Es gab eine zweite Tür, die mit einer simplen Klinke versehen war, die Donay zu Karas Verärgerung kurzerhand herunterdrückte. Sein Versuch, die Tür einfach zu öffnen, scheiterte jedoch. Ärgerlich lehnte er sich mit der Schulter dagegen und drückte mit dem ganzen Gewicht seines Körpers. Die Tür bewegte sich mit einem furchtbaren Quietschen lediglich ein winziges Stück nach innen. Erst als sich Cord zu Donay gesellte und ihm half, gelang es ihnen, sie so weit aufzuschieben, daß sie sich hindurchquetschen konnten.
Die Luft wurde noch schlechter, als sie den dahinterliegenden Raum betraten. Kara fiel erst jetzt die Kälte auf und der feuchte, klebrige Hauch, der sich auf ihr Gesicht, ihre Hände und ihre Kleider gelegt hatte. Zu der ohnehin würgenden Übelkeit in ihrem Magen gesellte sich ein heftiges Ekelgefühl. Mit gesenktem Blick und krampfhaft schluckend trat sie neben Cord und stieß plötzlich gegen etwas Hartes. Im selben Augenblick ergriff Donay ihre linke Schulter und hielt sie zurück. Als Kara erschrocken aufblicke, verstand sie, warum er es getan hatte. Auch der Boden dieses Raumes bestand aus jenem geriffelten, schmutzverkrusteten Metall, aber es war hier nur ein knapp eineinhalb Meter breiter Steg, der von einem hüfthohen Geländer begrenzt wurde. Darunter, in vier oder fünf Metern Tiefe, schwappte eine ölige, schwärzliche Flüssigkeit, die das Licht ihrer Leuchtstäbe nur schwach zurückwarf. Es dauerte einen Moment, bis Kara klarwurde, daß diese Brühe der Quell jenes furchtbaren Geruches war, der ihr allmählich das Gefühl gab, ersticken zu müssen.
»Was ist das?« fragte sie angewidert.
Sie bekam keine Antwort, aber Donay schwenkte seinen Stab, um den Metallsteg zu erhellen. Der Steg setzte sich entlang der Wand fort, aber es gab in wenigen Schritten Entfernung eine schmale Unterbrechung im Geländer, hinter der eine Metalleiter in die Tiefe führte. Wie weit sie reichte, konnte man nicht erkennen, denn sie verschwand nach zwei oder drei Dutzend Sprossen in dem schwarzen See unter ihnen. Karas Magen drehte sich schon bei der bloßen Vorstellung herum, daß irgend jemand in diesen Schlamm hinuntergestiegen sein sollte. Vorsichtig gingen sie weiter. Der Raum mußte gewaltig sein, denn es dauerte allein mehrere Minuten, bis Kara überhaupt auffiel, daß die Wand zu ihrer linken nicht gerade war, sondern leicht gekrümmt. Sie folgten dieser Krümmung ein Stück. In regelmäßigen Abständen stießen sie auf Leitern, die in die Tiefe hinabführten, und zwei- oder dreimal auf die geschlossenen Doppeltüren von Aufzügen. Dann fanden sie eine Tür, die offenstand.
Donay blieb stehen. Kara konnte nicht einmal sein Gesicht erkennen, aber sie erriet seine Gedanken so präzise, als hätte er sie ausgesprochen. »Vergiß es lieber ganz schnell«, sagte sie. »Er funktioniert sowieso nicht mehr. Und selbst wenn...« Sie machte eine Kopfbewegung über das Geländer hinweg in die Tiefe. »Willst du wirklich dort hinunterfahren?«
Donays Blick folgte ihrer Geste. Ohne ein Wort ging er weiter.
Kara zählte ihre Schritte, um zumindest eine ungefähre Vorstellung von der Größe dieses Raumes zu haben, und in ihre Furcht mischte sich beinahe Ehrfurcht, als sie nach einer geraumen Weile zurücksah und erkannte, daß die Tür, durch die sie diese Halle betreten hatten, mittlerweile fast genau auf der gegenüberliegenden Seite lag. Wenn sie sich nicht verzählt hatte, dann mußte dieser unterirdische Saal einen Durchmesser von mindestens dreihundert Metern haben.
»Wozu mag die Halle einmal gedient haben?« murmelte Cord.
