»Und wenn er nichts findet?« fragte Kara.
»Ich fürchte, dann können wir bis zum Ende unserer Tage an dieser verfluchten Inschrift herumraten«, sagte Donay. »Du kannst nicht eine völlig fremde Sprache entschlüsseln, wenn du gar nichts über sie weißt.«
»Wir könnten Elder fragen«, schlug Kara vor.
»Er würde uns sicher freudig antworten«, sagte Donay spöttisch. »Nein.« Er schüttelte entschieden den Kopf. »Außerdem glaube ich nicht einmal, daß er uns helfen könnte, selbst wenn er es wollte. Wenn er diese Schrift entziffern könnte, dann hätte er die Tür geöffnet.«
Er hatte endlich gefunden, wonach er die ganze Zeit über gesucht hatte, und kam damit um den Tisch herum. Obwohl Kara den Gegenstand bisher nur einmal gesehen hatte, erkannte sie ihn sofort. Es war der geflügelte Metallpfeil, den sie aus der Brust des toten Libellenpiloten gezogen hatten.
»Ich habe lange über dieses Ding nachgedacht«, begann Donay. »Elder hat uns lang und breit erklärt, wie dieses Ding programmiert wird, wie unbarmherzig es einen Menschen sucht und wie unmöglich es ist, ihm zu entkommen. Nur eines hat er uns nicht erzählt.«
»Und was?« fragte Kara, als Donay nicht von sich aus weitersprach.
»Wie es ihm gelungen ist, den Schild der Libelle zu durchbrechen«, sagte Donay.
Kara verstand im ersten Moment gar nicht, worauf er hinauswollte. Sie hatte bisher angenommen, daß ein Volk, das in der Lage war, einen unsichtbaren Schutzschild zu erschaffen, auch in der Lage sein mußte, ihn wieder zu überwinden.
Donay nahm ihr den kleinen geflügelten Stahlpfeil wieder aus der Hand und drehte ihn wie ein Spielzeug. »Ich glaube, ich weiß es jetzt«, sagte er.
»Und wie? Bitte, mache es nicht zu spannend«, sagte Kara, als Donay sichtbar tief Atem schöpfte, um zu einem seiner gefürchteten Vorträge anzusetzen. »Ich habe nicht zu viel Zeit.«
Donay zuckte aber mit den Schultern. »Ich habe in den letzten Tagen mehrmals mit Tess gesprochen«, begann er, »und auch mit den anderen Kriegern, die schon gegen die Libellen gekämpft haben. Dabei ist mir eines aufgefallen: Kein Geschoß scheint diesen unsichtbaren Schild durchdringen zu können.«
»Das stimmt«, sagte Kara. »Markor hat mit dem Flügel nach ihnen geschlagen. Seine Schwingen würden eine Burgmauer zertrümmern, aber die Libelle haben sie nicht einmal getroffen.«
Donay nickte wissend. »Ich habe keine Ahnung, wie dieser Schild funktioniert«, sagte er, »aber nach alldem, was ich gehört habe, scheint er jeden sich schnell bewegenden Gegenstand aufzuhalten.« Er hob den Pfeil demonstrativ in die Höhe und bewegte ihn vor Karas Gesicht von links nach rechts.
»Aber dieses Ding hier war ziemlich langsam.« Kara sah ihn fragend an, und Donay unterstrich seine Worte mit einem bekräftigenden Nicken. »Ich habe mit Tess gesprochen. Sie sagt, er hätte sich so langsam bewegt wie eine fallende Feder. Vielleicht ist das der Grund, aus dem er den Schild durchbrochen hat.«
»Selbst wenn es so wäre«, sagte Kara nach kurzem Überlegen. »Was würde uns das nutzen?« Sie deutete auf den Pfeil in Donays Hand. »Wir können so etwas nicht bauen. Und wir können auch unsere Drachen nicht langsamer machen, als sie sind.«
»Ich weiß«, sagte Donay betrübt. »Trotzdem... es ist eine Spur.«
»Dann verfolge sie weiter«, antwortete Kara. »Aber nicht heute.« Sie deutete mit einer Kopfbewegung zum Fenster. Das Licht über dem Hof färbte sich grau. »Ich bin eigentlich nur gekommen, um dich mitzunehmen.«
»Mitnehmen?« Donay wirkte ein bißchen aufgeschreckt. »Wohin?«
»Auf jeden Fall hier heraus«, antwortete Kara in bestimmendem Ton. »Und in irgendein Bett, in dem du zwölf Stunden durchschlafen kannst.«
»Aber das geht nicht«, protestierte Donay. »Ich habe noch viel -«
»Unsinn!« unterbrach ihn Kara. »Du bringst dich um. Eigentlich wäre mir das egal, denn du bist alt genug, um selbst zu wissen, was du deinem Körper antun kannst, aber im Moment brauchen wir dich. Und weder du noch wir haben etwas davon, wenn du im entscheidenden Moment zusammenbrichst, oder auch nur einen Fehler begehst, weil du übermüdet bist.«
»So schlimm ist es nicht«, widersprach Donay, aber Kara blieb hart.
