»Wir flohen heute morgen«, sagte Tess. »Aber sie müssen verraten worden sein; oder sie hatten einfach Pech. Als wir in den Raum kamen, in dem die Libellen standen, wurden wir angegriffen. Einer der Männer starb, der andere und ich konnten eine Libelle stehlen und entkamen.«
»Und sie haben euch nicht verfolgt?« fragte Elder zweifelnd. »Doch. Aber wir hatten einen guten Vorsprung. Nur zwei holten uns ein. Wir kämpften und siegten. Eine Libelle stürzte in den Dschungel, die andere zog sich zurück. Aber auch unsere Libelle war beschädigt, und am Schluß haben sie ihn schwer verletzt.« Sie starrte einen Moment, von der Erinnerung an die schrecklichen Bilder geplagt, ins Leere.
»Sie haben eine Art unsichtbaren Schutzschild«, fuhr sie fort. »Deshalb konnten wir sie über der Stadt im Schlund kaum vernichten. Er ist nicht unüberwindlich, aber für eine Weile hat er sogar dem grünen Licht getrotzt.«
»Trotzdem haben sie den Piloten erwischt«, sagte Aires. »Ja. Es war...« Tess suchte nach Worten. »Etwas wie ein Pfeil. Aber er flog ganz langsam. Irgendwie... hat er sich durch den Schild gebohrt. Der Pfeil steuerte direkt auf den Libellenreiter zu, als wüßte er, auf wen er gezielt war. Er hatte große Angst. Er... er hat versucht, ihn mit der Hand zur Seite zu schlagen, aber der Pfeil hat seine Hand einfach durchbohrt und dann seine Brust getroffen.«
»Ein Sucher«, sagte Elder düster. »Sie werden auf einen bestimmten Menschen programmiert und folgen ihm bis in die Hölle, wenn es sein muß. Es gibt keine Rettung vor ihnen.«
»Und wieso konnte er den Schild durchdringen, der sogar dem Feuer eines Drachen widersteht?«
Elder zuckte mit den Achseln, ein wenig zu schnell für Karas Geschmack. »Wie soll ich das wissen? Ich bin kein Waffentechniker.«
»Soll das heißen, sie könnten ein paar Hundert von diesen Dingern einfach auf uns abschießen, und wir könnten nichts dagegen tun?« fragte Donay erschrocken.
»Keine Sorge.« Elder machte eine beruhigende Geste. »Die Sucher müssen genau auf ihr Ziel geeicht werden. Bei den beiden Gefangenen hatten sie Zeit und Gelegenheit dazu. Das ist unsere Version von Bluthunden.« Er blickte vorwurfsvoll auf sein bandagiertes Bein herab. »Sie tut nicht ganz so weh.«
»Was ist mit ihm?« fragte Tess. »Lebt er?«
Es dauerte einen Moment, bis Kara begriff, daß sie von dem Piloten sprach, der sie hergebracht hatte. Sie schüttelte den Kopf.
»Das tut mir leid«, sagte Tess ehrlich. »Er hat sich geopfert, um mich zu retten.«
»So?« fragte Aires mit hochgezogenen Brauen. »Für mich hört es sich eher an, als hätte er dein Leben aufs Spiel gesetzt, um seine Haut zu retten.«
»Glaubst du, daß du den Ort wiederfindest, an dem dieser... Thron liegt?« fragte Kara.
Tess schüttelte bedauernd den Kopf. »Nein. Er liegt unter Wasser, irgendwo im Meer. Man sieht ihn nicht.«
»Es würde euch auch nicht viel nutzen«, sagte Elder. »Die Drohnen sind schwer bewaffnet. Sie würden eure Drachen vom Himmel pusten, ehe ihr auf zehn Meilen heran seid.«
Die Wahl seiner Worte gefiel Kara nicht. Und noch viel weniger gefiel ihr der hörbare Stolz, der darin mitschwang. »Haltet euch da raus«, fuhr Elder fort. »Es ist nicht nötig, daß ihr euer Leben aufs Spiel setzt. Überlaßt das Leuten, die etwas davon verstehen. Das DSRV ist wahrscheinlich jetzt schon angekommen.«
»Wenn sie es nicht abgeschossen haben«, sagte Donay.
Elder lachte. »Das ist völlig unmöglich. Die Dinger bestehen praktisch nur aus einem großen Triebwerk mit einem bißchen Blech drumherum. Sie fliegen selbst einer Nova davon. Nichts im Universum kann sie aufhalten.«
Donay schwieg. Aber Kara las in seinen Augen, daß er jedes einzelne Wort, das er von Elder gehört hatte, mit größter Aufmerksamkeit registrierte. Ob Elder wußte, daß Donay nie etwas vergaß? Tess wurde zunehmend matter, und Kara stand auf. »Ich denke, das reicht für heute«, sagte sie. »Aires – gib ihr etwas gegen das Fieber. Sie soll schlafen. Im Moment haben wir genug erfahren.«
»Jemand sollte bei ihr Wache halten«, bemerkte Aires.
Kara lächelte. »Ich denke, ich weiß schon jemanden für diese Aufgabe«, sagte sie. »Elder, Donay – ich erwarte euch in meinem alten Zimmer drüben bei den Schülern. Ich werde inzwischen gehen und den Alarm aufheben. Es nutzt niemandem, wenn wir die Leute sinnlos am Schlafen hindern.«
Sie ging, um ihren Entschluß in die Tat umzusetzen. Eine knappe halbe Stunde später kehrten die ruhelos kreisenden Drachen in ihre Höhlen unter der Festung zurück, und die meisten Krieger gingen wieder in ihre Quartiere.
