»Ich... verstehe nicht, was du... was du meinst«, stammelte Elder. In seinen Augen flackerte Angst.
»So?« fragte Kara. »Wirklich nicht? Ich bin sicher, daß wir wahrscheinlich in deinem Kopf auch so eine Krücke finden werden, wenn wir ihn aufschneiden, um nachzusehen.« Sie zog ihr Messer, als wollte sie ihre Worte augenblicklich in die Tat umsetzen, und aus der Angst in Elders Blick wurde Panik. »Was... was hast du vor?« stammelte er.
»Dir ein paar Fragen stellen«, antwortete Kara. »Auch wir haben so unsere Methoden, Antworten zu bekommen. Aber an unser Verhör wirst du dich erinnern, das verspreche ich dir!«
Sie hob das Messer, steckte es dann plötzlich wieder weg und streckte fordernd die Hand in Aires Richtung aus. »Deinen Laser, Aires, Ich glaube, jetzt brauche ich ihn doch.«
»Kara, nein!« keuchte Elder. »Du weißt nicht, was...«
Kara trat dicht an ihn heran, drückte seinen Kopf zur Seite und setzte den Lauf der kleinen Laserpistole an die linke Seite seines Hinterkopfes. »Genau hier, nicht?« fragte sie. »Ich möchte dir ungern unnötige Schmerzen zufügen, indem ich danebenschieße! «
»Kara, bitte!« stöhnte Elder. »Laß es mich erklären!«
»Was?« fragte Kara. »Daß du uns die ganze Zeit über belogen hast? Daß ihr gar keine Menschen seid? Daß ihr nur mit uns gespielt habt?« Sie zitterte. Für Sekunden mußte sie all ihre Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht wirklich abzudrücken. »Was bist du, Elder?« fragte sie. »Nur ein Haufen grauer Schlamm unter Glas, der nach Belieben in einen neuen Körper schlüpft?«
»Nein«, stöhnte Elder. »Bitte, Kara – ich erkläre es dir. Hör mir nur eine Minute zu, ich flehe dich an!«
Eine Hand legte sich beruhigend auf ihren Arm. »Laß ihn reden«, sagte Aires.
Kara zitterte. Ihr war fast schlecht vor Zorn. Aber dann nahm sie ganz langsam die Waffe herunter und trat einen Schritt zurück. Sie widersetzte sich nicht, als Aires ihr den Laser aus der Hand nahm.
»Rede!« befahl sie.
Elder hob stöhnend den Kopf. »Diese dämliche Schildkröte kann mich jetzt loslassen«, sagte er.
Die Schildkröte knurrte und machte eine kaum sichtbare Bewegung; Kara konnte hören, wie Elders Handgelenk brach. Elders Gesicht wurde grau.
»O Verzeihung«, sagte Kara kalt. »Hrhon ist manchmal auch zu ungeschickt. Du solltest das bei deinen Antworten bedenken, sonst reißt er dir ganz aus Versehen noch einen Arm aus. Allerdings nehme ich nicht an, daß dir das allzuviel ausmacht. Vermutlich wirst du ihn dir einfach nachwachsen lassen.«
Elder stöhnte vor Schmerz. Sein Gesicht war schweißbedeckt. »Es tut mir leid«, sagte er. »Es war meine Schuld. Ich... hätte es euch sagen sollen, ich weiß.«
»Dann tu es doch jetzt«, schlug Kara vor. »Wir sind geduldige Zuhörer.«
»Ich habe dich nicht belogen«, sagte Elder. »Es stimmt, was ich dir über unser Volk erzählt habe. Wir werden sehr alt. Aber wir sind nicht unverwundbar. Deshalb schützen wir unser Gehirn. Verdammt, ich habe die Wahrheit gesagt! Es ist eine Art Ersatzteil! Wie ein Helm, wenn du willst – nur daß wir ihn in unseren Köpfen tragen statt darüber!«
»Ich glaube dir nicht«, sagte Kara. »Der Mann, den ich heute morgen sah, ist derselbe, den ich schon zweimal getötet habe. Getötet, Elder – nicht verletzt!«
»So leicht ist es nicht, einen Menschen umzubringen«, antwortete Elder. »Organe sind austauschbar. Selbst ein ganzer Körper.«
»Soll das heißen, ihr... könnt euch neue Körper besorgen, wenn die alten zerstört werden?« fragte Aires fassungslos. Elder nickte. »Ja. Die Technik ist schon seit Jahrtausenden bekannt. Du brauchst nur eine einzige Zelle, um einen vollkommen neuen Körper daraus zu clonen. Eine perfekte Kopie des alten.«
»Dann... dann seid ihr wirklich unsterblich«, hauchte Kara. »Ihr werdet einfach wiedergeboren, wenn der alte Körper verbraucht ist!«
»Ganz so einfach ist es leider nicht«, antwortete Elder. »Ich kann mich hundertmal kopieren lassen, aber es wären nur... leere Hüllen. Fleisch, das atmet und blutet, aber nicht mehr. Es ist uns nie gelungen, Leben zu erschaffen. Wir können auch das Gehirn nachzüchten, und es funktioniert so gut oder schlecht wie das, nach dessen Vorbild es erschaffen wurde.«
Aires starrte ihn immer ungläubiger an. Dann gab sie Hrhon einen Wink. »Laß ihn los.«
Der Waga gehorchte. Elder stolperte einen Schritt von ihm fort, krümmte sich und preßte stöhnend die gebrochene Hand gegen den Leib.
