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Der Abstieg gestaltete sich wesentlich schwieriger als der Weg hinauf. Die Leiter zitterte unter ihrem Gewicht, und jetzt, da Kara wußte, daß die Unerschütterlichkeit des riesigen Stammes eben Schein war, glaubte sie noch ein anderes, mächtigeres Vibrieren zu spüren, das selbst die Luft rings um sie herum zum Erzittern brachte.

Die Tür flog auf, und Jan stürmte herein, kaum, daß Kara den Fuß der Treppe erreicht hatte. Sein Gesicht flammte vor Zorn. »Dieser Idiot!« brüllte er. »Dieser verdammte, sture Hornochse!«

»Elder?« fragten Angella und Donay wie aus einem Mund.

Jan nickte, während er heftig auf die Tür hinter sich gestikulierte. »Er will uns nicht erlauben, Gräber einzusetzen.«

»Aber wir brauchen Tage, um die verschütteten Gänge mit der Hand zu räumen!« sagte Donay erschrocken.

»Erklär das Elder!« fauchte Jan. »Er weiß es genausogut wie du, aber er meint, es wäre sowieso sinnlos, weil eure Männer keine Chance mehr hätten, noch am Leben zu sein! Und er behauptet, das Verbot, andere in dieses Viertel hineinzulassen, erstreckte sich ja auch auf Gräber. Er muß erst seinen vorgesetzten Offizier fragen. Und den kann er erst am Mittag erreichen?«

»Und was ist das da?« fragte Kara mit einer Geste auf einen Hornkopf, der beladen mit einem Korb voller Werkzeuge an ihnen vorüberwankte.

Jan zuckte wütend mit den Schultern. »Das habe ich ihn auch gefragt. Er behauptet, sie hätten eine Sondergenehmigung, und wir könnten ja versuchen, eine für unsere Gräber zu bekommen! Ich hätte nicht übel Lust, ihm seine verdammten Genehmigungen und Vorschriften in den Hals zu stopfen!«

»Laß es gut sein«, sagte Angella. Sie legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. »Wahrscheinlich hat er recht. Sie sind wahrscheinlich längst tot.«

»Ja. Und wenn nicht, dann sterben sie eben, während wir Formulare ausfüllen«, knurrte Jan.

»Es ist meine Schuld«, sagte Kara leise. »Das ist seine Rache für das, was gestern geschehen ist.« Weder Angella noch Jan taten ihr den Gefallen, ihr zu widersprechen, und so fügte sie nach einem Augenblick hinzu: »Ich gehe und versuche, mit ihm zu reden.«

»Den Weg kannst du dir sparen«, sagte eine Stimme hinter ihr, und als sie sich herumdrehte, blickte sie in Elders Gesicht. »Du beleidigst mich, Kara. Glaubst du wirklich, ich würde das Leben eines Menschen riskieren, nur um mich bei dir zu rächen?«

Er sah sie einen Moment fast traurig an, dann wandte er sich an Jan, und ein fast spöttisches Glitzern erschien in seinen Augen. »Das gilt im übrigen auch für Euch, Jan. Ich halte mich an meine Befehle, weil ich es muß. Mißachte ich sie, nur um Euch einen Gefallen zu tun, so würde man mich sehr schnell abkommandieren, und Ihr hättet es vielleicht mit einem Mann zu tun, der sehr viel weniger Verständnis für Eure Probleme aufbringt.«

Jan starrte ihn zornig an und schwieg, aber Donay ergriff erregt das Wort: »Ihr wißt nicht, worum es hier geht?« sagte er. »Selbst wenn Ihr recht habt und diese Männer schon tot sind, so brauchen wir die Gräber dringend. Wir müssen nach unten, so schnell wie möglich!« Er deutete zum Pfeiler hinauf. »Es ist viel schlimmer, als wir bisher angenommen haben.«

Elder blickte einen Moment in die Höhe und schien nachzudenken. Er seufzte. »Ich werde tun, was in meiner Macht steht«, sagte er. »Das verspreche ich. Aber ich habe meine Befehle. Ich lege sie ohnehin schon so großzügig aus, wie ich nur kann.« Er deutete auf eine Gestalt, die, begleitet von einem Hornkopf, hinter Jan aufgetaucht war. »Schon seine Anwesenheit hier verstößt im Grunde gegen die Vorschriften.«

Kara registrierte die Gestalt erst jetzt. Das mußte Irata sein. Der leere Blick und der idiotische Gesichtsausdruck identifizierte ihn eindeutig als Erinnerer. Kara hatte bisher nur eine einzige dieser lebenden Denkmaschinen gesehen, aber natürlich eine Menge über sie gehört: schwachsinnige Idioten, die so blöd waren, daß man sie füttern und ihnen die Hände binden mußte, damit sie sich nicht selbst die Augen auskratzten, aber sie waren mit einem Gehirn ausgestattet, das nicht die winzigste Kleinigkeit vergaß und binnen Momenten Beziehungen zwischen den erhaltenen Informationen herstellen konnte, für die ein normaler Mensch Monate, wenn nicht Jahre gebraucht hätte.

