»Es ist kein Kampf«, sagte Skar. »Es ist Mord. Sie sind schon jetzt halb erfroren - glaubst du, sie hätten eine Chance gegen deine Drachen und diese« - er wies auf die schwarzen Hornkrieger und verzog abfällig das Gesicht - »diese Kreaturen?«
»Natürlich nicht«, antwortete Vela ruhig. »Hätten sie sie, wäre ich nicht hier, Skar. Aber ich glaube, du hast noch immer nicht begriffen, warum wir hier sind, du und ich. Du willst diese Schlacht nicht? Ein Wort von dir genügt, und wir ziehen uns zurück. Du weißt, welches.«
Skar starrte sie an. Seine Hände zuckten.
»Dort unten sind mehr als zweitausend Krieger«, fuhr Vela fort. »Menschen, Quorrl, Sumpfleute - und ein paar deiner Freunde. Ihr Leben liegt in deiner Hand. Entscheide dich. Ein Wort von dir, und wir rücken ab. Der Thron von Elay wartet noch auf dich. Du kannst herrschen, Skar. Du wirst mehr Macht in Händen halten als jemals ein Mann vor dir.«
»Hör auf«, flüsterte er.
»Aufhören?« Vela sog geräuschvoll die Luft ein. »Du verkennst deine Lage, Satai«, sagte sie. »Du hast nichts zu fordern, und du bist nicht in der Situation, mir Vorwürfe zu machen. Wenn es zur Schlacht kommt, dann ist es deine Schlacht, Skar. Die Schuld am Tod dieser Männer dort unten wirst du tragen. Du allein, nicht ich!«
»Das ist nicht wahr«, stöhnte Skar. »Du -«
»Du hast mich böse gemacht«, fiel ihm Vela ins Wort. »Vielleicht bin ich es - in deinen Augen. Aber ich gebe dir die Möglichkeit, dieses Morden zu verhindern, Skar. Ich weiß, wie hoch dir der Preis dafür vorkommen muß, aber wenn du wirklich der Mann bist, der du zu sein vorgibst, dann bezahle ihn. Ich verlange nichts als dein Wort, bei mir zu bleiben und deine Feindschaft zu vergessen. Keine Hilfe. Was zu tun ist, werde ich tun.«
»Ich brauche nur stillzuhalten, nicht?« fragte Skar mühsam. »Du verlangst nichts von mir, als daß ich zusehe, wie du diese Welt vernichtest.«
»Unsinn. Ich glaube, du überschätzt uns beide, Skar. Wir können diese Welt weder vernichten noch retten. Aber dein Sohn wird es können. Wäre dir nicht wohler, wenn du dabeisein und ihn lenken könntest? Wenn ich so abgrundtief schlecht bin, wie du mich siehst, kannst du es dann verantworten, die Erziehung dieses Kindes allein in meine Hände zu legen?«
Skar schwieg. Vela starrte ihn noch eine Weile an, nickte dann und straffte die Schultern. »Wie du willst, Skar.« Sie hob die rechte Hand mit dem Stein, schloß die Augen und murmelte lautlose Worte. Skar vermeinte ein leises Knistern zu hören, ein Geräusch wie von fernen Blitzen, und die Luft roch plötzlich wie nach einem Gewitter. Der Stein begann in ihrer Hand zu glühen in einem kalten, unerträglich gleißenden Licht. Eine knöcherne Hand legte sich von hinten auf Skars Schulter und hielt ihn fest.
Ein unwirkliches blaues Licht begann sich über dem Tal auszubreiten. Es sah aus, als glühten die wirbelnden Schneewolken, und die Männer und Quorrl dahinter waren nicht mehr als Motten, die dem Licht zu nahe gekommen waren und verbrannten. Ihre Bewegungen wirkten plötzlich abgehackt und hastig. Dann riß die kochende Wand auf mit beinahe schmerzhafter Plötzlichkeit. Der letzte Schnee sank zu Boden, und das Tal lag als weißer, von unbestimmbarer Bewegung erfüllter Abgrund vor ihnen.
»Du hast recht, Skar«, sagte Vela spöttisch. »Es war unfair. Ich werde ihnen zumindest Gelegenheit geben, sich zur Schlacht zu formieren.«
Skar ballte in hilflosem Zorn die Fäuste. ›Ein Wort von dir‹, hallten Velas Worte hinter seiner Stirn nach. Ein einziges Zeichen von ihm, und dieses sinnlose Morden würde nicht stattfinden. »Nun?« fragte Vela. In ihrer Stimme war jetzt eine winzige, aber hörbare Spur von Ungeduld. »Hast du dich entschieden?« Er konnte sich nicht entscheiden. Niemand konnte eine solche Entscheidung von irgend jemandem verlangen.
