»Hast du etwas... herausgefunden?« fragte sie unsicher.
»Eine Menge«, antwortete Donay. »Aber nicht sehr viel davon hilft uns weiter, fürchte ich.« Er seufzte, ging zu dem Regal mit seinen Proben und winkte Kara heftig, ihm zu folgen.
Sie folgte ihm mit einem spürbaren Zögern. Sie hatte sich Donays ›Schätze‹ schon aus sicherer Entfernung betrachtet, aber das allermeiste davon erweckte weniger ihr Interesse als viel mehr ihren Ekel. Einiges in diesen Gläsern bewegte sich.
Donay deutete auf ein schlankes, mit einem metallenen Deckel verschlossenes Gefäß, das etwas enthielt, das man auf den ersten Blick für weiße Spinnengewebe hätte halten können, auch weil sich eine faustgroße Spinne in dem Glas befand.
Aber wenn man genau hinsah, erkannte man, daß sie dieses Netz nicht gesponnen hatte, sondern von Donay eingewoben worden war. Das so harmlos aussehende, seidige Gewebe hatte die obersten Hautschichten ihres Körpers bereits halb aufgelöst.
Kara verspürte ein heftiges Ekeln. Plötzlich hatte sie einen bitteren Kloß im Hals. Sie versuchte, ihn herunterzuschlucken und bedauerte das fast sofort wieder, denn sie hatte den Eindruck, daß er acht Beine und einen pelzigen, runden Körper hatte.
Donay bemerkte ihr Zögern. »Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte er. »Das ist das Geschöpf, das euch im Schlund beinahe getötet hätte. Aber das hier ist nur eine kleine Probe. Nicht genug, um gefährlich zu sein. Aber trotzdem... hier, fühl selbst.«
Er legte die flache Hand auf das Glas und bedeutete Kara, es ihm nachzumachen. Kara kostete es eine ungeheure Überwindung, die Hand dicht über dem halb verdauten Kadaver der Spinne auf das Glas zu legen.
»Fühlst du es?« fragte Donay.
Kara riß sich zusammen und lauschte ihm zuliebe in sich hinein - und nach einer Weile... spürte sie wirklich etwas. Ein Gefühl von Ruhe und Entspannung überkam sie, wie sie es schon lange nicht mehr empfunden hatte, und...
Beinahe erschrocken zog sie die Hand wieder zurück.
»Aha«, sagte Donay zufrieden. »Du fühlst es auch. Würdest du einen Rufer tragen, wäre das Gefühl noch viel stärker.«
»Ich weiß«, sagte Kara. Fast ohne ihr Zutun wich sie einen Schritt von Donays Regal zurück. Die bloße Nähe dieses... Dings machte sie nervös. »Ich wußte es sogar früher als du. Dieses kleine Monster hätte mich um ein Haar gefrühstückt.«
»Aber ich habe herausgefunden, wie sie es macht«, sagte Donay selbstzufrieden.
»So?« Kara versuchte vergebens, mehr als ein gelindes Interesse aufzubringen. Der Schlund war voll von Monstern und Ungeheuern, die hundertmal tödlicher waren als dieses lebende Gespinst. »Und was ist daran so wichtig?«
»Vielleicht nichts«, sagte Donay, »aber vielleicht auch alles. Dieses Ding verändert die Gedanken seiner Opfer wie eine bewußtseinsverändernde Droge. Verstehst du?«
»Ja«, sagte Kara und schüttelte den Kopf.
Donay lächelte. »Laß es mich anders ausdrücken: Es ist eine Art Raubtier, aber es greift nicht die Körper seiner Opfer an, sondern ihre Gedanken.«
Kara blickte ihn an - und ganz allmählich begann sie zu begreifen. »Du meinst...«
»Ich meine«, sagte Donay, »daß ich mir seit Tagen vergeblich den Kopf darüber zerbreche, wie ich einen Gegner bekämpfen soll, der im Grunde nur aus einem Gehirn besteht. Die Antwort ist ganz einfach: Indem ich genau dieses Gehirn angreife. Und ich glaube, ich bin dazu in der Lage.«
Kara deutete auf das Glas. »Damit?«
»Nicht direkt«, gestand Donay. »Aber ich denke, ich kann es verändern.«
»Wie?« fragte Kara. Plötzlich war sie doch sehr interessiert.
