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Es war ein dunkelhaariger Mann in einer blauschwarzen Uniform. Sein Gesicht – der Teil, der nicht hinter dem zersplitterten Glasvisier seines Helmes verborgen lag – war blutüberströmt. Der Mann war reglos über dem Steuerknüppel zusammengesunken. Schwarzer, übelriechender Rauch nahm Kara die Sicht und ließ sie husten, und sie fühlte die Hitze eines Feuers auf dem Gesicht, das sich schnell ausbreitete. Sie hatte nicht mehr viel Zeit.

Andere Gestalten tauchten um sie herum auf und versuchten ihr zu helfen, aber der Mann war ebenso festgeschnallt wie Tess. Kara schnitt den Gurt mit dem Messer durch, was sich allerdings als gar nicht so einfach erwies. Das Material, das wie ein feingewobener schwarzer Stoff aussah, entpuppte sich als wesentlich stärker als Leder. Kara säbelte eine ganze Weile daran herum, ehe es ihr gelang, es zu zerschneiden. Der Körper des Piloten glitt zur Seite und hätte Kara beinahe unter sich begraben, hätten nicht andere, hilfreiche Hände rasch zugegriffen und ihn aus der Steuerkanzel gezerrt.

Kara stolperte hustend aus dem brennenden Wrack fort, ohne es auch nur eine Sekunde lang aus den Augen zu lassen. Es stand fast völlig in Flammen, und aus einem aufgeplatzten Tank an seiner Seite ergoß sich eine offenbar brennbare Flüssigkeit, denn die Flammen loderten heftig auf. Kara empfand ein flüchtiges Bedauern beim Betrachten der brennenden Maschine. Sie wußte, daß kaum mehr als ein Haufen ausgeglühter Schrott davon übrigbleiben würde.

Sie verscheuchte den Gedanken und drängte sich zu Tess durch, die man in sicherer Entfernung zu der brennenden Libelle zu Boden gelegt hatte. Gleich drei oder vier Krieger bemühten sich um sie, und im gleichen Moment, in dem Kara die Gruppe erreichte, trat auch Aires hinzu. Mit groben Bewegungen scheuchte sie die zwar gutwilligen, aber wenig talentierten Helfer davon, kniete neben Tess nieder und untersuchte sie mit fliegenden Fingern. »Was ist mit ihr?« fragte Kara besorgt. »Warum läßt du mir nicht erst einmal Zeit nachzusehen, ehe du dumme Fragen stellst?« schnappte Aires.

Kara nahm ihr ihren Ausbruch nicht übel; Aires war ebenso überrascht und erschrocken wie sie alle. Zitternd vor Ungeduld, aber schweigend sah sie zu, wie Aires die junge Drachenkämpferin untersuchte. Man mußte allerdings nicht viel von der Heilkunst verstehen, um zu erkennen, daß Tess mehr tot als lebendig war. Die Splitter der zerborstenen Kanzel hatten ihr eine Reihe von Schnittwunden zugefügt, die heftig bluteten, aber nicht sehr gefährlich waren. Aber ihr Rücken und ein Teil des linken Armes waren übel verbrannt – und es war keine frische Wunde. Als Kara die Hand ausstreckte und ihre Stirn berührte, fühlte sie, daß Tess’ Haupt regelrecht glühte. Aires gab zwei Kriegern neben sich einen Wink. »Bringt sie in mein Zimmer – nein, Angellas Kammer. Schnell! Aber seht euch vor!« Sie wartete nicht einmal ab, bis die beiden Männer ihren Befehl ausführten, sondern sprang auf die Füße und rannte Kara fast über den Haufen, als sie sich zu dem verwundeten Piloten der Libelle umwandte.

Auch er wurde von einem dichten Kreis von Neugierigen umlagert, durch den Aires sich fast gewaltsam einen Weg bahnen mußte. Für ihn jedoch kam jede Hilfe zu spät. Kara begegnete dem Blick seiner weit aufgerissenen, starren Augen und wußte, daß er tot war, noch ehe Aires neben ihm niederkniete.

Trotzdem untersuchte die Magierin ihn ebenso gründlich wie Tess. »Er ist noch warm«, murmelte sie. »Fühl seine Haut. Wahrscheinlich ist er erst durch den Absturz ums Leben gekommen.« Sie zögerte einen Moment. »Aber das hat ihn nicht umgebracht. Sieh her!« Sie deutete auf einen dunklen Fleck auf seiner Uniform, der Kara bisher bei all dem Blut auf seinen Kleidern gar nicht aufgefallen war. In seiner Mitte glitzerte etwas Silbernes. Etwas dicker als ein gewöhnlicher Pfeil. »Vermutlich hat er sich mit letzter Kraft hierher geschleppt und das Ding gelandet«, sagte Aires.

Kara schwieg. Die Vorstellung, daß ein Uniformierter seinen letzten Atemzug vergeudete, um einen von ihnen nach Hause zu bringen, kam ihr absurd vor. Außerdem – wer sagte ihnen denn, daß es wirklich so gewesen war? Vielleicht hatte Tess den Piloten gezwungen, sie hierher zu bringen.