»Dann ist das, was Kara gefunden hat...«
»... das, was wir nicht kopieren können«, führte Elder den Satz stöhnend zu Ende. »Organisch schon, aber das hat keinen Sinn. Es sind die Erinnerungen, das, was Charakter und das Wesen eines Menschen ausmacht. Der Sitz des Bewußtseins, wenn du so willst.«
»Das heißt, wenn euer Körper getötet wird, nehmt ihr einfach dieses... Ding aus seinem Kopf und pflanzt es in einen neuen«, murmelte Kara. Sie empfand ein nicht mit Worten zu beschreibendes Entsetzen.
»Ganz so einfach ist es nicht«, antwortete Elder. »Aber im Prinzip hast du recht. Die Kapsel enthält eine winzige Überlebenseinrichtung. Und einen Sender, der automatisch ein Notsignal ausstrahlt, wenn sie aktiviert wird.«
»Deshalb sind sie so furchtlose Kämpfer«, sagte Storm düster. »Sie sterben ja nicht wirklich. Jedenfalls nicht für lange.«
»Ja«, fügte Aires hinzu. »Und das ist auch der Grund, aus dem sie unsere Drachen fürchten, nicht wahr?« Sie sah Elder auffordernd an, aber er schwieg, und so fuhr sie nach ein paar Augenblicken fort. »Ich nehme an, diese Kapseln sind aus einem sehr widerstandsfähigen Material gefertigt. Aber sie sind nicht unzerstörbar. Das Feuer eines Drachen kann sie vernichten. Und dann sind sie wirklich tot. Ist es nicht so?«
Elder nickte widerstrebend. Er sagte aber nichts, und nach einem Moment wich er auch Aires’ Blick aus.
»Warum hast du uns nichts davon erzählt?« fragte Kara. »Du hast gewußt, was ich aus Schelfheim mitgebracht habe. Du hast es gesehen, als es vor Aires auf dem Tisch lag! Du hast es in der Hand gehabt! Warum hast du geschwiegen? Du mußt gewußt haben, daß sie kommen würden. Das alles hier ist deine Schuld, Elder, ist dir das klar?«
»Ich weiß«, flüsterte Elder. »Es... es tut mir aufrichtig leid, glaub mir. Ich habe einen Fehler gemacht.«
»Es tut dir leid?« Kara hob zornig die Hand und ließ sie wieder sinken. »Dort draußen liegen dreißig Tote, Elder! Weißt du überhaupt, was dieses Wort bedeutet – ich meine wirklich bedeutet? Sie sind tot, Elder! Niemand wird kommen und ihre Gehirne in neue Körper stopfen! Sie sind tot, und sie werden es bleiben! «
»Es tut mir leid«, sagte Elder zum wiederholten Mal. »Was soll ich tun, außer meinen Fehler einzugestehen? Würde es euch zufriedenstellen, wenn ich Selbstmord beginge?«
Kara wollte auffahren – aber in diesem Moment fiel ihr etwas ein, woran sie bisher nicht einmal gedacht hatten. »O mein Gott«, flüsterte sie entsetzt. »Wißt ihr, was das noch bedeutet?« Aires und Storm sahen sie erschrocken an, und Kara fuhr mit bebender Stimme fort. »Es bedeutet, daß sie auch Schelfheim noch einmal angreifen werden!«
43
Sie erreichten die Stadt im Morgengrauen des nächsten Tages, denn trotz allem hatte keiner von ihnen noch die Energie aufgebracht, sofort aufzubrechen. Sie wären ohnehin zu spät gekommen, denn wie Kara gleich nach ihrer Ankunft erfuhr, hatte der Angriff auf Schelfheim nahezu in der gleichen Minute stattgefunden, als auch der Hort überfallen worden war.
Keiner der Drachen samt ihrer Reiter waren noch am Leben. Zwei der riesigen Tiere waren in die Stadt gestürzt und hatten den Verheerungen des vorangegangenen Angriffs neue hinzugefügt, doch die meisten Tiere waren draußen über dem Schlund abgestürzt. Sie hatten nicht einmal die Chance gehabt, ihre Gegner in einen Nahkampf zu verwickeln.