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»Ihr... gebt einfach auf?« sagte Gendik verstört. »Ihr wollt nicht einmal gegen sie kämpfen? Ihr wollt uns einfach im Stich lassen?«

Hatte er denn gar nichts verstanden? Kara blickte ihn an und versuchte vergeblich, weiterhin so etwas wie Zorn oder wenigstens Verachtung zu empfinden. Es gelang ihr nicht. Ihr Vorrat an Gefühlen war erschöpft. Sie fühlte sich nur noch leer. Und es war auch Donay, der Gendik antwortete, nicht Kara. »Natürlich nicht«, sagte er mit einem fast flehenden Blick in Karas Richtung. »Aber wir haben es mit einem Gegner zu tun, der mit den uns bekannten Mitteln und Waffen nicht zu schlagen ist. Wir müssen eine neue Taktik ausarbeiten. In diesem Zusammenhang...« Er griff unter seine Jacke und zog den zusammengefalteten Zettel hervor, den er von Elder bekommen hatte. »Da wären noch ein paar Dinge, die ich euch zusammenzustellen bitte.«

»Eine neue Taktik?« ächzte Gendik. »Worin besteht sie?

Darin, sich feige zu verkriechen und darauf zu warten, daß sie die Lust verlieren, uns zusammenzuschießen?«

»Sie besteht auf jeden Fall nicht darin, mit offenen Augen in den sicheren Tod zu rennen«, antwortete Kara müde. »Überdies habe ich sicheren Grund zu der Annahme, daß sie euch nicht noch einmal angreifen werden.«

»Wie beruhigend«, sagte Gendik. »Und wenn du dich täuschst, dann sind wir die ersten, die das merken, wie?«

Sein Hohn prallte von Kara ab. Er war ebensowenig echt wie sein überheblicher Blick. Der Gendik, der Kara gegenübersaß, hatte kaum noch etwas mit dem Mann gemein, der vor wenigen Minuten durch die Tür hereingekommen war. Gendik war bis ins Mark erschüttert. Schelfheim hatte sich all die Jahre hindurch sicher gefühlt, beschützt von der stärksten Macht, die es auf dieser Welt gab. Und mit einem Mal mußten sie erkennen, wie wenig dieser Schutz wert war.

»Es ist keineswegs so, daß wir aufgeben«, fuhr Kara fort. »Aber Donay hat völlig recht. Die Libellen sind keine Gegner, die wir mit Waffengewalt in die Knie zwingen können. Wir müssen uns einen anderen Weg ausdenken. Das bedeutet nicht, daß wir kapitulieren.«

»Dann... dann verbünden wir uns mit ihnen«, sagte Gendik nervös. »Wir müssen herausfinden, was sie von uns wollen und warum sie hier sind. Vielleicht gibt es einen Weg, sich mit ihnen zu arrangieren.«

Kara lächelte bitter. Sie hatte diesen Vorschlag von einem Mann wie Gendik erwartet. »Ich fürchte, das einzige, was sie von uns wollen, ist auch das einzige, was wir ihnen nicht geben können«, sagte sie.

Karoll hatte mittlerweile den Zettel gelesen und sah stirnrunzelnd auf. »Das kann ich euch nicht geben«, sagte er. »Diese Dinge werden in Schelfheim benötigt. Ganz davon abgesehen, daß ich einen Monat bräuchte, um sie zusammenzustellen.«

Kara maß ihn mit einem langen Blick. »Ich kann mich nicht erinnern, daß Donay Euch um diese Dinge gebeten hat, Karoll«, sagte sie kühl. »Es war ein Befehl, und Ihr werdet ihm gehorchen. Und Ihr habt Zeit bis morgen früh, das Gewünschte zusammenzustellen.« Sie stand auf. »Es sei denn, Ihr legt Wert darauf, daß ich meine Krieger ausschicke, um sie zu suchen.«