Dagegen sprach, daß Tess unbewaffnet war; der Mann in der blauen Uniform jedoch eine Waffe trug.

»Bringt ihn weg!« befahl Aires. »Und bewacht ihn. Niemand darf ihn anrühren, ehe ich ihn nicht genauer untersucht habe.«

Sie stand auf, fuhr sich müde über das Gesicht und wandte sich wieder der brennenden Libelle zu. In den wenigen Augenblicken, die Kara und sie abgelenkt gewesen waren, hatten die Flammen die gesamte Maschine ergriffen. Einige Männer hatten eine Kette gebildet und schütteten Eimer mit Wasser ins Feuer, aber es nutzte nichts.

»Laßt es sein!« rief Kara laut. »Es hat keinen Sinn. Paßt nur auf, daß das Feuer nicht um sich greift!« Sie zögerte einen kurzen Moment, dann fügte sie hinzu: »Vier Mann bleiben hier. Der Rest steigt wieder auf. Ich will keine bösen Überraschungen erleben. Und gebt Alarm für die anderen. Es ist möglich, daß wir angegriffen werden.« Sie trat zwei Stufen die Treppe hinauf und sah sich nach Silvy und den beiden anderen Reitern um, ohne sie zu entdecken.

Kara fand Silvy sowie die beiden anderen Krieger auf dem Gang vor ihrem Quartier, wo sie unruhig auf- und ablief und Hrhon beschimpfte, der mit vor der Brust verschränkten Armen vor der Tür stand und ihr den Zutritt verwehrte, vermutlich auf Aires’ Befehl hin. Kara hatte nicht einmal bemerkt, daß Hrohn nicht mehr in ihrer Nähe war.

»Ihr wartet hier«, sagte sie knapp, gab Hrhon einen Wink und trat an ihm vorbei ins Zimmer. Sie schloß die Tür sofort wieder hinter sich. Trotzdem sah Aires sehr ärgerlich auf.

Kara trat mit raschen Schritten um das Bett herum. Dann preßte sie erschrocken die Lippen zusammen, als sie Tess’ reglos ausgestreckten Körper auf dem Bett sah. Aires hatte sie ausgezogen und das Blut von ihrem Gesicht gewaschen. Tess lag auf der Seite, so daß Kara erkennen konnte, daß die Brandwunden auf ihrem Rücken und Arm viel größer waren, als sie geglaubt hatte, allerdings nicht sehr tief.

Ihr Blick wanderte weiter und blieb an Tess’ linkem Bein hängen. Das Bein war geschient; sehr geschickt, aber auch recht primitiv: zwei fingerdünne Stäbe aus silberfarbenem Metall waren mit fleischfarbenen Bändern am Bein befestigt.

»Wie sieht es aus?« flüsterte Kara.

»Sie hat sehr hohes Fieber. Aber ich denke, sie wird es überleben. Allerdings ist das nicht mein Verdienst.«

»Wie meinst du das?« fragte Kara.

Aires deutete auf Tess’ bleichen, fiebernden Körper. »Wer immer das getan hat, muß eine Art Zauberer gewesen sein.«

»Die Schiene...«

»Nicht das Bein«, fiel ihr Aires ins Wort. »Einen gebrochenen Knochen kann ich auch schienen. Aber sieh dir ihren Rücken an! Das Fleisch muß bis auf den Knochen verbrannt gewesen sein.«

»Bist du sicher?« Kara beugte sich zweifelnd vor. »Es sieht normal aus.«

»Ich erkenne eine Brandwunde, wenn ich sie sehe«, antwortete Aires. Kara widersprach ihr nicht. Brandwunden waren die häufigsten Verletzungen im Hort. Schon so mancher Drachenkämpfer war in die Flammen seines eigenen Tieres hineingeflogen. »Ich verwette meine linke Hand, daß das da so etwas wie künstliches Fleisch ist. Und ich gäbe meine Rechte dafür, wenn ich wüßte, wie sie es gemacht haben.«

Durch das Fenster drang ein heller, dreifacher Glockenton, und Aires sah fragend auf. »Du hast Alarm gegeben?«

»Wo eine von diesen Libellen ist, sind meistens noch mehr«, antwortete Kara. Sie sah wieder auf Tess hinab und knüpfte an ihr unterbrochenes Gespräch an. »Viel mehr als die Frage, wie sie es getan haben, interessiert mich eigentlich, warum. Ich... verstehe das nicht ganz.« Sie schüttelte den Kopf. »Sie töten Tausende aus Rache. Und dann pflegen sie Tess mühsam gesund.«

Sie wartete eine Weile vergeblich auf eine Antwort.

»Wann wird sie aufwachen?«

Aires hob die Schultern. »Das weiß ich nicht. Sicher nicht vor morgen. Ich werde ihr etwas geben, das...«