Ihre Worte gingen im Durcheinander der Schlacht unter, aber es gab ohnehin niemanden, der nicht versuchte, sich irgendwo zu verkriechen. Es war kein Kampf – die Libellen kreisten in sicherem Abstand über dem Burghof und schossen die Festung und ihre Bewohner methodisch zusammen. Nur ein einziges Mal zuckte ein dünner grüner Lichtblitz aus einem Fenster, als einer der Drachenreiter das Feuer mit einer der in Schelfheim erbeuteten Waffen erwiderte. Der Strahl prallte wirkungslos vom unsichtbaren Schild der Libellen ab, und fast im gleichen Augenblick erwiderten fast ein halbes Dutzend Maschinen das Feuer. Das gesamte Gebäude, aus dem der Schuß gefallen war, ging in Flammen auf.
Kara rannte los, um das brennende Haupthaus zu erreichen. Ihr schwarzer Umhang und das dunkle Haar schienen ihr Deckung zu geben, denn niemand schoß auf sie. Aber als sie den Hof zur Hälfte überquert hatte, raste ein weißglühender Ball auf sie zu und fegte heulend über sie hinweg. Eine Sekunde später explodierte das Haus, in dem Kara vor wenigen Minuten aufgewacht war, in einem grellen Feuerball.
Die Druckwelle fegte Kara von den Füßen. Sie schlitterte über den Boden und riß schützend die Arme über den Kopf, als rings um sie herum Trümmer und Flammen niederregneten. Ein Felsbrocken traf ihr rechtes Bein und jagte ihr einen betäubenden Schmerz bis in den Rücken hinauf. Aus tränenden Augen blickte sie hinter sich. Der Turm mit den Quartieren der Schüler war verschwunden. Ein lodernder Trümmerhaufen hatte seinen Platz eingenommen. Kara fragte sich entsetzt, wie viele von ihren Freunden dort drinnen gewesen sein mochten.
Als sie sich in die Höhe stemmte, änderte sich die Angriffstaktik der Libellen. Ein Teil der Maschinen kreiste weiter über dem Hof und verschleuderte grünes Feuer, aber sechs oder acht Maschinen begannen langsam tiefer zu sinken. Als sie drei Meter über dem Hof angelangt waren, hielten sie mit wirbelnden Rotoren in der Luft an. Die Kanzeln öffneten sich, und Männer in blauen Uniformen mit glasverhüllten Gesichtern sprangen auf den Hof hinab. Sie hatten gelernt, dachte Kara zornig. Diesmal stellten sie ihre Maschinen nicht mehr auf dem Boden ab, wo sie verwundbar waren. Die Männer verteilten sich, während die Maschinen heulend wieder an Höhe gewannen, um einer zweiten Staffel Platz zu machen, die weitere Krieger hinabschickte.
Kara erwachte erst aus ihrer Erstarrung, als sie begriff, daß das Ziel der meisten Soldaten das brennende Haupthaus war. Aires und Elder waren dort! Sie rannte los, schlug einen Haken nach links und kletterte über einen rauchenden Trümmerhaufen hinweg, um das Hauptgebäude durch einen Nebeneingang zu betreten. Fettiger Rauch schlug ihr entgegen. Sie hustete, sah eine Bewegung in den brodelnden Schwaden vor sich und hob ihr Schwert. Im letzten Moment erkannte sie, daß es keiner der Angreifer war, sondern ein verwundeter Krieger, der ihr blutüberströmt entgegentaumelte.
Kara wankte weiter, sah eine weitere Gestalt vor sich und erkannte, daß es diesmal wirklich einer der Angreifer war. Sie stieß ihm das Schwert in die Brust und sprang zurück, als er zusammenbrach. Einer von dreißig, dachte sie voller Haß. Zu wenig. Viel zu wenig.
Vorsichtig tastete sie sich durch den immer dichter werdenden Qualm, bis sie die Tür zur großen Eingangshalle erreichte. Sie blieb stehen. Der Saal stand in Flammen. Drachenkämpfer in schwarzem Leder, die reglos auf dem Boden lagen, dokumentierten den erbitterten Widerstand, den die Verteidiger geleistet haben. Kara verspürte eine grimmige Befriedigung, als sie zwischen ihnen auch zwei Gestalten in schwarz-gestreiftem Dunkelblau erkannte. Zumindest bekamen sie nicht ganz umsonst, was immer sie hier wollten.
