Выбрать главу

Umständlich nahm sie auf dem Sitz neben dem Piloten Platz; sie versuchte, sich daran zu erinnern, auf welche Weise Tess darauf festgeschnallt gewesen war, erhob aber keinen Einspruch, als der Pilot mit einem Arm über sie griff, die Gurte aus einer Vertiefung in der Wand über ihrem Kopf hervorzog und in ein kleines Schloß neben dem Sitz einrasten ließ. Sie versuchte, desinteressiert zu wirken, merkte sich aber das Funktionsprinzip des Mechanismus sehr genau.

Sie sah, wie Gendik endlich ihrem Beispiel folgte und die zweite Maschine ansteuerte, und sie sah gleichzeitig, wie unter den Kriegern eine merkliche Unruhe entstand. Rasch hob sie die Hand und signalisierte ihnen in der Zeichensprache der Drachenkämpfer, daß alles in Ordnung sei und sie nichts unternehmen sollten. Tatsächlich machte keiner der Männer einen Versuch, sie aufzuhalten oder gar die beiden Fremden anzugreifen.

Kara hoffte, daß nichts geschah, bis sie zurück war - falls sie zurückkam. Eine kleine Unbedachtsamkeit, ein Fehler oder eine nachlässige Bemerkung, und die Drachenflieger würden diese beiden Männer töten.

Nach ein paar Augenblicken, die ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen waren, hatte auch Gendik in der zweiten Maschine Platz genommen, und ebenso lautlos, wie sie sich geöffnet hatten, begannen sich die durchsichtigen Kugeln der Kanzeln wieder zu senken. Sie rasteten mit einem kaum hörbaren Klicken ein, und im selben Augenblick legte der Mann neben ihr eine Hand auf den Steuerknüppel der Maschine und betätigte mit der anderen rasch hintereinander ein paar Schalter. Die Triebwerke erwachten mit einem hellen, winselnden Geräusch zum Leben, und über Karas Kopf begann sich der dreiflügelige Rotor zu drehen, zuerst langsam, dann immer schneller, bis er zu einem wirbelnden Kreis aus Schatten und Lichtreflexen wurde.

Das Geräusch der Triebwerke wurde lauter, doch nicht annähernd so laut, wie es sich draußen angehört hatte. Und obwohl Kara zu den sehr wenigen Bewohnern ihrer Welt gehörte, für die das Fliegen nicht nur nichts Ungewohntes darstellten, mußte sie sich doch erschrocken mit beiden Händen an ihren Sitz klammern, als die Libelle mit einem sanften Zittern abhob. Der Mann neben ihr wandte kurz den Kopf, und sie glaubte die Andeutung eines spöttischen Lächelns über sein Gesicht huschen zu sehen. Sie zog verärgert die Hände zurück und unterdrückte im letzten Moment den Impuls, die Arme nun vor der Brust zu verschränken. In einer Haltung, die Gelassenheit ausdrücken sollte, saß sie dann da und blickte mit einer Mischung aus Furcht und Faszination durch die Kuppel nach unten. Das braunschwarze Schachbrettmuster Schelfheims raste nur so unter ihnen dahin, eine Sekunde später blitzte eine dünne, orangerote Linie unter ihnen auf, dann lag der Schlund unter ihnen. Die Maschine wurde schneller und schneller, sank plötzlich tiefer und raste dann unterhalb der Wolkendecke des Schlundes dahin.

Es war eine völlig andere Art des Fliegens als die, die Kara bisher kannte. Plötzlich löste der Pilot eine Hand von seinem Steuer und betätigte ein paar Schalter vor sich. Das Heulen der Motoren wurde leiser, und eine Sekunde später bemerkte sie voller jähem Schrecken, daß die Rotoren über ihr aufgehört hatten, sich zu drehen. Die Libelle zitterte, begann für einige schreckliche Sekunden zu trudeln und an Tempo zu verlieren - und beschleunigte dann mit einem Ruck, der Kara wie ein Faustschlag in den Sitz preßte und ihr die Luft nahm. Die Landschaft unter ihr wurde zu einem dahinrasenden Kaleidoskop, und selbst die Wolken über ihnen sprangen ihr entgegen wie in einem Alptraum, in dem sie das Verstreichen der Zeit hundertmal in den Himmel riß. Es hatte nichts mit dem majestätischen Dahingleiten auf dem Rücken eines Drachen zu tun; es war schlicht und einfach wider die Natur.

