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»Das nicht mehr uns gehören würde«, sagte Kara erregt.

»Ziehst du eine Hölle, die dir gehört, einem Paradies vor, in dem man dich nur leben läßt?«

»Wenn ich nicht weiß, wie lange man mich darin leben läßt, ja!« antwortete Kara. Sie machte eine zornige Handbewegung. »Was ist los mit dir, Aires? Seit wann gehörst du zu denen, die aufgeben? Mein Gott, vor einer Woche wußtest du noch nicht einmal, was dieses Wort bedeutet«

»Vor einer Woche wußte ich so manches noch nicht«, flüsterte Aires. Sie seufzte schwer. »Ich bin müde. Bitte, laßt mich jetzt allein. Wir werden später weiterreden.«

Kara blickte sie fassungslos über den Tisch hinweg an. Ihre Gedanken drehten sich wild im Kreis, aber sie vermochte nicht zu erahnen, was plötzlich in Aires gefahren war. Was war während ihrer Abwesenheit hier geschehen?

Gendik und Elder standen auf und gingen, und nach einigen Augenblicken erhob sich auch Kara. Aber sie begleitete die beiden nur bis zur Tür, dann blieb sie wieder stehen und drehte sich zu Aires zurück. Die alte Magierin saß niedergeschlagen da; ihre Finger zogen noch immer die Holzmaserung der Tischplatte nach, ohne daß sie die Bewegung selbst zu registrieren schien.

»Geht schon mal vor«, sagte sie leise. »Ich komme nach, sobald ich kann. Ich muß herausfinden, was mit ihr los ist.«

Sie wartete, bis Cord die Tür hinter sich zugezogen hatte, dann ging sie zum Tisch zurück. »Also?« fragte sie. »Was ist los! Wir sind allein. Du kannst ganz offen reden. Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?«

Eine oder zwei Sekunden lang saß Aires noch reglos da, aber dann hob sie den Kopf, und als Kara in ihr Gesicht blickte, war darin keine Spur mehr von Resignation oder Niedergeschlagenheit, aber dafür ein solcher Zorn, daß Kara erschrak.

»War ich so schlecht?« fragte sie. »Ich hielt mich für eine ganz passable Schauspielerin.«

Jetzt verstand Kara überhaupt nichts mehr. »W... wie?« stotterte sie, »Du... du meinst, du hast uns das alles nur... nur vorgespielt?«

»Nicht dir«, antwortete Aires. Sie stand auf. Auch ihren Bewegungen war keine Müdigkeit oder Erschöpfung anzumerken. Mit raschen Schritten ging sie zur Tür, öffnete sie und warf einen Blick auf den Gang hinaus, ehe sie sie wieder ins Schloß drückte. »Elder.«

»Elder? Aber -«

Aires klatschte in die Hände, und die zweite Tür am anderen Ende des Zimmers öffnete sich, und Donay trat heraus.

»Donay!« sagte Kara überrascht. »Was tust du denn hier? Wieso hast du dich versteckt, und...« Sie brach verwirrt ab, tauschte einen Blick mit Aires. »Elder?« murmelte Kara verwirrt. »Was ist mit ihm? Was hat er getan?«

»Getan?« Donay zuckte mit den Schultern. »Nichts. Ich habe die Koffer geöffnet, die wir gefunden haben. Der Inhalt war eine ziemliche Enttäuschung. Der eine enthielt nur eine Handvoll Staub und Rost, und in dem anderen war nur Plunder. Die schmutzigen Sachen, von denen du gesprochen hast. Nichts, was von irgendeinem Wert gewesen wäre - bis auf eines.« Er griff unter seine Jacke und zog einen kaum fingernagelgroßen Gegenstand hervor, den er Kara reichte.

Neugierig drehte sie ihn in den Fingern. Es schien sich um eine Art Brosche oder Anstecknadel zu handeln, die die Form eines fünfzackigen, weißen Sternes hatte, in dessen Zentrum sich zwei ineinandergeschlungene »C«s von blutroter Farbe befanden. Kara betrachtete sie nachdenklich, fuhr mit den Fingerspitzen über die glatte Oberfläche und drückte die kleine Feder des Nadelmechanismus hinunter. Sie bewegte sich fast ohne Widerstand. Es war schwer vorstellbar, daß diese Brosche seit Jahrtausenden in einem Koffer gelegen haben sollte. »War das in dem Koffer?« fragte sie zweifelnd.