»... Euch ja keine Schwierigkeiten machen«, drang Elders Stimme in Karas Gedanken. Es war nicht das, was er sagte, sondern die Art, wie er es tat, die sie aufhorchen ließ. Sie riß ihren Blick von Irata los und konzentrierte sich wieder auf Elder, der abwechselnd Angella und Jan ansah und dann mit einer fast resignierenden Geste auf den Erinnerer wies. »Ich verrate Euch kein Geheimnis, wenn ich Euch sage, daß es eine Menge Leute in der Stadt gibt, die dagegen waren, Euch überhaupt zu rufen. Nach dem, was gestern geschehen ist, würde vielleicht schon sein Anblick reichen, ihnen Anlaß zu geben, um Euch vollends aus der Stadt zu weisen, Angella. Und Euch gleich mit, Jan.«

Angella und Jan antworteten nicht, aber Kara las auf ihren Gesichtern, daß es ihnen ebenso erging wie ihr selbst: fast zu ihrer eigenen Überraschung glaubten sie Elder plötzlich, daß er es ehrlich meinte.

Nach einer Weile sagte Donay: »Es geht nicht darum, ob uns Eure Regeln gefallen, Elder. Die Sicherheit der ganzen Stadt steht auf dem Spiel. Besonders die der Leute, die so wenig begeistert von Angellas Anwesenheit sind.«

»Wie meinst du das?« fragte Elder. Es gelang ihm nicht ganz, seinen Schrecken zu verbergen.

»Sie haben einen hübschen Teil der Stadt für sich reserviert«, antwortete Donay. »Die besten Gegenden in der Nähe des Hochweges. Und der Hochweg könnte zusammenbrechen.«

Elder starrte ihn einen Wimpernschlag lang fassungslos an, dann versuchte er, sich in ein Lachen zu retten. Es klang ein bißchen zu schrill, um zu überzeugen. »Das ist eine glatte Übertreibung«, sagte er.

»Keineswegs«, versicherte ihm Jan. Er wies auf das Gerüst. »Geht hinauf und seht es Euch selbst an.«

Elder taxierte ihn einen endlosen Augenblick lang, dann fuhr er plötzlich herum, packte Irata bei den Schultern, schüttelte ihn wild und schrie ihn an: »Ist das wahr? Rede, du Idiot! Ist das so?«

Donay berührte ihn fast sanft an der Schulter. »Laß ihn los, Elder. So geht das nicht!«

Tatsächlich ließ der Soldat den Erinnerer los. Donay schob Irata wieder auf Armeslänge von sich, und Kara fiel auf, daß er sogar dessen Blick starr fixierte, als auch er mit einer ganz bestimmten, fast ausdruckslosen Stimme sprach. »Frage, Irata:

Besteht aufgrund der gesammelten Informationen Gefahr für den Hochweg?«

Irata begann zu sabbern. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Kara sah, welche Anstrengung das Sprechen ihm bereitete.

Seine Stimme war kaum verständlich: »Die Informationen reichen nicht aus, um eine Aussage über den gesamten Hochweg zu treffen.«

Elders Gesicht verdüsterte sich, und Donay machte eine hastige Bewegung, wandte sich wieder an den Erinnerer und setzte erneut an: »Frage, Irata: Vorausgesetzt, die Schäden wären überall vergleichbar schlimm wie an diesem Trieb. Bestünde dann Gefahr für die Straße?«

»Antwort«, gurgelte Irata. »Die Stabilität des betroffenen Triebes ist grundlegend erschüttert. Eine Projektion der angegebenen Daten auf das gesamte System ergibt dessen irreparable Destabilisierung.«

»Aha«, sagte Elder. »Und was bedeutet das – verständlich ausgedrückt?«

Jan lächelte flüchtig, und Angella sagte sehr ernst: »Wenn es wirklich überall so schlimm ist wie hier, dann wird Eure famose Brücke zusammenbrechen.«

»Und zwar bald«, fügte Donay hinzu.

Elder wurde blaß. »Ihr übertreibt«, sagte er nervös. »Ich meine... es gibt ein halbes Dutzend anderer, die die Triebe untersuchen. Keiner hat auch nur etwas Ähnliches herausgefunden.«