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Das brodelnde Meer einander aus purer Todesangst umbringender Geschöpfte erstreckte sich unter ihr wie eine braunschwarze Flutwelle, die gegen den Fuß der Klippe gebrandet war und sich nach Osten und Westen in der Entfernung verlor. Was im Norden war, das verbarg sich unter der niemals wirklich aufreißenden Wolkendecke des Schlundes. Und Kara wollte auch gar nicht wissen, wie es dort aussah. Vielleicht, weil sie schon wußte, was sie erwarten würde.

Trotzdem lenkte sie Markor nach einem kurzen Zögern nach Norden und hielt instinktiv den Atem an, als der Drache in die grauen Wolkenschicht eintauchte. Für zwei, drei Sekunden umgab sie nichts als Feuchtigkeit und Kälte, dann waren die Wolken plötzlich über ihr, und sie sah, daß sich die Armee der Ungeheuer auch in dieser Richtung noch sicherlich fünf oder sechs Meilen weit erstreckte.

Dahinter war der Dschungel verschwunden. Und mit ihm die Masse der flüchtenden Tiere. Aus dem unsterblichen Grün des Waldes war eine Ödnis aus blattlosen Bäumen geworden; die von einer dünnen weißen Schicht wie von einem Eispanzer eingehüllt wurden. Es sah aus, als wäre der Wald dort im Griff einer Eiszeit erstarrt, die binnen eines Atemzuges gekommen war.

Aber Kara wußte, daß das, was sie sah, alles andere als die Abwesenheit von Leben bedeutete. Die weiße Schicht war nicht starr, wie es von weitem den Anschein gehabt hatte, sondern bewegte sich auf eine Weise, mit der das Auge nicht fertig zu werden vermochte. Es war ein Wogen und Gleiten, das die ganze Welt der belebten und unbewohnten Dinge erfaßt zu haben schien, als wäre jedes winzige Teilchen der Schöpfung in diese zuckende, fressende Bewegung geraten – ein mehrere Meilen tiefer, gerader Streifen, der sich langsam, aber vollkommen unaufhaltsam nach Süden schob, wobei er alles auslöschte, was er berührte. Zurück blieb das Skelett des Waldes, der seit Jahrtausenden hier unten gewachsen war.

Es war Gäa.

Im Anblick dieser unvorstellbaren Vernichtung – die im Grunde doch nur eine Verwandlung bedeutete – fragte sich Kara, wieso es nicht schon längst geschehen war. Die riesige, auf eine für Menschen vollkommen unverständliche Art denkende Kreatur aus den Sümpfen des Schlundes floh vor den heranrückenden Wassermassen eines Meeres, das sein Reich zurückforderte.

Kara wußte, daß es eine Flucht in den Tod war. Der Angriff des wimmelnden weißen Pilzgeflechtes, der die Bewohner des Schlundes zu ihrer Massenflucht veranlaßt hatte, war nur ein letztes Aufbäumen. Gäas Reich waren die lichtlosen, heißen Sümpfe unter dem Dschungel. Wäre sie fähig gewesen, in anderen Lebensräumen zu existieren und sie zu erobern, dann hätte sie es längst getan, denn obgleich sie und diese winzigen verwundbaren Wesen, die die Welt über dem Schlund bewohnten, einmal für kurze Zeit Verbündete gegen einen gemeinsamen Feind gewesen waren, waren ihr doch Begriffe wie Mitleid und Rücksicht völlig fremd. Die Katastrophe, deren Zeugin Kara wurde, war nichts als ihr letzter verzweifelter Versuch, ihre eigene sterbende Welt zu verlassen, wobei sie einer anderen samt ihren Bewohnern den Untergang brachte. Die gesamte Tier- und Pflanzenwelt des Dschungels befand sich auf der Flucht vor der unaufhaltsam näherrückenden, alles verschlingenden Masse aus dünnen, beweglichen Pilzfäden, deren Gesamtheit Gäa war. Und die einzige Richtung, in die sie fliehen konnten, war nach Süden.

Kara hatte genug gesehen und kehrte um. Gebannt von dem apokalyptischen Bild unter ihr hatte sie gar nicht gemerkt, daß sie beinahe eine halbe Stunde tief in den Schlund vorgedrungen war, und sie erschrak, als sie die Kontinentalklippe in größerer, viel größer als erwarteter Entfernung vor sich im Westen aufragen sah. Gleichzeitig beruhigte sie der Anblick ein wenig. Auf diese Weise blieben ihnen noch einige Stunden, sich so etwas wie eine Verteidigung zu überlegen.

