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»Ich glaube«, murmelte Kara verwirrt, »das könnte ich gar nicht. Selbst wenn ich es wollte.«

»Es gibt nicht viele Menschen, denen ich das zutraue – aber du gehörst dazu.« Kara hatte die Stimme erkannt, bevor sie sich herumdrehte. Vor ihr stand der Offizier, den sie auf der Treppe zu Aires’ Zimmer gesehen hatte. Ihr alter Freund vom Strand und aus der Gasse in Schelfheim. Zwei oder drei Sekunden lang hielt er ihrem Blick wortlos stand, und Kara gestand sich verblüfft ein, daß das Lächeln in seinen Augen echt war, dann hob er die Hand und machte eine flüchtige Geste zu den drei Männern, die sie hierherbegleitet hatten. »Ihr könnt gehen«, sagte er. »Ich rede allein mit unseren Besuchern.«

Er bediente sich ihrer Sprache, begriff Kara, damit sie ihn verstand. War das nun Zuvorkommen oder nur ein weiteres Zeichen von Überheblichkeit?

Ohne auf ihre oder Gendiks Reaktion zu warten, wandte er sich herum und steuerte auf eine Tür zu. Er betrat den Raum, ohne sich auch nur noch einmal zu ihnen umzudrehen, als wäre es völlig selbstverständlich, daß sie ihm folgten. Ganz plötzlich wußte Kara, wieso ihre Gastgeber sie so sorglos behandelten. Die Tatsache, daß man sich nicht einmal die Mühe machte, sie nach verborgenen Waffen zu durchsuchen, hatte sie im ersten Moment verwirrt. Aber was nach Leichtsinn aussah, war in Wirklichkeit das Wissen um eine unerschütterliche Sicherheit.

Der Bärtige durchquerte das Zimmer und ließ sich in einen Stuhl fallen, der hinter einem gewaltigen Tisch stand. Der Tisch war leer und bestand nur aus einer fast zehn Zentimeter dicken Glasscheibe, die auf drei geradezu lächerlich dünnen Beinen ruhte. Zwei weitere Stühle standen auf der anderen Seite. Sie sahen recht bizarr aus, erwiesen sich aber als überraschend bequem, als Kara und Gendik sich nach kurzem Zögern gleichfalls setzten.

Für Momente senkte sich eine unbehagliche Stille über den Raum. Gendik maß sein Gegenüber voller Unsicherheit und Furcht, Kara voller Unsicherheit und Groll, während der Bärtige sie beide abwechselnd und mehrmals mit einem Blick musterte, den Kara nicht zu deuten vermochte. Sie stellte nur mit immer größer werdender Verwirrung fest, daß sie keinerlei Feindschaft darin entdeckte.

»Es freut mich, daß Ihr meine Einladung angenommen habt, Gendik«, sagte der Fremde schließlich. Zu Kara gewandt und mit einem flüchtigen Lächeln fügte er hinzu: »Und du auch, Kara. Schließlich hast du mich schon mehr als einmal umgebracht.«

Gendik sah plötzlich sehr verwirrt aus, aber der Fremde fuhr wieder an ihn gewandt fort: »Wir haben eine Menge zu bereden, denke ich. Eine Erfrischung?«

Kara wollte impulsiv ablehnen, aber Gendik nickte schon, und sie begriff, daß sich diese beiden Männer auf eine gewisse Weise sehr ähnelten. Sie beide verhielten sich so formell, wie man es von Politikern oder Diplomaten erwarten konnte. Der Bärtige berührte mit Zeige- und Mittelfinger die Tischplatte vor sich, und in dem Glas, das eine Sekunde zuvor noch klar und völlig leer gewesen war, glomm ein warmes, grünes Licht auf. Unmittelbar darauf öffnete sich eine schmale Klappe in der Wand hinter ihm, und ein dreirädriger Karren rollte heraus. Der Fremde nahm eine Flasche mit einer bräunlichen Flüssigkeit und drei Gläser von seiner Oberfläche, stellte alles auf den Tisch, und der Wagen entfernte sich klirrend und scheppernd wieder. Umständlich goß der Mann die drei Gläser voll und schob zwei über den Tisch. Gendik griff nach dem seinen, aber Kara rührte sich nicht, was ihr einen fast amüsierten Blick des Bärtigen eintrug.

