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Ihr eigenes Zimmer war zerstört und verwüstet worden wie Elders. Die Angreifer hatten sich sogar die Mühe gemacht, das Bett in Brand zu schießen. Tess allerdings lebte noch. Sie hockte mit angezogenen Knien in einer Ecke unter dem Fenster und blutete aus einer frischen Platzwunde an der Stirn. Offenbar hatte man sie geschlagen, aber darauf verzichtet, sie umzubringen. Kara gab einem ihrer Begleiter einen Wink. »Bring sie weg. Ihr darf nichts geschehen. Ich habe später noch ein paar Fragen an sie.« Sie warf Tess einen drohenden Blick zu, den diese aber nicht zur Kenntnis nahm oder nicht verstand.

Sie liefen weiter. Die Luft wurde heißer, und einmal erbebte der ganze Bau unter einer neuerlichen Explosion, die Kara und die anderen fast von den Füßen riß.

Kurz vor dem Aufgang zu Aires’ Turmkammer wurden sie in ein heftiges Handgemenge mit PACK-Soldaten verwickelt. Sie überraschten die Männer so sehr, daß die nicht dazu kamen, ihre Glasgewehre einzusetzen. Doch die Blauuniformierten waren neben ihren Gewehren auch mit Schwertern bewaffnet, mit denen sie ausgezeichnet umzugehen verstanden, wie Kara ja schon am eigenen Leibe erfahren hatte. Wahrscheinlich lag es einzig an Hrhon, daß es ihnen schließlich doch gelang, das halbe Dutzend Männer langsam vor sich herzutreiben, bis sie den Fuß der Treppe erreichten.

Dann wendete sich das Blatt schlagartig, denn am oberen Ende der Treppe tauchte ein Trupp von sicherlich acht oder zehn weiteren PACK-Soldaten auf, die sofort das Feuer eröffneten. Grüne Blitze fuhren unter Karas Krieger und streckten drei von ihnen nieder, töteten aber auch einen der Blauuniformierten. Dann fühlte sich Kara von hinten gepackt und herumgewirbelt. Eine Sekunde später fuhr ein zischender Lichtblitz in Hrhons Rückenpanzer. Der Waga kreischte so schrill auf, wie Kara es noch nie zuvor gehört hatte, kippte zur Seite und begrub sie unter sich.

Die Soldaten stürmten an ihnen vorüber. Kara beobachtete, daß sich auch der Offizier, den sie unten in der Halle gesehen hatte, bei ihnen befand – und erst jetzt erkannte sie ihn. Es war unmöglich – aber es war zweifelsfrei der Mann, dem sie schon zweimal gegenübergestanden hatte: einmal in einer Gasse in Schelfheim, das zweite Mal an einem steinigen Strand fünf Meilen unter der Erde. Und bei ihrer zweiten Begegnung hatte sie ihn ganz zweifelsfrei getötet.

Kara war hilflos unter Hrhons zentnerschwerem Körper eingeklemmt, so daß sie absolut nichts tun konnte, als der Mann stehenblieb und auf sie hinabstarrte. Sekundenlang blickte er sie nur an, dann senkte er ganz langsam seine Waffe, richtete den Lauf auf Karas Gesicht – und schwenkte den Lauf urplötzlich zur Seite.

»Peng!« sagte er. »Siehst du? So einfach wäre das – wenn ich so unfair wäre wie du, Kindchen.« Er lachte, klemmte sich das Gewehr unter den linken Arm und schob mit der anderen Hand das halbierte Glasvisier seines Helmes hoch. Seine Augen glitzerten spöttisch.

»Aber weißt du, ich bin nicht so unfair. Ich denke, ich lasse dich diesmal am Leben. Aber ich warne dich: Wenn du mich noch einmal umbringst, dann werde ich wirklich sauer.« Er lachte, klappte sein Helmvisier wieder hinunter und ging weiter. Die Männer folgten ihm, wobei sie nicht nur ihre Verwundeten, sondern auch die Toten mitnahmen.

Kara versuchte mit aller Gewalt, sich unter Hrhons reglosem Körper hervorzuarbeiten, aber es ging nicht. Hrhons vierhundert Pfund nagelten sie regelrecht an den Boden, so daß sie kaum noch Luft bekam. Der Waga lebte noch, aber sie wußte nicht, wie schwer er verwundet war. Obwohl sie sich der Sinnlosigkeit ihrer Bemühungen bewußt war, versuchte sie weiter mit aller Kraft, die reglose Riesenschildkröte von sich hinunterzuwuchten. Es gelang ihr erst, als Hrhon nach guten zehn Minuten grunzend wieder zu sich kam.

