Vorsichtig gingen sie weiter. Der Raum mußte gewaltig sein, denn es dauerte allein mehrere Minuten, bis Kara überhaupt auffiel, daß die Wand zu ihrer linken nicht gerade war, sondern leicht gekrümmt. Sie folgten dieser Krümmung ein Stück. In regelmäßigen Abständen stießen sie auf Leitern, die in die Tiefe hinabführten, und zwei- oder dreimal auf die geschlossenen Doppeltüren von Aufzügen. Dann fanden sie eine Tür, die offenstand.
Donay blieb stehen. Kara konnte nicht einmal sein Gesicht erkennen, aber sie erriet seine Gedanken so präzise, als hätte er sie ausgesprochen. »Vergiß es lieber ganz schnell«, sagte sie. »Er funktioniert sowieso nicht mehr. Und selbst wenn...« Sie machte eine Kopfbewegung über das Geländer hinweg in die Tiefe. »Willst du wirklich dort hinunterfahren?«
Donays Blick folgte ihrer Geste. Ohne ein Wort ging er weiter.
Kara zählte ihre Schritte, um zumindest eine ungefähre Vorstellung von der Größe dieses Raumes zu haben, und in ihre Furcht mischte sich beinahe Ehrfurcht, als sie nach einer geraumen Weile zurücksah und erkannte, daß die Tür, durch die sie diese Halle betreten hatten, mittlerweile fast genau auf der gegenüberliegenden Seite lag. Wenn sie sich nicht verzählt hatte, dann mußte dieser unterirdische Saal einen Durchmesser von mindestens dreihundert Metern haben.
»Wozu mag die Halle einmal gedient haben?« murmelte Cord.
»Ich vermute, es war der Eingang«, sagte Donay. »Vielleicht haben sie irgend etwas durch diesen Raum herein- oder auch hinausgebracht.« Er hob den Arm so weit über den Kopf, wie er konnte, und Karas Blick folgte automatisch seiner Bewegung.
Der grüne Schimmer des Leuchtstabes erreichte die Decke kaum, denn sie befand sich gute sechs Meter über ihren Köpfen. Aber sie glaubte zu erkennen, daß sie wie der Steg unter ihren Füßen nicht aus Stein, sondern aus Metall gemacht war.
Die Zeit war aber nicht einmal an dem fast unzerstörbaren Material der Alten Welt spurlos vorübergegangen: Geschmolzenes Eisen hatte sich zu erstarrten Tropfen und langen, konisch geformten Nadeln arrangiert, die wie die bizarren Skulpturen eines wahnsinnigen Künstlers von der Decke hingen. Doch man konnte trotzdem noch sehen, daß die gewaltige Platte über ihren Köpfen aus mehreren Teilen bestanden hatte. Vielleicht war Donays Vermutung gar nicht so abwegig gewesen, und all diese Korridore und Räume hatten einmal auf dem Grunde des Meeres gelegen. Kara hatte das unheimliche Schiff, auf das sie nicht weit von hier gestoßen war, keineswegs vergessen. Und welchen Sinn machte ein Schiff, das unter Wasser fuhr - wenn nicht den, eine Stadt zu erreichen, die unter Wasser lag.
Donay senkte den Arm wieder, trat an das Geländer heran und beugte sich vor. Auch über sein Gesicht huschte ein deutlicher Ausdruck von Ekel. Kara konnte beobachten, wie er immer heftiger und schneller schluckte, als sich Speichel in seinem Mund ansammelte. Trotzdem blieb er sekundenlang reglos stehen und blickte in die Tiefe. »Wasser...« murmelte er. »Das muß einmal Wasser gewesen sein.« Enttäuschung machte sich auf seinem Gesicht breit. »Es ist alles vollgelaufen.«
Kara verstand seine Enttäuschung. Es war nicht schwer zu erraten, was Donay sich hinter der Tür mit dieser schrecklichen Warnung erhofft hatte. Auch sie hatte für einen Augenblick geglaubt, noch einmal Elders spöttische Stimme zu hören: ... irgendeine Superwaffe, die eure Vorfahren euch hinterlassen haben?
Die Vorstellung war zu verlockend gewesen, um sich ihr nicht wenigstens für einige Augenblicke hinzugeben.
»Vielleicht gibt es irgendwo doch noch etwas«, sagte Donay. »Ich meine... Wenn ich eine Stadt auf dem Meeresgrund erbauen würde, dann wären die Türen wasserdicht. Vielleicht haben einige standgehalten.«
»Möglich«, sagte Cord. »Warum tauchst du nicht hinunter und siehst nach?«
Donay blickte ihn verärgert an, aber er antwortete nicht.
