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»Ja«, sagte Donay ernst. »Verstehst du denn nicht?« Plötzlich drehte er sich zu ihr herum und begann erregt zu gestikulieren. »Hier hat sich jemand sehr große Mühe gemacht, um etwas zu schaffen, das durch seinen bloßen Anblick schon erschreckend wirkt.« Er deutete aufgeregt auf Cord. »Erinnere dich, was er erzählt hat! Selbst den Hund hat es nervös gemacht.«

»Mich macht es auch nervös«, sagte Cord.

Kara sah ihn an und fragte sich, ob er vielleicht in Wahrheit ebenso erschrocken und entsetzt gewesen war wie sie und Donay und vielleicht einfach nur mit seiner Furcht besser fertig wurde.

»Aber welchen Sinn sollte so etwas haben?« fragte sie verstört. »Selbst wenn es möglich wäre.«

»Es ist möglich«, korrigierte sie Donay. »Sieh hin, und du hast den Beweis.«

»Und welchen Sinn!«

Er zuckte mit den Schultern. »Um uns vor irgend etwas zu warnen. Um jeden zu warnen, der hier herunter kommt.«

»Ach ja?« machte Kara nervös. »Und wovor?«

Donay antwortete nicht gleich, sondern musterte wieder die Platte. Ihre seitlichen Ränder waren fast fugenlos mit der Wand verbunden, aber ihre obere Kante bildete einen sichtbaren Absatz.

»Vielleicht vor etwas, was dahinter liegt«, murmelte Donay. »Auf diese Idee bin ich auch schon gekommen«, sagte Cord. Nach ihrer eigenen Furcht und der überschwenglichen Begeisterung Donays empfand sie Cords Nüchternheit als wohltuend. »Worauf?« fragte Donay.

Cord deutete auf die Platte. »Daß es eine sehr massive Tür ist.« Er ballte die Hand zur Faust und schlug gegen den Stein neben der Platte. Kara hatte plötzlich die absurde Vorstellung, daß die Zeichen aus ihrer Jahrhunderttausend währenden Ruhe erwachen und sich auf die Hand stürzen mußten, die es gewagt hatte, sie zu schlagen.

»Hörst du? Das klingt nicht sehr hohl.«

»Was bedeutet das schon«, sagte Donay mit einer wegwerfenden Handbewegung.

»Das bedeutet, daß es für uns gleich sein kann, ob es nun nur eine Platte oder eine Tür ist«, antwortete Cord ruhig. »Wir haben nichts dabei, um sie aufzubrechen.«

Donay schüttelte ärgerlich den Kopf, trat dichter an die Wand heran und tastete mit spitzen Fingern über die verschlungenen, unangenehmen Linien der Runenschrift. »Du bist ein Krieger, Cord«, sagte er spöttisch. »Vielleicht ist es ja für dich der einfachste Weg, eine Tür kurzerhand einzuschlagen, die dir im Weg ist. Aber es gibt noch andere Möglichkeiten.« Er winkte den Erinnerer heran. »Frage«, sagte er mit dieser übertrieben modulierten Stimme, mit der er stets mit Irata zu sprechen pflegte. »Erkennst du in diesen Symbolen eine dir bekannte Schrift oder Zeichensprache wieder?«

Iratas trübe Augen richteten sich zum ersten Mal bewußt auf die Platte, und so etwas wie Leben blitzte in ihnen auf. Kara verstand sehr gut, warum so viele Menschen instinktiv Angst vor den Erinnerern hatten und fast alle Abscheu vor ihnen empfanden. Vielleicht war nicht alles gut, was Männer wie Donay mit der Natur anstellten.

»Antwort«, blubberte der Erinnerer. »Nein.«

Donay wirkte keineswegs enttäuscht. Er überlegte nur einen Moment, dann stellte er die nächste Frage. »Frage: Erkennst du eine mathematische oder sonstwie geartete Regelmäßigkeit in diesen Zeichen!«

Diesmal dauerte es länger, bis Irata seine Antwort hervorwürgte. »Antwort: Ja.«

Donay frohlockte, und der Erinnerer fuhr nach einem keuchenden Atemzug fort: »Aber die Informationen reichen nicht für eine wörtliche oder auch sinngemäße Übersetzung aus.«

Donay seufzte enttäuscht. »Wenn du lange genug mit ihm herumgespielt hast, dann können wir vielleicht endlich gehen«, sagte Kara ungeduldig. Sie machte eine Kopfbewegung zur Decke. »Wir haben noch ungefähr vierundachtzigtausend Stufen vor uns, falls du das vergessen haben solltest.«

Cord wollte etwas sagen, aber Donay ließ ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern wedelte ungeduldig mit der Hand.

