Ein mächtiges Rauschen und Brausen in der Luft unterbrach ihn und ließ Kara aufblicken. Sie zog unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern, aber lief im gleichen Moment auch schon los. Als Markors Krallen sich knirschend in die Ruinen eines Hauses auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes gruben, hatte sie den Krater bereits umkreist.
Ein zweiter Schatten verdunkelte die Sonne. Kara sah auf und beantwortete das Winken des Drachenreiters mit einer hastigen Geste, dann hatte sie Markor erreicht und kletterte hastig in den Sattel in seinem Nacken. Der Drache wartete nicht einmal, bis sie sich festgebunden hatte, sondern stieß sich mit einem gewaltigen Satz ab und segelte dicht über den Dächern der Stadt nach Norden.
Kara entdeckte den Feuerschein. Einige der Häuser am nördlichen Stadtrand standen in Flammen, und je weiter sie sich dem Schlund näherten, desto größer wurde die Anzahl der Menschen, die ihnen entgegeneilten, manche mit Taschen, Säcken oder anderen Gepäckstücken beladen. Trotzdem dauerte es noch einige Augenblicke, bis Kara begriff, daß diese Menschen vor irgend etwas flohen. Etwas, das aus dem Norden kam und von dort aus in die Stadt eingedrungen war. Was hatte der Mann gesagt? Ungeheuer aus dem Schlund?
Wieder loderte das grellorange Feuer eines Drachen vor ihr auf. Kara sah, wie der Flammenstrahl einen Häuserblock eine halbe Meile vor dem Schlund traf und in Brand setzte – aber sie konnte beim besten Willen nicht erkennen, worauf der Drache gezielt hatte.
Sie ließ Markor langsamer fliegen und ging weiter hinunter. Die gleichmäßig schlagenden Schwingen des Drachen berührten jetzt beinahe die Häuser. Hier und da schien der Anblick des Drachen den Menschen neuen Mut zu geben, denn sie blieben stehen und winkten ihr zu, manche machten gar kehrt und rannten ein Stück im Schatten des riesigen Tieres in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren, aber bei den meisten schien Markors Auftauchen die Angst nur noch zu verstärken. Kara beugte sich weit im Sattel vor und hielt nach dem Grund der Massenflucht Ausschau.
Sie brauchte nicht lange zu suchen.
Sie war noch mehr als eine Meile vom Rande der Stadt und damit dem Schlund entfernt, als sie ein gewaltiges, häßliches Etwas erblickte, das auf zu vielen mißgestalteten, kurzen Beinen hinter der Menschenmenge herlief. Im allerersten Moment kam ihr die Gestalt so grotesk vor, daß sie ein Lachen unterdrücken mußte und sich verblüfft fragte, wieso all diese Menschen dort unten vor ihr davonliefen. Aber dann sah sie die schnappenden Kiefer und die blind herumtastenden, mit Stacheln versehenen Greifarme der Kreatur und machte sich klar, daß der Anblick allerhöchstens von der sicheren Höhe des Drachenrückens aus komisch wirkte.
Kara zog Markor herum, steuerte in einer eleganten Schleife auf das Monster zu und verbrannte es mit einem kurzen, gezielten Feuerstoß. Gleichzeitig wurde ihr allerdings bewußt, wie nutzlos dieses Unterfangen war. Während des kurzen Rundfluges hatte sie gesehen, daß die Straßen unter ihr von allen möglichen und unmöglichen Monstern nur so wimmelten. Eine halbe Meile vor dem Schlund hatte sich eine mindestens fünf Meter große Spinnenkreatur eingenistet und bereits damit begonnen, in aller Seelenruhe ein gewaltiges Netz zwischen den Häusern zu spinnen. Sie würde nicht allzu weit damit kommen, denn gleichzeitig hatte etwas, das wie der Urgroßvater sämtlicher Käfer auf diesem Planeten aussah, damit begonnen, eines der Häuser aufzufressen, an denen sie ihre Fäden befestigt hatte. Neben diesen beiden Kolossen gab es Dutzende von anderen, kleineren Gestalten, die allesamt aus einem Alptraum entsprungen zu sein schienen. Viele von ihnen waren so groß wie ein Mensch.
Kara widerstand der Versuchung, dem Spuk zumindest in dieser Straße mit einem weiteren Feuerstrahl Markors ein Ende zu bereiten. Die Flammen waren die mächtigste Waffe der Drachen, aber eben aus diesem Grund mußten sie vorsichtig damit umgehen. Es fiel einem Drachen nicht leicht, Feuer zu speien. Es bereitete ihm sowohl Schmerzen als auch große Mühe, und Kara hatte von Fällen gehört, in denen Drachenreiter ihre Tiere umgebracht hatten, indem sie sie zwangen, zu oft und zu lange Feuer zu speien.
