Thorn seufzte erneut, es klang beinahe traurig. »Ich begreife deinen Zorn, Kara«, sagte er. »Wäre ich an deiner Stelle, erginge es mir nicht anders. Aber glaube mir – das haben wir nicht gewollt.«
»Du wirst lachen, Thorn«, sagte Kara. »Aber ich glaube dir nicht.«
»Ich... ich verstehe nicht ganz«, begann Gendik, wurde aber sofort wieder von Kara unterbrochen, die heftig gestikulierend abwechselnd auf Thorn und das Bild in der Tischplatte deutete. »Aber ich, Gendik. Diese Männer sind mit ihrem Schiff hierher gekommen, weil sie nichts anderes als unsere ganze Welt haben wollen.« Anklagend wies sie auf Thorn. »Ich bin sicher, er wird dir gleich vorschlagen, deine Stadt zu beschützen, wenn du sie ihm hinterher übergibst.«
»Ich hätte es weniger drastisch ausgedrückt, aber etwas in dieser Art schwebte mir vor«, sagte Thorn in einem Ton, für den Kara ihm den Hals hätte herumdrehen können.
»Du bist wirklich zu edel«, sagte Kara. »Du kommst mir vor wie ein Mann, der ein Haus anzündet und hinterher mit einem Eimer Wasser kommt, um ihn dem Besitzer zu verkaufen.«
»Ich sagte bereits – was geschehen ist, tut mir leid«, antwortete Thorn eine Spur schärfer. »Es war niemals meine Absicht, Schelfheim zu vernichten. Wenn ich das wollte, hätte ich es leichter haben können.«
»Aber vielleicht nicht so dramatisch«, murmelte Kara wütend.
Thorn wollte antworten, schüttelte aber dann nur den Kopf und sog hörbar die Luft zwischen den Zähnen ein. In verändertem, ruhigeren Tonfall und an Gendik gewandt fuhr er fort. »Ich sehe ein, daß es noch eine Menge Dinge gibt, über die wir reden müssen. Mißverständnisse müssen ausgeräumt, Fragen beantwortet werden. Aber Ihr selbst habt das gerade sehr treffend formuliert, Gendik. Jetzt ist nicht der Moment dazu. In jeder Minute, die wir hier sitzen und reden, sterben in Eurer Stadt Menschen. Mein Angebot lautet: Wir werden Schelfheim beschützen. Ich garantiere Euch, daß dieser Spuk vorbei ist, zehn Minuten, nachdem ich es befehle.«
Gendik starrte auf das Bild der untergehenden Stadt. Auf seinem Gesicht arbeitete es, und Kara fragte sich, ob sie ihm vielleicht Unrecht getan hatte, denn es dauerte recht lange, bis er mit ganz leiser Stimme fragte: »Und was verlangt ihr dafür?«
»Im Grunde nicht mehr, als daß ihr aufhört, uns zu bekämpfen. Freien Zugang zur Stadt und zu den Katakomben. Und vielleicht einen Stützpunkt für meine Männer und ihre Maschinen.«
»Und unbedingten Gehorsam, nicht zu vergessen«, fügte Kara böse hinzu. »Nicht wahr, Thorn?« Sie starrte Gendik an. »Er lügt! Er will eure Stadt – und das ist erst der Anfang.«
»Ist das wahr?« fragte Gendik.
»Es ist wahr!« antwortete Kara an Thorns Stelle. Thorn machte keine Anstalten, sie zu unterbrechen, sondern sah sie nur beinahe vorwurfsvoll an. »Wenn ihr seine Hilfe annehmt«, fuhr Kara erregt fort, »dann hat sich nichts geändert, seit wir Jandhi und ihre Drachentöchter vertrieben haben, Gendik. Dann werden es wieder Fremde sein, die über uns herrschen.«
»Selbst wenn es so wäre«, murmelte Gendik, »wäre die Alternative nur der Tod.« Er wirkte unglaublich verloren und hilflos, und für Sekunden tat er Kara nur leid. Ein Mann, der alles verloren hatte, wofür er je gelebt und gekämpft hatte, und der gerade erfahren hatte, daß ihm keine andere Wahl mehr blieb, als sein Volk zu verraten, wollte er es retten.
Thorn lächelte. »Ich sehe, Ihr habt den Ernst der Lage erkannt, Gendik. Aber bevor Ihr eine Entscheidung trefft, laßt mich noch eines sagen.« Er deutete auf Kara. »Ich verstehe ihren Zorn. Ich verstehe, warum sie sagt, was sie sagt. Aber sie irrt sich. Wir haben kein Interesse daran, über irgend jemanden zu herrschen.«
»Warum seid ihr dann hier?« fragte Kara. »Warum seid ihr gekommen? Warum greift ihr uns an? Warum... tötet ihr uns?«
»Aber das tun wir nicht«, widersprach Thorn. »Ich sagte bereits, daß es ein schrecklicher Unfall war, den wir bedauern, der aber einmal geschehen ist.«
»Ein Unfall?« Kara schrie nun wirklich. »All diese... diese Bestien greifen Schelfheim doch nur an, weil ihr sie dazu zwingt! Es sind deine Maschinen, die Gäa töten, nicht wahr?«
Sie las in seinen Augen, daß er im ersten Moment nicht einmal verstand, wovon sie sprach. Dann runzelte er die Stirn. »Gäa...? Oh, du meinst dieses Schmarotzerwesen, das im Dschungel lebt. Ja, ich habe Befehl gegeben, es zu vernichten, weil es uns eine Menge Schwierigkeiten bereitet hat.«
»Einfach so?« fragte Kara. Ihr Zorn verrauchte und machte einem Gefühl tiefen, fast lähmenden Entsetzens Platz. »Du... du tötest das größte denkende Lebewesen einer Welt und...«
Ihre Stimme versagte.
