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Zugleich sträubte sich etwas in ihr, sie zu glauben. Die Alte Welt war etwas, von dem man sprach und von dem man manchmal noch Überreste fand. Doch was von ihr geblieben war, hatte bisher nur Schrecken und Unglück gebracht.

Aber spürte sie nicht noch immer das bohrende Unwohlsein, das deutliche Gefühl, sich an einem Ort zu befinden, an dem sie besser nicht wäre?

»Ich bin sicher, daß diese Ebene der Stadt das erste, ursprüngliche Schelfheim ist«, fuhr Donay fort. Auf seinem Gesicht erschien schon wieder jener fiebrige Glanz der Begeisterung, den Kara schon beim Anblick der Tür bemerkt hatte. »Wenn wir genügend Zeit hätten und eine vernünftige Ausrüstung, um uns hier unten umzusehen, dann könnten wir...«

»Das haben wir aber nicht«, unterbrach ihn Kara grob. »Und außerdem ist es Unsinn.«

»Sieh dich doch um!« widersprach Donay. »Du kennst die Geschichte Schelfheims so gut wie jeder andere. Die Überlebenden des Zehnten Krieges sind hierher gekommen, weil dies der einzige Ort auf diesem ganzen Planeten war, an dem sie noch leben konnten. Du weißt, wie sie waren. Kaum mehr als Tiere. Glaubst du, sie hätten Häuser aus Stahl gebaut!«

Kara blickte ihn fast wütend an, dann erkannte sie den Fehler in seinen Worten. »Das müssen sie wohl«, sagte sie. »Das alles hier lag damals nämlich zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel. Anscheinend kennst du die Geschichte deiner Heimatstadt nicht so gut wie ich. Zumindest scheinst du vergessen zu haben, woher ihr Name stammt.«

Aber Donay war keineswegs so irritiert, wie sie angenommen hatte. Er zuckte nur mit den Schultern. »Und! Wer sagt dir, daß all das hier nicht unter Wasser gelegen hat!«

»Jetzt dreht er völlig durch«, sagte Cord. »Eine Stadt auf dem Meeresgrund, wie? Wahrscheinlich sind sie auf Fischen geritten und haben Wasser geatmet!«

»Und warum nicht?« gab Donay ernst zurück. »Sie sind immerhin zu den Sternen geflogen, Cord.«

»Das sind Legenden!« sagte Cord wegwerfend. »Nichts als Ammenmärchen.«

»Sicher«, meinte Donay höhnisch. »So wie die Legenden von den verschwundenen Meeren, die noch da sind. Und die, die jetzt irgendwo dort draußen im Schlund hocken und einen Plan ausbrüten, wie sie uns alle umbringen können.«

»Genug!« sagte Kara. Donay holte zu einer zornigen Entgegnung Luft, aber sie schnitt ihm mit einer herrischen Handbewegung das Wort ab und fuhr in ungeduldig-aggressivem Tonfall fort: »Wie lange braucht der Erinnerer noch?«

»Nicht mehr lange«, antwortete Donay hastig.

»Das hoffe ich«, sagte Cord. »Während dein schwachsinniger Freund da drüben sich vollsabbert, zünden sie vielleicht über unseren Köpfen den Rest der Welt an.«

»Ja«, antwortete Donay mit zornbebender Stimme. »Und wir finden vielleicht hinter dieser Tür etwas, das sie daran hindert, genau das zu tun.«

»Ich gebe dir noch fünf Minuten«, sagte sie in ganz bewußt sachlichem Ton. »Danach kehren wir zur Oberfläche zurück, und ich werde Elder fragen, was diese Zeichen bedeuten. Falls sie etwas bedeuten.«

Der Ton, in dem sie gesprochen hatte, schien Donay klarzumachen, wie sinnlos jede weitere Diskussion war, denn er sah sie nur einen Moment vorwurfsvoll an, dann drehte er sich herum und ging zu Irata zurück.

Kara wartete, bis er außer Hörweite war. »Das war nicht sehr geschickt von dir«, sagte sie leise. »Er hängt an Irata.«

»Ja, wie eine Mutter«, sagte Cord übellaunig. »Immerhin scheint er ihn sogar zu wickeln und trockenzulegen.«

Wortlos sah Kara weiter zu, wie der Erinnerer die Tafel anstarrte, während Donay dabeistand und vergeblich zu verheimlichen suchte, daß auch er immer nervöser wurde.

Kara hatte keine Möglichkeit, das genaue Verstreichen der Zeit festzustellen, aber sie schätzte, daß die fünf Minuten, die sie Donay zugebilligt hatte, allmählich vorüber sein mußten. Und sie wollte ihn endgültig zum Aufbruch auffordern, als Irata plötzlich aus seiner Starre erwachte und einen Schritt tat. Cord und sie waren gleichzeitig an der Seite des Erinnerers, aber es hätte Donays drohenden Blickes gar nicht bedurft, daß sie ihn nicht unterbrachen. Gegen ihren Willen fasziniert sah Kara zu, wie Iratas Finger, die für gewöhnlich kaum in der Lage waren, eine Schale Suppe zu löffeln, so geschickt und schnell wie die Hände eines Künstlers über die verschlungenen Symbole glitten, hier etwas ertasteten, dort drückten – und dann hörten sie alle ein dumpfes, metallenes Schnappen wie das Einrasten eines gewaltigen Riegels.

»Was war das?« fragte Cord alarmiert.

Jeder Spott in seiner Stimme war verschwunden. Plötzlich hatte auch er Angst.

»Er hat es geschafft!« sagte Donay stolz. »Es ist eine Tür.«

»Sie bewegt sich nicht«, sagte Cord ruhig.

