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Die Maschine wurde immer langsamer und verlor gleichzeitig an Höhe. Karas Blick tastete aufmerksam über die endlose Wüste aus Wasser. Sie sah nirgends eine Insel, einen Felsen oder auch nur ein Schiff, das ihr Ziel hätte sein können. Trotzdem wurde die Libelle weiter langsamer, sank auf hundert, dann auf fünfzig und endlich auf weniger als zehn Meter auf die Meeresoberfläche herab und verhielt schließlich auf der Stelle. Kara gewahrte einen Lichtreflex in der spiegelnden Kanzel vor sich und blickte zur Seite, wo die zweite Libelle schwebte, die Gendik transportierte.

Eine Welle kräuselte plötzlich das Wasser unter ihnen, dann eine zweite, dritte und vierte, die zu einer kreisförmigen Woge verschmolzen, Zuerst langsam, dann immer schneller werdend, entstand aus dem Nichts ein rasender Strudel unter den beiden Maschinen. Kara sah mit angehaltenem Atem zu, wie der Strudel wuchs, bis er zu einem gewaltigen Trichter geworden war, der hundert oder mehr Meter tief ins Meer hinabreichte: ein Schacht von kreisrundem Durchmesser, dessen Wände aus kochendem, von einem unsichtbaren Zauber gehaltenem Wasser bestanden. Und an seinem Grund war nicht der Fels des Meeresbodens, sondern das nasse Metall eines gewaltigen, buckeligen Gebildes, das dort lag. So riesig der Strudel auch war, enthüllte er doch nur den winzigen Teil eines stählernen Ungeheuers, das wie ein ertrunkenes Fabeltier in der Tiefe lauerte. Die Libellen begannen langsam hinunterzugehen, erreichten die Meereshöhe und glitten weiter hinab, aber Kara verschwendete keinen einzigen Blick auf die zischenden Wände des Strudels, dessen Anblick sie vor zehn Sekunden noch an ihrem Verstand hatte zweifeln lassen. Wie gebannt sah sie das ungeheuerliche Etwas an, das auf dem Grund des neu entstandenen Ozeans lag, und zum allerersten Mal glaubte sie, Elders Warnung wirklich zu verstehen. Sie hatten nicht im Ansatz begriffen, was er ihnen wirklich hatte sagen wollen. Es war nicht nur so, daß sie gegen einen hoffnungslos überlegenen Feind kämpften. Sie hatten nicht einmal gewußt, wogegen sie kämpften. Dieses... Ding war gewaltig, ein Berg aus Stahl, neben dem selbst der Drachenhort zu einem Nichts verblaßte. Rote, grüne und gelbe Lichter waren willkürlich über seine Oberfläche verteilt, und als sie tiefer sanken, erschien in einem der gewaltigen Buckel eine schmale Linie aus Licht, die rasch breiter wurde zweifellos die Schleuse, durch die die Libellen einfliegen würden. Für Kara war es das Maul eines unbeschreiblichen Dämons, der von den Sternen gekommen war, um ihre Welt zu verschlingen.

Die beiden Libellen glitten nebeneinander auf diese Öffnung zu. Im ersten Moment war Kara beinahe blind, als sie hindurchflogen, denn der dahinterliegende Raum war von gleißender Helligkeit erfüllt. Aber ihre Augen gewöhnten sich an dieses unnatürliche, weiße Licht, noch bevor die Libelle unweit des Eingangs aufsetzte und der Pilot die Motoren abschaltete, so daß sie ihre Umgebung zumindest in Schemen wahrnehmen konnte. Sie befanden sich in einem gigantischen Saal. Rechts und links von ihnen standen säuberlich aufgereiht Libellen. Zehn, fünfzehn, zwanzig... Insgesamt zählte Kara achtundvierzig Libellenmaschinen, die allein in diesem einzigen Buckel Platz gefunden hatten. Und sie war sicher, mehrere dieser häßlichen Auswüchse auf der Oberfläche des fremden Raumschiffes gesehen zu haben. Wie viele von diesen Mordmaschinen besaßen sie?

Die Kanzel öffnete sich, und Kara hatte sich nicht gut genug in der Gewalt, um nicht von sich aus nach dem Sicherheitsgurt zu greifen und das Schloß aufschnappen zu lassen, was ihr einen erstaunten Blick ihres Piloten einbrachte. Rasch kletterte sie aus der Maschine, sah sich eine Sekunde suchend um und eilte dann auf die zweite Libelle zu, aus deren Kanzel Gendik herauskletterte. Er gab sich jetzt keine Mühe mehr, das Zittern seiner Hände zu unterdrücken, und als er sich aufrichtete, wankte er.