»Ich bin mir noch nicht sicher«, antwortete Donay ausweichend. »Ich tue so etwas nicht gern...«
»Was?« fragte Kara. »Lebewesen verändern? Dinge erschaffen?«
»Etwas erschaffen, das tötet«, antwortete Donay mit großem Ernst. »Ich konstruiere Lebewesen, die... die helfen sollen. Die Dinge tun, Kara. Die helfen, erschaffen. Nichts, was zerstört.«
»Ich verstehe, was du meinst«, sagte Kara. Als Donay über das sprach, was er über das tödliche Gewebe herausgefunden hatte, hatten seine Augen vor Begeisterung geleuchtet - aber sie hatte auch den Schmerz gesehen, der tief unter dieser Begeisterung lag. »Ich wollte, es gäbe einen anderen Weg, Donay. Aber ich fürchte, es gibt keinen.« Sie schwieg einen Moment und fühlte sich fast verlegen, weil diese Worte ihr nur wie ein billiger Trost vorkamen. »Vielleicht kommt es ja gar nicht zu einem Kampf. Vielleicht hält Elder ja Wort. Aber wenn nicht, dann wäre es besser, wenn wir wenigstens etwas hätten, um ihnen weh zu tun.«
»Das haben wir«, sagte Donay. »Es gibt zwei oder drei ganz besonders bösartige Spezies aus dem Schlund, die ich mir ausgeguckt habe. Wenn es mir gelingt, sie mit unserem kleinen Freund da drüben zu kreuzen, dann kann ich ihnen mehr als nur Kopfschmerzen bereiten.«
»Du meinst, du könntest sie töten?«
»Oder sie wahnsinnig machen«, erklärte Donay. »Ich weiß nicht, was schlimmer für einen Unsterblichen ist, aber es wird ihnen so oder so nicht gefallen.« Plötzlich drehte er sich um und begann in dem Durcheinander auf einem seiner Tische herumzukramen. Kara sah ihm einen Moment lang zu, gab es aber dann auf, in seinem Tun irgendeinen Sinn erkennen zu wollen. Zum wahrscheinlich hundertsten Mal, seit sie Donay kennengelernt hatte, fragte sie sich, wie Donay jemals zu auch nur einem sinnvollen Ergebnis kommen konnte bei dem Chaos, das er verbreitete.
Sie hörte ein Geräusch und registrierte erst jetzt, daß Donay und sie nicht die einzigen Personen im Raum waren. Donays Erinnerer saß auf einem Stuhl unter dem Fenster und blätterte in einem Buch, wobei sein Blick auf jeder Seite noch nicht einmal eine Sekunde lang verharrte. Dann fiel ihr auch der gewaltige Berg von Büchern und Pergamenten auf, der sich neben Iratas Stuhl stapelte.
»Was tut er da?« fragte Kara. »Er... er kann doch unmöglich in diesem Tempo lesen.«
Donay sah nur flüchtig von seiner Sucherei auf, als er antwortete: »Das könnte er, aber das ist im Moment nicht nötig. In den meisten dieser Bücher steht ohnehin nur haarsträubender Unsinn. Es lohnt sich nicht, ihm das Gedächtnis damit zuzukleistern.«
»Aber was tut er dann?«
»Dasselbe wie ich«, antwortete Donay in leicht gereiztem Tonfall. »Er sucht.«
Kara ging ein paar Schritte auf Irata zu. Der Erinnerer hatte das Buch zu Ende geblättert, legte es auf den wachsenden Stapel neben sich und nahm einen weiteren Band zur Hand.
»Und wonach sucht er?«
»Das weiß ich selbst nicht so genau«, gestand Donay. »Nach einem Hinweis, einem Wort, selbst ein einzelner Buchstabe würde mich schon glücklich machen.«
Kara sah ihn fragend an.
»Ich versuche noch immer, die Inschrift auf dieser Tür zu übersetzen«, sagte Donay. »Aber dazu braucht Irata wenigstens einen winzigen Anhaltspunkt. Diese Schrift ähnelt nichts, was ich je gesehen hätte; weder die Buchstaben noch ihre Kombination untereinander. Deshalb lasse ich Irata Angellas Bibliothek sichten. Wenn es irgendwo einen Hinweis gibt, dann dort.«
»Die gesamte Bibliothek?« fragte Kara ungläubig. »Aber das sind Tausende von Bänden!«
»Ja«, antwortete Donay ungerührt. »Und manche davon sind sehr alt - jedenfalls behauptet Aires, daß ein paar noch aus der Alten Welt stammen sollen. Es wird eine Weile dauern, bis er sie alle gesichtet hat.«
»Eine Weile? Du meinst ein paar Jahre!«
»Allerhöchstens einige Wochen«, korrigierte sie Donay. »Falls er sie wirklich alle durchsehen muß. Die Chancen, daß er auf der nächsten Seite auf den entscheidenden Hinweis stößt, sind genauso hoch wie die, daß er bis zur allerletzten suchen muß.«