»So wie du Del gezwungen hast?«
Mit einem Mal wirkte sie traurig. »Ich habe ihn nicht gezwungen, Skar«, sagte sie. »Was er tat, tat er freiwillig. Und der Vorwurf in deinen Worten ist ungerecht. Du hast ihn mir genommen. Ich weiß, daß du mich für seinen Tod verantwortlich machst, aber in Wirklichkeit bist du es, den die Schuld trifft. Er wäre noch am Leben, wenn du ihn damals nicht entführt hättest. Aber das ist jetzt vorbei«, fuhr sie mit veränderter Stimme fort. »Es hat wenig Zweck, über Dinge zu jammern, die geschehen sind. Und Del ist nicht tot. Er lebt. Die Sumpfleute haben ihr Versprechen gehalten und ihn wieder zum Leben erweckt.«
Skar schüttelte den Kopf. »Der Mann, der er einmal gewesen ist, lebt nicht mehr«, sagte er. »Du weißt das so gut wie ich. Weder du noch ich werden den Mann wiedersehen, den wir einmal« - er zögerte und sprach das Wort mit schmerzhafter Betonung aus - »geliebt haben. Es gibt ihn nicht mehr.«
»Ich glaube, du unterschätzt die Macht Coshs«, widersprach Vela. »Nicht einmal ich wäre den Sumpfzauberern gewachsen gewesen. Ich hätte die Schlacht verloren, wenn sie mich damals zum Kampf gezwungen hätten.«
Skar schürzte abfällig die Lippen. »Was sagtest du gerade? Es hat keinen Zweck, über Dinge zu reden, die vorbei sind?« Zu seiner Überraschung lachte Vela. »Du hast recht, Skar«, meinte sie. »Reden wir über Dinge, die sein werden - es wird dich interessieren, wie es Gowenna und ihren graugesichtigen Freunden geht. Sie waren nicht untätig, während du hierhergereist bist.« Skar starrte sie an. Die Erwähnung Gowennas weckte Erinnerungen in ihm, schmerzhafte Erinnerungen, die er vergessen wollte.
»O ja, sie lebt noch«, sagte Vela, als sie den Ausdruck auf seinen Zügen bemerkte. »Und sie ist - auf ihre Weise - so erfolgreich gewesen wie du. Sie und dein Freund Del haben ein Heer aufgestellt und vor wenigen Tagen den Götterpaß überschritten.« Sie lachte, und dieses Mal klang es wirklich amüsiert, und fuhr fort: »Als ob Elay durch ein Heer genommen werden könnte! Eigentlich sollte sie es besser wissen. Selbst wenn ich nicht hier wäre, und selbst wenn der Stein noch in Combat läge, wäre ein Angriff auf diese Festung sinnlos.«
»Immerhin ist es mir auch gelungen herzukommen.«
»Weil ich es wollte«, sagte Vela gleichmütig. »Und weil du einen mächtigen Verbündeten hattest. Nur eine Errish konnte euch den Weg durch die Höhlen zeigen, und nicht einmal mit ihrer Hilfe wäret ihr auch nur in die Nähe des Palastes gekommen, wenn ich euch nicht den Weg geebnet hätte. Es gibt Gefahren dort unten, von denen sich nicht einmal Legis etwas hätte träumen lassen. Du hast es gemerkt - von vierzehn seid nur ihr zwei noch am Leben. Was geschah mit den anderen, mit Mork und seinen Quorrl? Haben ihn die Drachen gefressen?«
Skar mußte all seine Kraft aufbieten, um sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Sie weiß es nicht, dachte er. Sie weiß nichts von Combats Wächter, und daß er hier ist.
»Mork habe ich getötet«, sagte er. »Die anderen ...« Er zuckte mit den Achseln. »Ich weiß nicht, was mit ihnen geschah. Legis und der Quorrl und ich gingen voraus, um den Weg zu erkunden. Als wir zurückkamen, waren sie tot. Alle.«
Vela wirkte für einen Moment überrascht.
»Eine der Gefahren, von denen du sprachst«, fügte er hastig hinzu. Seine Worte klangen nicht überzeugend, aber zu seiner Überraschung schien sich Vela mit dieser Erklärung zufriedenzugeben. Warum fragt sie nicht nach dem Wolf? dachte er. Sie weiß, daß er mich verfolgt. Sie hat meine Gedanken gelesen und hat ihn gesehen, als er ihr Heer angriff.