So schnell, daß Gendik keine Chance mehr hatte, eine Antwort zu finden, verließ sie das Zimmer und das Haus. Ein warmer Wind schlug ihr entgegen. Ohne im Schritt innezuhalten, eilte sie auf den gewaltigen Krater zu, bückte sich unter der dreifachen Absperrung hindurch und blieb erst stehen, als jeder weitere Schritt nicht nur Lebensgefahr, sondern Selbstmord bedeutet hätte. Das Loch war merklich größer geworden. Als sie das erste Mal zusammen mit Elder und Hrhon hier hinabgestiegen war, da hatte es gerade den Durchmesser des Brückenpfeilers gehabt. Jetzt hatte es mehr als die Hälfte des Platzes verschlungen; und das leise, aber beständige Rieseln und Rascheln verriet ihr, daß es sich noch immer ausdehnte. Vielleicht, dachte sie, wird es überhaupt nie aufhören zu wachsen, sondern Schelfheim eines Tages wie ein steinerner Strudel verschlingen.

»Warum warst du so grob zu ihnen?« fragte Donay hinter ihr. Sie hatte nicht gemerkt, daß er ihr gefolgt war, und sie drehte sich auch nicht zu ihm herum.

»Wieso? Hattest du solches Mitleid mit Gendik?«

»Nein«, antwortete Donay. »Er hat es verdient, aber der Zeitpunkt war nicht sehr klug gewählt.« Mit veränderter Stimme fügte er hinzu: »Geh da weg. Es macht mich nervös, dich da stehen zu sehen.«

Wie um seine Worte zu bekräftigen, löste sich ein kleiner runder Stein unmittelbar neben Karas rechtem Fuß, rollte ein Stück und fiel dann ins Loch. Kara verfolgte seinen Flug, bis er von der Schwärze des Schachtes aufgesogen wurde. Sie rührte sich nicht. »Wieso? Wir wollen doch sowieso nach unten, oder?«

»Aber nicht so«, antwortete Donay. »Jedenfalls hatte ich das nicht vor. Du, vielleicht?« Das Schweigen, mit dem sie auf seine nur rhetorisch gemeinte Frage antwortete, schien ihn zu alarmieren, denn plötzlich vergaß er seine eigene Warnung, trat neben sie und legte die Hand auf ihre Schulter. Sie wankte, machte einen hastigen Schritt vom Rand des Kraters fort und hielt sich instinktiv an Donay fest. Unter ihrer beider Füßen lösten sich immer mehr Steine und rollten abwärts, und ganz plötzlich spürte sie den Sog der Tiefe. Die Gefahr abzustürzen bestand nicht wirklich, aber sie hatten es doch plötzlich sehr eilig, einige Schritte zwischen sich und den Abgrund zu bringen.

Was für ein absurdes Ende wäre das doch für diese Geschichte gewesen, dachte Kara.

Donay ließ fast verlegen ihre Schultern los, trat einen Schritt vor und wußte plötzlich nicht mehr, was er mit seinen Händen anfangen sollte.

»Laß uns gehen«, sagte Kara, als sie seine Verlegenheit spürte. »Cord wartet sicher schon auf uns.«

44

Vier Stunden später war Kara nicht mehr ganz sicher, ob es nicht wirklich einfacher gewesen wäre, den direkten Weg in die Tiefe zu wählen. Sie hatten nicht sofort aufbrechen können, obwohl alles in Kara danach drängte, ihren Ausflug in Schelfheims Unterwelt möglichst rasch hinter sich zu bringen, damit sie zum Drachenhort und den anderen zurückkehren konnten. Aber zugleich hatte sie auch Angst vor dem gehabt, was sie finden mochten. Denn ob es nun ein Beweis für Elders Schuld oder im Gegenteil für seine Ehrlichkeit war, es würde die Dinge so oder so komplizieren.

Stand Elder auf ihrer Seite, wie er behauptete, und sprach die Wahrheit, dann kämpften sie einen Kampf ohne jede Aussicht auf einen Sieg. Log er und war ein Verräter, der in Wirklichkeit mit den Männern in den blauen Uniformen zusammenarbeitete, dann standen ihre Chancen noch viel schlechter, denn dann wußten ihre Feinde mittlerweile alles über den Drachenhort und seine Bewohner.