»Ich wollte dir einen freundschaftlichen Rat erteilen, Donay«, sagte sie. »Aber ich kann es dir auch als Herrin des Drachenhortes befehlen, wenn es sein muß.« Sie machte eine Kopfbewegung zur Tür. »Hrhon steht draußen und wartet auf mein Zeichen. Du hast die Wahl, freiwillig mitzukommen, oder dich von ihm hinaustragen zu lassen.«
Donay blickte sie vorwurfsvoll an, aber der Ausdruck in ihren Augen schien ihm klarzumachen, daß sie zu keinem Kompromiß bereit war. Trotzdem versuchte er es noch einmal mit einer anderen Taktik. »Ich kann Irata nicht allein lassen«, sagte er. »Wenn er irgend etwas findet oder braucht -«
»- lasse ich dich sofort wecken, das verspreche ich dir«, unterbrach ihn Kara. »Außerdem kann ich mir vorstellen, daß ihm eine kleine Pause auch ganz guttut.«
»Er braucht vier Stunden Schlaf am Tag«, antwortete Donay. »Und ich achte sorgsam darauf, daß er sie bekommt.«
»Dann achte ich jetzt darauf, daß auch du bekommst, was du brauchst«, sagte Kara bestimmt. Mit einer entschlossenen Bewegung nahm sie ihm den Pfeil aus der Hand, legte ihn auf den Tisch und streckte den Arm wieder nach seiner Schulter aus, um ihn nötigenfalls mit sanfter Gewalt mit sich zu ziehen.
Donay wich ihrer Berührung aus, aber er hatte wohl eingesehen, daß jeder weitere Widerspruch sinnlos war, denn nach einigen weiteren Augenblicken wandte er sich mit finsterem Gesichtsausdruck zur Tür und schob den Riegel zurück.
Kara trat dicht hinter ihm auf den Hof hinaus. Ihre Augen hatten sich an das schattige Dämmerlicht in dem Labor gewöhnt, so daß selbst der rote Schein des Sonnenuntergangs sie im ersten Augenblick blinzeln ließ. Deshalb bemerkte sie im ersten Moment auch gar nicht, daß außer Hrhon noch eine zweite Gestalt vor der Tür auf sie gewartet hatte. Als sie Elder erkannte, war es zu spät, sich eine Ausflucht einfallen zu lassen, um nicht mit ihm reden zu müssen. Sie befürchtete ohnehin, daß ihm ihr verändertes Verhalten in den letzten Tagen aufgefallen war. Sie war ihm aus dem Weg gegangen, wo immer sie konnte, und die wenigen Male, wo sie nicht umhingekommen war, mit ihm zu reden, da hatte sie es knapp und beinahe unfreundlich getan.
Donay drehte sich noch einmal herum, zog die Tür hinter sich zu und kramte ein gewaltiges Vorhängeschloß hervor, das er mit umständlichen Bewegungen anbrachte. Den Schlüssel reichte er Kara, die sich im ersten Moment fragte, was sie damit sollte, ehe ihr ihr eigenes Versprechen, sich um Irata zu kümmern, wieder einfiel. Sie steckte ihn ein, streifte Elder im Herumdrehen mit einem flüchtigen Blick und gab dann dem Waga einen Wink. »Kümmere dich um ihn. Ich... komme sofort nach.« Sie wartete, bis der Waga Donay am Arm ergriffen und mit sanfter Gewalt weggeführt hatte, ehe sie sich mit einer ruckartigen Bewegung an Elder wandte. »Also?«
Elder reagierte nicht sofort. Er sah sie nur stumm an, und der unausgesprochene Vorwurf in seinem Blick traf Kara, was sie selbst überraschte. »Eigentlich sollte ich diese Frage stellen«, sagte Elder schließlich.
»Ich verstehe nicht ganz, was du meinst«, antwortete Kara. Sie drehte sich mit einem Ruck herum und begann über den Hof auf das Haupthaus zuzugehen. Elder folgte ihr.
»Du gehst mir aus dem Weg«, sagte Elder. »Schon seit ein paar Tagen.«
»So?« fragte Kara. »Meinst du?«
»Ich meine gar nichts«, antwortete Elder betont. »Ich bin weder blind noch taub - und es wäre nett, wenn du nicht zu allem Überfluß auch noch so tust, als wäre ich dämlich.«
»Aber das tue ich doch gar nicht«, sagte Kara. Sie hatten das Haus erreicht und gingen die Treppe hinauf, und irgendwie brachte sie es fertig, daß Elder immer eine Stufe hinter ihr blieb. »Ich hatte in den letzten Tagen viel zu tun, Elder. Ich bin erschöpft, und ich bin genauso nervös wie jeder andere hier, das ist alles.«