Plötzlich brachen die Drachen ihren Angriff ab und nahmen eine andere Formation ein. Kara atmete ebenso erleichtert auf wie der Pilot, aber auch sie konnte sich einer gewissen Nervosität noch immer nicht erwehren, als der Schwarm gigantischer Drachenvögel auf die winzige Maschine herunterstieß und sich rings um sie herum in der Luft verteilte. Sie hob die Hand und winkte den Reitern zu, aber sie wußte selbst, wie schwierig es war, hinter der spiegelnden Halbkugel mehr als Schemen zu erkennen.
Die Drachen begleiteten sie drohend bis zum Hort. Der Anblick versetzte Kara einen tiefen, schmerzhaften Stich. Sie hatte die Festung auch gestern gesehen, als sie und die anderen nach Schelfheim aufbrachen, aber obwohl da noch Rauch in der Luft gewesen war, obwohl manche Feuer noch schwelten und sich aus den zusammengebrochenen Häusern und Türmen noch immer Staub kräuselte, wirkte der Anblick jetzt beinahe noch schlimmer. Die letzten Brände waren gelöscht, der Rauch hatte sich verzogen, und hier und da gewahrte sie aus der Höhe winzig erscheinende Gestalten, die bereits damit begonnen hatten, die Trümmer beiseite zu räumen. Doch Kara wußte, daß es sinnlos war. Ihr wurde unbarmherzig klar, daß sie diese Festung nie wieder würde aufbauen können. Thorns Angriff hatte sie in ihren Grundfesten erschüttert; die Festung war nicht mehr als ein Kartenhaus aus Stein, das der nächste heftige Windzug umwerfen würde.
Flankiert von den Drachen, die tief und drohend über dem Hof zu kreisen begannen, setzte die Libelle unweit des Haupthauses zur Landung an. Ein Dutzend Männer lief auf sie zu, die Köpfe gesenkt und die Gesichter aus dem peitschenden Wind der Rotorblätter gedreht, der sie mit Staub bewarf und ihre Kleider bauschte, aber mit gezückten Schwertern. Besorgt sah Kara auf. Die Drachen kreisten so tief und langsam über der Festung, und auch auf den Wehrgängen erschienen immer mehr und mehr Krieger. Sie löste ihren Sicherheitsgurt und stand auf, als sich die Kanzel zu öffnen begann, wandte sich aber noch einmal an den Piloten, ehe sie die Maschine verließ. »Starte noch nicht«, sagte sie.
Der Mann sah sie fragend an, und Kara fügte mit einer Geste auf die Drachen am Himmel hinzu: »Laß mich erst mit ihnen reden. Ehe sie etwas tun, das dir nicht gefallen würde.«
Mit einer raschen Bewegung schwang sie sich aus der Maschine, entfernte sich geduckt einige Schritte weit und richtete sich dann wieder auf. Der heulende Wind der Rotoren blies ihr das Haar ins Gesicht und riß ihr die Worte von den Lippen.
Aber die Krieger registrierten ihre beruhigenden Gesten und blieben stehen.
Kara wies auf die Drachen. »Sie sollen sich zurückziehen!« schrie sie. »Der Pilot hat Freies Geleit!«
Sie bezweifelte, daß auch nur einer der Männer ihre Worte verstand. Das Heulen der Maschine hinter ihr wurde lauter, als der Pilot die Kanzel wieder schloß und seine Motoren schneller laufen ließ, um wieder abzuheben. Kara warf einen raschen Blick über die Schulter zu ihm zurück, dann entfernte sie sich noch einmal einige Schritte von der Libelle und signalisierte den Reitern über dem Hof ihren Befehl in der Zeichensprache.
Sie mußten ihn verstehen, aber für Momente war sie nicht sicher, ob sie ihn auch befolgten. Die Drachen kreisten weiter über der Festung, und Kara konnte die Gereiztheit der Tiere beobachten. Vielleicht war dies der Moment, in dem ihre ohnehin nicht besonders gefestigte Autorität endgültig versagte, dachte sie. Aber plötzlich schoß der erste Drache mit einem gewaltigen Flügelschlag in die Höhe. Eines nach dem anderen glitten die Tiere davon und begannen, über dem Schlund zu kreisen.
