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Aber je weiter sie in die Erde vordrangen, desto stiller wurde es rings um sie herum. Sie mußten sich noch immer in der Nähe des Schachtes aufhalten, denn dann und wann glaubte Kara einen kühlen Luftzug auf dem Gesicht zu spüren, der nach Salz roch. Erneut fragte sie sich, warum Cord diesen mühseligen Weg über die Treppen gewählt hatte.

»Weil dies der Weg ist, den auch Elder genommen hat«, antwortete Cord auf ihre Frage. Und Kara schalt sich in Gedanken, daß sie nicht selbst auf diese einfache Erklärung gekommen war. Der verschwommene Schatten, der in der blaßgrünen Helligkeit neben ihr war, zuckte mit den Schultern. »Ich fürchte, er hat eine Menge Umwege gemacht. Aber der Hund ist hier entlanggelaufen. Und ich bin nicht sicher, ob ich den Weg wiederfinde, wenn ich versuche, eine Abkürzung zu nehmen.«

Der bloße Gedanke, sich hier unten zu verirren, versetzte Kara beinahe in Panik. So etwas war schon häufiger vorgekommen, und selbst im oberirdischen Schelfheim sollen sich schon Menschen hoffnungslos verlaufen haben.

Der Weg hinunter war länger, als Kara befürchtet hatte. Sie wußte, daß die Leuchtstäbe eine Lebensdauer von gut drei Stunden hatten, und eigentlich hätte sie allein die große Zahl, die Cord mitgenommen hatte, warnen müssen. Trotzdem war sie erstaunt, als Donays Stab an Leuchtkraft verlor und dann erlosch und zu Staub zerfiel. Cord blieb stehen, reichte Donay einen neuen Stab und tauschte vorsichtshalber auch seinen und Karas aus, ehe sie ihren Weg fortsetzten.

Nach einer Weile wurde der Weg wirklich mühsam. Kara hatte schon nach einer halben Stunde aufgehört, die Stufen zu zählen. Sie hatte auch bisher ganz bewußt jeden Gedanken daran verdrängt, daß sie all die Tausende und Abertausende von Stufen wieder hinaufsteigen mußten. Die Vorstellung einer drei oder vier Meilen hohen Treppe war im Moment mehr, als sie verkraften konnte. Eines war ihr jedoch klar: Sie waren längst an jener Ebene vorbei, auf der sie damals die Leichen der drei Drachenkämpfer gefunden hatten. Sie unterbrach ihr kräftesparendes Schweigen zum erstenmal, um Cord auf diesen scheinbaren Widerspruch anzusprechen.

»Ich weiß«, sagte er. Er machte eine vage Geste in die Schwärze hinein. »Es gibt eine Spur, die dort hinführt. Sie endet im Nichts. Dieser Teil der Katakomben ist mit abgestürzt.«

»Niemand hat bisher bewiesen, daß Elder die drei getötet hat«, sagte Donay.

»Wer soll es sonst gewesen sein? Keiner wußte, daß sie erschossen wurden. Keiner außer denen, die sie gefunden haben. Und wir haben es niemandem erzählt«, erwiderte Cord. »Ich habe nicht gesagt, daß er sie nicht gesehen hat«, sagte Donay ruhig. »Ich bin sogar sicher, daß er uns eine Menge verschweigt.«

»Wieso verteidigst du ihn dann?« fragte Cord.

»Das tue ich ja gar nicht«, antwortete Donay. »Ich mag diesen Kerl nicht. Ich möchte nur nicht, daß wir alles ihm anhängen, weil es so bequem ist, und dabei vielleicht etwas Wichtiges übersehen.«

Cord murmelte eine übellaunige Antwort, und dann schwiegen sie wieder, weil der Weg immer mehr Kraft und Aufmerksamkeit von ihnen verlangte. Sie mußten sich nahe der tiefsten Ebenen Schelfheims befinden, die noch zugänglich waren. Die Treppen und Gänge, durch die sie kamen, waren zum größten Teil halb oder ganz zusammengebrochen, so daß sie bald mehr kletterten als wirklich gingen. Der Staub, den sie bei jedem Schritt aufwirbelten, brachte sie zum Husten. Manchmal tasteten sie sich blind und mit klopfenden Herzen über eine Treppe, deren Stufen unter dem Schmutz von Jahrzehntausenden nicht mehr zu sehen waren, und ein paarmal glaubte Kara fest, daß sie sich verirrt hatten und es nicht mehr weiterging, wenn sie an Stellen kamen, wo Decken und Wände zusammengebrochen waren oder der Weg vor einer massiven Mauer zu enden schien. Aber Cord fand jedesmal einen Durchschlupf, irgendeinen Spalt, durch den sie sich hindurchquetschen konnten. Ohne den Hund, dachte Kara, der Cord hier heruntergeführt hatte, hätten sie wahrscheinlich in einer Million Jahre nicht die Chance gehabt, Elders kleines Geheimnis aufzudecken.

Sie waren alle vier völlig erschöpft und so verdreckt, daß ihre Gesichter kaum mehr zu erkennen waren, als sie endlich die unterste Ebene der Stadt erreichten. Cord war noch einmal stehengeblieben und hatte einen weiteren Leuchtstab für sich und zwei zusätzliche für Donay und sie selbst entzündet, so daß das Licht ein wenig heller wurde, aber im Grunde unterschied Kara ihn, Donay und den Erinnerer – der sich als einzig angenehme Enttäuschung dieses Ausfluges erwiesen hatte, denn er hatte ihnen nicht die mindesten Schwierigkeiten bereitet – nur noch an ihren Schattengestalten.

Sie befanden sich in einem langgestreckten, rechteckigen Raum, der sich auf den ersten Blick in nichts von dem unterschied, was sie auf dem Weg hierher gesehen hatte. Der Gang war zum Teil verschüttet, und die Kruste, die die Zeit auf den Wänden und dem Boden zurückgelassen hatte, verlieh allen Konturen etwas sonderbar Weiches und Fließendes, als hätte jemand diesen Raum mit flüssigem Wachs ausgegossen. Dann erkannte Kara ihren Irrtum. Verblüfft ließ sie sich in die Hocke hinabsinken, legte einen der Leuchtstäbe aus der Hand und streckte beinahe furchtsam die Finger aus. Cord sah ihr verwirrt und Donay eindeutig alarmiert zu, während der Erinnerer nur idiotisch grinste.

Karas Fingerspitzen tauchten in die Staubschicht ein und trafen auf einen sehr harten Widerstand, der aber nicht aus Stein war.

»Was hast du?« fragte Donay. Er trat neben sie und streckte wie sie die Hand aus. Aber er berührte den Boden nicht, sondern sah sehr aufmerksam zu, wie Kara die Staubschicht beiseite wischte, vorsichtig, um die grauen Flocken nicht aufzuwirbeln und wieder husten zu müssen.

»Metall!« flüsterte er. »Das ist Metall!«

Cord trat schweigend hinter ihn und beugte sich vor. Er sah verwirrt aus.

»Geschmolzenes Metall«, fuhr Donay in fast ehrfürchtigem Ton fort. Er legte den Kopf in den Nacken und sah Cord gleichermaßen fragend wie fassungslos an. »Das ist Stahl!« flüsterte er. »Dieser ganze Raum besteht aus geschmolzenem Stahl.«