»Und wie bezeichnest du das, was in Schelfheim geschieht?« fragte Kara.
Thorn schwieg. Geschlagene zehn Sekunden lang blickte er Kara an, dann streckte er wieder die Hand nach dem Tisch aus und berührte die Platte. Aber anstelle des Bildes der brennenden Stadt erschien das überlebensgroße Abbild eines Mannes in blauer Uniform. »Starten Sie Ihre Einheiten, Commander«, sagte Thorn, wobei er sich wieder Karas Sprache bediente, damit sie und Gendik seinen Befehl verstanden. »Sie gehen wie besprochen vor. Achten Sie darauf, daß die Verluste unter der Zivilbevölkerung so gering wie möglich sind.«
Das Bild erlosch, noch bevor der Mann darauf antworten konnte, und Thorn wandte sich an Gendik. »In einer halben Stunde ist der Spuk vorbei. Darauf habt Ihr mein Wort, Gendik. Und jetzt verlange ich eine Entscheidung von Euch.« Er atmete tief und hörbar ein und warf Kara einen ganz kurzen, aber vor Wut brodelnden Blick zu. »Ihr könnt auf sie hören oder auf die Stimme Eurer Vernunft, Gendik, aber ich verlange jetzt eine Entscheidung. Ich verspreche Euch keine Wunder, alles wird für Euch bleiben wie es war. Ihr könnt uns als Partner sehen oder als das, was wir sind – Kaufleute, die ihren Geschäften nachgehen wollen und vielleicht sogar mit Euch Handel treiben. Denn auch Ihr habt Dinge, die wir nicht haben. Oder aber versucht, uns weiter zu bekämpfen, und opfert weiter Eure besten Männer und Frauen, indem Ihr Drachen gegen Laserkanonen rennen laßt.«
Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, wie es Kara zuvor getan hatte. »Aber ich verlange eine Entscheidung. Auf der Stelle.«
Gendik starrte aus aufgerissenen Augen und ohne zu blinzeln ins Leere. Dann drehte er langsam, wie ein uralter Mann den Kopf und sah Kara an, und sie las seine Antwort in seinen Augen, noch ehe er sie aussprach. »Es tut mir leid, Kara«, sagte er. »Ich bin einverstanden.«
47
Da sie von einer von Thorns Libellenmaschinen zum Drachenhort zurückgeflogen wurde, erreichte sie ihn kaum eine Stunde nach Donay und Cord und somit noch rechtzeitig, um die beiden daran zu hindern, ihren Befehl auszuführen und die Krieger nach Schelfheim zu bringen. Ihre Ankunft löste beinahe eine Panik aus, aber erst später wurde ihr klar, wie knapp sie und ihr Begleiter mit dem Leben davongekommen waren. Natürlich war ihre Annäherung nicht unbemerkt geblieben. Ein halbes Dutzend Drachen kam ihnen entgegen und eskortierte die Libelle die letzten fünf oder sechs Meilen, und im allerersten Moment sah das, was sie taten, nicht nur nach einem Angriff aus – es war ein Angriff. Das halbe Dutzend Tiere verteilte sich über und vor der Libelle. Der Mann neben ihr wurde sichtlich nervös. Er hatte die roten und grünen Signallichter seiner Maschine eingeschaltet, und Kara hatte ihm den Morsecode für das Wort ›Frieden‹ erklärt, den die Scheinwerfer den Drachen ununterbrochen entgegenblinkten. Kara hoffte, daß die Krieger das Wort verstanden. Wenn nicht... Nun, sie hatte mehr als einmal gesehen, daß das Feuer von fünf oder sechs Drachen den unsichtbaren Schild der Libellen zu überwinden imstande war. Plötzlich brachen die Drachen ihren Angriff ab und nahmen eine andere Formation ein. Kara atmete ebenso erleichtert auf wie der Pilot, aber auch sie konnte sich einer gewissen Nervosität noch immer nicht erwehren, als der Schwarm gigantischer Drachenvögel auf die winzige Maschine herunterstieß und sich rings um sie herum in der Luft verteilte. Sie hob die Hand und winkte den Reitern zu, aber sie wußte selbst, wie schwierig es war, hinter der spiegelnden Halbkugel mehr als Schemen zu erkennen. Die Drachen begleiteten sie drohend bis zum Hort. Der Anblick versetzte Kara einen tiefen, schmerzhaften Stich. Sie hatte die Festung auch gestern gesehen, als sie und die anderen nach Schelfheim aufbrachen, aber obwohl da noch Rauch in der Luft gewesen war, obwohl manche Feuer noch schwelten und sich aus den zusammengebrochenen Häusern und Türmen noch immer Staub kräuselte, wirkte der Anblick jetzt beinahe noch schlimmer. Die letzten Brände waren gelöscht, der Rauch hatte sich verzogen, und hier und da gewahrte sie aus der Höhe winzig erscheinende Gestalten, die bereits damit begonnen hatten, die Trümmer beiseite zu räumen. Doch Kara wußte, daß es sinnlos war. Ihr wurde unbarmherzig klar, daß sie diese Festung nie wieder würde aufbauen können. Thorns Angriff hatte sie in ihren Grundfesten erschüttert; die Festung war nicht mehr als ein Kartenhaus aus Stein, das der nächste heftige Windzug umwerfen würde.
