Aber Kara wußte auch, daß diese Verteidigung nicht lange halten würde. Es war unmöglich, einen Brand dieser Ausdehnung lange Zeit unter Kontrolle zu halten. Irgendwann würde er auf den Rest der Stadt übergreifen.
Sie vertrieb den Gedanken und lenkte Markor endgültig nach Süden. Wenige Augenblicke später landete sie unweit der Stelle, an der sie Schelfheim das erste Mal betreten hatte, und stieg vom Rücken des Drachen herab. Sofort war sie von einem Dutzend Männer umringt – unter ihnen auch Cord und Donay, wie sie mit einem deutlichen Gefühl von Erleichterung registrierte –, die sie mit Fragen bestürmten. Sie hob die Arme und bat mit befehlender Stimme um Ruhe. Erschöpft sah sie sich um und blickte in Gesichter, die von Schweiß und Staub bedeckt waren und deutlicher als alle Worte verrieten, was die Männer in der letzten Stunde getan hatten. Und sie alle wußten, wie sinnlos ihr Tun gewesen war. Wenn kein Wunder geschah, dann war Schelfheim verloren. Und offensichtlich erwarteten sie dieses Wunder von ihr.
Ehe Kara zu einer Erklärung ansetzen konnte, vernahm sie eine wohlbekannte Stimme hinter sich und erkannte Gendik und seinen Berater, die, begleitet von einem guten Dutzend Krieger, auf sie zueilten. Jede Spur von Hochmut war aus Gendiks Zügen verschwunden; Kara las nichts als Verzweiflung und Schrecken in seinen Augen. Seltsam, dachte sie, er stand jetzt so vor ihr, wie sie ihn hatte haben wollen – ein gebrochener, verzweifelter Mann, der nur noch Hilfe wollte. Aber der Anblick erfüllte sie nicht mit Triumph. Vielleicht hatte sie ihm auch vorher unrecht getan. Sie hatte ihn für überheblich und kalt gehalten, aber vielleicht war das die einzige Möglichkeit gewesen, einen Moloch wie diese Stadt zu verwalten.
»Was... geschieht dort draußen?« brachte Gendik heraus und blickte sie entgeistert an.
»Gäa«, antwortete Kara. »Es ist Gäa, Gendik. Sie...« Sie zögerte. Aus irgendeinem Grund scheute sie sich plötzlich davor, Gendik die Wahrheit zu sagen. »Sie verschlingt den Wald. Ich weiß nicht warum, aber ich habe es gesehen. Sie greift alles an, was sich ihr in den Weg stellt.«
Sie hörte, wie einige der Krieger hinter ihr erschrocken die Luft einsogen, aber Gendiks Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Erst nach einigen Sekunden wurde ihr klar, daß er gar nicht verstanden hatte, was ihre Worte bedeuteten.
Aber das ist doch unmöglich! dachte Kara. Er muß doch von Gäa wissen!
Dann fragte Gendik mit verwirrter Stimme: »Gäa? Du... ich verstehe. Du redest von diesem... Wesen, das in den Sümpfen dort unten leben soll.«
Kara starrte ihn an, hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, in ein hysterisches Gelächter auszubrechen oder ihm ins Gesicht zu schlagen, bis er endlich aufwachte und begriff, was in der Welt dort draußen vor sich ging. Doch dann begriff sie den fundamentalen Irrtum, dem sie bisher erlegen war. Gendik konnte gar nicht begreifen, was sie meinte, so wenig wie sie umgekehrt wirklich über seine Beweggründe und Entscheidungen urteilen konnte. Sie lebten in zwei verschiedenen Welten. Schelfheim und der Drachenhort hatten ein Bündnis, das den einen untrennbar mit dem anderen verband, aber im Grunde hatten sie so wenig miteinander zu tun wie ihre Welt und die Elders und der Männer, die er bekämpfte. Gendiks simple Frage nach Gäa machte ihr in einer Sekunde klar, was Angella ihr in zehn Jahren nicht hatte begreiflich machen können.
