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Die beiden Libellen glitten nebeneinander auf diese Öffnung zu. Im ersten Moment war Kara beinahe blind, als sie hindurchflogen, denn der dahinterliegende Raum war von gleißender Helligkeit erfüllt. Aber ihre Augen gewöhnten sich an dieses unnatürliche, weiße Licht, noch bevor die Libelle unweit des Eingangs aufsetzte und der Pilot die Motoren abschaltete, so daß sie ihre Umgebung zumindest in Schemen wahrnehmen konnte. Sie befanden sich in einem gigantischen Saal. Rechts und links von ihnen standen säuberlich aufgereiht Libellen.

Zehn, fünfzehn, zwanzig... Insgesamt zählte Kara achtundvierzig Libellenmaschinen, die allein in diesem einzigen Buckel Platz gefunden hatten. Und sie war sicher, mehrere dieser häßlichen Auswüchse auf der Oberfläche des fremden Raumschiffes gesehen zu haben. Wie viele von diesen Mordmaschinen besaßen sie?

Die Kanzel öffnete sich, und Kara hatte sich nicht gut genug in der Gewalt, um nicht von sich aus nach dem Sicherheitsgurt zu greifen und das Schloß aufschnappen zu lassen, was ihr einen erstaunten Blick ihres Piloten einbrachte. Rasch kletterte sie aus der Maschine, sah sich eine Sekunde suchend um und eilte dann auf die zweite Libelle zu, aus deren Kanzel Gendik herauskletterte. Er gab sich jetzt keine Mühe mehr, das Zittern seiner Hände zu unterdrücken, und als er sich aufrichtete, wankte er.

»Was... was ist hier los?« flüsterte Gendik. Seine Augen waren so groß, als wollten sie aus den Höhlen hervorquellen, und seine Stimme war flach und dünn wie die eines alten Mannes, der kaum noch Kraft zum Sprechen hatte.

Aber erging es ihr viel anders? Ihr scheinbares Verstehen der Dinge ringsum, ihre Neugier, ja selbst der Zorn, den der Anblick der schlafenden Libellen erweckte, waren sie wirklich etwas anderes als hastig errichtete Schutzschilde, um sich nicht eingestehen zu müssen, daß auch sie halb verrückt vor Angst war? Eine der ersten Lektionen, die sie als junge Drachenkriegerin gelernt hatte, besagte, daß man nur einmal sterben konnte.

Es spielte keine Rolle, ob man gegen einen nur leicht oder hoffnungslos überlegenen Gegner antrat. Das Entsetzen, das eine überlegene Waffe, ein gefährliches Raubtier oder ein einfach zahlenmäßig überlegener Gegner auslöste, war schädlich.

Ihr wurde bewußt, daß seit Gendiks Frage eine gute Minute verstrichen war und daß sie ihm nicht nur nicht geantwortet, sondern die ganze Zeit aus geweiteten Augen um sich geblickt hatte. Sie bemerkte eine Bewegung und sah, daß sich im hinteren Ende der Halle eine kleinere Tür geöffnet hatte und drei blauuniformierte Männer herausgetreten waren, die nun mit schnellen, aber nicht hastigen Schritten auf sie zukamen. »Das, Gendik«, sagte sie so ruhig sie konnte, »ist der Thron der Libellen.«

46

Sie verließen die Libellenhalle mit einem Aufzug aus silberfarbenem Metall, und als sie etliche Stockwerke tiefer aus der Kabine traten, da wußte Karas Verstand zwar noch, daß sie sich im Inneren eines Schiffes befanden, das zwischen den Sternen flog, aber ihre Augen und all ihre anderen Sinne behaupteten, sie wäre in einem Palast. Ein mit mattsilbernem Metall ausgekleideter Korridor nahm sie auf, der so breit und lang war, daß sich manche der Männer und Frauen, die sie sah, auf kleinen rollenden Karren fortbewegten. Das Licht war nicht mehr weiß und grell, sondern so mild wie Sonnenlicht an einem warmen Frühlingstag, und als sie den Kopf hob, konnte sie keinerlei Lampe erkennen. Die Helligkeit strahlte von überallher zugleich, als leuchte die Luft. Sie passierten drei Kreuzungen des gewaltigen Ganges, der das Schiff auf ganzer Länge durchziehen mußte, und mehrere Türen, die offenstanden. Da ihre Begleiter nichts dagegen zu haben schienen, warf Kara einen neugierigen Blick in die dahinterliegenden Räume. Was sie sah, verblüffte sie nur noch mehr. Sie hatte mit von Maschinen und geheimnisvoll blinkenden, klickenden und summenden Geräten vollgestopften kleinen Zellen gerechnet, aber sie entdeckte zumeist große, behaglich eingerichtete Räume mit fremdartigem, aber nicht unbequem erscheinendem Mobiliar - und einige Fenster.

