Kahlan war überzeugt, genügend lodernde Kraft in ihrem Innern zu haben, um diese Gipfel dem Erdboden gleichzumachen. Ein falsches Wort, eine falsche Bewegung von der Hexe – mit der sie sich als Bedrohung für Richard erwies –, und es wäre mit ihr vorbei.
Die Straße führte eine leichte Anhöhe hinauf, von wo aus Kahlan die Türme des Palastes durch die Bäume schimmern sah. Samuel warf einen Blick nach hinten, um zu prüfen, ob sie ihm noch immer folgte, Kahlan jedoch war auf seine Führung nicht angewiesen. Sie wußte, daß Shota in dem kleinen Wäldchen unten wartete.
Die Hexe war der allerletzte Mensch, den Kahlan je hatte wiedersehen wollen, doch wenn sich das schon nicht vermeiden ließ, dann sollte das Treffen diesmal wenigstens zu ihren Bedingungen ablaufen.
Samuel blieb stehen und deutete mit seinem langen Finger nach vorn. Seine gelben Augen sahen sich wütend nach Kahlan um. »Die Herrin will dich.«
Kahlan drohte ihm. Fäden blauen Lichts umzuckten den erhobenen Finger knisternd.
»Wenn du mir in die Quere kommst oder dich einmischst, stirbst du.«
Sein Blick wanderte von ihrem Finger zurück zu ihren Augen. Er zog die blutleeren Lippen zurück und fauchte, dann sprang er davon, unter die Bäume.
Gehüllt in einen Kokon aus brodelnder Magie, stieg Kahlan weiter den Hang hinunter zu der wartenden Hexe. Der Wind war frühlingshaft warm, es war ein strahlend heller und heiterer Tag. Kahlan verspürte keine Heiterkeit.
Im Schutz der hohen Ahornbäume, der Eschen und Eichen stand ein weiß gedeckter Tisch mit Speisen und Getränken. Dahinter, auf drei quadratischen weißen Marmorplatten, sah Kahlan einen wuchtigen, mit vergoldeten Schnitzereien aus Ranken sowie Schlangen und anderen Tieren verzierten Thron.
Shota saß da wie eine Königin, ein Bein beiläufig über das andere geschlagen, während sie mit alterslosen Mandelaugen verfolgte, wie Kahlan näher kam. Ihre Arme lagen auf den hohen, weit auseinanderstehenden Lehnen des Sessels. Die Hände ruhten in arroganter Manier auf goldenen Monsterköpfen. Die Monsterköpfe rieben sich an ihren Händen, als hofften sie darauf, liebkost zu werden. Ein schwerer, mit rotem Brokat behangener und mit goldenen Quasten geschmückter Baldachin schützte die Besitzerin vor der Morgensonne, und doch glänzte ihr üppiges kastanienbraunes Haar hell.
Nicht weit davon entfernt blieb Kahlan unter dem unerschütterlichen, durchdringenden Blick der Hexe stehen. Der blaue Blitz schrie danach, freigesetzt zu werden.
Shota klickte mit den lackierten Fingernägeln aneinander. Ein selbstzufriedenes Grinsen spielte über ihre vollen roten Lippen.
»Sieh an, sieh an«, meinte Shota mit ihrer samtweichen Stimme. »Die jugendliche Meuchelmörderin ist endlich eingetroffen.«
»Ich bin keine Meuchelmörderin«, erwiderte Kahlan. »Und ich bin auch kein Kind. Aber Eure Spielchen bin ich leid.«
Shotas Lächeln erlosch. Sie stützte die Hände auf die Lehnen des Sessels und erhob sich. Der Spitzensaum ihres schleierdünnen, tief ausgeschnittenen, bunt schillernden Kleides wogte in der sanften Brise. Ohne den Blick von Kahlan abzuwenden, stieg sie die drei weißen Marmorstufen hinunter.
»Ihr seid spät dran.« Shota deutete mit ausgestreckter Hand auf den Tisch. »Der Tee wird kalt.«
Kahlan zuckte zusammen, als ein Blitz aus heiterem Himmel herabfuhr und in die Teekanne einschlug. Erstaunlicherweise zersprang sie nicht.
Shota sah kurz hinunter auf Kahlans Hände, dann schaute sie ihr wieder in die Augen. »Na bitte. Ich denke, jetzt ist er wieder heiß. Wollt Ihr Euch nicht setzen? Wir werden zusammen Tee trinken und uns … ein wenig unterhalten.«
Kahlan wußte, daß Shota das drohende blaue Licht bemerkt hatte, und zahlte ihr das selbstzufriedene Lächeln mit gleicher Münze heim. Die Hexe zog einen Stuhl heran und setzte sich. Sie machte abermals eine einladende Handbewegung.