»Ich vermute, es war der Eingang«, sagte Donay. »Vielleicht haben sie irgend etwas durch diesen Raum herein- oder auch hinausgebracht.« Er hob den Arm so weit über den Kopf, wie er konnte, und Karas Blick folgte automatisch seiner Bewegung. Der grüne Schimmer des Leuchtstabes erreichte die Decke kaum, denn sie befand sich gute sechs Meter über ihren Köpfen. Aber sie glaubte zu erkennen, daß sie wie der Steg unter ihren Füßen nicht aus Stein, sondern aus Metall gemacht war. Die Zeit war aber nicht einmal an dem fast unzerstörbaren Material der Alten Welt spurlos vorübergegangen: Geschmolzenes Eisen hatte sich zu erstarrten Tropfen und langen, konisch geformten Nadeln arrangiert, die wie die bizarren Skulpturen eines wahnsinnigen Künstlers von der Decke hingen. Doch man konnte trotzdem noch sehen, daß die gewaltige Platte über ihren Köpfen aus mehreren Teilen bestanden hatte. Vielleicht war Donays Vermutung gar nicht so abwegig gewesen, und all diese Korridore und Räume hatten einmal auf dem Grunde des Meeres gelegen. Kara hatte das unheimliche Schiff, auf das sie nicht weit von hier gestoßen war, keineswegs vergessen. Und welchen Sinn machte ein Schiff, das unter Wasser fuhr – wenn nicht den, eine Stadt zu erreichen, die unter Wasser lag. Donay senkte den Arm wieder, trat an das Geländer heran und beugte sich vor. Auch über sein Gesicht huschte ein deutlicher Ausdruck von Ekel. Kara konnte beobachten, wie er immer heftiger und schneller schluckte, als sich Speichel in seinem Mund ansammelte. Trotzdem blieb er sekundenlang reglos stehen und blickte in die Tiefe. »Wasser...« murmelte er. »Das muß einmal Wasser gewesen sein.« Enttäuschung machte sich auf seinem Gesicht breit. »Es ist alles vollgelaufen.«
Kara verstand seine Enttäuschung. Es war nicht schwer zu erraten, was Donay sich hinter der Tür mit dieser schrecklichen Warnung erhofft hatte. Auch sie hatte für einen Augenblick geglaubt, noch einmal Elders spöttische Stimme zu hören: ... irgendeine Superwaffe, die eure Vorfahren euch hinterlassen haben? Die Vorstellung war zu verlockend gewesen, um sich ihr nicht wenigstens für einige Augenblicke hinzugeben.
»Vielleicht gibt es irgendwo doch noch etwas«, sagte Donay. »Ich meine... Wenn ich eine Stadt auf dem Meeresgrund erbauen würde, dann wären die Türen wasserdicht. Vielleicht haben einige standgehalten.«
»Möglich«, sagte Cord. »Warum tauchst du nicht hinunter und siehst nach?«
Donay blickte ihn verärgert an, aber er antwortete nicht. Natürlich hatte Cord auch recht, dachte Kara. Selbst wenn Donays Vermutung zutraf, nutzte ihnen das nichts. Wahrscheinlich war es schon gefährlich, sich überhaupt hier aufzuhalten. Dieses Wasser zu berühren oder gar hineinzutauchen, würde sie umbringen.
Trotzdem bedeutete sie ihm mit einem raschen Blick, still zu sein, und gab Donay zu verstehen, daß er weitergehen sollte. Sie hatten den Raum zu mehr als zwei Dritteln umkreist, als sie eine weitere, offenstehende Aufzugkabine fanden. In einer Ecke lag etwas, das bewies, daß sich hier ein Mensch befunden hatte, als sich ihre Türen zum letzten Mal öffneten: Fetzen einer bräunlichen, undefinierbaren Substanz, eine rostverkrustete Gürtelschnalle aus Metall, die zu Staub zerfiel, als ihre Schritte den Boden erschütterten, ein verbogenes Brillengestell, dessen Glas zersprungen war, und ein paar erstaunlich große Sohlen ohne die dazugehörigen Schuhe. Alles andere hatte die Zeit wieder zu Staub werden lassen, aus dem es einst gemacht worden war. Aber neben diesem bizarren Grab standen zwei Koffer aus dem gleichen geriffelten Metall, aus dem auch der Steg und die Hallendecke gefertigt waren!