Gendik war nicht dumm. Natürlich wußte er, was Gäa war. Aber es spielte keine Rolle für ihn. Die größte denkende Kreatur dieser Welt – vielleicht aller Welten im ganzen Kosmos – war für ihn so unwichtig wie irgendein Insekt, das er unter seinem Schuh zertreten mochte, ohne es überhaupt zu bemerken. Einen Moment lang fragte sie sich ernsthaft, ob Männer wie er und diese ganze verdammte Stadt es überhaupt wert waren, gerettet zu werden. Sie verfolgte diesen Gedanken nicht zu Ende – vielleicht weil sie Angst vor der Antwort hatte. »Ja«, sagte sie nur. »Sie wird den gesamten Dschungel verschlingen, fürchte ich.«
»Und all diese Ungeheuer – «
» – sind auf der Flucht vor ihr«, führte Kara den Satz zu Ende. Sie sah Gendik fest in die Augen, während sie eine Kopfbewegung auf die Stadt hinab machte. »Das ist nur die Vorhut, Gendik. Ich weiß nicht, wie schnell sich Gäa bewegt, aber ich fürchte, wenn sie den Fuß der Klippe erreicht, dann werden noch viel mehr von diesen... Ungeheuern die Wand hinaufkommen. Ihr werdet Schelfheim nicht halten können.«
Gendik erbleichte. »Was meinst du damit?«
»Ich meine, daß ihr die Stadt evakuieren müßt«, sagte Kara. »Und zwar sofort. Es sei denn, ihr wollt zusehen, wie die Hälfte ihrer Bewohner von diesen Monstern aufgefressen wird.«
»Du bist von Sinnen, Kind!« keuchte Gendik. »Du weißt nicht, was du da redest! Schelfheim hat zwei Millionen Einwohner, und es gibt nur diesen und zwei oder drei andere Wege aus der Stadt.« Er deutete erregt auf den Hochweg, der nur wenige Schritte von ihnen entfernt lag. Erst jetzt fiel Kara auf, daß bisher niemand die Stadt verlassen hatte. Der Hochweg war verwaist, die großen Tore in der beweglichen Barrikade waren verschlossen und mit einem massigen Riegel gesichert. Plötzlich begriff sie, daß Gendik den Zugang zur Stadt absichtlich geschlossen hatte.
»Verzeiht, Kara, aber ich fürchte, Gendik hat recht«, mischte sich Karoll ein.
Sie fuhr auf. »Ihr wollt doch nur – «
»Es steht gar nicht zur Debatte, was wir oder andere wollen«, fiel ihr Karoll ins Wort. »Es ist unmöglich, eine Stadt wie Schelfheim binnen weniger Stunden zu evakuieren. Wir bräuchten sechs Wochen, um die Bevölkerung aus der Stadt zu schaffen. Und selbst wenn wir es könnten – wo sollten wir all diese Menschen unterbringen? Wie sollten wir sie ernähren?« Er schüttelte traurig den Kopf. »Es ist leider so – wir müssen uns verteidigen. Ich bitte Euch – helft uns.« Seine Stimme wurde leise. »Ich poche nicht auf irgendwelche Verträge oder Absprachen, Kara. Ich appelliere auch nicht an Euer Gewissen oder das Versprechen auf Schutz, das uns Angella gegeben hat. Ich bitte Euch nur, uns zu helfen.«
Unter normalen Umständen hätte Kara jetzt nichts als Verachtung für den Mann empfunden. Aber sie wußte auch, warum sich Karoll so erniedrigte. Er hätte alles gegeben, was nötig war, um seine Stadt zu retten.
»Aber das können wir nicht, Karoll«, sagte sie so ruhig sie konnte. Sie deutete auf die Drachen. »Die Tiere sind erschöpft. Und selbst wenn ich alle Drachen hierherbrächte, die noch im Hort sind, würde es nichts nutzen.«
»Aber ihr habt über zweihundert Drachen!« protestierte Gendik.
»Es wäre nicht einmal genug, wenn es zweitausend wären«, sagte Kara. »Ihr habt nicht gesehen, was ich gesehen habe. Schelfheim ist verloren.«
»Dann zünden wir die Stadt an!« sagte Gendik mit verzweifelter Stimme. Er gestikulierte wild nach Norden, wo sich noch immer ein lodernder Flammenvorhang über der Klippe erhob. »Wir legen eine Feuerschneise und verbrennen sie.«
»Euch wird sehr schnell das Brennmaterial ausgehen«, sagte Donay. Es war das erste Mal, daß er das Wort ergriff, seit Kara zurückgekommen war.
»Dann brennen wir die ganze Stadt nieder!« sagte Gendik in der Tonlage eines verzweifelten Kindes, das sich zum ersten Mal mit der Unbarmherzigkeit des Schicksals konfrontiert sieht. »Wir bauen sie sowieso alle zehn Jahre neu. Es spielt keine Rolle, ob wir es einmal mehr oder weniger tun!«