Natürlich hatte Cord auch recht, dachte Kara. Selbst wenn Donays Vermutung zutraf, nutzte ihnen das nichts. Wahrscheinlich war es schon gefährlich, sich überhaupt hier aufzuhalten. Dieses Wasser zu berühren oder gar hineinzutauchen, würde sie umbringen. Trotzdem bedeutete sie ihm mit einem raschen Blick, still zu sein, und gab Donay zu verstehen, daß er weitergehen sollte.
Sie hatten den Raum zu mehr als zwei Dritteln umkreist, als sie eine weitere, offenstehende Aufzugkabine fanden. In einer Ecke lag etwas, das bewies, daß sich hier ein Mensch befunden hatte, als sich ihre Türen zum letzten Mal öffneten: Fetzen einer bräunlichen, undefinierbaren Substanz, eine rostverkrustete Gürtelschnalle aus Metall, die zu Staub zerfiel, als ihre Schritte den Boden erschütterten, ein verbogenes Brillengestell, dessen Glas zersprungen war, und ein paar erstaunlich große Sohlen ohne die dazugehörigen Schuhe. Alles andere hatte die Zeit wieder zu Staub werden lassen, aus dem es einst gemacht worden war. Aber neben diesem bizarren Grab standen zwei Koffer aus dem gleichen geriffelten Metall, aus dem auch der Steg und die Hallendecke gefertigt waren!
»Nicht anfassen«, sagte Donay erschrocken, als Kara automatisch die Hand ausstrecken und danach greifen wollte. Sie zog gehorsam den Arm zurück, sah ihn aber verblüfft an.
Donay ging an ihr vorbei, ließ sich neben den Koffern in die Hocke sinken und streckte nun seinerseits die Rechte aus. Er tat es unendlich behutsam, und sein Finger zuckte zurück, als hätte er glühendes Eisen berührt, kaum daß er einen der Koffer flüchtig angefaßt hatte. Kara verstand, was er da tat. Er hatte Angst, das Metall könnte unter seiner Berührung zerfallen wie die Gürtelschnalle zuvor. Als nichts geschah, griff er noch einmal und etwas entschlossener zu. Ein Teil der fingernageldicken Staubkruste, die eine geschlossene Schicht auf dem Koffer bildete, fiel mit einem Knistern wie von trockenem Pergament herab, und darunter kam silberfarbenes, fast unversehrt wirkendes Metall zum Vorschein.
Mutiger geworden schloß Donay die Hand um den Griff des Koffers und zog daran. In der nächsten Sekunde hielt er ihn verblüfft in der Hand, während der Koffer auf dem Boden stehenblieb. Der Griff hatte dem Ansturm der Zeit standgehalten, seine Scharniere, die aus einem anderen Material gefertigt waren, nicht.
Donay ließ den Koffergriff fallen, beugte sich vor und versuchte, die ganze Metallkiste vom Boden hochzuheben. Er mußte einiges an Kraft aufwenden, aber nach einigen Augenblicken gelang es ihm, den Koffer hochzuhieven, ohne daß er zerbrach oder unter seinen Händen zu Staub zerfiel. Donays Gesichtsausdruck und der verkrampften Haltung nach zu schließen, mußte er sehr schwer sein. Trotzdem klemmte Donay ihn sich unter den linken Arm und versuchte mit der anderen Hand, den zweiten Koffer zu ergreifen. Natürlich funktionierte es nicht.
Cord sah ihm einige Sekunden zu, dann bückte er sich wortlos und hob den zweiten Koffer auf.
»Sei vorsichtig!« sagte Donay erschrocken. »Behandle ihn wie ein rohes Ei!«
»Was glaubst du, was sie enthalten?« fragte Kara.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Donay. »Ich werde sie öffnen. Aber nicht hier.« Sie verließen die Liftkabine und machten sich auf den Weg. Aber als sie sich der Tür wieder bis auf zwanzig Schritte genähert hatten, begann der Boden unter ihren Füßen zu zittern. Kara blieb erschrocken stehen. Der metallene Steg schwankte und bebte. Auf dem schwarzen Wasserspiegel, fünf Meter unter ihnen, entstand ein bizarres Wellenmuster aus träge ineinander laufenden Kreisen und Ringen, und sie glaubte, ein ganz fernes, dumpfes Mahlen und Knirschen zu hören.
»Was ist das?« fragte Cord erschrocken.
Kara sah sich aus weit aufgerissenen Augen um. Ihre ohnehin überreizte Phantasie spielte ihr Dinge vor, namenlose, grauenhafte Dinge, die sie aus einem Jahrhunderttausende währenden Schlaf gerissen hatten, denn natürlich waren die beiden Koffer keine Koffer, sondern Siegel einer geheimnisvollen Magie gewesen, die den Eingang zu einem Verließ voller unvorstellbarer Ungeheuer verschlossen, und jetzt würden sie den Preis für diesen Frevel zahlen müssen. Aber die Bilder verblaßten so schnell, wie sie gekommen waren, und dann begriff sie auch, was es wirklich war.