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»Ihr meint, keiner hat Euch etwas gesagt«, korrigierte ihn Angella ruhig.

»Warum sollten sie auch?« fügte Jan hinzu.

»Wie meint Ihr das?« fragte Elder scharf.

Jan machte eine verzeihungsheischende Handbewegung.

»Ohne Euch zu nahe treten zu wollen, Elder – aber Ihr seid nur ein einfacher Soldat. Und seit wann teilt man einfachen Soldaten irgend etwas von Wichtigkeit mit?«

»Es kann gut sein, daß es nicht überall so schlimm ist«, sagte Angella hastig, wobei sie Jan einen mahnenden Blick zuwarf. »Um so wichtiger ist es, daß wir wieder nach unten kommen, um uns die Schäden unter der Erde anzusehen. Wir müssen die verschütteten Gänge möglichst schnell räumen. Deshalb brauchen wir die Gräber, nicht nur, um nach Angellas Männern zu suchen.«

Elder bewegte sich unbehaglich auf der Stelle. Sein Blick glitt über den gewaltigen Stamm, tastete dann über die Bohlen, die den Boden des Raumes bildeten, und kehrte nach einem letzten Schwenk über Iratas Gesicht zu Angella zurück. »Ich kann nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen, nur weil dieser Schwachsinnige behauptet, es bestünde vielleicht Gefahr. Was, wenn er nicht die Wahrheit sagt?«

»Habt Ihr jemals gehört, daß sich ein Erinnerer getäuscht hätte, Elder? Oder gar gelogen?«

Damit war die Sache entschieden. Elder mochte sich für besonders gelassen und hart halten, aber er war im Grunde ebenso leicht zu durchschauen wie alle anderen Menschen. Kara las die Antwort in seinen Augen, ehe er sie aussprach. »Ich werde... die Angelegenheit meinen Vorgesetzten vortragen. Ich verspreche Euch nichts, aber ich tue, was ich kann.«

Er maß den Stamm mit einem letzten, durchdringenden Blick und fügte leise hinzu: »Und wenn Ihr die Wahrheit gesagt habt, dann werde ich vielleicht noch ein wenig mehr tun.«

Er verabschiedete sich mit einem knappen Nicken und ging. Stille trat ein und legte sich wie eine große Luftblase über sie. Dann räusperte sich Kara und wandte sich an Donay: »Ist das wahr, was der Erinnerer behauptet?«

»Sie können nicht lügen«, antwortete Donay.

»Die Antworten, die man erhält, sind manchmal von den Fragen abhängig, nicht wahr? Ich meine – sind wir deswegen hier? Weil der Hochweg in Gefahr ist?« So erschreckend dieser Gedanke an sich war, es erschien Kara mehr als nur unwahrscheinlich, daß dies der Grund ihrer Anwesenheit war. Die gigantische, lebende Brückenkonstruktion war vielleicht eines der größten Wunder dieser Welt, im Grunde aber nichts, was Angella und ihre Drachenkriegerinnen etwas anging. Außerdem – wer rief schon einen Soldaten, wenn er einen Gärtner brauchte?

»Es war ein Vorwand«, gestand Angella. »Wenn auch vielleicht einer, der sich im nachhinein betrachtet als die Wahrheit herausstellen könnte. Aber es ist nicht der einzige Grund.«

»Und was ist der wirkliche Grund?« fragte Kara.

Angella sah sie einen Moment durchdringend an und tauschte dann einen raschen Blick mit Jan. Jan nickte. »Gut«, sagte Angella. »Ich werde dir alles erklären. Ich hätte es ohnehin schon längst tun sollen. Begleite uns nach unten. Der Weg ist lang genug, daß wir Zeit zum Reden haben.«

8

Kara war bereits aufgefallen, daß der Boden des Pfeilerhauses nicht aus festem Erdreich bestand, sondern aus eisenharten Bohlen, die so präzise verlegt waren, daß man nicht einmal eine Messerklinge dazwischenschieben konnte. Angella führte sie zu einer Klappe im Boden, und als sie hindurchstiegen, erkannte Kara, daß das Haus gar kein Haus war: im grünen Licht tat sich unter ihnen ein Schacht auf, aus dem das emporwuchs, was Donay so beschönigend als Trieb bezeichnet hatte.

Über eine kurze, bedrohlich schwankende Leiter, die an der hölzernen Decke über ihnen befestigt war, erreichten sie einen gemauerten Sims, der sich an der Innenwand des Schachtes entlangzog. Dieser Schacht war nichts anderes als der untere Teil des Pfeiler-Hauses, das in Wahrheit nichts anderes als ein riesiger, vollkommen leerer Turm war, eine steinerne Hülse für den Stamm, der den allergrößten Teil seines Inneren ausfüllte. Als Kara sich behutsam vorbeugte, erblickte sie eine gemauerte Treppe, die sich wie ein versteinerter Riesentribolit an der Wand entlang in die Tiefe schraubte. Kein Geländer bot Halt. Zwischen Kara und dem Stamm verlief ein recht breiter Spalt, dessen bloßer Anblick sie schwindeln ließ. Wie tief der Schacht war, vermochte sie nicht zu sagen. Auf dem Sims glommen Hunderte von Leuchtstäben, weiter unten hatte man einfach Kulturen blaßblau leuchtender Bakterien an den Wänden emporwuchern lassen. Ihr Licht war hell, aber unscharf. Es war, als blicke sie in einen endlos tiefen Schacht voll leuchtendem Wasser.