»Nein«, antwortete Donay. »Aber das hier war an eine verrottete Jacke geheftet, die zu Staub zerfiel, als ich sie herausnehmen wollte.« Er reichte Kara eine zweite Brosche, die der ersten vermutlich einmal bis aufs Haar geglichen hatte. Jetzt war die Emaillierung zum größten Teil abgeplatzt, der Rest gesprungen und zu einem schmuddeligen Grau verblaßt. Ihre Feder bewegte sich nicht mehr, sondern zerbrach, als Kara versehentlich zu fest darauf drückte. »Das da«, fuhr Donay mit einer Geste auf die erste, neuere Brosche in ihrer linken Hand fort, »war an der Jacke deines Freundes Elder, als du ihn hergebracht hast.«

48

Während der nächsten fünf Tage geschah weiter nichts, als daß sich Karas Mißtrauen Elder gegenüber in einem Maße steigerte, das es ihr beinahe körperlich schwermachte, seine Nähe zu ertragen. Aires hielt die Maskerade Elder gegenüber mit bewundernswerter Geduld aufrecht. Unter den Drachenreitern begann sich allmählich ein gewisser Unmut auszubreiten, denn die Nachricht, daß die Magierin mit dem Gedanken spielte, den Kampf aufzugeben und die ganze Welt an die Invasoren von den Sternen zu verschenken, sprach sich in Windeseile herum.

Donay verkroch sich die ganze Zeit über in seinem Labor und kam nur heraus, um zu essen, weil Kara eigens einen Mann abstellte, der darauf zu achten hatte, daß er regelmäßige Mahlzeiten zu sich nahm. Trotzdem sah er mit jedem Tag, der verging, immer blasser aus, so daß Kara kurz vor Sonnenuntergang des fünften Tages zu ihm ging, um ihm ins Gewissen zu reden. Donay war auf seinem Gebiet sicher so etwas wie ein Genie - aber was nutzte ihnen ein krankes oder gar totes Genie?

Sie mußte dreimal klopfen, ehe der Riegel zurückgeschoben wurde und Donay durch einen schmalen Spalt zwischen Tür und Rahmen hinausspähte. Sie wußte, daß er sein Refugium eifersüchtig bewachte und niemanden hineinließ, der nicht irgend etwas brachte oder abholte. Sie wäre nicht einmal erstaunt gewesen, hätte er auch ihr den Eintritt verwehrt; allerdings hatte sie Hrhon den Befehl gegeben, die Tür nötigenfalls einzuschlagen, sollte Donay nicht nach der dritten Aufforderung von sich aus aufmachen.

Doch Donay zeigte sich sogar äußerst erfreut, sie zu sehen, und stolperte fast über seine eigenen Füße, weil er es so eilig hatte, zurückzutreten und ihr die Tür aufzuhalten. Sie gab Hrhon ein Zeichen, draußen zu warten, trat an Donay vorbei und sah sich in dem grauen Zwielicht hier drinnen um.

Der Anblick von Donays ›Labor‹ erfüllte sie mit einer Mischung aus Heiterkeit und Verwirrung. Sie war zum ersten Mal hier, und sie hatte irgend etwas Außergewöhnliches erwartet, etwas, das den hehren Geist der Wissenschaft widerspiegelte: verwirrende Versuchsanordnungen, komplizierte Gerätschaften und gläserne Kolben und Rohre, in denen geheimnisvolle Flüssigkeiten und Dämpfe zirkulierten.

Was sie wirklich erblickte, war ein einziges Durcheinander.

Auf Tischen, Bänken, Stühlen und sogar auf dem Boden stapelten sich alle möglichen und unmöglichen Dinge - Kisten, Kartons, Päckchen, Beutel, Gläser, Töpfe, Tiegel, Bücher, Pergamente, Flaschen. Es gab nur einen einzigen Flecken in diesem Raum, an dem wenigstens der Anschein von Ordnung herrschte: ein Regal neben dem Fenster, in dem in gläsernen Behältern die Tier- und Pflanzenproben aufbewahrt wurden, die die Krieger Donay noch immer aus dem Schlund brachten, allesamt mit kleinen, weißen Zetteln versehen, auf denen in Donays kleiner Handschrift ihre genaue Art, Fundort und Herkunft notiert waren. Kara hoffte, daß sich wenigstens dieses Unternehmen lohnte, denn Donay trieb die Drachenreiter mit seiner unersättlichen Gier nach allen nur denkbaren Monstern aus dem Schlund allmählich in den Wahnsinn.

»Kara!« begrüßte sie Donay aufgeräumt. »Wie schön, daß du mich besuchst. Ich dachte schon, du kämst überhaupt niemals hierher.«

Kara war nicht sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, herzukommen. Sie drehte sich hilflos einmal im Kreis und sah dann Donay an. Sein Gesicht war blaß; tiefe, im matten Licht fast schwarz aussehende Ringe lagen unter seinen Augen.