Sie lenkte Markor wieder nach Norden und ließ ihn gleichzeitig ein wenig Höhe gewinnen, als die Klippe des Kontinentalschelfs unter ihr davonglitt und sich der Drache plötzlich inmitten der tückischen Windböen befand, die seit zweihundert Jahrtausenden an Schelfheims Fundamenten rüttelten. Geschickt nutzte sie diese Böen aus, um den riesigen Drachen fast ohne einen einzigen Flügelschlag ein Stück weiter in die Höhe und zugleich von der Klippe forttreiben zu lassen, und begann dann in enger werdenden Spiralen wieder in die Tiefe zu sinken. Das schier endlose Häusermeer Schelfheims breitete sich für einen Moment wie ein bizarres Spielbrett der Götter unter ihr aus, schien dann in die Höhe zu steigen und wurde zur Zinnenkrone der ungeheuerlichen Wehrmauer, die das Leben auf dem Land gegen das auf dem Meeresgrund errichtet hatte.
Die annähernd drei Meilen hohe, lotrechte Klippe des Kontinentalschelfs war eine Bastion, und sie wurde im Moment von einer Armee berannt, deren bloßer Anblick Kara einen Schauer des Entsetzens über den Rücken laufen ließ. Ungeachtet der heulenden Windböen, die immer wieder einzelne, manchmal aber auch Dutzende oder Hunderte der Angreifer von der Wand pflückte, bewegte sich eine unvorstellbare Masse von meist ebenso unvorstellbaren Kreaturen an der Wand empor. Manche von ihnen waren so groß, daß sie vermutlich selbst einem Drachen gefährlich werden konnten, andere wieder so winzig, daß sie aus der Entfernung gar nicht zu sehen waren, dafür aber nach Millionen oder auch Milliarden zählten. Kara begriff voller jähem Schrecken, daß das, was sie oben in der Stadt gesehen hatte, nur die Vorhut dieser unvorstellbaren Invasion gewesen war – einige wenige Späher, denen ein Heer folgte, das die Stadt dort oben auf der Klippe und ihre Bewohner einfach überrennen würde, gleichgültig, was sie taten, und gleichgültig, ob sie ein Dutzend Drachen zu ihrer Unterstützung hatten oder nicht.
Links von ihr loderte orangerotes Feuer auf. Sie wandte den Kopf, korrigierte gleichzeitig Markors Kurs, damit er der Klippe und seinen entsetzlichen Bewohnern nicht zu nahe kam, und erblickte eine Gruppe von drei Drachen, die sich der Wand näherten und wieder davonglitten, wobei sie versuchten, eine Schneise aus Feuer zu legen, die der krabbelnden Monsterarmee den Weg verwehrte. Die Idee war gut, dachte Kara, aber leider undurchführbar. Sie hätten nicht zwölf, sondern zweihundert Drachen gebraucht, um die Stadt auf diesem Wege zu schützen.
Sie signalisierte den drei Drachenreitern, in ihrem sinnlosen Tun innezuhalten und wieder höherzusteigen, lenkte Markor selbst in die entgegengesetzte Richtung. Sie hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was die Bewohner des Schlunddschungels bewogen haben mochte, alle im gleichen Moment ihren Wohnort zu wechseln. Aber sie konnte sich nicht mit einer Ahnung zufriedengeben, wenn das Leben von Millionen Menschen gefährdet war.
Markors Flug wurde unruhiger, je mehr sie sich dem Dschungel näherten. Die Anpassung und der schneidende Wind trieben Kara die Tränen in die Augen, so daß sie im ersten Moment kaum mehr als ein verschwommenes Muster aus Farben und Bewegung unter sich wahrnehmen konnte. Halb blind tastete sie nach rechts, fand die Schutzbrille, die an Markors Sattel befestigt war, und setzte sie auf, nachdem sie sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen gewischt hatte. Sie konnte jetzt wieder klar sehen, aber der Dschungel unter ihr blieb ein Gewusel aus brauner glitzernder Bewegung, das mehr an die Oberfläche eines Ozeans aus verschmutztem Teer als an den gewohnten Anblick der Baumwipfel erinnerte. Wo das alles überwuchernde Grün des Blättermeeres gewesen war, da tobte jetzt eine unvorstellbare Masse der gleichen Kreaturen, die auch die Klippe und die Stadt attackierten. Es war, als hätte der Schlund jedes bißchen Leben, das in der Lage war, sich von der Stelle zu bewegen, aufgeboten, um hier eine apokalyptische Generalprobe des Weltunterganges abzuhalten.