»Genug gestaunt?« fragte Angella nach einigen Sekunden. Kara richtete sich zögernd wieder auf. Aus der Tiefe drang ein leicht moderiger, warmer Lufthauch zu ihnen empor. »Wie tief... ist dieser Schacht?« fragte sie zögernd.

»Eine Meile, anderthalb...« Angella zuckte mit den Schultern. »Niemand weiß das so genau. Weiter unten ist der Schacht eingestürzt, aber ich denke, er reicht bis auf den Grund der Stadt hinab. Der Trieb selbst reicht, wie Donay vermutet, anderthalb Meilen bis in den Schlund hinunter.«

Kara blickte abermals in den blauleuchtenden Abgrund hinab. Anderthalb Meilen über diese Treppe hinunter? Der bloße Gedanke ließ es ihr kalt über den Rücken laufen.

»Anderthalb Meilen?« fragte sie zögernd.

»Nicht einmal eine halbe«, sagte Jan, der hinter ihr und Angella die Leiter hinabgestiegen war. »Wie gesagt, der Schacht ist weiter unten eingestürzt. Aber wir werden nicht laufen müssen.« Er legte den Kopf in den Nacken, bildete mit den Händen einen Trichter vor dem Mund und schrie in die Tiefe hinab:

»Wir brauchen Transporter! Drei Stück!«

Während sie auf die Ankunft der Transporter warteten, zog Jan drei Rufer aus der Rocktasche und befestigte sie auf Angellas, Karas und seiner eigenen Schulter. »Besser ist besser«, sagte er. »Nach dem, was passiert ist, ist es mir einfach lieber, wenn man weiß, wo wir sind.«

Kara versuchte, sich den Schmerz nicht anmerken zu lassen, als sich der Stahl des Rufers durch ihre Haut bohrte. Angella hatte weniger Ambitionen, die Heldin zu spielen. Sie fluchte ungehemmt.

»Also?« fragte Kara.

Angella rieb sich über den Hals und betrachtete mißmutig einen winzigen Blutstropfen, der auf ihrem Zeigefinger glitzerte. »Also was?«

»Du wolltest mir etwas erklären«, sagte Kara. »Den Grund, weswegen wir hier sind.«

»Das ist nicht so einfach zu erklären«, antwortete Angella ausweichend und zerrieb den Blutstropfen zwischen Daumen und Zeigefinger. »Es ist eigentlich nichts Konkretes, weißt du? Es ist...«

»Schelfheim geht vor die Hunde«, fiel ihr Jan ins Wort. Seine Stimme klang bitter, aber auch sehr zornig. »Du hast diese Stadt doch gesehen, oder? Sie ist nicht mehr das, was sie einmal war.«

»Wie war sie denn?« fragte Kara.

»Sie war...« Jan brach ab, starrte einen Moment zornig ins Leere und faßte sich dann. »Angella hat recht, fürchte ich«, seufzte er. »Es ist nicht so einfach zu erklären. Es ist nichts Konkretes, weißt du? Mit Ausnahme von dem da...« Er deutete auf den Stamm. »Schelfheim war schon immer ein Hexenkessel. Ein einziges großes Irrenhaus, das dich schneller umbringen kann, als du in der Lage bist, deinen Namen zu buchstabieren. Aber es ist nicht mehr, was es war. Es ist... schlimmer geworden. Dinge tun sich. Schlimme Dinge.«

»Wie zum Beispiel, daß die Hälfte der Stadt nur noch für Menschen reserviert ist«, sagte Kara.

»Ja«, bestätigte Jan. »Ich sehe, du beginnst zu verstehen. Es ist schwer zu erklären. Da ist nichts, worauf man den Finger legen und sagen könnte: Sieh her! Aber diese Stadt verändert sich auf eine schlimme Art, Kara. Schau dir...« Er suchte nach Worten. »Schau dir Elder an! Ich weiß, daß du ihn nicht magst, aber er ist ein ehrlicher Mann. Vielleicht kein großer Geist, wie die meisten Soldaten, aber ein aufrechter Mann, der seine Pflicht tut. Früher waren es Männer wie er, die Schelfheim regierten. Oder es wenigstens versucht haben, denn man kann eine solche Stadt nicht wirklich regieren. Du kannst nur versuchen, das Chaos nicht zu sehr überhandnehmen zu lassen.«