Und sie war sehr froh, daß außer ihr, Donay und Cord – die sich schon zehn Meilen entfernt auf dem Rückflug zum Drachenhort befanden – niemand hier um das Geheimnis der Blaugekleideten wußte.
Ihr fiel auf, daß die beiden Männer unbewaffnet waren. Die Halfter an ihren breiten Instrumentengürteln waren leer; eine Geste, die ziemlich bedeutungslos war – es hätte ihnen auch nicht viel genutzt, bewaffnet hierher zu kommen.
Sie überwand endlich ihre Erstarrung und wollte etwas sagen, aber wieder kamen ihr die Fremden zuvor. »Du bist Kara?« fragte der eine Mann sie und löste den Blick seiner hinter getöntem Glas verborgenen Augen von ihrem Gesicht, noch ehe sie antworten konnte. »Wer von euch ist Gendik? Ist er hier?«
Kara war sehr sicher, daß er Gendik ebenso zweifelsfrei erkannt hatte wie sie selbst. Sie glaubte, das Vorgehen der Fremden allmählich zu durchschauen. Nichts von dem, was sie taten, war Zufall. Ihre Art, sich zu bewegen, die Fragen, die sie stellten, selbst die Ausdrücke auf ihren Gesichtern. Und sie würde sich diese Erkenntnis zunutze machen. Es war immer gut, ein wenig unterschätzt zu werden. Sie würde nicht den Fehler begehen und die Idiotin spielen, aber sich ein wenig dümmer anstellen, als sie war.
»Ich bin Gendik«, antwortete Gendik und trat mit zwei schnellen Schritten neben Kara. Sie wandte den Kopf und konnte sehen, wie sich Angst und eine kaum unterdrückte Hoffnung auf seinem Gesicht einen stummen Zweikampf lieferten. Er versuchte, gelassen und so unbeeindruckt auszusehen, wie Kara ihn fast immer erlebt hatte, aber es gelang ihm nicht. Seine Hände zitterten zu sehr.
»Ich bin Gendik«, wiederholte Gendik. »Wer seid ihr? Ihr habt uns geholfen. Wieso – «
»Unser Kommandant wünscht Euch zu sprechen«, unterbrach ihn der Fremde in einem Ton, der so beiläufig war, als rede er über das Gebell eines Straßenköters hinweg. Er deutete auf die noch immer offenstehenden Kanzeln der beiden Libellenmaschinen. Gendik zögerte.
»Wir garantieren für freies Geleit«, fuhr der Fremde fort. Mit der anderen Hand deutete er zuerst auf seinen Kameraden, dann auf sich. »Wir beide werden im Austausch für dich und das Mädchen hierbleiben.«
Gendik war offensichtlich noch immer nicht überzeugt; vielleicht hatte er auch einfach nur Angst vor der fremdartigen, bizarren Maschine. Auch Karas Herz begann etwas schneller zu schlagen. Obwohl sie ganz genau wußte, wie dumm dieser Gedanke war, erinnerte sie der Anblick der aufgeklappten, durchsichtigen Halbkugeln an aufgerissene Mäuler, die nur darauf warteten, daß sie so dumm waren, auch noch von selbst hineinzumarschieren. Und trotzdem war sie es, die nach einigen Augenblicken als erste ihr Zögern überwand und mit langsamen, aber festen Schritten auf die beiden stählernen Kolosse zuzugehen begann.
Umständlich nahm sie auf dem Sitz neben dem Piloten Platz; sie versuchte, sich daran zu erinnern, auf welche Weise Tess darauf festgeschnallt gewesen war, erhob aber keinen Einspruch, als der Pilot mit einem Arm über sie griff, die Gurte aus einer Vertiefung in der Wand über ihrem Kopf hervorzog und in ein kleines Schloß neben dem Sitz einrasten ließ. Sie versuchte, desinteressiert zu wirken, merkte sich aber das Funktionsprinzip des Mechanismus sehr genau.
Sie sah, wie Gendik endlich ihrem Beispiel folgte und die zweite Maschine ansteuerte, und sie sah gleichzeitig, wie unter den Kriegern eine merkliche Unruhe entstand. Rasch hob sie die Hand und signalisierte ihnen in der Zeichensprache der Drachenkämpfer, daß alles in Ordnung sei und sie nichts unternehmen sollten. Tatsächlich machte keiner der Männer einen Versuch, sie aufzuhalten oder gar die beiden Fremden anzugreifen. Kara hoffte, daß nichts geschah, bis sie zurück war – falls sie zurückkam. Eine kleine Unbedachtsamkeit, ein Fehler oder eine nachlässige Bemerkung, und die Drachenflieger würden diese beiden Männer töten.