Schließlich erreichten sie das Ende des Ganges, und als sie durch eine Tür traten, fand Kara schlagartig in die Wirklichkeit zurück und begriff wieder, wo sie war: an Bord eines Kriegsschiffes. Auch hier herrschte dieses milde Frühsommerlicht, aber sie sah keine Fenster mehr und hörte kein Lachen. Die Männer, die sich in diesem Teil des Thrones bewegten, trugen blauschwarze Uniformen und Helme mit Visieren aus Glas, und sie bewegten sich wie tüchtige, gut ausgebildete Soldaten.

Einige blieben stehen und warfen ihr und Gendik Blicke nach; Blicke, in denen Kara vergeblich nach so etwas wie Feindschaft oder auch nur Verachtung suchte. Sie entdeckte nur eine gewisse Neugier.

Ihre Begleiter blieben stehen. Einer von ihnen trat auf Kara zu und streckte fordernd die Hand nach ihrem Schwert aus.

Kara legte die Rechte auf den Griff der Waffe und schüttelte wortlos den Kopf. Sie wußte, wie dumm sie im Grunde handelte. Und sie war nicht wenig erstaunt, als der Soldat nicht einmal den Versuch machte, ihr das Schwert mit Gewalt zu nehmen, sondern nur mit den Schultern zuckte und ein Wort in seiner unverständlichen Sprache zu seinen Kameraden sagte, das die mit einem Lachen quittierten.

»Was soll das?« flüsterte Gendik neben ihr. »Willst du unbedingt einen Streit provozieren?«

»Ich glaube«, murmelte Kara verwirrt, »das könnte ich gar nicht. Selbst wenn ich es wollte.«

»Es gibt nicht viele Menschen, denen ich das zutraue - aber du gehörst dazu.« Kara hatte die Stimme erkannt, bevor sie sich herumdrehte. Vor ihr stand der Offizier, den sie auf der Treppe zu Aires' Zimmer gesehen hatte. Ihr alter Freund vom Strand und aus der Gasse in Schelfheim. Zwei oder drei Sekunden lang hielt er ihrem Blick wortlos stand, und Kara gestand sich verblüfft ein, daß das Lächeln in seinen Augen echt war, dann hob er die Hand und machte eine flüchtige Geste zu den drei Männern, die sie hierherbegleitet hatten. »Ihr könnt gehen«, sagte er. »Ich rede allein mit unseren Besuchern.«

Er bediente sich ihrer Sprache, begriff Kara, damit sie ihn verstand. War das nun Zuvorkommen oder nur ein weiteres Zeichen von Überheblichkeit?

Ohne auf ihre oder Gendiks Reaktion zu warten, wandte er sich herum und steuerte auf eine Tür zu. Er betrat den Raum, ohne sich auch nur noch einmal zu ihnen umzudrehen, als wäre es völlig selbstverständlich, daß sie ihm folgten. Ganz plötzlich wußte Kara, wieso ihre Gastgeber sie so sorglos behandelten. Die Tatsache, daß man sich nicht einmal die Mühe machte, sie nach verborgenen Waffen zu durchsuchen, hatte sie im ersten Moment verwirrt. Aber was nach Leichtsinn aussah, war in Wirklichkeit das Wissen um eine unerschütterliche Sicherheit.

Der Bärtige durchquerte das Zimmer und ließ sich in einen Stuhl fallen, der hinter einem gewaltigen Tisch stand. Der Tisch war leer und bestand nur aus einer fast zehn Zentimeter dicken Glasscheibe, die auf drei geradezu lächerlich dünnen Beinen ruhte. Zwei weitere Stühle standen auf der anderen Seite. Sie sahen recht bizarr aus, erwiesen sich aber als überraschend bequem, als Kara und Gendik sich nach kurzem Zögern gleichfalls setzten.

Für Momente senkte sich eine unbehagliche Stille über den Raum. Gendik maß sein Gegenüber voller Unsicherheit und Furcht, Kara voller Unsicherheit und Groll, während der Bärtige sie beide abwechselnd und mehrmals mit einem Blick musterte, den Kara nicht zu deuten vermochte. Sie stellte nur mit immer größer werdender Verwirrung fest, daß sie keinerlei Feindschaft darin entdeckte.

»Es freut mich, daß Ihr meine Einladung angenommen habt, Gendik«, sagte der Fremde schließlich. Zu Kara gewandt und mit einem flüchtigen Lächeln fügte er hinzu: »Und du auch, Kara. Schließlich hast du mich schon mehr als einmal umgebracht.«

Gendik sah plötzlich sehr verwirrt aus, aber der Fremde fuhr wieder an ihn gewandt fort: »Wir haben eine Menge zu bereden, denke ich. Eine Erfrischung?«