieferten. Dann, zögernd und mit schwerfälligen, starren Bewegungen, drehte sich das gewaltige Tier um und begann langsam zurückzuweichen.
»Schnell!« rief Legis. »Kommt an Land! Ich weiß nicht, wie lange ich sie zurückhalten kann!«
Skar sah sich noch einmal nach Herger um, sah ihn wie einen gefangenen Fisch im Griff eines Quorrl zappeln und schwamm los. Die Strömung verstärkte sich, als er sich dem Ufer näherte, und er schaffte es fast nicht mehr, sich auf den glatten Felsen hinaufzuziehen. Erschöpft brach er in die Knie, blieb einen Moment keuchend und mit hämmerndem Herzen hocken und drehte sich dann herum, um den anderen zu helfen.
Herger war halb ertrunken, als er das Ufer erreichte. Der Quorrl, der ihn die ganze Zeit mit sich geschleift hatte, lud ihn wie eine leblose Last vor Skars Füßen ab, schüttelte abfällig den Kopf und ging. Skar kniete neben dem Hehler nieder, drehte ihn behutsam auf den Rücken und schlug ihm mehrmals, sanft und mit der flachen Hand, ins Gesicht. Herger stöhnte. Er hustete, erbrach würgend Wasser und Schleim und krampfte die Hände über dem Magen zusammen.
»Alles in Ordnung?« fragte Skar.
Herger versuchte zu lächeln, aber es mißlang ihm kläglich. »Wo ist... der Drache?« keuchte er.
»Fort. Legis hat ihn weggeschickt. Frag mich nicht, wie, aber sie hat es getan.«
»Es wird nicht lange halten, Skar«, sagte Legis.
Skar sah auf. Die Errish stand über ihm. Sie schwankte, und ihr Gesicht war grau. Das Wasser hatte die schwarze Farbe, die sie sich zur Tarnung ins Gesicht geschmiert hatte, aufgeweicht und verlaufen lassen, so daß sie ein bizarres Muster auf ihrer Haut bildete. Ihr Atem ging schnell und in hektischen Stößen. »Wir müssen von hier verschwinden«, fuhr sie fort. »Die Tiere kommen oft zum Trinken hierher, und ich glaube nicht, daß ich die Kraft habe, es noch ein zweites Mal zu tun.«
Skar fragte nicht danach, was sie ein zweites Mal tun wollte. Er nickte, stand auf und half Herger, auf die Füße zu kommen. »Kannst du laufen?« fragte er.
Herger nickte. »Ich denke.« Er sah Legis an. »Wie geht es weiter?«
»Wir müssen aus dieser Höhle heraus. Weiter hinten gibt es Gänge, die zu klein für die Drachen sind. Dort können wir ausruhen. Kommt jetzt.«
Sie deutete mit einer vagen Geste in die Dunkelheit hinter sich, drehte sich herum und fuhr mit einer raschen, nervösen Bewegung über ihr Gewand. Als sie losging, sah Skar, daß sie hinkte; sie mußte sich verletzt haben, entweder während des Tauchens oder beim Hinaufklettern auf das felsige Ufer.
Er versuchte vergeblich, die wattige Schwärze vor sich mit Blicken zu durchdringen. Die Höhle war groß, gewaltig - ein unterirdischer Dom, noch höher als Laynanyas unterirdische Festung. Ein eisiger Hauch streifte Skars Gesicht, als er sich herumdrehte, um Legis zu folgen. Ein schwer zu definierender Geruch lag in der Luft: Drachengestank.
Sie gingen mehr als hundert Meter hinter der rasch ausschreitenden Errish her, ehe sie die gegenüberliegende Wand endlich erkennen konnten. Sie war glatt, als wäre sie poliert worden, und mit verschlungenen, bizarren Linien und Strichen übersät; ein Muster, das im Ungewissen grauen Licht zu leben schien. Ein gewaltiger gezackter Tunnel mündete im rechten Drittel der Wand in die Höhle, daneben erkannte Skar andere, viel kleinere Gänge; Stollen, die vielleicht für menschliche Benutzer gedacht, vielleicht auch nur zufällig entstanden waren.
Legis deutete auf einen der kleineren Tunnels. »Dort hinein. Es ist der kürzeste Weg.« Ohne auf eine Antwort zu warten, beschleunigte sie ihre Schritte und verschwand gebückt in der dunklen Öffnung.
