Выбрать главу

Kara hatte genug gesehen und kehrte um. Gebannt von dem apokalyptischen Bild unter ihr hatte sie gar nicht gemerkt, daß sie beinahe eine halbe Stunde tief in den Schlund vorgedrungen war, und sie erschrak, als sie die Kontinentalklippe in größerer, viel größer als erwarteter Entfernung vor sich im Westen aufragen sah. Gleichzeitig beruhigte sie der Anblick ein wenig. Auf diese Weise blieben ihnen noch einige Stunden, sich so etwas wie eine Verteidigung zu überlegen.

Noch etwas anderes bemerkte sie erst jetzt - nicht nur die Baumwipfel, sondern auch die Luft war von wirbelndem Leben erfüllt. Riesige Schwärme mikroskopisch kleiner Insekten glitten wie die Schatten von Wolken über den Wald dahin, große und kleine Vögel versuchten sich verzweifelt in der Luft zu halten, und nicht weit entfernt entdeckte Kara etwas, das wie ein gewaltiges, fliegendes Spinnennetz aussah. Sie lenkte Markor näher und drehte hastig wieder ab, als sie dem dicht genug gekommen war, um zu erkennen, daß es Hunderte von Metern messendes Gewebe war, in das sich Millionen faustgroßer, haariger Bälle gekrallt hatten. Kurze Zeit darauf änderte Kara zum zweiten Mal den Kurs, als sie auf etwas zutrieben, das wie eine riesige, halb durchsichtige, schwebende Qualle aussah und ein Büschel dunkelgrauer Fäden hinter sich herzog. Wo diese Fäden die Baumwipfel berührten, stieg grauer Rauch auf. Eine Spur verkohlter, sterbender Tiere und Pflanzen markierte den Weg der Qualle.

Die meisten dieser Geschöpfe schienen nicht in der Lage zu sein, sich weit über die Baumwipfel zu erheben, aber einige Kreaturen vermochten es doch, und denen wollte Kara selbst auf dem Rücken des gewaltigen Drachen lieber aus dem Weg gehen. Sie warf einen letzten Blick zurück, um sich zu orientieren, dann ließ sie Markor wieder höher steigen, um das letzte Stück des Weges über der Wolkendecke zurückzulegen.

Kurz bevor sie in den grauen Dunst eindrang, sah sie das Aufblitzen von Licht, das sich auf einer spiegelnden Oberfläche brach. Sofort ließ sie den Drachen wieder tiefer sinken, machte abermals kehrt und flog wieder nach Norden. Ihr Blick tastete aufmerksam über die abgestorbenen Baumwipfel und die weiße Linie des Todes, die Gäas Vorrücken markierte. Ganz weit entfernt am Horizont gewahrte sie eine silberblaue Linie, von der sie annahm, daß es das Wasser des neu entstandenen Ozeans war. Aber sie war sicher, daß sie nicht die Ursache des Lichtblitzes gewesen war, den sie erblickt hatte. Sie hatte einen ähnlichen Reflex vor nicht sehr langer Zeit schon einmal gesehen - vom höchsten Turm des Hortes aus, als Tess in der gestohlenen Libelle zurückkam und sich ein Sonnenstrahl auf ihrer Kanzel gebrochen hatte.

Einen Moment später entdeckte sie das Blitzen ein ganzes Stück weiter westlich, und dann gesellte sich ein zweiter, dritter und vierter Funke hinzu. Plötzlich begriff Kara, daß die Wolkendecke für einen Moment aufgerissen sein mußte, so daß sich das Licht der Sonne auf den Libellenmaschinen spiegelte.

Wenig später schloß sich die Lücke in den Wolken wieder, und die Kette aus funkelnden Diamantsplittern verschwand so spurlos, wie sie aufgetaucht war.

Es waren Libellen. Sie schwebten irgendwo dort draußen über dem sterbenden Wald, und Kara mußte nicht einmal lange überlegen, um zu wissen, was sie dort taten. Hastig ließ sie den Drachen wieder in die Wolkendecke tauchen und atmete erst auf, als die Wolken wie ein Teppich aus Zuckerwatte unter ihr lagen.