»Nehmt bitte Platz. Ich könnte mir denken, daß Ihr einiges mit mir besprechen wollt.«
Kahlan ließ sich auf den Stuhl gleiten, während Shota, mit ihrer anderen Hand den weißen Kannendeckel haltend, Tee einschenkte. Dampf stieg aus den Tassen. Der Tee war tatsächlich heiß. Shota nahm den goldverzierten Servierteller vom Tisch und bot Kahlan geröstetes Weißbrot an. Vorsichtig nahm Kahlan eine der knusprig goldenen Scheiben vom Teller. Shota schob eine Schale mit Honigbutter über den Tisch.
»Tja«, meinte Shota, »wenn das kein unerfreulicher Anlaß ist.«
Shota nahm ein silbernes Messer zur Hand und bestrich das Brot mit Honigbutter. Sie trank einen Schluck Tee.
»Eßt nur, mein Kind. Einen Mord begeht man am besten mit vollem Magen.«
»Ich bin nicht gekommen, um Euch zu ermorden.«
Shotas schlaues Lächeln kehrte zurück. »Nein, vermutlich ist es Euch gelungen, eine Rechtfertigung dafür zu finden. Vergeltung, ja? Oder vielleicht Selbstschutz. Strafe? Sühne? Gerechtigkeit?« Das aalglatte Lächeln wurde breiter. Sie zog eine Braue hoch. »Schlechte Manieren?«
»Ihr habt Nadine geschickt, damit sie Richard heiratet.«
»Ach, Eifersucht also.« Shota lehnte sich zurück und nippte an ihrem Tee. »Ein edles Motiv, wäre es berechtigt. Euch ist hoffentlich klar, daß Eifersucht ein grausamer Ratgeber sein kann.«
Kahlan biß von dem knusprigen Brot ab. »Richard liebt mich, und ich liebe ihn. Wir sind verlobt und wollen heiraten.«
»Ja, das weiß ich. Für jemanden, der behauptet, ihn zu lieben, hätte ich Euch für einsichtiger gehalten.«
»Für einsichtiger?«
»Natürlich. Wenn man jemanden liebt, dann möchte man, daß er glücklich ist. Man will für ihn das Beste.«
»Ich mache Richard glücklich. Er will mich. Ich bin das Beste für ihn.«
»Tja, wir können nicht immer kriegen, was wir wollen, meint Ihr nicht auch?«
Kahlan leckte Honigbutter von ihrem Finger. »Verratet mir nur eins, warum wollt Ihr Unheil über uns bringen?«
Shota wirkte ehrlich überrascht. »Unheil über Euch bringen? Glaubt Ihr das tatsächlich? Ihr glaubt, ich täte das aus Gehässigkeit?«
»Warum sonst solltet Ihr unablässig versuchen, uns zu trennen oder uns zu schaden?«
Shota biß übertrieben vorsichtig ein Stück von ihrem Brot ab. Sie kaute lange. »Ist die Pest bereits ausgebrochen?«
Die Tasse machte auf halbem Weg zu Kahlans Lippen halt. »Woher wißt Ihr davon?«
»Ich bin eine Hexe. Ich sehe den Fluß der Ereignisse. Ich will Euch eine Frage stellen. Angenommen, Ihr besucht ein kleines Kind, das an der Pest erkrankt ist, und die Mutter des Kindes fragt Euch, ob sich das Kind wieder erholen wird, und Ihr sagt ihr die Wahrheit. Wärt Ihr dann schuld am Tod des Kindes, weil Ihr ihn vorhergesagt hättet?«
»Natürlich nicht.«
»Aha. Dann werde also nur ich nach anderen Maßstäben beurteilt.«
»Ich beurteile Euch nicht. Ich will nur, daß Ihr aufhört, Euch in Richards und mein Leben einzumischen.«
»Dem Überbringer einer schlechten Nachricht wird oft die Schuld an der Katastrophe zur Last gelegt.«
»Shota, bei unserer letzten Begegnung habt Ihr gesagt, sollten wir dem Hüter Einhalt gebieten, wärt Ihr uns etwas schuldig. Ihr habt mich gebeten, Richard zu helfen. Wir haben dem Hüter Einhalt geboten. Es hat uns einen hohen Preis gekostet, trotzdem haben wir es getan. Ihr seid uns etwas schuldig.«
»Ja, ich weiß«, meinte Shota leise. »Deswegen habe ich auch Nadine geschickt.«
Kahlan spürte, wie das Tosen der Kraft in ihrem Innern heftiger wurde. »Das scheint mir eine seltsame Art zu sein, jemandem seine Wertschätzung zu beweisen – eine Person zu schicken, um auf diese Weise dessen Leben zu ruinieren.«
»Nein, mein Kind«, antwortete Shota sanft. »Ihr seid blind für die Wahrheit.«
Kahlan mußte Richard helfen und aus Shota so viel herauslocken, wie möglich war, doch falls es nicht anders ging, würde sie ihren Verlobten und sich verteidigen. Bis dahin würde sie diese weitschweifige Unterhaltung über sich ergehen lassen, wenn sie dazu beitrug, die benötigten Antworten zu bekommen. Und sie benötigten Antworten.
»Was wollt Ihr damit sagen?« Shota nippte an ihrem Tee. »Habt Ihr Richard schon beigewohnt?«