Und zehn Minuten, bevor die Sonne am nächsten Morgen aufging, griff ein Schwarm von annähernd fünfzig Libellen den Drachenhort an.
41
Später, als Kara den Teil des Überfalls rekonstruierte, den sie schlicht und einfach verschlafen hatte, gestand sie sich ein, daß sie alle sowohl die Intelligenz als auch die technischen Möglichkeiten ihrer Gegner unterschätzt hatten. Die Libellenreiter mußten unterhalb der Wolkendecke des Schlundes angeflogen sein, und sie mußten auch die Möglichkeit haben, das schrille Heulen ihrer Maschinen zu einem Wispern zu dämpfen, das im Geräusch des Windes unterging, denn der einzige überlebende Posten, der auf der Klippe Wache gehalten hatte, schwor später Stein und Bein, daß sie lautlos wie Gespenster aus den Wolken hochgeschossen waren und so schnell, daß den Männern nicht einmal Zeit geblieben war, einen Warnruf auszustoßen, ehe sie von einem Gewitter grüner Lichtblitze niedergestreckt wurden. Eine zweite, unvorstellbar präzise Salve traf den Hort und löschte jedes Leben hinter den dem Schlund zugewandten Zinnen aus; dann teilte sich der Schwarm, wobei ihre Maschinen wieder mit diesem schrillen, nervenzerfetzenden Heulen anhoben, Die meisten erreichten binnen weniger Augenblicke sämtliche Ausflugöffnungen der Drachenhöhlen und blieben reglos in der Luft stehen, um mit ihren grünen Blitzen auf jede Bewegung dahinter zu reagieren. Nicht einem einzigen Drachen gelang es, sich in die Luft zu erheben und in den Kampf einzugreifen. Das alles erfuhr Kara allerdings erst später. Donay, Aires und sie hatten noch bis tief in die Nacht miteinander geredet, und sie war erst lange nach Mitternacht in einen erschöpften Schlaf gesunken. Sie erwachte weder vom Heulen der Libellenmotoren noch von den erschrockenen Rufen und Schreien, die plötzlich in der Festung widerhallten. Was sie weckte, war das Krachen einer ungeheuerlichen Explosion, die den westlichen Turm samt einem Teil des Hauptgebäudes in Schutt und Asche legte und ein halbes Dutzend lodernder Brände in den Trümmern entfachte.
Die Erschütterung war so gewaltig, daß Kara aus ihrem Bett geschleudert wurde. Der Aufprall auf den harten Steinboden raubte ihr beinahe wieder das Bewußtsein. Benommen plagte sie sich auf. Im allerersten Moment wußte sie nicht, ob sie wach war oder einen Alptraum erlebte.
Sie war wach; aber es war eine Realität, die es spielend mit jedem Alptraum aufnehmen konnte. Der Boden zitterte. In der Wand neben ihrem Bett war ein gezackter Riß. Die Luft war voller Staub und schmeckte nach Feuer, und durch das Fenster drang lodernder Flammenschein und das Flackern grüner Blitze herein; ein unvorstellbarer Lärm, Schreie, das Krachen von Explosionen, das Prasseln von Bränden und ein schrilles, in den Ohren schmerzendes Heulen und Kreischen.
Libellen! dachte Kara entsetzt. Das waren Libellen!
Sie verschwendete keine Zeit damit, zum Fenster zu stürzen und sich von der Richtigkeit ihrer Vermutung zu überzeugen, sondern nahm ihr Schwert vom Boden und band den Gürtel mit fliegenden Fingern um, während sie bereits aus dem Zimmer stolperte.
Die dicken Mauern sperrten den Lärm und den Feuerschein ein wenig aus, aber der Boden zitterte auch hier. Staub hing in der Luft, und auf dem Boden lagen Steinbrocken und Trümmer, die aus der Decke herausgebrochen waren. Gestalten mit wehenden Mänteln und gezückten Schwertern stürmten ihr entgegen, und noch bevor sie das Ende der Treppe erreichte, erschütterte eine weitere, dröhnende Explosion die Festung. Kara taumelte gegen eine Wand. Sie glaubte zu spüren, wie das gesamte Gebäude sich neigte. Feuerschein drang durch die zerborstene Tür herein, als sie das Ende der Treppe erreichte. Hustend und mit tränenden Augen stolperte sie auf den Hof hinaus – und blieb vor Entsetzen gelähmt einfach stehen. Was sie erblickte, war ein Inferno. Die Festung lag in Trümmern. Überall brannte es. Libellen kreisten mit heulenden Motoren über dem Hof und spien grüne Blitze aus, die immer wieder in Mauerwerk oder durch Türen und Fenster hämmerten. Kara sah mit eigenen Augen, was Donay ihr aus Schelfheim berichtet hatte: Die Maschinen spien ihre tödlichen Blitze nicht nur gegen die Gebäude, sondern machten auch Jagd auf einzelne Menschen. Gestalten rannten im Zickzack zwischen den immer dichter niederprasselnden Blitzen hin und her, aber sie wurden nur zu oft getroffen. Kara hatte ihr Schwert gezogen, aber plötzlich begriff sie, wie hilflos sie waren. Die Libellen kreisten über der Burg und schossen auf alles, was sich bewegte. Und sie konnten nichts tun. Überhaupt nichts! »Zurück!« schrie Kara so laut sie konnte. »Zieht euch zurück! Geht in Deckung!«