»Nicht anfassen«, sagte Donay erschrocken, als Kara automatisch die Hand ausstrecken und danach greifen wollte. Sie zog gehorsam den Arm zurück, sah ihn aber verblüfft an. Donay ging an ihr vorbei, ließ sich neben den Koffern in die Hocke sinken und streckte nun seinerseits die Rechte aus. Er tat es unendlich behutsam, und sein Finger zuckte zurück, als hätte er glühendes Eisen berührt, kaum daß er einen der Koffer flüchtig angefaßt hatte. Kara verstand, was er da tat. Er hatte Angst, das Metall könnte unter seiner Berührung zerfallen wie die Gürtelschnalle zuvor. Als nichts geschah, griff er noch einmal und etwas entschlossener zu. Ein Teil der fingernageldicken Staubkruste, die eine geschlossene Schicht auf dem Koffer bildete, fiel mit einem Knistern wie von trockenem Pergament herab, und darunter kam silberfarbenes, fast unversehrt wirkendes Metall zum Vorschein.
Mutiger geworden schloß Donay die Hand um den Griff des Koffers und zog daran. In der nächsten Sekunde hielt er ihn verblüfft in der Hand, während der Koffer auf dem Boden stehenblieb. Der Griff hatte dem Ansturm der Zeit standgehalten, seine Scharniere, die aus einem anderen Material gefertigt waren, nicht.
Donay ließ den Koffergriff fallen, beugte sich vor und versuchte, die ganze Metallkiste vom Boden hochzuheben. Er mußte einiges an Kraft aufwenden, aber nach einigen Augenblicken gelang es ihm, den Koffer hochzuhieven, ohne daß er zerbrach oder unter seinen Händen zu Staub zerfiel. Donays Gesichtsausdruck und der verkrampften Haltung nach zu schließen, mußte er sehr schwer sein. Trotzdem klemmte Donay ihn sich unter den linken Arm und versuchte mit der anderen Hand, den zweiten Koffer zu ergreifen. Natürlich funktionierte es nicht.
Cord sah ihm einige Sekunden zu, dann bückte er sich wortlos und hob den zweiten Koffer auf.
»Sei vorsichtig!« sagte Donay erschrocken. »Behandle ihn wie ein rohes Ei!«
»Was glaubst du, was sie enthalten?« fragte Kara.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Donay. »Ich werde sie öffnen. Aber nicht hier.« Sie verließen die Liftkabine und machten sich auf den Weg. Aber als sie sich der Tür wieder bis auf zwanzig Schritte genähert hatten, begann der Boden unter ihren Füßen zu zittern. Kara blieb erschrocken stehen. Der metallene Steg schwankte und bebte. Auf dem schwarzen Wasserspiegel, fünf Meter unter ihnen, entstand ein bizarres Wellenmuster aus träge ineinander laufenden Kreisen und Ringen, und sie glaubte, ein ganz fernes, dumpfes Mahlen und Knirschen zu hören.
»Was ist das?« fragte Cord erschrocken.
Kara sah sich aus weit aufgerissenen Augen um. Ihre ohnehin überreizte Phantasie spielte ihr Dinge vor, namenlose, grauenhafte Dinge, die sie aus einem Jahrhunderttausende währenden Schlaf gerissen hatten, denn natürlich waren die beiden Koffer keine Koffer, sondern Siegel einer geheimnisvollen Magie gewesen, die den Eingang zu einem Verließ voller unvorstellbarer Ungeheuer verschlossen, und jetzt würden sie den Preis für diesen Frevel zahlen müssen. Aber die Bilder verblaßten so schnell, wie sie gekommen waren, und dann begriff sie auch, was es wirklich war.
»Ein Erdbeben«, flüsterte sie. Wie um ihr recht zu geben, erzitterte der Steg zum zweiten Mal.
Sie gingen schneller weiter. Nicht, daß sie rannten, aber sie bewegten sich doch so rasch, wie es Donay und Cord mit ihrer Last möglich war, und nicht nur Kara atmete hörbar auf, als sie den Saal hinter sich ließen. Der Boden unter ihren Füßen zitterte weiter. Es war ein Beben. Sie befanden sich nicht in seinem Zentrum, nicht einmal wirklich in seiner Nähe, aber sowohl Kara als auch die beiden anderen dachten daran, was ein eben solches Erdbeben dem Drachenhort angetan hatte, ehe eine andere, bösartigere Macht über ihnen hereingebrochen war. Ohne auch nur noch einen Blick zurückzuwerfen, durchquerten sie den leeren Raum und betraten die kleine runde Kammer, in der Irata auf sie wartete.
