Kara war klug genug, darauf nicht zu antworten, sondern nur hastig die Augen zu senken; und wie sie gehofft hatte, verrauchte Angellas Zorn fast ebenso schnell wieder, wie er aufgeflammt war.
Angella seufzte tief und fuhr sich erschöpft mit beiden Händen über das Gesicht. »Es war meine Schuld«, sagte sie. »Ich hätte dich nicht allein in Jans Haus zurücklassen dürfen. Vielleicht hätte ich dich erst gar nicht mit hierher bringen dürfen.«
Sie nahm die Hände herunter. »Irgend etwas muß geschehen.«
»Es wird bestimmt nicht wieder vorkommen«, versprach Kara.
Angella lächelte traurig. »Das glaube ich dir sogar. Aber das allein reicht nicht. Du hast Elder gehört. Er ist ein einflußreicher Mann. Ich muß mir irgend etwas einfallen lassen, um ihn zu beruhigen. Er kann uns Schwierigkeiten machen, wenn er will, und ich fürchte, er...«
Draußen auf dem Flur waren polternde Schritte zu hören, und dann wurde die Tür aufgerissen, und Jan stürmte herein. Sein Atem ging so schnell und schwer, daß er Mühe hatte, überhaupt zu sprechen.
»Der Stollen!« stieß er hervor. »Er ist eingestürzt! Loban und zwei der anderen sind verschüttet worden!«
7
Am nächsten Morgen waren Karas Kopfschmerzen immer noch nicht gewichen. Kara kam sich schäbig vor. Der Umstand, daß die Katastrophe vom gestrigen Tag Angellas Zorn auf sie hatte unwichtig werden lassen, gab ihr irgendwie das Gefühl, mitschuldig am Tod der drei Männer zu sein. Das war zwar Unsinn, aber seit wann fragten Gefühle nach Logik?
Die Leichen der drei Männer waren noch nicht geborgen worden, aber es gab keine Aussicht mehr, sie lebend zu bergen. Sie waren in eineinhalb Meilen Tiefe verschüttet.
Angella war den vergangenen Tag fortgewesen, und als sie und Jan spät am Abend zurückkehrten, waren sie so erschöpft, daß Kara nicht mehr mit ihr hatte reden können. Am nächsten Morgen ließ sie Kara jedoch schon eine Stunde vor Sonnenaufgang wecken und in die Wohnküche bringen.
Es war noch dunkel. Eine einzelne Kerze brannte und verbreitete weitaus mehr Schatten als Licht im Raum; und in der Luft hing der Geruch von würzigem Tee und frischem Brot. Angella sah so müde und erschöpft aus, als hätte sie in dieser Nacht überhaupt nicht geschlafen.
»Setz dich«, sagte sie und machte eine matte Handbewegung. Kara gehorchte. Schweigend saß sie da und wartete, daß Angella etwas sagte, aber ihre Lehrmeisterin starrte sie nur an; mit einem Blick, der in weite Ferne gerichtet war, nur nicht auf Karas Gesicht. Schließlich brach Kara das Schweigen.
»Hat man... sie gefunden?« fragte sie leise.
Es dauerte eine Weile, bis Angella überhaupt auf die Worte reagierte. Sie blinzelte und schien Mühe zu haben, den Sinn von Karas Frage zu verstehen. »Nein«, entgegnete sie schließlich. »Wir haben... die Suche abgebrochen. Es war zu gefährlich.« Sie brach wieder ab, als die Tür aufging und einer von Jans Hornköpfen hereinkam, um ein weiteres Geschirr für Kara aufzutragen. Kara verspürte ein rasches, eisiges Frösteln, als sich das vierarmige, schlanke Geschöpf neben ihr vorbeugte, um den Tisch zu decken. Seine Bewegungen waren ruckhaft und so abgehackt wie die einer Maschine. Alles, was Kara hörte, war ein wisperndes Rascheln, ganz wie leiser Wind in trockenem Laub. Sie schwiegen, bis der Diener das Zimmer wieder verlassen hatte, und obgleich der Anblick der Speisen schlagartig Karas Hunger weckte, zögerte sie einen Moment, danach zu greifen; einfach nur, weil es ein Hornkopf gewesen war, der sie aufgetragen hatte. »Iß«, sagte Angella. Kara fuhr leicht zusammen. Sie erschrak darüber, daß Angella wieder einmal ihre Gedanken erraten hatte. Rasch griff sie zu und begann zu essen.
»Wir suchen später weiter«, knüpfte Angella nach einer Weile das unterbrochene Gespräch an. »Du wirst uns begleiten.«
Kara sah sie fragend an.