Der Waga war noch benommen. Kara brauchte ein wenig länger, um auf die Füße zu kommen. Sie fühlte sich an, als wäre ihr ganzer Körper eine einzige schmerzhafte Wunde. »Was ist mit dir?« fragte sie schweratmend. »Bist du verletzt?«

»Jha«, antwortete Hrhon mühsam. »Esss thut sssher wheh. Ahbher isss wherdhe nhissst ssstherbhen.«

Kara wollte an ihm vorbeigehen, um sich die Verletzung in seinem Rückenpanzer anzusehen, aber Hrhon drehte sich rasch herum. Sie versuchte es nicht noch einmal, sondern ließ ihren Blick betroffen durch den Gang schweifen. Hrhon hatte ihr zweifellos das Leben gerettet, als er sie hinter seinem eigenen Körper in Deckung zerrte. Außer ihm und ihr selbst lebte hier niemand mehr.

Plötzlich fuhr sie erschrocken zusammen. Aires!

Immer drei Stufen auf einmal nehmend, rannte sie die Treppe zu Aires’ Turmkammer hinauf. Sie stieß auf zwei verwundete und einen toten Krieger, aber sie beachtete sie nicht, sondern rannte nur noch schneller, bis sie Aires’ Zimmer erreichte. Es war ziemlich verwüstet, aber Aires selbst lag mit blutüberströmtem Gesicht neben der Tür. Kara fiel mit einem Schrei auf die Knie und ergriff sie bei den Schultern.

»Aires!«

Die alte Magierin öffnete die Augen, und Kara atmete unendlich erleichtert auf. Aires lebte. Die Angreifer hatten sie wie Tess nur niedergeschlagen.

»Was ist passiert?« fragte Aires. Sie schien kaum bei Bewußtsein zu sein und nahm anscheinend gar nicht richtig wahr, was um sie herum geschah. Sie versuchte sich aufzusetzen, aber es gelang ihr nur mit Karas Hilfe.

»Lebe ich noch?« murmelte sie.

Kara tupfte ihr behutsam mit einem Zipfel ihres Umhanges das Blut aus dem Gesicht. Aires hatte eine üble Platzwunde über dem linken Auge. Sie fuhr zusammen, als Kara sie berührte. »Doch«, sagte sie gepreßt. »Ich muß wohl noch leben, so weh wie das tut.«

»Du lebst noch«, sagte Kara. »Allerdings frage ich mich wieso.«

»Wie nett«, murmelte Aires.

»So meine ich das nicht«, sagte Kara. »Ich wundere mich nur – sie haben mindestens ein Dutzend Männer verloren, um hier heraufzukommen. Wenn sie es nicht getan haben, um dich zu töten... weshalb dann?« Sie sah sich in dem vollkommen verwüsteten Zimmer um. »Vielleicht haben sie etwas gesucht?«

Hrhon kam schweratmend hereingewankt. »Sssie sssihehn sssisssh ssshurhück«, stieß er hervor.

Kara war mit einem einzigen Satz am Fenster.

Der Burghof bot ein apokalyptisches Bild. Nicht ein einziges Gebäude war unbeschädigt geblieben. Der Himmel über der Festung glühte rot im Widerschein der Flammen. Eine Handvoll Libellen kreiste noch immer über dem Hort, aber die meisten waren mittlerweile gelandet. Dutzende von Männern in blauen Uniformen rannten auf die offenstehenden Glaskanzeln zu. Viele von ihnen trugen andere, reglose Körper mit sich. »Hrhon!« sagte sie. »Lauf hinunter. Sie sollen sie auf keinen Fall verfolgen, hörst du? Ich will keinen einzigen Drachen in der Luft sehen. Und jemand soll nachsehen, ob Elders toter Kamerad noch da ist.« Sie begegnete Aires fragendem Blick und deutete auf den Hof hinunter. »Sie nehmen all ihre Toten mit.«

»Aber warum?« wunderte sich Aires. Ächzend stemmte sie sich an der Kante des umgestürzten Tisches in die Höhe und trat zu ihr ans Fenster.

»Vielleicht, weil sie nicht tot sind«, murmelte Kara.

»Wie bitte?«

Kara sah weiter auf den Hof hinab. Der Kampf war vorbei. Dann und wann zuckte noch ein grüner Blitz auf, wenn einer der PACK-Soldaten nervös wurde und auf einen Schatten feuerte, aber die meisten hatten ihre Maschinen wieder erreicht. Die ersten Libellen starteten bereits wieder.

»Ich weiß, daß es verrückt klingt«, sagte Kara. »Aber... erinnerst du dich, daß ich dir von dem Mann erzählt habe, der Angella und mir in dieser Gasse in Schelfheim aufgelauert hat!«

»Der, den du nachher unten am Strand erschossen hast!«

»Das dachte ich bis jetzt«, antwortete Kara. »Aber vor zehn Minuten habe ich ihn wiedergesehen, Aires. Es war der Offizier, der die Soldaten angeführt hat. Du müßtest ihn eigentlich auch gesehen haben – er trug einen dünnen Bart.«

Aires nickte. »Das war der Kerl, der mich niedergeschlagen hat.« Sie blinzelte. »Aber du mußt dich täuschen. Du kannst ihn nicht getötet haben!«