»Es ist nicht mehr als ein Tier«, sagte Thorn. »Noch dazu ein äußerst gefährliches Tier. Ich weiß, daß du mir auch das nicht glauben wirst, Kara, aber über kurz oder lang wäre es auch euch gefährlich geworden. Wir haben sein Verhalten und seine Fähigkeiten lange analysiert. Es wächst unaufhörlich. Vielleicht hätte es noch tausend Jahre gedauert, vielleicht auch zehntausend – aber irgendwann einmal wird es alles hier unten verschlungen haben. Und das wird ihm dann nicht reichen.«
»Das ist nicht wahr!« sagte Kara wütend. »Und selbst wenn – ihr habt nicht das Recht, Gäa umzubringen.«
»Wir haben jedes Recht, das wir uns nehmen«, sagte Thorn ruhig.
Kara ignorierte diese Worte, um nicht völlig die Beherrschung zu verlieren. »Gäa ist... mehr als ein Tier«, sagte sie. »Sie ist...«
»Groß«, unterbrach sie Thorn. »Nicht wahr?«
Sie nickte.
»Aber das ändert nichts«, sagte Thorn. »Ich weiß, es ist ein sehr erstaunliches Wesen. Aber es ist nur ein Wesen, Kara. Hältst du sein Leben für wertvoller als das all dieser Menschen, die in Gendiks Stadt leben? Mißt man auf eurer Welt den Wert eines Lebens nach seiner Größe?«
Kara suchte vergeblich nach einer Antwort. Sie ahnte, daß sie einen sinnlosen Kampf kämpfte. Sie kam sich hilflos und entsetzlich verloren vor. Und vielleicht hatte der Mann sogar recht.
Thorn sah sie einen Moment lang durchdringend an, dann löschte er mit einer raschen Handbewegung das Bild in dem Tisch und wandte sich in seinem Stuhl wieder zu Gendik um. »Habt Ihr über meinen Vorschlag nachgedacht?«
»Wer seid Ihr?« murmelte Gendik. Er machte eine hilflose Geste mit beiden Händen. »Eure Männer. Eure... Maschinen. Dieses... dieses unglaubliche... Ding hier. Sagt Kara die Wahrheit? Seid Ihr hergekommen, um uns unsere Welt zu stehlen?«
»Nein«, antwortete Thorn. »Wir werden euch nichts wegnehmen. Überlegt selbst: Ihr – und vor allem dieses jähzornige kleine Mädchen mit seinen Drachenfreunden – habt uns bereits großen Schaden zugefügt. Mehrere meiner Männer sind tot, und eine ganze Anzahl überaus kostbarer Maschinen wurden zerstört. Ich bin denen, die mich geschickt haben, Rechenschaft schuldig. Sie würden nicht verstehen, warum ich so viel gebe, um so wenig zu bekommen. Eure Welt ist groß, viel größer, als ihr wahrscheinlich ahnt. Und der Teil davon, den ihr bewohnt, ist winzig. Wir nehmen nur, was ihr nicht braucht.«
»Also doch«, sagte Gendik ganz leise. »Ihr seid, was sie gesagt hat. Nichts als Diebe.«
»Es tut mir leid, wenn Ihr das so seht«, sagte Thorn betrübt. »Ich hatte gehofft, daß wir uns einigen könnten.«
»Einigen?« begehrte Kara auf. »Mit Mördern?«
Thorn blickte sie wortlos, aber jetzt voller Zorn an, und Kara begann erregt mit beiden Händen zu gestikulieren, während sie sich vorbeugte und abwechselnd ihn und Gendik anstarrte. »Ihr seid nicht unsere Feinde? Ihr wollt nichts, was euch nicht gehört? Du lügst, Thorn. Ihr habt Hunderte von Menschen getötet, vielleicht Tausende! Waren es nicht deine Maschinen, die den grauen Staub auf die Stadt im Schlund geworfen haben? Sind es nicht deine Maschinen gewesen, die unsere Ernten verdorben, die dafür gesorgt haben, daß unsere Frauen keine Kinder mehr bekommen, die Quellen versiegen und giftige Seen entstehen lassen? Streite es nicht ab!« sagte sie mit einer herrischen Geste, als Thorn sie unterbrechen wollte. »Ich kenne die Wahrheit. Ich weiß, wer ihr seid und woher ihr kommt. Elder hat mir die Wahrheit erzählt!«