»Noch einen Versuch«, bat er.

Ihre innere Stimme riet ihr, nein zu sagen. Aber gleichzeitig begriff sie, daß es wahrscheinlich sehr viel schneller ging, wenn sie Donay diesen letzten Versuch gestattete. Wortlos nickte sie. Donay machte einen großen Schritt von der Schrifttafel fort. »Befehl«, sagte er. »Untersuche die Symbole nach einem mathematisch oder sonstwie gearteten Hinweis auf einen eventuell vorhandenen Öffnungsmechanismus.«

»Umständlicher ging es wohl nicht mehr, wie?« knurrte Cord.

Donay brachte ihn mit einem ärgerlichen Blick zum Verstummen, und auch Kara sah ihn mahnend an.

Der Erinnerer trat zwei Schritte vor. Der Funke in seinen kleinen, trüben Idiotenaugen schien plötzlich heller zu brennen, während sein Blick rasch und ohne zu blinzeln über die Zeichen huschte. Das Gesicht des Erinnerers erschlaffte immer mehr, im gleichen Maße, in dem die Konzentration in seinem Blick zunahm. Sein Unterkiefer klappte herunter, die Zunge glitt haltlos über seine Zähne, und ein dicker Speichelfaden rann aus seinem Mundwinkel und lief an seinem Kinn hinab. Ein ekelerregender Geruch breitete sich aus.

»Das ist widerlich«, sagte Kara.

»Widerlich«, korrigierte sie Donay in überheblichem, belehrendem Tonfall, »sind Gehirne unter Glasglocken, die man in künstliche Körper stopft.«

Kara starrte ihn ärgerlich an. Sie wußte, daß Donay das nur gesagt hatte, um sie zu verletzen. Was ihr aber nicht klar gewesen war, war die Tatsache, wie sehr es ihn verletzte, wenn man Irata angriff. Offensichtlich war der Erinnerer für Donay mehr als ein lebendiges Werkzeug. »Er braucht all seine Kraft zum Nachdenken, wie?« fragte sie ironisch.

»Ganz genau so ist es«, sagte Donay betont.

Mit einem verlegenen Lächeln drehte Kara sich herum, ließ ihn und seinen sabbernden Erinnererfreund stehen und ging zu Cord hinüber, der sich zur Tür zurückgezogen hatte und im Schein seines Leuchtstabes auf den Gang hinausblickte.

»Ich möchte wissen, was er hier unten gesucht hat«, murmelte Cord, ohne sie anzusehen.

»Wer?«

»Elder«, antwortete der Krieger. »Es muß etwas ziemlich Wichtiges gewesen sein, wenn er sich die Mühe gemacht hat, hier herunterzukommen.«

Kara pflichtete ihm mit einem stummen Kopfnicken bei. Sie hatten annähernd vier Stunden gebraucht, um hier herunterzukommen – und sie hatten sich beinahe die ganze Zeit treppab bewegt. Den größten Teil des Weges hinauf würden sie zwar mit dem gerade installierten Aufzug hinter sich bringen, aber Elder hatte das nicht gekonnt, weil es diesen Aufzug noch nicht gegeben hatte. Eine Treppe, die drei oder vier Meilen hoch war... Nein. Ihre Phantasie reichte nicht aus, sich das auszumalen. Es mußte die Hölle sein.

»Was ist das hier?« murmelte Cord.

»Die Alte Welt, Cord.«

Kara hatte nicht einmal bemerkt, daß sich Donay von der Seite des Erinnerers gelöst hatte und zu ihnen getreten war. Cord löste seinen Blick von dem unheimlichen Schatten auf der anderen Seite der Tür und maß Donay mit einem verächtlichen Blick. »Wohl kaum«, sagte er.

»Ich nehme an, wir sind auf der alleruntersten Ebene«, sagte Donay. »Oder zumindest auf einer der untersten. Unter uns ist nur noch Fels – und Karas Meer.«

»Und?« fragte Kara leicht gereizt. Wieso bezeichnete er es als ihr Meer!

Donay deutete mit einer übertriebenen Geste in den Gang hinaus. »Wie alt ist diese Stadt? Zweihunderttausend Jahre? Oder noch älter? Damals hat niemand Korridore aus Stahl gebaut. Und das hier...« Er trat zurück und machte mit der gleichen Hand eine theatralische Bewegung in die Runde. »... habe ich auch noch nie gesehen. Ich verwette meine rechte Hand, daß dieser Gang und dieser Raum hier und alles, was sich hinter jener Tür verbirgt, zur Alten Welt gehören.«

Kara überlegte einen Moment. Donays Worte entbehrten nicht einer gewissen Logik – zumal sie vielleicht erklären würden, warum Elder überhaupt hier heruntergekommen war.