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Cord sagte auch jetzt noch nichts, ließ sich aber mit einer beinahe aggressiven Bewegung auf ein Knie herabsinken und überzeugte sich davon, daß Donay die Wahrheit sprach. »Das ist mir gar nicht aufgefallen, als ich gestern hier war«, sagte er. Donay wollte antworten, aber Kara hinderte ihn daran, indem sie rasch aufstand und eine Geste auf die linke Seite des Raumes machte, wo das grüne Licht die sonderbar deformierten Konturen einer Tür enthüllte. »Kommt weiter«, sagte sie. »Ich habe keine Lust, länger als unbedingt nötig hier unten zu bleiben.«

Gebückt trat sie durch die Tür, machte einen Schritt zur Seite und blieb stehen. »Ist dies der Raum, von dem du gesprochen hast?« fragte sie, während sie die beiden Leuchtstäbe über den Kopf hob. Das grüne Licht vermochte die Kammer nicht ganz zu erhellen, aber sie sah, daß sie viel kleiner war als der Gang draußen – und nicht rechteckig, sondern rund. In einer Stadt wie Schelfheim, in der jeder gerade so baute, wie es ihm in den Sinn kam, war das an sich nichts Außergewöhnliches. Trotzdem beunruhigte sie irgend etwas. Cord trat dicht gefolgt von Donay und dem Erinnerer hinter ihr durch die Tür, nickte wortlos und legte seine beiden Leuchtstäbe auf den Boden. Rasch hintereinander ließ er vier weitere der lichtspendenden Hölzer aufflammen und verteilte sie in einem Halbkreis vor der Tür, so daß sie nunmehr beinahe jede Einzelheit der kleinen Kammer sehen konnten. Kara sah, daß ihre Frage überflüssig gewesen war – in der Staubschicht am Boden waren die Spuren zu sehen, die Cord, der Suchhund, und vor ihnen Elder hinterlassen hatten.

Die Kammer bestand nicht aus Metall, aber auch nicht aus gewöhnlichem Stein. Von einem Gefühl beunruhigt, dessen Ursache sie nicht ergründen konnte, trat Kara näher an die Wand neben der Tür heran und hob den Leuchtstab dicht vor das Gesicht. In dem fast schattenlosen grünen Licht erkannte sie eine Oberfläche, die so rauh wie Sandpapier war, aber völlig fugenlos. Nirgends war ein Spalt zu erkennen, keine noch so kleine Unterbrechung – dieser Raum mußte direkt aus einem einzigen, gewaltigen Steinblock herausgemeißelt worden sein. Die Wände waren kahl und nackt bis auf die sinnlosen Muster, die das Alter darauf hinterlassen hatte. Es gab keine Fenster, keine Nischen, keine weitere Tür – nichts bis auf den Eingang und eine mannshohe Tafel, die unweit der Tür in die Wand eingelassen war.

Im gleichen Moment, in dem Karas Blick auf die Tafel fiel, begriff sie, was Cord gemeint hatte.

Sie wußte nicht, ob es eine Schrift war, ein Bild oder eine Mischung aus beidem, aber das spielte auch keine Rolle. Cord hatte behauptet, daß ihn der Anblick irgendwie beunruhigte. Kara erfüllte er mit einer Angst, die beinahe an Panik grenzte. Sie konnte es nicht erklären. Die fremdartigen Zeichen- und Linien ergaben keinen Sinn, es waren keine Buchstaben irgendeiner ihr bekannten Sprache, sondern allenfalls Symbole, Zeichen, die nur dem einen Zweck zu dienen schienen, den Betrachter in Schrecken und Furcht zu versetzen.

Und nicht nur Kara überwältigte die Angst. Als sie erschrocken den Blick von der Tafel löste, sah sie, daß auch Donay für einen Moment wie gelähmt dastand. Seine Hände zitterten ganz leicht.

Sie sah Cord an und glaubte, daß auch er nervöser geworden war. Aber von Angst oder gar dem Gefühl von Panik war bei ihm nichts zu spüren. Die Tafel beunruhigte ihn lediglich. Mit einem raschen Schritt trat Kara zwischen Donay und die Inschrift, um ihn aus dem Bann der bösen Symbole zu lösen. Aber er tat etwas, womit sie nicht gerechnet hatte: Mit einer beinahe hastigen Bewegung hob er die Arme und schob sie aus dem Weg. Als er sie berührte, spürte sie, wie heftig seine Hände zitterten. Sein Herz schlug so hart, daß sie seinen Puls bis in seine Fingerspitzen fühlen konnte.

