Vela sah wieder nach Süden. Die beiden großen Heeresgruppen der Rebellen hatten mit dem Aufstieg aus dem Tal begonnen. Aber sie rückten langsamer vor, als Skar erwartet hatte. Vielleicht fanden die Pferde auf dem spiegelglatt gefrorenen Boden keinen rechten Halt; vielleicht hatten auch der tagelange Sturm, die Kälte und die zyklopischen Gewitter, die Velas eigentlicher Streitmacht wie unsichtbare apokalyptische Vorboten vorausgeeilt waren, ihre Kräfte schon soweit erlahmen lassen, daß sie zu keinem größeren Tempo mehr fähig waren. Skar versuchte, die Geschwindigkeit der beiden Heere abzuschätzen - wenn die Rebellen ihren Vormarsch nicht sehr bald beschleunigten, dann würde der entscheidende Zusammenstoß unmittelbar am Rand der Schlucht stattfinden.
»Worauf warten sie?« fragte Vela. Skars Blick folgte dem ihren. Die dritte, kleinere Formation der Rebellen hatte sich bisher nicht von der Stelle gerührt. Meldereiter galoppierten hektisch hin und her, und unter den Männern war eine allgemeine Unruhe ausgebrochen - aber sie blieben, wo sie waren, obgleich es kaum ein Ritt von zehn Minuten hier herauf gewesen wäre.
»Sie wartet«, sagte Skar ruhig. »Sie wartet, bis die Schlacht beginnt. Der beste Zeitpunkt für einen direkten Angriff auf das feindliche Hauptquartier ist immer der Moment der Schlacht.« Vela nickte. »Sie fürchtet, wir könnten sonst Verstärkung von unserem Hauptheer bekommen«, murmelte sie. Ihre Vermutung war so unsinnig wie falsch, aber Skar ging nicht darauf ein. Langsam begann er zu ahnen, welchem Plan die Rebellen folgten. Wenn seine Vermutung zutraf, war der Plan genial. Aber auch er würde nichts nützen.
Aus der großen Höhle am anderen Ende der Schlucht stob plötzlich ein Schwarm dunkler, fledermausflügeliger Punkte. Daktylen. Ihre Zahl überraschte Skar. Er war selbst in dieser Höhle gewesen und hatte gesehen, daß es viele waren - aber nicht so viele! Es mußten weit über hundert Tiere sein, die in einem breiten, nicht abreißenden Strom aus der Erde stoben und sich über dem Tal formierten. Das helle, aufgeregte Krächzen der Drachenvögel erfüllte die Luft. Skar nickte anerkennend. Einem Gegner aus Fleisch und Blut hätten die Rebellen mit ihren gewaltigen Kampfechsen eine tödliche Überraschung bereitet.
»Sie greifen an«, flüsterte Vela. Ihre Stimme bebte vor Erregung. Aber es war eine Erregung, die ihn abstieß. Er hatte sie schon unzählige Male gesehen, das Brennen in den Augen, das unbewußte Zittern der Lippen - er kannte diese Art von Erregung aus zahllosen Arenakämpfen, er hatte sie immer gesehen, wenn er Blicke zu den Rängen hinaufgeworfen hatte, ehe die tödlichen Duelle begannen. Plötzlich ekelte er sich vor Vela, vor dem, was aus ihr geworden war.
Aber vielleicht belog er sich auch nur selbst. Vielleicht sah er nur, was er sehen wollte, um seinen Haß zu rechtfertigen.
Die Daktylen hatten ihren Aufmarsch beendet und bildeten einen gewaltigen, leicht auseinandergezogenen Kreis. Die Köpfe der Tiere wiesen nach Westen auf das näherrückende Heer der Drachen und Hornkrieger. Einer der Quorrl auf ihren Rücken hob die Arme und stieß einen scharfen Befehl aus. Skar hörte den Laut wie ein leises Flüstern, das der Wind herantrug. Durch die Formation der Flugdrachen ging eine Welle der Bewegung. Aus dem Kreis wurde ein Oval, dann ein langgezogenes, spitz zulaufendes Dreieck, das mit phantastischer Geschwindigkeit auf das Heer der Errish zuraste.
Sie schafften nicht einmal die halbe Strecke.
Zwischen und über den Drachen blitzte es grell auf. Dünne weiße Lichtbahnen zuckten der angreifenden Daktylenarmee entgegen, und dann war der Himmel voller brennender Vögel und Quorrl, voller Flammen und Schreie und Blut. Skar schloß entsetzt die Augen, aber der grelle Feuerschein der Errish-Waffen fraß sich selbst durch seine geschlossenen Lider hindurch, und der Hornkrieger hielt ihn mit unbarmherziger Kraft fest, so daß er den Kopf nicht abwenden konnte.
