»Wir haben nichts vernichtet«, unterbrach sie Thorn. Der Ton seiner Stimme glich dem eines Lehrers, der mit einem nicht ganz einsichtigen, aber talentierten Schüler sprach. »Das, was du den Schlund nennst, war früher einmal Meer. Wir stellen nur den Urzustand der Dinge wieder her. Ich hatte gehofft, es nicht sagen zu müssen, aber... es war dein Volk, das diesen Planeten zerstört hat. Schau dich um. Du kennst deine Welt besser als ich. Du weißt, daß neunzig Prozent der Landmasse noch heute verstrahlte Wüsten sind, in denen nie wieder etwas leben wird. Sieh dir das Leben auf dieser Welt an. Du bist ein Mensch, Kara. Ebenso wie er...« Er deutete auf Gendik. »... und viele deiner Freunde. Aber die meisten sind...« Er suchte nach Worten. »Monster, Mutanten, halb Mensch, halb Tier. Krüppel. Bestien. Wir sind hier, um aus diesem Planeten wieder eine Welt zu machen, auf der Menschen leben können. Leben, ohne Angst haben zu müssen, daß ihre Kinder mit zwei Köpfen oder sechs Beinen geboren werden. Wenn es das ist, was du mir vorwerfen willst, dann hast du recht.«
»Aber ihr habt nicht das Recht dazu!« sagte Kara. »Es ist unsere Welt, und sie gefällt uns so, wie sie ist.«
»Recht?« Thorn lachte ganz leise. »Von welchem Recht sprichst du? Gut - es stimmt: Wir kommen von einer Welt, die weiter entfernt ist, als du dir vorstellen kannst. Aber wäre es ein Unterschied, kämen wir von einem anderen Kontinent? Würdest du dasselbe dem Herrscher eines Volkes vorwerfen, das aus einem der Länder im Norden kommt, täte es das gleiche wie wir? Beantworte mir diese Frage ganz ehrlich, Kara - und wenn schon nicht mir, dann dir selbst.«
Das Eis, auf dem sie sich bewegte, wurde dünner und bekam Sprünge. Ihre innere Stimme flüsterte ihr zu, daß sie am besten gar nichts mehr sagte. Sie wußte, daß er log, aber es fiel ihr immer schwerer, sich gegen das schleichende Gift seiner Worte zu wehren. Thorn gehörte zu den Menschen, die mit Worten so perfekt wie mit einer tödlichen Klinge umzugehen wußten.
Wenn sie noch eine Stunde mit ihm sprach, dann würde er sie davon überzeugt haben, daß alles, was er und seine Männer taten, nur zu ihrem Besten war.
Thorn wartete vergebens auf eine Antwort und drehte sich schließlich wieder zu Gendik herum. Er fuhr in einem beinahe bedauernden Tonfall fort. »Die Entscheidung liegt bei Euch, Gendik. Kara ist eine Kriegerin. Sie ist von Kindesbeinen an dazu erzogen worden, wie eine Kriegerin zu denken und zu handeln. Aber Ihr seid ein Mann, dem das Wohl seiner Untertanen über alles geht. Bedenkt, was ich gesagt habe. Und bedenkt, was wir Euch bieten: Weder Ihr noch Eure Kinder werdet es noch erleben, aber ich verspreche Euch, daß diese Welt ein Paradies werden wird.«
»Für sein Volk«, sagte Kara. »Sie werden kommen und sich ausbreiten. Sie... sie werden diese Welt in Besitz nehmen. Unsere Welt, Gendik.« Sie schlug erregt mit der flachen Hand auf den Tisch. »Warum, glaubt Ihr, Gendik, tut er das? Weil sie diese Welt haben wollen! Weil sie sie brauchen. Für sich! Für ihre Kinder und Enkel. Nicht für unsere Nachkommen.«
Thorn verdrehte die Augen. »Vielleicht geht es ja in deinen Kopf nicht hinein, Kara«, sagte er gereizt. »Aber weißt du, es ist auf unseren Welten durchaus möglich, daß verschiedene Völker friedlich nebeneinander leben, ohne sich bei jeder Gelegenheit die Kehlen durchzuschneiden.«
»Und wie lange?« fragte Gendik. »Bis ihnen der Raum, den Ihr für sie schafft, zu klein wird? Hundert Jahre? Zweihundert?«
»O nein«, antwortete Thorn. »Seht Ihr, wir sind seit beinahe hundert Jahren hier, ohne daß Ihr unsere Anwesenheit auch nur bemerkt hättet. Eine ganze Welt umzubauen ist eine große Aufgabe. Es wird vielleicht noch einmal tausend Jahre dauern, ehe die ersten Siedler hier eintreffen. Weder Euer Volk noch Eure Stadt sind in Gefahr. Im Gegenteil, wenn Ihr mit uns zusammenarbeitet, werden wir viel für Euch tun.«
»Ich nehme an, aus lauter Menschenfreundlichkeit«, sagte Kara mit ätzendem Spott.