»Was... was ist hier los?« flüsterte Gendik. Seine Augen waren so groß, als wollten sie aus den Höhlen hervorquellen, und seine Stimme war flach und dünn wie die eines alten Mannes, der kaum noch Kraft zum Sprechen hatte.

Aber erging es ihr viel anders? Ihr scheinbares Verstehen der Dinge ringsum, ihre Neugier, ja selbst der Zorn, den der Anblick der schlafenden Libellen erweckte, waren sie wirklich etwas anderes als hastig errichtete Schutzschilde, um sich nicht eingestehen zu müssen, daß auch sie halb verrückt vor Angst war? Eine der ersten Lektionen, die sie als junge Drachenkriegerin gelernt hatte, besagte, daß man nur einmal sterben konnte. Es spielte keine Rolle, ob man gegen einen nur leicht oder hoffnungslos überlegenen Gegner antrat. Das Entsetzen, das eine überlegene Waffe, ein gefährliches Raubtier oder ein einfach zahlenmäßig überlegener Gegner auslöste, war schädlich. Ihr wurde bewußt, daß seit Gendiks Frage eine gute Minute verstrichen war und daß sie ihm nicht nur nicht geantwortet, sondern die ganze Zeit aus geweiteten Augen um sich geblickt hatte. Sie bemerkte eine Bewegung und sah, daß sich im hinteren Ende der Halle eine kleinere Tür geöffnet hatte und drei blauuniformierte Männer herausgetreten waren, die nun mit schnellen, aber nicht hastigen Schritten auf sie zukamen. »Das, Gendik«, sagte sie so ruhig sie konnte, »ist der Thron der Libellen.«

46

Sie verließen die Libellenhalle mit einem Aufzug aus silberfarbenem Metall, und als sie etliche Stockwerke tiefer aus der Kabine traten, da wußte Karas Verstand zwar noch, daß sie sich im Inneren eines Schiffes befanden, das zwischen den Sternen flog, aber ihre Augen und all ihre anderen Sinne behaupteten, sie wäre in einem Palast. Ein mit mattsilbernem Metall ausgekleideter Korridor nahm sie auf, der so breit und lang war, daß sich manche der Männer und Frauen, die sie sah, auf kleinen rollenden Karren fortbewegten. Das Licht war nicht mehr weiß und grell, sondern so mild wie Sonnenlicht an einem warmen Frühlingstag, und als sie den Kopf hob, konnte sie keinerlei Lampe erkennen. Die Helligkeit strahlte von überallher zugleich, als leuchte die Luft. Sie passierten drei Kreuzungen des gewaltigen Ganges, der das Schiff auf ganzer Länge durchziehen mußte, und mehrere Türen, die offenstanden. Da ihre Begleiter nichts dagegen zu haben schienen, warf Kara einen neugierigen Blick in die dahinterliegenden Räume. Was sie sah, verblüffte sie nur noch mehr. Sie hatte mit von Maschinen und geheimnisvoll blinkenden, klickenden und summenden Geräten vollgestopften kleinen Zellen gerechnet, aber sie entdeckte zumeist große, behaglich eingerichtete Räume mit fremdartigem, aber nicht unbequem erscheinendem Mobiliar – und einige Fenster.

Schließlich erreichten sie das Ende des Ganges, und als sie durch eine Tür traten, fand Kara schlagartig in die Wirklichkeit zurück und begriff wieder, wo sie war: an Bord eines Kriegsschiffes. Auch hier herrschte dieses milde Frühsommerlicht, aber sie sah keine Fenster mehr und hörte kein Lachen. Die Männer, die sich in diesem Teil des Thrones bewegten, trugen blauschwarze Uniformen und Helme mit Visieren aus Glas, und sie bewegten sich wie tüchtige, gut ausgebildete Soldaten. Einige blieben stehen und warfen ihr und Gendik Blicke nach;

Blicke, in denen Kara vergeblich nach so etwas wie Feindschaft oder auch nur Verachtung suchte. Sie entdeckte nur eine gewisse Neugier.

Ihre Begleiter blieben stehen. Einer von ihnen trat auf Kara zu und streckte fordernd die Hand nach ihrem Schwert aus. Kara legte die Rechte auf den Griff der Waffe und schüttelte wortlos den Kopf. Sie wußte, wie dumm sie im Grunde handelte. Und sie war nicht wenig erstaunt, als der Soldat nicht einmal den Versuch machte, ihr das Schwert mit Gewalt zu nehmen, sondern nur mit den Schultern zuckte und ein Wort in seiner unverständlichen Sprache zu seinen Kameraden sagte; das die mit einem Lachen quittierten. »Was soll das?« flüsterte Gendik neben ihr. »Willst du unbedingt einen Streit provozieren?«