Donay schenkte ihm einen beinahe feindseligen Blick, dann hob auch er die Hände und legte die gespreizten Finger auf die Platte. Kara sah, wie sich seine Muskeln spannten, als er mit aller Kraft drückte und schob. Ebensogut hätte er allerdings auch versuchen können, die Wand daneben mit bloßen Händen niederzureißen.

»Helft mir!« sagte er gepreßt. »Sie muß irgendwie aufgehen.«

Er rüttelte, schob und zerrte, aber aus den in die Platte hineingeätzten Linien löste sich nicht einmal ein Staubkorn. Schließlich trat er keuchend und mit schweißglänzendem Gesicht zurück und maß Kara und Cord mit einem düsteren Blick. »Es ginge wahrscheinlich leichter, wenn ihr mir helfen würdet«, sagte er.

»Ich... bin nicht sicher, daß ich wirklich wissen will, was dahinter liegt«, sagte Kara zögernd.

»Elder würde es interessieren«, antwortete Donay. »Willst du abwarten, bis er hier herunterkommt und nachsieht?«

Nein, das wollte sie ganz gewiß nicht. Aber sie wollte auch nicht hinter diese Tür schauen. Sie wünschte sich, niemals hierhergekommen zu sein. Etwas Furchtbares würde geschehen, wenn sie sie öffneten. Vielleicht war dies die Alte Welt, wie Donay behauptete, und vielleicht hatten sie hinter dieser Tür all die Schrecken eingesperrt, die zum Untergang ihrer Welt geführt hatten.

Donays Augen funkelten, als er begriff, daß weder sie noch Cord ihm helfen würden. »Was soll dieser Unsinn’?« fragte er aufgebracht. »Was seid ihr? Kinder, die sich vor einem Springteufel fürchten?« Er schlug wütend mit der Faust gegen die Platte – und wäre beinahe mit wirbelnden Armen in den dahinterliegenden Raum gestürzt, als die Tür mit einem Knirschen, wie sie nur Jahrtausende alte Scharniere hervorzubringen vermochten, aufschwang. Im letzten Moment fand er am Türrahmen Halt und sprang mit einem Keuchen und schreckensbleich zurück.

Auch Kara erstarrte vor Entsetzen. Die Dunkelheit auf der anderen Seite der Tür schien sie zu überrollen wie eine Flutwelle.

Nichts geschah. Zehn Sekunden, zwanzig, dreißig, schließlich eine Minute lang standen sie alle drei wie gelähmt da und starrten die Schwärze jenseits der Tür an, und nichts kam heraus, um sie zu verschlingen. Alles, was sie fühlte, war ein leichter Luftzug – dem wenige Augenblicke später ein fauliger Geruch folgte, der einen heftigen Brechreiz in Kara auslöste. Es gelang ihr, die Übelkeit zu unterdrücken. Trotzdem kostete es sie enorme Überwindung, neben Donay zu treten und den Leuchtstab zu heben, so daß sein grünes Schimmern in den dahinterliegenden Raum fiel.

Was sie sah, das enttäuschte und erleichterte sie zugleich. Das Licht ihrer leuchtenden Stäbe erhellte eine Dunkelheit, die Jahrtausende gewährt haben mußte. Der Raum hinter dieser Tür mußte gewaltig sein. Aber das Licht verlor sich schon nach wenigen Schritten, ohne ihnen mehr zu zeigen als staubige grüne Leere und zwei oder drei Schritte eines Fußbodens, der aus geriffeltem Metall bestand.

Cord griff unter sein Hemd und zog einen weiteren Leuchtstab hervor. Kara bemerkte nicht ohne eine gewisse Sorge, daß sein Vorrat bereits bedenklich zusammengeschrumpft war. Wenn sie weiter so verschwenderisch mit ihrem Licht umgingen, dann würden sie den Rückweg im Dunkeln zurücklegen müssen, dachte sie. Aber sie sprach ihre Besorgnis nicht aus, sondern sah schweigend zu, wie Cord die Hülle von dem Leuchtstab entfernte und ihn dann im hohen Bogen in den Raum hinter der Tür warf. Ihre Blicke folgten gebannt dem Weg, den die flackernde, grüne Leuchtkugel beschrieb, ehe sie irgendwo ein gutes Stück entfernt auf den Boden prallte und liegenblieb. Sie hatten nichts anderes feststellen können, als daß der Raum sehr groß und offensichtlich vollkommen leer war. Widerwillig gestand sie sich ein, daß sie den Raum wohl oder übel betreten mußten, wollten sie mehr über ihn herausfinden. Ihre Hand mit dem Leuchtstab hoch über dem Kopf erhoben und mit angehaltenem Atem, machte Kara ein paar Schritte vor. Die Luft roch noch immer zum Erbrechen, und ihre Hoffnung, daß sie sich daran gewöhnen würde, erfüllte sich nicht. Der Raum war eine einzige Enttäuschung. Mit Ausnahme des Umstandes, daß der Fußboden aus Metall bestand, auf dem ihre Schritte unheimliche, lang widerhallende Echos hervorriefen, bot er keine Besonderheit. Sie näherten sich vorsichtig dem Leuchtstab, dessen grünes Licht wie ein Signalfeuer zwanzig Meter vor ihnen brannte, blieben ganz instinktiv einen Herzschlag lang im Schein dieses Lichtes stehen und erreichten nach weiteren zwanzig oder auch dreißig Schritten die gegenüberliegende Wand des Raumes. Kara registrierte, daß sie aus dem gleichen, sonderbar rauhen grauen Stein bestand wie die andere Kammer.