Das flackernde graue Licht blieb hinter ihnen zurück, als sie weitergingen. Skar streckte tastend die Hände nach beiden Seiten aus und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Es machte ihn nervös, nicht sehen zu können, wohin er ging. Er versuchte seine Schritte zu zählen, um wenigstens zu wissen, wie weit sie gingen, verzählte sich aber fast sofort und hörte damit auf. Legis war irgendwo vor ihm; eine körperlose Quelle schleifender und raschelnder Geräusche und hektischer Atemzüge.
Schließlich wurde es vor ihnen wieder hell; der gleiche, flackernde graue Schein, der schon die große Höhle draußen erfüllt hatte. Legis ging schneller und rannte die letzten Meter fast, ehe sie mit einem erleichterten Aufatmen stehenblieb und zu Skar zurückblickte. Ihr Gesicht war bleich.
Skar blieb neben ihr stehen und trat zur Seite, um Platz für die anderen zu schaffen.
Sie alle boten einen jämmerlichen Anblick. Sie waren durchnäßt, froren und waren am Ende ihrer Kräfte. Selbst die Quorrl hatten viel von der unbändigen Stärke, die sie bisher wie eine knisternde Aura umgeben hatte, verloren und wirkten nur noch müde. Skar zitterte. Der nasse Mantel klebte auf seiner Haut und kühlte ihn nur noch mehr aus, statt ihn zu wärmen, und er fühlte sich plötzlich so schwach, daß er sich gegen die Wand lehnen mußte.
Er hielt nach Herger Ausschau und entdeckte ihn zwischen Legis' Männern. Herger wankte vor Erschöpfung und war grau im Gesicht, aber unverletzt. Der Flug hierher hatte mehr von ihnen allen verlangt, als sie bisher selbst gemerkt hatten. Skar zweifelte plötzlich daran, daß sie wirklich eine Chance hatten. Vielleicht hätte er es auf eine offene Konfrontation mit Mork ankommen lassen sollen. Wenn es zum Kampf kam, würden ihm weder die Rebellen noch die Quorrl eine Hilfe sein, im Gegenteil.
Aber jetzt war es zu spät für solche Überlegungen.
»Wie geht es weiter?« fragte er.
»Wir sind fast am Ziel«, antwortete die Errish. »Aber der schwerste Teil liegt trotzdem noch vor uns. Wir sollten eine Weile hierbleiben und Kräfte sammeln.«
»Kräfte?« fragte Herger schweratmend. »Wozu? Kommt noch eine kleine Kletterpartie oder vielleicht noch ein Wasserfall, den wir hinauf schwimmen müssen?«
»Das nicht«, antwortete Legis ernsthaft. »Siehst du diesen Gang?« Sie deutete mit einer Kopfbewegung hinter sich. Sie standen in einem hohen, kuppelförmigen Raum mit rohen, kaum bearbeiteten Wänden, die ebenfalls über und über mit verschlungenen Linien und Runen bedeckt waren; Symbole einer fremden, vor Äonen untergegangenen Sprache, vielleicht aber auch nur eine sonderbare Maserung der Felsen. Auf der anderen Seite war ein niedriger, seltsam asymmetrischer Stollen zu sehen, ähnlich dem, aus dem sie gerade gekommen waren. Die Verbotene Stadt mußte auf einem wahren Labyrinth unterirdischer Gänge und Katakomben errichtet worden sein. Für einen Moment fühlte sich Skar an Combat erinnert; aber diese Stadt war anders, ganz anders. »Dahinter liegt der Aufgang«, fuhr Legis fort. »Eine schmale Treppe - leicht zu verteidigen, aber fast vergessen. Und sie wird nicht damit rechnen, daß wir auf diese Weise in die Stadt eindringen.«
»Ich hoffe, sie rechnet überhaupt nicht damit, sonst sind wir nämlich schon jetzt so gut wie tot«, knurrte Mork.
»Keine Sorge«, sagte Legis, eine Spur zu hastig. »Es wäre ein leichtes gewesen, uns draußen am Fluß in Empfang zu nehmen und zu töten.« Sie schüttelte heftig den Kopf. »Die Gefahr, von der ich spreche, ist eine ganz andere«, fuhr sie, zu Skar gewandt, fort. »Die Treppe führt direkt in den Palast der Ehrwürdigen Mutter hinauf. Es gibt so gut wie keine Wachen dort oben - niemand rechnet damit, daß jemand hierherkommen würde, um Hand an die Margoi zu legen. Aber um sie zu erreichen, müssen wir durch die Höhle der Drachen.«