Sie war auf dem besten Weg gewesen, tatsächlich trübsinnig zu werden, als Donay und Cord schließlich kamen und ihr mitteilten, daß sie bereit seien. Cord hatte allerdings den Spürhund nicht bei sich, womit sie fest gerechnet hatte, und irgendein Teufel hatte Donay geritten, seinen brabbelnden Erinnerer mitnehmen zu wollen; eine Kreatur, die bei aller Intelligenz, die Kara ihr zubilligte, kaum in der Lage war, aus eigenem Entschluß mehr als drei Schritte zu tun. Außerdem hatte Cord nur abgewunken, als sie sich herumdrehen und zu dem an einer fast mannsgroßen Seilwinde hängenden Aufzugkorb gehen wollte, den Gendiks Männer in den letzten Tagen installiert hatten. Die feindlichen Truppen hatten ihn nicht zerstört, so daß er noch immer einen relativ sicheren und bequemen Weg bot, in die tieferen Gefilde der Stadt vorzustoßen.

Aber obwohl es ihr nicht behagte, folgte Kara Cord widerspruchslos zu einem halb heruntergebrannten Haus, das einen guten Block weit entfernt lag. Vorbei an Trümmern und verkohlten Balken, die man nur notdürftig zur Seite geräumt hatte, erreichten sie eine ausgetretene Treppe, über die sie in das hinunterstiegen, was vor zehn oder zwölf Jahren einmal der Wohnraum dieses Hauses gewesen war, jetzt aber als Keller diente. Cord versah sich mit einem ganzen Arm voller kleiner Leuchtstäbe, entfernte von dreien sorgsam die lichtundurchlässige Hülle und geduldete sich einen Moment, bis die Bakterien im Inneren des Holzschwammes begannen, ihr kaltes grünes Licht zu produzieren. Zwei dieser Stäbe reichte er Kara und Donay, den Rest schob er unter seinen Gürtel und in sein Hemd. Während der ersten halben Stunde ihres Abstiegs verspürte Kara trotz allem wieder die gleiche Neugier und beinahe Ehrfurcht, die sie beim ersten Mal hier unten empfunden hatte, brachte sie doch jede Stufe, auf die sie ihren Fuß setzte, gewissermaßen ein Jahr in die Vergangenheit zurück. Die unterirdischen Räume und Säle waren in erstaunlich gutem Zustand, bedachte sie, wie alt sie waren und wie tief sie sich schon nach kurzer Zeit unter der Erdoberfläche befanden: Nach dem zehnten Geschoß nicht nur fünfundzwanzig Meter, sondern gleichsam auch ein Jahrhundert weit in der Vergangenheit. Es gab kaum Staub oder Spuren von Verfall, und selbst hier unten trafen sie noch auf die Zeugnisse menschlicher Anwesenheit, die nicht älter als wenige Tage oder Wochen sein konnten: ein achtlos weggeworfener Wurstzipfel, ein Stück schimmelndes Brot, eine Flasche mit Wasser, deren Inhalt schal, aber noch nicht faulig roch, und zu Karas Erstaunen einen Schuh. Sie fragte sich, wie man einen Schuh vergessen konnte, ohne es zu merken. Einmal hörten sie Geräusche, und Kara war sehr sicher, am Rand der grünen Helligkeit, die ihnen vorauseilte, eine Bewegung zu sehen; ein Schatten in der Dunkelheit, das Glitzern eines dunklen Augenpaares, das sie mißtrauisch ansah. Voller Unbehagen dachte sie daran, was Cord oder Angella ihr bei ihrem allerersten Besuch hier unten erzählt hatten, daß nämlich diese Unterwelt das bevorzugte Jagdrevier der Schmuggler und Diebe, der Halsabschneider und Banditen sei. Eigentlich das wahre Schelfheim.