Noch etwas anderes bemerkte sie erst jetzt – nicht nur die Baumwipfel, sondern auch die Luft war von wirbelndem Leben erfüllt. Riesige Schwärme mikroskopisch kleiner Insekten glitten wie die Schatten von Wolken über den Wald dahin, große und kleine Vögel versuchten sich verzweifelt in der Luft zu halten, und nicht weit entfernt entdeckte Kara etwas, das wie ein gewaltiges, fliegendes Spinnennetz aussah. Sie lenkte Markor näher und drehte hastig wieder ab, als sie dem dicht genug gekommen war, um zu erkennen, daß es Hunderte von Metern messendes Gewebe war, in das sich Millionen faustgroßer, haariger Bälle gekrallt hatten. Kurze Zeit darauf änderte Kara zum zweiten Mal den Kurs, als sie auf etwas zutrieben, das wie eine riesige, halb durchsichtige, schwebende Qualle aussah und ein Büschel dunkelgrauer Fäden hinter sich herzog. Wo diese Fäden die Baumwipfel berührten, stieg grauer Rauch auf. Eine Spur verkohlter, sterbender Tiere und Pflanzen markierte den Weg der Qualle.

Die meisten dieser Geschöpfe schienen nicht in der Lage zu sein, sich weit über die Baumwipfel zu erheben, aber einige Kreaturen vermochten es doch, und denen wollte Kara selbst auf dem Rücken des gewaltigen Drachen lieber aus dem Weg gehen. Sie warf einen letzten Blick zurück, um sich zu orientieren, dann ließ sie Markor wieder höher steigen, um das letzte Stück des Weges über der Wolkendecke zurückzulegen.

Kurz bevor sie in den grauen Dunst eindrang, sah sie das Aufblitzen von Licht, das sich auf einer spiegelnden Oberfläche brach. Sofort ließ sie den Drachen wieder tiefer sinken, machte abermals kehrt und flog wieder nach Norden. Ihr Blick tastete aufmerksam über die abgestorbenen Baumwipfel und die weiße Linie des Todes, die Gäas Vorrücken markierte. Ganz weit entfernt am Horizont gewahrte sie eine silberblaue Linie, von der sie annahm, daß es das Wasser des neu entstandenen Ozeans war. Aber sie war sicher, daß sie nicht die Ursache des Lichtblitzes gewesen war, den sie erblickt hatte. Sie hatte einen ähnlichen Reflex vor nicht sehr langer Zeit schon einmal gesehen vom höchsten Turm des Hortes aus, als Tess in der gestohlenen Libelle zurückkam und sich ein Sonnenstrahl auf ihrer Kanzel gebrochen hatte.

Einen Moment später entdeckte sie das Blitzen ein ganzes Stück weiter westlich, und dann gesellte sich ein zweiter, dritter und vierter Funke hinzu. Plötzlich begriff Kara, daß die Wolkendecke für einen Moment aufgerissen sein mußte, so daß sich das Licht der Sonne auf den Libellenmaschinen spiegelte. Wenig später schloß sich die Lücke in den Wolken wieder, und die Kette aus funkelnden Diamantsplittern verschwand so spurlos, wie sie aufgetaucht war.

Es waren Libellen. Sie schwebten irgendwo dort draußen über dem sterbenden Wald, und Kara mußte nicht einmal lange überlegen, um zu wissen, was sie dort taten. Hastig ließ sie den Drachen wieder in die Wolkendecke tauchen und atmete erst auf, als die Wolken wie ein Teppich aus Zuckerwatte unter ihr lagen.

Über Schelfheim hing der schwarze Rauch zahlloser Brände, als sie die Stadt wieder erreichte. Es befanden sich nur noch sehr wenige Drachen in der Luft, aber der plötzliche Schrecken, mit dem diese Beobachtung Kara erfüllte, währte nur einen Augenblick; dann entdeckte sie Silhouetten der Tiere auf der eigentlichen Kontinentalklippe, die Schelfheims westliche Grenze bildete. Alles in allem war sie eine gute Stunde fortgewesen. Die Tiere mußten entweder völlig erschöpft sein, oder ihre Reiter hatten die Sinnlosigkeit ihres Tuns eingesehen. Obwohl auch Markor deutliche Anzeichen von Ermüdung zeigte, kreiste sie noch einmal über der Stadt. Was sie erblickte, das erschreckte und beruhigte sie zugleich. Die panische Massenflucht hielt noch immer an, aber der Angriff der Monsterarmee war wenn schon nicht aufgehalten, so doch deutlich verlangsamt worden. Ein gut fünfhundert Meter breiter Streifen der Stadt stand in Flammen. Die Verteidiger hatten das einzige getan, was sie überhaupt tun konnten – sie hatten eine Mauer aus Feuer zwischen sich und dem Schlund errichtet, die von den Drachen aus sicherer Höhe heraus überwacht wurde. Manchmal stieß eines der Tiere herab und entfachte die Flammen neu, wenn sie zu erlöschen drohten. Von überall her strömten Männer und Hornköpfe herbei und warfen Holz ins Feuer, und von der anderen Seite her ergoß sich ein unablässiger Strom glitzernder, schuppiger und horngepanzerter Körper in die Flammen; die Armee, die Schelfheim überrannte. Die Furcht vor dem, was sie verfolgte, mußte größer sein als die Angst vor dem Feuer.