»Nimm es als eine Belohnung dafür, daß du mir gestern das Leben gerettet hast. Hätte man mich nicht gerufen, um die Wogen zu glätten, dann läge ich jetzt dort unten im Schacht.«
Sie trank einen Schluck Tee. »Außerdem habe ich diesem Trottel Elder mein Wort gegeben, dich nicht mehr aus dem Auge zu lassen, solange wir in der Stadt sind.«
»Es wird nicht wieder vorkommen«, sagte Kara leise.
Angella lächelte plötzlich, allerdings nur sehr flüchtig. »Ich glaube dir«, sagte sie. »Aber ich habe Elder mein Wort gegeben. Und er hat recht, weißt du? Es war meine Schuld.« Sie schnitt Kara das Wort ab, ehe das Mädchen auch nur ein Wort sagen konnte. »Ich war zornig auf dich. Ich wollte dich bestrafen, und deshalb nahm ich dich gestern nicht mit. Wenn es also jemanden gibt, dem man etwas vorwerfen kann, dann bin ich es. Abgesehen davon«, fügte sie nach einer ganz kurzen Pause hinzu, »daß es bodenloser Leichtsinn von dir war, dich mit vier bewaffneten Männern gleichzeitig anzulegen.«
»Es waren nur vier«, sagte Kara. Es sollte ein Scherz sein, um die Stimmung aufzulockern, aber Kara spürte, schon während sie die Worte aussprach, daß ihre Worte nicht sonderlich klug gewesen waren. Der einzige Grund, aus dem Angella nicht sofort wieder auffuhr, war ihre Müdigkeit.
So sagte sie einfach nur: »Red keinen Unsinn. Sie waren zu viert, und du allein, oder? Du hättest getötet oder schwer verletzt werden können.«
Kara hatte während ihrer Ausbildung gelernt, mit mehreren Gegnern gleichzeitig fertig zu werden. Doch Angella schien schon wieder zu ahnen, welche Entgegnung Kara auf der Zunge lag. »Du glaubst, du wüßtest, was ein Kampf bedeutet? Du weißt es nicht. Du hast gelernt, dich zu wehren. Du hast Hunderte von Zweikämpfen bestanden, aber keiner davon war wirklich ernst gemeint, Kindchen.«
Was diese Sache anging, war Kara entschieden anderer Meinung. Sie hatte mehr als genug Blessuren in den Zweikämpfen davongetragen. Einen Moment lang fragte sie sich, ob es nicht weniger die Sorge um sie gewesen war, die Angella so zornig machte, sondern viel mehr um den immensen Wert, den sie darstellte. Ein Werkzeug, das sorgsam geschmiedet und zehn Jahre lang immer wieder geschliffen und poliert worden war. Fast gleichzeitig begriff sie, wie ungerecht dieser Gedanke war. »Bitte, fang nicht schon wieder an«, sagte Jan leise. Die Worte galten Angella, obwohl er sie dabei nicht ansah. Seine Stimme klang sehr müde. »Wir haben im Moment wirklich genug andere Sorgen.« Und Sorge war es tatsächlich, was sein Blick ausdrückte. Jan schien seit dem gestrigen Abend um zehn Jahre gealtert zu sein. Kara fragte sich, was ihn bedrückte. Es war sicher nicht nur der Tod der drei Drachenkämpfer; obwohl ihn mit dem Hort eine alte Freundschaft verband, waren die drei Männer doch Fremde für ihn gewesen.
»Du hast recht«, sagte Angella. »Laß uns gehen. Es sind noch beinahe zwei Stunden Weg.«
Sie stand auf, und auch Jan und Kara erhoben sich. Kara war ein wenig verwirrt. Zwei Stunden? Am vergangenen Morgen hatten Hrhon und sie nicht einmal eine Stunde gebraucht, um das Pfeiler-Haus zu erreichen. Aber sie verkniff sich eine Frage und folgte Angella und Jan wortlos in den Hof hinaus. Die frische Luft tat ihr gut und dämpfte den hämmernden Schmerz in ihrem Kopf.
Sie waren die letzten, die das Haus verließen. Sämtliche Drachenkämpfer – selbst die, die bei dem Kampf am vergangenen Tag verwundet worden waren – erwarteten sie neben den bereits gesattelten Pferden. Sie brachen ohne eine weitere Verzögerung auf. Sie ritten sehr schnell und erreichten den Hochweg in weniger als einer halben Stunde. Ohne aufgehalten zu werden, betraten sie den für Menschen vorbehaltenen Teil der Stadt; die hölzerne Palisade schwang einfach vor ihnen auf. Offenbar hatte man sie bereits erwartet.
Ein Dutzend Hornköpfe eilte ihnen vor dem fensterlosen Haus entgegen, um ihre Pferde in Empfang zu nehmen; und unmittelbar vor dem Eingang entdeckte Kara eine Gruppe Männer in gelben Umhängen.