Donay hielt an, setzte seine Last auf den Boden und blieb erschöpft stehen. Auch Cord verlagerte das Gewicht der Metallkiste, die er trug, ein paarmal ungeschickt auf den Armen und atmete tief durch. Kara wußte zwar, daß es ein unter Umständen gefährlicher Trugschluß sein mochte – doch selbst sie fühlte sich hier sicherer. Dabei gab es hier unten wahrscheinlich keinen Ort, an dem sie sicher waren. Ein Erdbeben in einer Stadt wie Schelfheim... Nein, sie konnte und wollte sich nicht vorstellen, was das bedeutete.
Sie gewährte sich und den beiden anderen eine Minute, um wieder zu Atem zu kommen, dann machte sie ein Zeichen weiterzugehen. Aber Donay schüttelte den Kopf. »Noch nicht«, sagte er. »Bitte, warte noch ein paar Augenblicke.«
»Wie lange?« fragte Kara gereizt. »Bis uns die ganze Stadt auf den Kopf fällt?«
Donay atmete tief ein und aus und versuchte, sich den Schmutz aus dem Gesicht zu wischen. »Nur eine Minute«, sagte er. »Oder zwei. Bitte.« Er wartete Karas Antwort nicht ab, sondern winkte Irata herbei. »Befehl!« sagte er mit einer Stimme, die hörbar schwankte. »Merke dir die Symbole auf der Tafel. Ich brauche später eine genaue Reproduktion.«
»Wozu soll das gut sein?« fauchte Cord.
Donay zuckte mit den Schultern. »Vielleicht gelingt es uns, es zu übersetzen.« sagte er. Dann schwieg er einen Moment, bevor er grimmig hinzufügte: »Schlimmstenfalls reicht es wahrscheinlich wenigstens aus, um eurem Freund Elder einen gehörigen Schrecken einzujagen.«
»Wie lange braucht er?« fragte Kara nervös.
»Nicht lange«, antwortete Donay. »Er vergißt nie etwas, das er einmal gesehen hat.«
»Du auch nicht, denke ich.«
»Das stimmt«, erwiderte Donay. »Aber sicher ist sicher.«
Der Erinnerer löste seinen Blick von der Tür mit der unangenehmen Inschrift und gurgelte ein Wort, das Kara nicht verstand, auf das Donay aber mit einem zufriedenen Nicken reagierte. Ächzend nahm er seine Last wieder auf. Wenige Augenblicke später verließen sie die runde Kammer und begannen den langen, kräftezehrenden Aufstieg hinauf nach Schelfheim.
45
Als sie Stunden später verdreckt und bis zum Umfallen erschöpft aus dem Korb stiegen, den ein Dutzend keuchender, verschwitzter Gardesoldaten mit Hilfe einer quietschenden Seilwinde nach oben kurbelten, da wartete die nächste Katastrophe bereits auf sie. Es war nicht das Erdbeben, das kaum heftig genug gewesen war, ein paar Teller und Krüge von ihren Regalen herunterzustürzen und zerbrechen zu lassen, und es waren auch nicht die Libellen, die zurückgekommen waren, aber in der Stadt herrschte ein hektisches Durcheinander, und die Luft war voller Drachen. Kara hörte ein entferntes, zorniges Brüllen, und sie sah orangeroten flackernden Feuerschein hinter den flachen Dächern im Norden.
Noch ehe der Korb vollends zum Stillstand gekommen war, sprang sie mit einem ungeduldigen Satz hinaus und griff sich den erstbesten Soldaten, den sie erreichen konnte. »Was ist passiert? Werdet ihr angegriffen?«
Der Mann versuchte, ihre Hand abzustreifen. Karas Griff war so fest, daß er kaum Luft bekam. »Ja... nein, ich... ich weiß nicht«, stammelte er.
»Libellen?« mischte sich Cord ein.
»Nein. Sie erzählen etwas von... von irgendwelchen Ungeheuern, die aus dem Schlund gekommen sein sollen«, antwortete der Soldat.
»Ungeheuer?« Donay, der taumelnd unter seiner Last aus dem Aufzugkorb kam, zog die Augenbrauen hoch. »Was ist das für ein Unsinn.«
»Ich weiß es doch nicht!« beteuerte der Gardist. »Ich war die ganze Zeit hier. Ich habe nur gehört, was sie sich zugerufen haben, und – «