»Donay!« sagte sie. »Sieh nicht hin! Du...«

»Laß mich!« unterbrach sie Donay. Seine Stimme war so leise, daß Kara sie kaum verstand. »Ich bin in Ordnung.«

»Ja, ganz bestimmt«, knurrte Kara. Sie trat ihm abermals in den Weg, und diesmal ließ sie sich nicht einfach beiseite schieben, sondern ergriff seine Schultern und schüttelte ihn heftig. Donay blinzelte. Sein Blick löste sich von der furchtbaren Inschrift, tastete für einen Moment hilflos über Karas Gesicht und kehrte dann zu der Tafel hinter ihr zurück. »Das ist... unglaublich«, murmelte er.

»Das ist gräßlich!« sagte Kara. »Sieh nicht hin, Donay.«

Er schüttelte den Kopf. »Das ist es«, sagte er. »Und ich glaube, ganz genau das soll es sein.«

»Wie bitte?« Kara runzelte die Stirn.

»Schau es dir an!« Donay hob erregt die Hand und deutete auf die mannshohe Tafel hinter ihr. »Wer immer das gemacht hat, muß...« Er verriet Kara nie, wofür er den Schöpfer dieser gedankenverdrehenden Symbole hielt, aber sein Blick sprach Bände.

»Wir sollten gehen«, sagte Kara.

»Gehen?« Donays Augen lösten sich widerwillig von der Wand, um Kara auf eine Art zu mustern, als zweifle er an ihrem Verstand. »Wir sind extra hierher gekommen, um uns das da anzusehen.«

»Ja«, antwortete Kara ungeduldig. »Und nun haben wir es gesehen und können wieder gehen.«

»Verstehst du denn nicht?« Donay starrte wieder die Inschrift an und schob sie zum zweiten Mal aus dem Weg, um näher an die Wand zu treten. »Sieh es dir an, Kara. Begreifst du nicht, was das ist!«

»Nein«, antwortete Kara. »Und ich glaube, ich will es nicht begreifen.«

»Es ist nicht so schlimm, wie es im ersten Moment aussieht«, fuhr Donay erregt fort. »Bitte, versuch es, Kara. Es ist nur im ersten Moment schlimm.«

Kara zögerte. Sie verspürte kein großes Bedürfnis, sich das schreckenerregende Bild an der Wand noch einmal anzusehen. Dann begegnete ihr Blick dem Cords, und was sie auf seinem Gesicht las, war eine tiefe, fassungslose Verwunderung. Schließlich überwand Kara ihren Widerwillen und drehte sich mit einem Ruck herum.

Im allerersten Moment war es so schlimm, wie sie befürchtet hatte. Die Zeichen schienen sie anzuspringen und ihre Seele zu vergewaltigen. Dann wurde es noch schlimmer – sie hatte einfach nur noch Angst, ohne zu wissen wovor. Doch plötzlich geschah genau das, was Donay behauptet hatte: Ihre Furcht erlosch beinahe ebenso rasch, wie sie gekommen war. Sie verging nicht ganz, sondern rumorte lediglich als bohrendes Unwohlsein weiter in ihr. Es kostete Kara noch immer spürbare Überwindung, neben Donay zu treten und sich die mannshohe Tafel genauer anzusehen.

Ihre Hoffnung, einen Sinn in den uralten Runen zu entdecken, erfüllte sich nicht. Es blieben fremdartige, düstere Zeichen, von denen sie jetzt zwar annahm, daß es Symbole einer untergegangenen Schrift waren, die ihr aber rein gar nichts sagten. Es waren Buchstaben von unterschiedlicher Größe und Forin, die so tief in die Oberfläche der Platte hineingemeißelt oder gebrannt worden waren, daß nicht einmal zweihundert Jahrtausende sie völlig hatten auslöschen können. Hier und da sah die Schrift ein wenig verwischt aus. Im unteren Teil der Platte hatte jemand offensichtlich versucht, die Schrift auszulöschen: Das Metall war dort zerkratzt und von Schrammen übersät, und die Runen mit feuchtem Lehm oder Erdreich gefüllt, um die Schrift auf diese Weise unkenntlich zu machen, was allerdings erfolglos geblieben war.

»Weißt du, was das ist?« fragte Donay. In seiner Stimme lag keine Furcht mehr, sondern nur noch fasziniertes Erstaunen. »Etwas, das mir nicht gefällt«, antwortete Kara, nachdem sie ihm einen raschen, prüfenden Blick zugeworfen hatte.

»Eine Warnung«, sagte Donay leise.

»Eine Warnung?« Kara warf wieder einen Blick auf die Platte. »Wie kommst du darauf?«

»Sieh es dir doch an!« Donay deutete erregt mit der Hand. »Ich habe keine Ahnung, was diese Zeichen sagen – falls sie überhaupt irgend etwas sagen. Wer immer sie geschaffen hat, hat es nur aus dem Grund getan, zu warnen.«

»Ja«, grollte Kara. »Um harmlose Höhlenforscher zu erschrecken.« Die Worte klangen selbst in ihren eigenen Ohren schal. Ihr Versuch, dem Unheimlichen seinen Schrecken zu nehmen, indem sie es ins Lächerliche zog, scheiterte kläglich.