»Es würde nichts nutzen«, sagte Donay an Karas Stelle.
»Eure Feuerschneise wird nicht lange halten. Schelfheim ist keine normale Stadt, Gendik. Sie ist ein Schwamm, auf dessen Oberfläche zufällig ein paar Menschen leben. Sie werden durch die Keller kommen und die Stollen und Gänge unter unseren Füßen. Es würde Euch gar nichts nutzen, die Stadt anzuzünden.«
»Er hat recht, Gendik«, sagte Kara beinahe sanft. Dann faßte sie einen Entschluß. »Wir können nur eines tun. Ich werde die restlichen Drachen herrufen, und wir werden versuchen, diese Ungeheuer so lange wie möglich aufzuhalten. Vielleicht bringt es Euch nur ein paar Stunden, vielleicht einen halben Tag. Aber ihr werdet wenigstens einige Eurer Untertanen retten können.«
Sie wandte sich an Cord. »Du und Donay – sucht euch die kräftigsten Drachen heraus und fliegt zum Hort zurück.«
»Und wenn er... ebenfalls angegriffen wird?« fragte Cord zögernd.
Kara wußte, daß dem nicht so war. Sie hatte den wahren Grund für die Invasion der Ungeheuer gesehen. »Dann gebt den Hort auf. Sie sollen alle Verwunde...« Sie brach mitten im Wort ab, als sie sah, daß Cord ihr gar nicht mehr zuhörte. Sein Blick war plötzlich auf einen Punkt hinter ihr gerichtet, und auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck, der eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Furcht war.
Und als Kara sich herumdrehte, verstand sie ihn.
Über dem nördlichen Rand der Stadt waren zwei Libellen aufgetaucht. Sie flogen langsam, fast gemächlich, und unter ihren Rümpfen blitzten in regelmäßigen Abständen verschiedenfarbige Lichter auf: rot, grün, rot, grün, rot...
Großer Gott! dachte Kara. Ich habe die hierhergeführt! Sie mußten sie gesehen haben, als sie draußen über dem sterbenden Dschungel flog, und waren ihr gefolgt. Statt der Rettung hatte sie den Tod nach Schelfheim gebracht!
Aber die Libellen waren nicht gekommen, um der Stadt den Todesstoß zu versetzen, denn dann wären sie nicht nur zu zweit gekommen und hätten sich nicht jede erdenkliche Mühe gegeben, gesehen zu werden.
Einige Krieger wollten zu ihren Tieren rennen, aber Kara hielt sie zurück. »Wartet«, sagte sie. »Sie... wollen nicht... kämpfen.« Ihr Blick irrte nervös zu den drei Drachen hinauf, die über dem brennenden Stadtviertel kreisten. Zwei von ihnen hatten ihren Kurs geändert und versuchten, neben den Libellenmaschinen herzufliegen. Die Helikopter bewegten sich jedoch so langsam, daß die Tiere wahrscheinlich abgestürzt wären, hätten ihre Reiter versucht, ihre Geschwindigkeit den Maschinen anzupassen. So umkreisten sie die beiden viel kleineren Flugmaschinen ständig wie zwei Falken, die zum Angriff auf ein Taubenpärchen ansetzten. Kara signalisierte den Drachenkämpfern nicht einzugreifen, aber die beiden Krieger schienen auch so begriffen zu haben, daß es sich diesmal nicht um einen Angriff handelte.
Aber was war’ es dann?
Die Maschinen flogen sehr langsam in östliche Richtung an der Flammenwand entlang.
»Was tun die da?« fragte Cord. »Es sieht aus, als... suchten sie etwas.«
Kara begriff, was der Sinn dieser Demonstration war, noch bevor die beiden Libellen endgültig in der Luft still standen. Vor der lodernden Feuerwand wurden sie zu schwarzen Schemen, deren Konturen sich in den Tränen aufzulösen schienen, die das grelle Licht in Karas Augen trieb. Trotzdem erkannte sie einen dritten, viel größeren Schatten, der im Inneren der Feuerwand heranwuchs – und sie plötzlich durchbrach.
Es war nicht das erste Ungeheuer, das die Feuerbarriere überwand, aber wahrscheinlich bisher das größte – ein riesiges, gepanzertes Insektenwesen mit einem zweifach unterteilten Körper, der länger war als ein Haus, und mannsdicken, behaarten Beinen, unter deren stampfenden Schritten das Straßenpflaster zu Staub zerfiel. Das Feuer hatte eines seiner gewaltigen Facettenaugen geblendet, hier und da schwelte sein Panzer oder war von häßlichen Brandflecken bedeckt. Aber die Flammen hatten es nicht aufhalten können.
Die beiden Libellen hatten sich dem Ungeheuer bis auf dreißig oder vierzig Meter genähert. Der Kopf des Ungeheuers pendelte hin und her, als es versuchte, mit seinem einzigen verbliebenen Auge die beiden Angreifer zugleich zu beobachten.