Nach ein paar Augenblicken, die ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen waren, hatte auch Gendik in der zweiten Maschine Platz genommen, und ebenso lautlos, wie sie sich geöffnet hatten, begannen sich die durchsichtigen Kugeln der Kanzeln wieder zu senken. Sie rasteten mit einem kaum hörbaren Klicken ein, und im selben Augenblick legte der Mann neben ihr eine Hand auf den Steuerknüppel der Maschine und betätigte mit der anderen rasch hintereinander ein paar Schalter. Die Triebwerke erwachten mit einem hellen, winselnden Geräusch zum Leben, und über Karas Kopf begann sich der dreiflügelige Rotor zu drehen, zuerst langsam, dann immer schneller, bis er zu einem wirbelnden Kreis aus Schatten und Lichtreflexen wurde. Das Geräusch der Triebwerke wurde lauter, doch nicht annähernd so laut, wie es sich draußen angehört hatte. Und obwohl Kara zu den sehr wenigen Bewohnern ihrer Welt gehörte, für die das Fliegen nicht nur nichts Ungewohntes darstellten, mußte sie sich doch erschrocken mit beiden Händen an ihren Sitz klammern, als die Libelle mit einem sanften Zittern abhob. Der Mann neben ihr wandte kurz den Kopf, und sie glaubte die Andeutung eines spöttischen Lächelns über sein Gesicht huschen zu sehen. Sie zog verärgert die Hände zurück und unterdrückte im letzten Moment den Impuls, die Arme nun vor der Brust zu verschränken. In einer Haltung, die Gelassenheit ausdrücken sollte, saß sie dann da und blickte mit einer Mischung aus Furcht und Faszination durch die Kuppel nach unten. Das braunschwarze Schachbrettmuster Schelfheims raste nur so unter ihnen dahin, eine Sekunde später blitzte eine dünne, orangerote Linie unter ihnen auf, dann lag der Schlund unter ihnen. Die Maschine wurde schneller und schneller, sank plötzlich tiefer und raste dann unterhalb der Wolkendecke des Schlundes dahin.
Es war eine völlig andere Art des Fliegens als die, die Kara bisher kannte. Plötzlich löste der Pilot eine Hand von seinem Steuer und betätigte ein paar Schalter vor sich. Das Heulen der Motoren wurde leiser, und eine Sekunde später bemerkte sie voller jähem Schrecken, daß die Rotoren über ihr aufgehört hatten, sich zu drehen. Die Libelle zitterte, begann für einige schreckliche Sekunden zu trudeln und an Tempo zu verlieren und beschleunigte dann mit einem Ruck, der Kara wie ein Faustschlag in den Sitz preßte und ihr die Luft nahm. Die Landschaft unter ihr wurde zu einem dahinrasenden Kaleidoskop, und selbst die Wolken über ihnen sprangen ihr entgegen wie in einem Alptraum, in dem sie das Verstreichen der Zeit hundertmal in den Himmel riß. Es hatte nichts mit dem majestätischen Dahingleiten auf dem Rücken eines Drachen zu tun; es war schlicht und einfach wider die Natur.
Der Mann neben ihr lächelte plötzlich. »Keine Angst, Kleines«, sagte er. »Uns kann nichts passieren.« Er wandte den Kopf.
»Wir fliegen ein bißchen schneller als eure mutierten Fledermäuse, nicht wahr?«
»Es ist wirklich sehr schnell«, erwiderte Kara gepreßt. »Können wir noch schneller fliegen?«
Zuerst wollte er antworten, dann jedoch zuckte er mit den Schultern und sagte nur: »Vielleicht«, ehe er sich wieder den Kontrollen seines Flugapparates zuwandte.
Karas Enttäuschung hielt sich in Grenzen. Was immer sie dort, wo sie hinflogen, auch erwarten mochte, sie glaubte nicht, daß es noch eine große Rolle spielte, ob sie diesem Mann ein paar Informationen mehr oder weniger entlocken konnte.
Etwas in der Welt unter ihr änderte sich. Das matte Grau des abgestorbenen Waldes wurde plötzlich zum Schimmern eines gewaltigen, blaugrauen Spiegels. Sie rasten über das neu entstandene Meer hinweg.
Da sie nicht einmal zu schätzen wagte, wie schnell sich die Libellenmaschine bewegte, konnte sie auch nicht sagen, welche Entfernung sie zurückgelegt hatten, als der Pilot ihre Geschwindigkeit endlich wieder drosselte. Aber wie weit es auch war es war auf jeden Fall zu weit, als daß sie diesen Ort mit ihren Drachen erreichen konnten.