Der Mann neben ihr lächelte plötzlich. »Keine Angst, Kleines«, sagte er. »Uns kann nichts passieren.« Er wandte den Kopf. »Wir fliegen ein bißchen schneller als eure mutierten Fledermäuse, nicht wahr?«

»Es ist wirklich sehr schnell«, erwiderte Kara gepreßt. »Können wir noch schneller fliegen?«

Zuerst wollte er antworten, dann jedoch zuckte er mit den Schultern und sagte nur: »Vielleicht«, ehe er sich wieder den Kontrollen seines Flugapparates zuwandte.

Karas Enttäuschung hielt sich in Grenzen. Was immer sie dort, wo sie hinflogen, auch erwarten mochte, sie glaubte nicht, daß es noch eine große Rolle spielte, ob sie diesem Mann ein paar Informationen mehr oder weniger entlocken konnte.

Etwas in der Welt unter ihr änderte sich. Das matte Grau des abgestorbenen Waldes wurde plötzlich zum Schimmern eines gewaltigen, blaugrauen Spiegels. Sie rasten über das neu entstandene Meer hinweg.

Da sie nicht einmal zu schätzen wagte, wie schnell sich die Libellenmaschine bewegte, konnte sie auch nicht sagen, welche Entfernung sie zurückgelegt hatten, als der Pilot ihre Geschwindigkeit endlich wieder drosselte. Aber wie weit es auch war - es war auf jeden Fall zu weit, als daß sie diesen Ort mit ihren Drachen erreichen konnten.

Die Maschine wurde immer langsamer und verlor gleichzeitig an Höhe. Karas Blick tastete aufmerksam über die endlose Wüste aus Wasser. Sie sah nirgends eine Insel, einen Felsen oder auch nur ein Schiff, das ihr Ziel hätte sein können. Trotzdem wurde die Libelle weiter langsamer, sank auf hundert, dann auf fünfzig und endlich auf weniger als zehn Meter auf die Meeresoberfläche herab und verhielt schließlich auf der Stelle. Kara gewahrte einen Lichtreflex in der spiegelnden Kanzel vor sich und blickte zur Seite, wo die zweite Libelle schwebte, die Gendik transportierte.

Eine Welle kräuselte plötzlich das Wasser unter ihnen, dann eine zweite, dritte und vierte, die zu einer kreisförmigen Woge verschmolzen, Zuerst langsam, dann immer schneller werdend, entstand aus dem Nichts ein rasender Strudel unter den beiden Maschinen. Kara sah mit angehaltenem Atem zu, wie der Strudel wuchs, bis er zu einem gewaltigen Trichter geworden war, der hundert oder mehr Meter tief ins Meer hinabreichte: ein Schacht von kreisrundem Durchmesser, dessen Wände aus kochendem, von einem unsichtbaren Zauber gehaltenem Wasser bestanden. Und an seinem Grund war nicht der Fels des Meeresbodens, sondern das nasse Metall eines gewaltigen, buckeligen Gebildes, das dort lag. So riesig der Strudel auch war, enthüllte er doch nur den winzigen Teil eines stählernen Ungeheuers, das wie ein ertrunkenes Fabeltier in der Tiefe lauerte. Die Libellen begannen langsam hinunterzugehen, erreichten die Meereshöhe und glitten weiter hinab, aber Kara verschwendete keinen einzigen Blick auf die zischenden Wände des Strudels, dessen Anblick sie vor zehn Sekunden noch an ihrem Verstand hatte zweifeln lassen. Wie gebannt sah sie das ungeheuerliche Etwas an, das auf dem Grund des neu entstandenen Ozeans lag, und zum allerersten Mal glaubte sie, Elders Warnung wirklich zu verstehen. Sie hatten nicht im Ansatz begriffen, was er ihnen wirklich hatte sagen wollen. Es war nicht nur so, daß sie gegen einen hoffnungslos überlegenen Feind kämpften. Sie hatten nicht einmal gewußt, wogegen sie kämpften.

Dieses... Ding war gewaltig, ein Berg aus Stahl, neben dem selbst der Drachenhort zu einem Nichts verblaßte. Rote, grüne und gelbe Lichter waren willkürlich über seine Oberfläche verteilt, und als sie tiefer sanken, erschien in einem der gewaltigen Buckel eine schmale Linie aus Licht, die rasch breiter wurde - zweifellos die Schleuse, durch die die Libellen einfliegen würden. Für Kara war es das Maul eines unbeschreiblichen Dämons, der von den Sternen gekommen war, um ihre Welt zu verschlingen.