»Du hast ihn getötet. War es ein guter Kampf?«
»Nein«, antwortete Skar. »Es war Mord. Er hatte keine Chance.«
»Schade. Er war ein guter Mann. Ein würdiger Gegner für dich. Und auch für mich. Ich wußte, daß ihr früher oder später aneinandergeraten würdet, schon als ich euch das erste Mal beisammen sah. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.« Sie lächelte wieder, doch ihr Blick wurde plötzlich hart, und ein unsichtbarer grauer Schatten schien sich über ihre Züge zu legen. »Du bist mir ähnlicher geworden, als du ahnst, weißt du das?« fragte sie. »Du hast dein Versprechen wahrgemacht und mich gefunden, aber du hast deinen Weg mit Toten gepflastert. Du hast Andred getötet und Legis und Herger und Mork - habe ich jemanden vergessen?« Sie tat so, als überlege sie, und nickte. »Tantor. Ich vergaß Tantor in meiner Aufzählung. Aber dafür müßte ich dir dankbar sein. Ich hätte ihn sowieso beseitigen müssen. Er wurde zu mächtig.« Skars Hände begannen zu zittern. »Du ... du hast die Wahrheit gesagt«, krächzte er. »Erinnerst du dich, was du als Laynanya zu mir gesagt hast? Daß die Vela, die -«
Sie brachte ihn mit einer hastigen Geste zum Schweigen. »Ich weiß es, Skar. Du hältst mich für schlecht, nicht wahr?«
»Nicht schlecht«, korrigierte Skar sie. »Für böse. Für durch und durch böse.«
»Böse ...« Vela seufzte. »Ein großes Wort, und es spricht sich schnell aus. Aber was heißt das schon - böse? Böse ist immer nur der andere, Skar. Säßest du an meiner Stelle und ich an deiner, würde ich dich böse nennen. Das Recht ist immer auf der Seite des Siegers. Aber was heißt schon Recht? Ist Recht nicht das, wofür man kämpft, ganz gleich, was es ist? Glaubst du nicht, daß auch ein blutiger Tyrann meint, er wäre im Recht? Ist das, was wir Recht nennen, nicht letztlich nur ein anderes Wort für Stärke?« Sie schüttelte den Kopf, lehnte sich zurück und verzog rasch und schmerzlich die Lippen. Ihre Hand preßte sich auf den Leib. »Mein Angebot gilt noch immer«, fuhr sie nach einer Weile, abrupt das Thema wechselnd, fort. »Der Thron von Elay ist groß genug für zwei. Überlege es dir.«
»Du kennst die Antwort.«
»Ich fürchte, ja«, murmelte Vela. »Und es tut mir leid, Skar. Ich brauche dich.«
»Mich oder das, was ich bin?«
»Beides, Skar. Das eine habe ich, aber ich fürchte, das andere werde ich nie bekommen. Du siehst«, fügte sie mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, »nicht einmal meine Macht reicht aus, mir alle Wünsche zu erfüllen.«
Skar runzelte fragend die Stirn. »Was meinst du damit?«
Vela schwieg sekundenlang. »Du weißt es wirklich nicht?« Wieder legte sich ihre Hand auf die Wölbung ihres Leibes, aber diesmal war es keine Geste des Schmerzes. »Erinnerst du dich, was dir Laynanya über dieses Kind erzählte? Es war nur zum Teil wahr, Skar. Der Vater dieses Kindes ist ein Krieger, aber es war keiner meiner Männer, und es ist auch kein Kind der Gewalt. Ich wollte es haben. Ich brauche es, Skar, so wie ich dich brauche.« Skars Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Er hatte geglaubt, jenseits allen Schreckens zu sein, aber das war nicht wahr. Es gab keine Grenze des Schmerzes. »Du meinst...«
»Dieses Kind wird mein Erbe sein, Skar«, sagte Vela. »Unser beider Erbe. Es wird all die Macht haben, über die wir beide jemals geboten haben, und mehr. Ich hätte es gerne zusammen mit seinem Vater großgezogen. Erforsche deine Gefühle, und du wirst erkennen, daß ich dich nicht belüge. Es ist dein Kind, das ich unter dem Herzen trage.«
Eine eisige Hand griff nach Skars Herz und preßte es zusammen.
»Es ist dein Kind«, sagte Vela noch einmal. »Dein Sohn, Skar. Vielleicht wird es ein Kind des Schreckens sein, in deinen Augen, aber ich weiß, daß ich in mir den Knaben trage, der diese Welt verändern wird. Er wird deine Macht erben, und ich werde dafür sorgen, daß er lernt, sie anzuwenden. Das, was ich vermag, wird nichts gegen ihn sein. Er wird über die Macht der Alten gebieten, Skar, so wie du es gekonnt hättest.«
Skar spürte, daß er zu schwanken begann, und klammerte sich im letzten Moment an der Tischkante fest. Hinter seiner Stirn begannen die Gedanken auf und ab zu hüpfen, einen wirren, unkontrollierbaren Tanz aufzuführen. Aber Vela war noch nicht fertig. »Du glaubst, für das Gute zu kämpfen, Skar«, fuhr sie fort, »aber es ist dein Erbe, das ich in mir trage. Du kannst dich selbst belügen, aber du kannst dich nicht verleugnen. Du bist mein Verbündeter, ob du es willst oder nicht. Das Kind, das ich austrage, wird dein Kind sein, und es wird die Kraft seines Vaters sein, die diese Welt verändert. In einem hattest du recht - ich bin nicht stark genug, das zu tun, was ich wollte. Ich habe den Stein Studiert und versucht, mich mit ihm vertraut zu machen, aber ich habe meine Grenzen erkennen müssen. Ich kann ein wenig mit den Jahreszeiten herumspielen und die Gedanken von Menschen und Tieren beeinflussen, aber ich kann nicht die Zukunft verändern. Er wird es können.«