»Was zum Teufel – ?« begann Gendik, und im gleichen Moment blitzte es grell unter den Köpfen der beiden Libellen auf. Eine Perlenkette aus Tausenden winziger giftgrüner Funken spannte sich für eine Sekunde zwischen den Libellen und der Dinosaurier-Ameise. Dann explodierte das Ungeheuer in einem grellen Blitz aus Flammen.
»Sie helfen uns?« murmelte Gendik. »Mein Gott, seht euch... seht euch das an – sie helfen uns!«
Kara warf ihm einen nachdenklichen Blick zu, schwieg aber ansonsten. Es machte im Grunde keinen Unterschied, ob die Verteidiger Schelfheims es nun mit einem Ungeheuer mehr oder weniger zu tun hatten. Und Gendik hatte nicht gesehen, was sie gesehen hatte auf der anderen Seite der Feuerbarriere. Aber der Sinn dieser Demonstration war so klar gewesen, daß sich jedes weitere Wort erübrigte.
Die beiden Libellen gewannen wieder an Höhe – und Kara war nicht überrascht, als sie nach einigen Augenblicken erkannte, daß sie direkt auf sie und die anderen zuhielten. »Cord, Donay«, flüsterte sie, ohne die beiden bizarren Gebilde aus den Augen zu lassen. »Verschwindet! Tut, was ich gesagt habe!«
»Aber – «
»Auf der Stelle! Zurück zum Hort. Wenn hier... irgend etwas passiert, dann hat Aires das Kommando.«
Die beiden entfernten sich gehorsam, und noch bevor die Libellen herangekommen waren, hörte Kara ein mächtiges Rauschen; ein gewaltiger Schatten legte sich über sie und die anderen, als die beiden Drachen abhoben und sich nach Osten wandten.
Die Männer wichen zu einem Halbkreis vor der Klippe zurück, während die beiden Libellen aufsetzten und der Sturmwind der Rotoren in ihre Gesichter schlug. Auch Kara schloß die Augen und drehte das Gesicht weg, widerstand aber der Versuchung, wie die anderen zwei, drei Schritte zurückzuweichen, obwohl ihr die kreischenden Sturmböen den Atem nahmen. Erst als das infernalische Heulen ebenso wie der künstliche Orkan zu verebben begannen, wagte sie es, den Kopf wieder zu drehen und die beiden Maschinen anzublicken.
Selbst jetzt, als sie wußte, daß sie nichts weiter als Maschinen waren, hatte ihr Anblick nichts von seiner unheimlichen Wirkung verloren. Die riesigen Rotoren mit ihren scharfgeschliffenen Kanten drehten sich wie tödliche Messer, und die Läufe der gläsernen Waffen glichen den tödlichen Stacheln wirklicher Riesenlibellen.
Hinter ihnen begannen sich einige der Drachen unruhig zu bewegen. Kara war nicht sicher, ob es Zufall war, oder ob die Tiere tatsächlich die Fremdartigkeit dieser Maschinen spürten. Sie verlängerte die Linie, die die Zwillingsläufe der beiden Geschütze bildeten, in Gedanken, und war nicht überrascht festzustellen, daß die Waffen auf die beiden am nächsten stehenden Drachen deuteten. Eine Sekunde lang fragte sie sich, ob diese beiden Maschinen allein wohl in der Lage waren, mit ihnen und ihren geflügelten Reittieren fertig zu werden. Noch vor zehn Minuten hätte sie diese Frage mit einem klaren Nein beantwortet. Aber dann dachte sie daran, mit welcher spielerischen Leichtigkeit die Libellen das Rieseninsekt vernichtet hatten. Entweder waren diese beiden Maschinen sehr viel besser bewaffnet als die, mit denen sie es bisher zu tun gehabt hatten, oder sie hatten die wahre Macht der Libellen bisher noch nicht zu spüren bekommen.
Die Rotoren der Maschinen kamen endgültig zur Ruhe, und im gleichen Moment verstummte auch das schrille Geräusch der Triebwerke. Kara überlegte, ob sie auf die beiden Libellen zugehen sollte, aber die Entscheidung wurde ihr abgenommen:
Lautlos klappten die durchsichtigen Kugelköpfe der Maschinen nach oben, und zwei Männer stiegen ins Freie. Sie trugen eine dunkelblaue, einteilige Uniform, die mit Schwarz abgesetzt war, und mattsilberne Helme, deren getönte Glasvisiere ihre Gesichter zur Hälfte verbargen. Sie kletterten ohne jedes Zögern heraus. Offensichtlich fühlten sie sich sehr sicher – und warum auch nicht? dachte Kara bitter. Sie waren zwar nicht unverwundbar, aber im Besitz von Körpern, die sie nach Belieben austauschen und erneuern konnten. Plötzlich wurde ihr bewußt, daß sie einen einzigen, winzigen Trumpf in diesem ungleichen Spiel besaß. Das Wissen um die einzig verwundbare Stelle dieser unheimlichen Angreifer von den Sternen.