Kara atmete erst auf, als sich die Libelle heulend und bebend wieder in die Luft erhob und den schimmernden Kopf nach Norden drehte. Kara sah ihr nach, bis sie zu einem silbernen Funkeln am Himmel geworden war.
Das erste, was sie gewahrte, als sie sich herumdrehte, war Hrohns breites Schildkrötengesicht, und so schwer es auch für gewöhnlich war, irgendeine Regung auf den Zügen des Waga zu erkennen, konnte sie jedoch eine unendlich tiefe Erleichterung ausmachen. Sie lächelte Hrhon flüchtig zu, strich sich mit der Linken das Haar aus dem Gesicht und machte mit der anderen Hand eine abwehrende Geste, als ein Dutzend Fragen gleichzeitig auf sie niederprasselten.
»Später!« sagte sie laut. »Ihr werdet alles erfahren - aber jetzt muß ich zuerst mit Aires sprechen.« Sie gab Hrhon ein Zeichen, ihr den Weg freizumachen.
Als sie die Treppe zum Haupthaus hinaufging, kam ihr Cord entgegen. Kara hatte erwartet, auch Donay in seiner Begleitung anzutreffen, aber statt dessen erkannte sie Elder. »Das... das war eine PACK-Maschine!« sagte er in einer Mischung aus Zorn und Fassungslosigkeit. »Wieso läßt du sie gehen? Wir hätten unersetzliche Informationen von dem Pi...«
»Weil ich ihm Freies Geleit zugesagt habe«, unterbrach ihn Kara grob. »Und hier bei uns ist es üblich, sein Wort zu halten.« Sie ging an ihm und Cord vorbei und steuerte die Treppe im Hintergrund der ausgebrannten Halle an. »Wieso bist du überhaupt hier? Ich hatte angenommen, daß du dich in einem tiefen Loch versteckst und wartest, bis sie wieder fort sind.«
Elder versuchte, sie mit Blicken aufzuspießen, aber Kara schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln und bedeutete ihm, vorauszugehen. Elder zögerte, humpelte dann aber hastig los, als Hrhon Anstalten machte, Karas Befehl handgreiflich Nachdruck zu verleihen.
»Wo ist Donay?« fragte sie, während sie alle vier die Treppe hinaufgingen.
Cord wollte antworten, aber Elder kam ihm zuvor. »In seinem Labor. Er war ganz aus dem Häuschen und konnte gar nicht schnell genug damit anfangen, den Müll zu untersuchen, den ihr gefunden habt.« Er bedachte Kara mit einem langen, vorwurfsvollen Blick. »Du hast mich belogen, Kara. Dieser Hund hat sich nicht losgerissen. Es war auch kein Bluthund.«
Sie sah Cord an. »Du hast es ihm gesagt?«
»Das war nicht nötig«, grollte Elder. »Ich bin nicht so dämlich wie er.« Er machte eine Kopfbewegung auf Cord. »Ich kann durchaus zwei und zwei zusammenzählen. Dieser Hund hat meine Spur aufgenommen. Aber mußte er mich dazu ins Bein beißen?«
»Sie brauchen Blut, um ältere Spuren zu finden«, sagte Kara ruhig. »Hätte ich gewußt, was wir finden, Elder, dann hätte ich dafür gesorgt, daß er ein Stück höher zubeißt.«
»Du hättest mich fragen können«, sagte Elder.
»Ja. Und ich wette, du hättest auch geantwortet«, sagte sie. »Ich bin nur nicht sicher, was.« Sie blieb stehen, wandte sich ganz zu ihm um und sah ihn durchdringend an. »Hast du Liss und die beiden anderen getötet? Sag die Wahrheit, Elder. Es spielt sowieso keine Rolle mehr.«
»Warum fragst du dann?«
»Weil ich es wissen will«, antwortete Kara. »Ich will einfach wissen, ob ich mit dem Mörder meiner Freunde geschlafen habe oder nicht.«
»Nein«, sagte Elder ernst. »Ich habe sie nicht getötet. Aber ich habe gesehen, wie sie es getan haben. Ich konnte es nicht verhindern.«
»Warum?« fragte Kara leise.