»Unter anderem«, antwortete Thorn ungerührt. »Aber auch, weil es einfach der billigere Weg ist. Einen Krieg zu führen kostet Geld. Verbündete zu haben bringt im allgemeinen leichter Gewinn.«
»Ja«, flüsterte Kara. »Und irgendwann einmal haben wir dann unseren Dienst getan, nicht wahr? Und selbst wenn du die Wahrheit sagst, was geschieht dann? Eure Siedler werden kommen und aus dieser Welt einen Platz nach ihrem Geschmack machen. Wir sind wenige. Wir herrschen nur auf einem winzigen Teil dieser Welt. Glaubst du wirklich, sie werden ihn uns lassen?«
»Wir können einen Vertrag schließen«, schlug Thorn vor.
»Damit wir in einem Reservat leben wie Tiere in einem Gehege!« Kara schüttelte wütend den Kopf. »Nein, Thorn. Diese Welt mag groß sein, groß genug für uns und hundert andere Völker, aber nicht groß genug für dein und mein Volk.«
Thorn sah sehr ernst an. »Du weißt, was du damit gesagt hast?« fragte er.
»Daß wir kämpfen werden!« erwiderte Kara wütend. »Vernichtet uns, Thorn, wenn ihr es könnt. Aber tut es gründlich, denn wenn nur einer von uns übrigbleibt, wird er euch alle töten.«
Thorn blickte sie weiter auf diese durchdringende Art und Weise an - und plötzlich begann er schallend und laut zu lachen. »O mein Kind«, sagte er. »Wenn ich nicht wüßte, daß es so etwas auf dieser Welt gar nicht gibt, dann würde ich behaupten, du hättest zu viele schlechte Filme gesehen.« Er wurde übergangslos wieder ernst. »Was glaubst du, warum du hier bist?« schnappte er. »Weil ich euch nicht vernichten will. Ich weiß nicht, was dieser Narr Elder dir über uns erzählt hat, aber wir sind weder Diebe noch Massenmörder.«
»Und wie bezeichnest du das, was in Schelfheim geschieht?« fragte Kara.
Thorn schwieg. Geschlagene zehn Sekunden lang blickte er Kara an, dann streckte er wieder die Hand nach dem Tisch aus und berührte die Platte. Aber anstelle des Bildes der brennenden Stadt erschien das überlebensgroße Abbild eines Mannes in blauer Uniform. »Starten Sie Ihre Einheiten, Commander«, sagte Thorn, wobei er sich wieder Karas Sprache bediente, damit sie und Gendik seinen Befehl verstanden. »Sie gehen wie besprochen vor. Achten Sie darauf, daß die Verluste unter der Zivilbevölkerung so gering wie möglich sind.«
Das Bild erlosch, noch bevor der Mann darauf antworten konnte, und Thorn wandte sich an Gendik. »In einer halben Stunde ist der Spuk vorbei. Darauf habt Ihr mein Wort, Gendik. Und jetzt verlange ich eine Entscheidung von Euch.« Er atmete tief und hörbar ein und warf Kara einen ganz kurzen, aber vor Wut brodelnden Blick zu. »Ihr könnt auf sie hören oder auf die Stimme Eurer Vernunft, Gendik, aber ich verlange jetzt eine Entscheidung. Ich verspreche Euch keine Wunder, alles wird für Euch bleiben wie es war. Ihr könnt uns als Partner sehen oder als das, was wir sind - Kaufleute, die ihren Geschäften nachgehen wollen und vielleicht sogar mit Euch Handel treiben. Denn auch Ihr habt Dinge, die wir nicht haben. Oder aber versucht, uns weiter zu bekämpfen, und opfert weiter Eure besten Männer und Frauen, indem Ihr Drachen gegen Laserkanonen rennen laßt.«
Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, wie es Kara zuvor getan hatte. »Aber ich verlange eine Entscheidung. Auf der Stelle.«
Gendik starrte aus aufgerissenen Augen und ohne zu blinzeln ins Leere. Dann drehte er langsam, wie ein uralter Mann den Kopf und sah Kara an, und sie las seine Antwort in seinen Augen, noch ehe er sie aussprach. »Es tut mir leid, Kara«, sagte er. »Ich bin einverstanden.«
47
Da sie von einer von Thorns Libellenmaschinen zum Drachenhort zurückgeflogen wurde, erreichte sie ihn kaum eine Stunde nach Donay und Cord und somit noch rechtzeitig, um die beiden daran zu hindern, ihren Befehl auszuführen und die Krieger nach Schelfheim zu bringen. Ihre Ankunft löste beinahe eine Panik aus, aber erst später wurde ihr klar, wie knapp sie und ihr Begleiter mit dem Leben davongekommen waren. Natürlich war ihre Annäherung nicht unbemerkt geblieben. Ein halbes Dutzend Drachen kam ihnen entgegen und eskortierte die Libelle die letzten fünf oder sechs Meilen, und im allerersten Moment sah das, was sie taten, nicht nur nach einem Angriff aus - es war ein Angriff. Das halbe Dutzend Tiere verteilte sich über und vor der Libelle. Der Mann neben ihr wurde sichtlich nervös. Er hatte die roten und grünen Signallichter seiner Maschine eingeschaltet, und Kara hatte ihm den Morsecode für das Wort ›Frieden‹ erklärt, den die Scheinwerfer den Drachen ununterbrochen entgegenblinkten. Kara hoffte, daß die Krieger das Wort verstanden. Wenn nicht... Nun, sie hatte mehr als einmal gesehen, daß das Feuer von fünf oder sechs Drachen den unsichtbaren Schild der Libellen zu überwinden imstande war.