»Wer seid Ihr?« begann Gendik, nachdem er vorsichtig einen Schluck von seinem Getränk gekostet hatte. »Wo sind wir hier? Was ist das für ein Ort, und wieso habt Ihr uns hergebracht?«

»Mein Name ist Thorn«, antwortete der Bärtige. »Ich bin der Kommandant dieser Drohne und zugleich der befehlshabende Offizier des ganzen Unternehmens.«

»Drohne?« Gendik runzelte die Stirn und warf einen raschen Blick in Karas Richtung. »Sie nannte es... Thron.«

Thorn lächelte flüchtig. »Nun, irgendwie ist das nicht einmal falsch. Wir können dabei bleiben, wenn es Euch lieber ist. Aber jetzt sollten wir über wichtigere Dinge reden, Gendik.« Er streckte abermals die Hand aus und berührte die gläserne Platte, und diesmal vollzog sich eine geradezu unheimliche Veränderung. Das kristallklare Glas füllte sich mit einem farbigen, sich bewegenden Bild der Klippe, hinter der Schelfheim lag. Es war von einem Punkt zwanzig oder dreißig Meilen tief im Schlund heraus aufgenommen, so daß man den größten Teil der lodernden Feuerbarriere erkennen konnte, mit der die Stadt den Ansturm der Monster abwehrte. Aber Kara sah auch voller dumpfem Schrecken, daß die Flammen hier und da bereits erloschen waren. In der glühenden Verteidigungslinie klafften große Löcher, durch die sich ein breiter Strom alptraumhafter Kreaturen ergoß. »Wie zum Beispiel über Schelfheim«, sagte Thorn, nachdem er ihr und vor allem Gendik ausreichend Zeit gelassen hatte, das Bild zu betrachten.

Es gelang Gendik nicht, seinen Blick von der Glasscheibe zu lösen. »Ihr... Ihr wißt... daß...« stammelte er. Dann brach er ab und sah mit einem Ruck auf. Er starrte Thorn an. »Wer seid Ihr?« keuchte er. »Ein Zauberer?«

Thorn schüttelte den Kopf. »Ganz bestimmt nicht. Wenn ich auch über gewisse... Hilfsmittel verfüge, die Euch wie Zauberei vorkommen würden. Auf jeden Fall aber bin ich ein Mann, der Euch helfen kann. Euch und Eurer Stadt, Gendik.« Er zögerte einen ganz genau berechneten Moment, ehe er auf Kara deutete, sie dabei aber nicht ansah, sondern an Gendik gewandt fortfuhr: »Ich nehme an, Kara hat Euch schon in groben Zügen von uns erzählt.«

»Nein«, antwortete Gendik mit einem neuerlichen Blick in Karas Richtung.

»Das erleichtert die Sache«, sagte Thorn. »Denn was immer sie Euch erzählt hätte, es wäre falsch gewesen. Ich weiß, daß Ihr uns für Eure Feinde haltet, aber das sind wir nicht.«

»Wie kommst du nur auf die Idee, ich könnte einen solchen Unsinn erzählen?« sagte Kara. Ihre Stimme troff vor Hohn. »Du und unser Feind? Ich bin ganz sicher, daß du den Hort nur aus Versehen niedergebrannt und dreißig von meinen Kriegern dabei umgebracht hast. Und der Angriff auf Schelfheim war sicherlich ebenfalls nur ein kleiner Patzer, nicht wahr?«

Thorn seufzte. »Manchmal muß man Dinge tun, die man eigentlich nicht tun will«, sagte er. »Ich dachte, die Herrin der Drachenreiter wüßte das.«

»Oh, Ihr tut das alles gegen Euren Willen?« fragte Kara spöttisch. »Dann zeigt mir den, der Euch dazu zwingt. Ich werde zu ihm gehen und ihm erklären, daß er einen Fehler begeht. Ich bin sicher, er sieht das ein.«

»Das reicht«, sagte Gendik scharf. »Wir haben keine Zeit für deine dummen Spiele, Kara!« Erregt deutete er auf das Bild der Stadt, das noch immer den Tisch füllte. »Ihr und Eure Männer, Ihr könnt uns helfen?«

»Zuerst sind noch einige Fragen zu klären«, sagte Thorn ausweichend, aber dann nickte er. »Wenn wir uns einig werden, Gendik, kann ich Euch versprechen, daß es durchaus in meiner Macht liegt, Eure Stadt vor dem Ansturm dieser Ungeheuer zu schützen.«

»Nachdem er sie zuerst auf Euch gehetzt hat«, sagte Kara. Gendik fuhr wieder herum. Wut flammte in seinen Augen auf – aber nur im allerersten Moment. Erst dann schien er wirklich zu begreifen, was sie gesagt hatte. Verwirrt und völlig fassungslos wandte er sich wieder an den Mann an der anderen Seite des Tisches. »Ist das wahr? Wie meint sie das?«

Kara registrierte zufrieden, daß es ihr offensichtlich gelungen war, Thorn ein wenig aus dem Konzept zu bringen. »Man kann es so sehen«, sagte er. »Und ich verstehe sogar, daß Kara dies glaubt.«

»Glaubt?« Kara mußte an sich halten, um nicht zu schreien. »Ich habe gesehen, was deine Männer tun! Sie sind es, die mit ihren Maschinen diese Monster gegen die Stadt hetzen! Es ist ein bißchen billig, Hilfe gegen eine Gefahr anzubieten, die man selbst heraufbeschworen hat, findest du nicht?«