Flankiert von den Drachen, die tief und drohend über dem Hof zu kreisen begannen, setzte die Libelle unweit des Haupthauses zur Landung an. Ein Dutzend Männer lief auf sie zu, die Köpfe gesenkt und die Gesichter aus dem peitschenden Wind der Rotorblätter gedreht, der sie mit Staub bewarf und ihre Kleider bauschte, aber mit gezückten Schwertern. Besorgt sah Kara auf. Die Drachen kreisten so tief und langsam über der Festung, und auch auf den Wehrgängen erschienen immer mehr und mehr Krieger. Sie löste ihren Sicherheitsgurt und stand auf, als sich die Kanzel zu öffnen begann, wandte sich aber noch einmal an den Piloten, ehe sie die Maschine verließ. »Starte noch nicht«, sagte sie.
Der Mann sah sie fragend an, und Kara fügte mit einer Geste auf die Drachen am Himmel hinzu: »Laß mich erst mit ihnen reden. Ehe sie etwas tun, das dir nicht gefallen würde.«
Mit einer raschen Bewegung schwang sie sich aus der Maschine, entfernte sich geduckt einige Schritte weit und richtete sich dann wieder auf. Der heulende Wind der Rotoren blies ihr das Haar ins Gesicht und riß ihr die Worte von den Lippen. Aber die Krieger registrierten ihre beruhigenden Gesten und blieben stehen.
Kara wies auf die Drachen. »Sie sollen sich zurückziehen!« schrie sie. »Der Pilot hat Freies Geleit!«
Sie bezweifelte, daß auch nur einer der Männer ihre Worte verstand. Das Heulen der Maschine hinter ihr wurde lauter, als der Pilot die Kanzel wieder schloß und seine Motoren schneller laufen ließ, um wieder abzuheben. Kara warf einen raschen Blick über die Schulter zu ihm zurück, dann entfernte sie sich noch einmal einige Schritte von der Libelle und signalisierte den Reitern über dem Hof ihren Befehl in der Zeichensprache. Sie mußten ihn verstehen, aber für Momente war sie nicht sicher, ob sie ihn auch befolgten. Die Drachen kreisten weiter über der Festung, und Kara konnte die Gereiztheit der Tiere beobachten. Vielleicht war dies der Moment, in dem ihre ohnehin nicht besonders gefestigte Autorität endgültig versagte, dachte sie. Aber plötzlich schoß der erste Drache mit einem gewaltigen Flügelschlag in die Höhe. Eines nach dem anderen glitten die Tiere davon und begannen, über dem Schlund zu kreisen.
Kara atmete erst auf, als sich die Libelle heulend und bebend wieder in die Luft erhob und den schimmernden Kopf nach Norden drehte. Kara sah ihr nach, bis sie zu einem silbernen Funkeln am Himmel geworden war.
Das erste, was sie gewahrte, als sie sich herumdrehte, war Hrohns breites Schildkrötengesicht, und so schwer es auch für gewöhnlich war, irgendeine Regung auf den Zügen des Waga zu erkennen, konnte sie jedoch eine unendlich tiefe Erleichterung ausmachen. Sie lächelte Hrhon flüchtig zu, strich sich mit der Linken das Haar aus dem Gesicht und machte mit der anderen Hand eine abwehrende Geste, als ein Dutzend Fragen gleichzeitig auf sie niederprasselten.
»Später!« sagte sie laut. »Ihr werdet alles erfahren – aber jetzt muß ich zuerst mit Aires sprechen.« Sie gab Hrhon ein Zeichen, ihr den Weg freizumachen.
Als sie die Treppe zum Haupthaus hinaufging, kam ihr Cord entgegen. Kara hatte erwartet, auch Donay in seiner Begleitung anzutreffen, aber statt dessen erkannte sie Elder. »Das... das war eine PACK-Maschine!« sagte er in einer Mischung aus Zorn und Fassungslosigkeit. »Wieso läßt du sie gehen? Wir hätten unersetzliche Informationen von dem Pi...«
»Weil ich ihm Freies Geleit zugesagt habe«, unterbrach ihn Kara grob. »Und hier bei uns ist es üblich, sein Wort zu halten.«
Sie ging an ihm und Cord vorbei und steuerte die Treppe im Hintergrund der ausgebrannten Halle an.