Über Schelfheim hing der schwarze Rauch zahlloser Brände, als sie die Stadt wieder erreichte. Es befanden sich nur noch sehr wenige Drachen in der Luft, aber der plötzliche Schrecken, mit dem diese Beobachtung Kara erfüllte, währte nur einen Augenblick; dann entdeckte sie Silhouetten der Tiere auf der eigentlichen Kontinentalklippe, die Schelfheims westliche Grenze bildete. Alles in allem war sie eine gute Stunde fortgewesen. Die Tiere mußten entweder völlig erschöpft sein, oder ihre Reiter hatten die Sinnlosigkeit ihres Tuns eingesehen.

Obwohl auch Markor deutliche Anzeichen von Ermüdung zeigte, kreiste sie noch einmal über der Stadt. Was sie erblickte, das erschreckte und beruhigte sie zugleich. Die panische Massenflucht hielt noch immer an, aber der Angriff der Monsterarmee war wenn schon nicht aufgehalten, so doch deutlich verlangsamt worden. Ein gut fünfhundert Meter breiter Streifen der Stadt stand in Flammen. Die Verteidiger hatten das einzige getan, was sie überhaupt tun konnten - sie hatten eine Mauer aus Feuer zwischen sich und dem Schlund errichtet, die von den Drachen aus sicherer Höhe heraus überwacht wurde. Manchmal stieß eines der Tiere herab und entfachte die Flammen neu, wenn sie zu erlöschen drohten. Von überall her strömten Männer und Hornköpfe herbei und warfen Holz ins Feuer, und von der anderen Seite her ergoß sich ein unablässiger Strom glitzernder, schuppiger und horngepanzerter Körper in die Flammen; die Armee, die Schelfheim überrannte. Die Furcht vor dem, was sie verfolgte, mußte größer sein als die Angst vor dem Feuer.

Aber Kara wußte auch, daß diese Verteidigung nicht lange halten würde. Es war unmöglich, einen Brand dieser Ausdehnung lange Zeit unter Kontrolle zu halten. Irgendwann würde er auf den Rest der Stadt übergreifen.

Sie vertrieb den Gedanken und lenkte Markor endgültig nach Süden. Wenige Augenblicke später landete sie unweit der Stelle, an der sie Schelfheim das erste Mal betreten hatte, und stieg vom Rücken des Drachen herab. Sofort war sie von einem Dutzend Männer umringt - unter ihnen auch Cord und Donay, wie sie mit einem deutlichen Gefühl von Erleichterung registrierte -, die sie mit Fragen bestürmten. Sie hob die Arme und bat mit befehlender Stimme um Ruhe. Erschöpft sah sie sich um und blickte in Gesichter, die von Schweiß und Staub bedeckt waren und deutlicher als alle Worte verrieten, was die Männer in der letzten Stunde getan hatten. Und sie alle wußten, wie sinnlos ihr Tun gewesen war. Wenn kein Wunder geschah, dann war Schelfheim verloren. Und offensichtlich erwarteten sie dieses Wunder von ihr.

Ehe Kara zu einer Erklärung ansetzen konnte, vernahm sie eine wohlbekannte Stimme hinter sich und erkannte Gendik und seinen Berater, die, begleitet von einem guten Dutzend Krieger, auf sie zueilten. Jede Spur von Hochmut war aus Gendiks Zügen verschwunden; Kara las nichts als Verzweiflung und Schrecken in seinen Augen. Seltsam, dachte sie, er stand jetzt so vor ihr, wie sie ihn hatte haben wollen - ein gebrochener, verzweifelter Mann, der nur noch Hilfe wollte. Aber der Anblick erfüllte sie nicht mit Triumph. Vielleicht hatte sie ihm auch vorher unrecht getan. Sie hatte ihn für überheblich und kalt gehalten, aber vielleicht war das die einzige Möglichkeit gewesen, einen Moloch wie diese Stadt zu verwalten.

»Was... geschieht dort draußen?« brachte Gendik heraus und blickte sie entgeistert an.

»Gäa«, antwortete Kara. »Es ist Gäa, Gendik. Sie...« Sie zögerte. Aus irgendeinem Grund scheute sie sich plötzlich davor, Gendik die Wahrheit zu sagen. »Sie verschlingt den Wald. Ich weiß nicht warum, aber ich habe es gesehen. Sie greift alles an, was sich ihr in den Weg stellt.«

Sie hörte, wie einige der Krieger hinter ihr erschrocken die Luft einsogen, aber Gendiks Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Erst nach einigen Sekunden wurde ihr klar, daß er gar nicht verstanden hatte, was ihre Worte bedeuteten.