Eine Anzahl Blauuniformierter hielt sich in der Halle auf. Einer von ihnen gab in jener fremden Sprache, von der Tess geredet hatte, Befehle. Einige Soldaten rannten nach rechts und links, um die übrigen Räume im Erdgeschoß zu durchsuchen, aber der Großteil – einschließlich des Offiziers – wandte sich zur Treppe und lief hinauf. Also hatte sie richtig vermutet, dachte Kara grimmig. Es waren entweder Aires oder Elder, die sie haben wollten. Sie würde sehen, was sie dagegen tun konnte.
Der Weg durch die Halle war ihr verwehrt, denn drei Männer waren zurückgeblieben, die mit schußbereiten Waffen auf jede Bewegung lauerten.
Sie wich vorsichtig ein paar Schritte zurück, dann drehte sie sich herum und rannte auf die zweite Treppe zu, die nach oben führte. Sie hoffte, daß sie noch begehbar war. Auf halbem Weg trat ihr eine massige, grüngelb gefleckte Gestalt entgegen. »Hrhon!« fauchte Kara. »Wo warst du?«
»Ihsss habhe eihnhen vohn ihnenh ehrwhisssht«, erwiderte der Waga.
»Gut«, sagte Kara. Sie deutete zur Decke. »Sie sind oben. Vermutlich wollen sie Elder oder Aires.«
»Ohdher dhisss«, zischelte Hrhon.
»Dann wollen wir sie nicht warten lassen, nicht wahr?« Kara packte ihr Schwert fester und eilte an Hrhon vorbei.
Auf ihrem Weg schlossen sich ihnen vier weitere Krieger an. Das Schwert des einen war blutig, wie Kara voller Zufriedenheit registrierte. Ganz so billig wie in Schelfheim würden die PACK-Truppen hier nicht davonkommen. Sie stürmten an einem schmalen Fenster vorbei, und Kara sah, daß die Festung fast vollkommen in Flammen stand. Über dem Hof kreisten noch immer Libellen, die dann und wann grüne Blitze auf den Hof spien.
»Verdammt, wo bleiben die Drachen?« fragte Kara.
»Ssshie khohmmhen nhissst«, antwortete Hrhon. »Ssshie whissssssehn ghenhau, who dhie Ausssflughhöhlhen ssshind, uhnd lhasssssshen kheinhen hinhausss.«
»Aber das ist doch unmög...« begann Kara, sprach aber den Satz nicht zu Ende. Zwei der vier Ausflugsöffnungen waren zwar so gut versteckt, daß eine zufällige Entdeckung ausgeschlossen schien, aber es gab eine Erklärung: Tess mußte etwas verraten haben.
Sie erreichten das Stockwerk, auf dem Elders Zimmer lag, und stießen fast sofort auf heftigen Widerstand. Zwei PACK-Soldaten stellten sich ihnen entgegen. Ein greller Lichtblitz tötete den Mann neben Kara, dann schleuderte einer der anderen Krieger seinen Dolch und verletzte den Schützen am Arm. Die beiden Soldaten zogen sich wild um sich schießend zurück, trafen aber nichts mehr.
Karas Herz machte einen erschrockenen Sprung, als sie sah, daß die Tür zu Elders Zimmer zertrümmert war. Ein Teil des Mobiliars brannte, der Rest war zerschlagen, und sie erwartete schon, Elders Leichnam zwischen den Trümmern zu finden, aber das Zimmer war leer.
Sie rannten weiter. Ein paarmal hörten sie Kampflärm, sahen aber keinen Blauuniformierten mehr, bis sie Karas Zimmer erreichten. Auf dem Gang davor lag ein toter PACK-Soldat, umgeben von einem halben Dutzend regloser Drachenkrieger. Kara erkannte auch Zen unter ihnen, und aus ihrem brodelnden Zorn wurde pure Mordlust.