Es dauerte nicht einmal zwei Minuten. Die geordnete Angriffsformation der Daktylenreiter verwandelte sich in ein Chaos schreiender, kopflos flüchtender Tiere, aber die Errish ließen ihnen nicht die kleinste Chance. Schon die erste überraschende Salve aus den fürchterlichen Waffen hatte fast ein Viertel der Drachen vom Himmel gebrannt. Und die Errish schossen weiter, auch als die Quorrl ihre Tiere herumrissen und verzweifelt zum Tal zurückflogen. Immer und immer wieder griff das Feuer der Sterne nach den schwarzen Flugechsen, verwandelte ihre Körper in Fackeln und ihre Reiter in schreiende Bündel, die wie Sternschnuppen zu Boden stürzten und den Fluchtweg der Quorrl auf grausige Weise markierten. Nicht einmal ein Zehntel der Streitmacht, die aus den Höhlen aufgestiegen war, kam lebend zurück.
»Hör auf«, flehte Skar. »Hör auf mit diesem Wahnsinn.«
»Es ist kein Wahnsinn«, antwortete Vela, ohne den Blick von dem grausigen Schauspiel zu wenden. »Es ist Krieg, Skar - ich dachte nicht, daß ich den Unterschied einem Krieger erklären muß.«
Skar antwortete nicht mehr. Sie wollte ihn nicht verstehen. Was sie tat, dieses ganze mörderische Schauspiel, sollte nur dem Zweck dienen, ihn zu quälen.
»Was hast du davon, wenn ich aufgebe?« fragte er. »Ich würde dich bei der ersten Gelegenheit -«
»Hintergehen und verraten?« fiel ihm Vela ins Wort. »Kaum, Skar. Davor wüßte ich mich zu schützen, glaub mir. Entscheide dich.« Sie wies hinter sich. Die beiden ungleichen Heere waren weiter aufeinander zugekrochen und standen sich auf wenig mehr als Pfeilschußweite gegenüber. Skar trat an Vela vorbei, geführt und gehalten von den schwarzen Giganten aus Tuan. Einen Moment lang stemmte er sich mit aller Kraft gegen den Druck der eisigen Pranken, die ihn zwangen, dem schrecklichen Geschehen weiter zuzusehen; dann gab er auf.
Die Front der Drachenreiterinnen näherte sich der Schlucht und zog sich gleichzeitig weiter auseinander. Skar wartete darauf, wieder das grelle Sternenfeuer der entsetzlichen Waffen aufflammen zu sehen, aber diesmal schienen die Errish einen anderen Plan zu verfolgen. Kurz bevor die beiden Armeen aufeinanderstießen, spalteten sich die Drachen in drei gleich große, dicht zusammengedrängte Gruppen, wandelnden Festungen gleich, gegen die die heranstürmenden Reiter und Fußtruppen schlichtweg lächerlich wirkten.
Aber der erwartete Zusammenprall blieb aus. Die Reiterei der Rebellen verwandelte sich Augenblicke zuvor in einen quirlenden, auseinanderspritzenden Haufen, durch den die Drachen hindurchstießen, ohne auf nennenswerten Widerstand zu treffen. Die ungestüme Wucht ihres Ansturms verpuffte, und es gab plötzlich nichts, wogegen sie kämpfen konnten.
Vela runzelte die Stirn und sah überrascht Skar an.
»Du hattest recht«, sagte Skar mit einem dünnen, humorlosen Lächeln. »Del ist bei ihnen. Dieser Plan dürfte von ihm stammen. Wäre ich dort unten, hätte ich euch auf die gleiche Weise in die Falle gelockt.«
»Falle?« wiederholte Vela. »Von was für einer Falle sprichst du, Satai?«
Skar deutete mit einer Kopfbewegung ins Tal. »Von dieser dort, Errish.«
Vela fuhr herum. In den wenigen Sekunden, die sie miteinander geredet hatten, hatte sich das Bild vollkommen gewandelt. Die Rebellen hatten sich neu formiert, aber sie bildeten jetzt keine gerade Schlachtreihe mehr, sondern zwei langgezogene, einander überlappende Halbkreise hinter den Drachen, aus denen ein Hagel von Wurfgeschossen und Pfeilen auf die Errish und ihre gewaltigen Echsen herunterregnete. Skar sah, wie zwei, drei der graugekleideten Gestalten getroffen aus den Sätteln kippten. Eine der Echsen stieß plötzlich einen trompetenhaften, unglaublich lauten Schrei aus, hob die Vorderläufe zum Kopf und begann zu toben. Der Pfeilregen verstärkte sich, und weitere Errish stürzten aus den Sätteln. Vereinzelt blitzten jetzt doch die grellen weißen Lichtbahnen ihrer magischen Waffen auf, aber das quirlende, sich ständig in Bewegung befindende Reiterheer bot kein gutes Ziel für die dünnen Blitze, und für einen getroffenen Reiter erschien sofort ein neuer und füllte die Lücke.