Vela wartete. Ihr Gesicht war zu einer reglosen Maske erstarrt, und als er sie ansah, glaubte er für einen winzigen Moment hinter ihren Zügen etwas anderes zu erkennen, das Antlitz von etwas unsagbar Fremdem, Uraltem. Sie war nicht mehr sie selbst. Sie hatte unrecht gehabt. Die Schuld an dem, was jetzt geschah, traf nicht ihn und auch nicht sie. Nicht mehr. Sie bestimmten beide nicht mehr, was geschehen würde. Schon lange nicht mehr.
Er senkte den Blick und wandte sich ab, soweit es der unbarmherzige Griff der Hornkrieger zuließ. Unten im Tal begannen sich die Rebellen zu formieren. Der Schneesturm hatte vollkommen aufgehört, und die weiße Decke war schon nach Minuten von Tausenden von Füßen und Hufen zertrampelt und zu braunem Matsch geworden. Er versuchte einen Blick zur Höhle der Daktylen zu werfen, aber ihr Eingang war zu weit entfernt, als daß er mehr als hektische Aktivität hätte erkennen können.
Skar versuchte jedes Gefühl auszuschalten und nur noch ein Krieger zu sein, der dem Verlauf der Schlacht zusieht. Er erkannte eine Anzahl graugekleideter, huschender Schattengestalten zwischen den Quorrl, und einmal meinte er, für Sekunden einen hünenhaften gepanzerten Mann zu erblicken, war sich aber nicht sicher, ob es wirklich Del war. Als er dort unten gewesen war, hatte ihn die Größe der Schlucht erstaunt, aber jetzt schien sie kaum auszureichen, um all die Krieger aufzunehmen, die sich dort zum Kampf formierten. Es waren Sumpfleute unter ihnen, sehr viele Sumpfleute. Gowenna mußte mehr als tausend Reiter aus Cosh mitgebracht haben - eine ungeheure Armee. Und doch ein Nichts gegen die Kräfte, die ihnen gegenüberstanden.
»Sieh gut hin, Skar«, sagte Vela. »Du bist noch nie Zeuge einer totaleren Niederlage gewesen.«
Skar wollte nicht antworten, aber Velas Worte weckten einen sinnlosen Zorn in ihm. »Ich habe gelernt, mich erst über einen Sieg zu freuen, wenn der Kampf vorbei ist«, knurrte er.
Ein amüsiertes Lächeln spielte um die Lippen der Errish. »Es wird nicht lange dauern«, sagte sie. »Sieh hin.«
Skar gehorchte. Vielleicht hätte er sich jetzt umwenden und gehen sollen, aber das wäre ein Verhalten gewesen, das in seiner Lage allerhöchstens lächerlich gewirkt hätte.
Die Rebellen formierten sich zu drei Gruppen - zwei Trupps von je tausend Mann, die Hälfte davon zu Pferd, die andere zu Fuß; eine dritte, kleinere, bestand nur aus Reitern und schloß sich hinter den beiden großen Einheiten zusammen.
»Das gilt uns«, sagte Vela amüsiert. »Mein Respekt. Sie haben immerhin erkannt, daß wir nur wenige sind.« Sie lachte. »Aber ich fürchte, wir sind nicht so wehrlos, wie deine Freundin und Del glauben.« Sie gab einem ihrer Begleiter einen Wink. Der Mann entfernte sich hastig und kam wenige Augenblicke später zurück, ein zusammengeschobenes wuchtiges Fernglas in der Hand. Vela nahm es entgegen, zog es auseinander und setzte es sich an die Augen.
»Tatsächlich«, murmelte sie, nachdem sie eine Weile hindurchgesehen hatte. »Sie sind dabei.« Sie setzte das Glas wieder ab, wog es nachdenklich in der Hand und wandte sich an Skar. »Du kennst sie - ist es nun Heldenmut, oder will sie sich nur den Triumph nicht nehmen lassen, mich selbst zu töten?«
Skar schwieg. Vela trat auf ihn zu, hob die Hand, um ihm das Glas zu reichen, und überlegte es sich im letzten Augenblick anders. »Laßt sie herankommen«, sagte sie mit erhobener Stimme. »Vernichtet die Krieger, aber laßt die Frau und den Satai am Leben.«
Skar fuhr auf, aber einer seiner Bewacher riß ihn mit einer blitzschnellen Bewegung zurück.
»Schone deine Kräfte«, sagte Vela gelassen. »Verfluche mich ruhig, wenn es dir Erleichterung verschafft. Aber streng dich nicht an - der interessanteste Teil steht uns noch bevor.«
Skar bäumte sich verzweifelt auf, doch der Griff des Dämonenkriegers lockerte sich nicht um einen Millimeter. Skars Bemühungen schienen den Druck der unmenschlich starken Hände sogar noch zu verstärken.