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»Verkauf mich nicht für dumm!« sagte Elder zornig. »Du behandelst mich wie... wie einen Aussätzigen, seit du auf diesem verfluchten Schiff warst! Was hat dir dieser Thorn über mich erzählt?«

»Nichts«, sagte Kara. »Jedenfalls nichts, was ich nicht schon vorher ge...«

Sie kam nicht weiter. Elder packte sie plötzlich, wirbelte sie herum und stieß sie so grob gegen die Wand, daß ihr die Luft wegblieb. Kara versuchte ganz instinktiv, sich loszureißen und nach ihm zu schlagen, aber er fing ihre Hand mit einer fast spielerischen Bewegung auf und hielt sie fest; gleichzeitig blockierte er ihr hochgerissenes Knie mit dem Bein und preßte sie mit seiner ganzen Kraft gegen die Wand, so daß sie völlig wehrlos war. »Jetzt reicht's mir endgültig!« schrie er. »Wofür hältst du dich eigentlich, du dummes kleines Mädchen?«

»Laß mich los!« verlangte Kara.

Elder verstärkte seinen Griff. »Nicht, bevor du mir nicht gesagt hast, was los ist!« schrie er. »Was, zum Teufel, habe ich getan? Du behandelst mich wie... wie einen Aussätzigen!«

Kara sah aus den Augenwinkeln, wie zwei der jüngeren Krieger um die Biegung des Ganges kamen und mitten im Schritt stehenblieben, als sie Elder und sie erblickten. Aber dann stürmten sie beide los und zogen gleichzeitig ihre Waffen.

»Nicht!« sagte Kara hastig. »Bleibt stehen! Und steckt die Waffen weg!«

Elder sah erschrocken auf. Aber er war nicht erschrocken genug, seinen Griff auch nur um einen Deut zu lockern. Die beiden Krieger zögerten, Karas Befehl zu befolgen. Sie blieben zwar stehen, senkten ihre Schwerter aber nicht.

»Ihr sollt verschwinden!« sagte Kara noch einmal. »Das hier ist eine reine Privatangelegenheit, die euch nichts angeht.«

Nicht halb so schnell, wie Kara es sich gewünscht hätte, schoben sie ihre Schwerter in die ledernen Hüllen an ihren Gürteln zurück und entfernten sich. Kara wartete, bis sie wieder hinter der Biegung verschwunden waren, dann drehte sie bewußt langsam den Kopf und sah Elder kalt und drohend an.

»Und du solltest mich jetzt besser loslassen - ehe Hrhon auftaucht und dich in Stücke reißt. Ich bin nicht sicher, ob ich ihn ebenfalls zurückhalten könnte.«

»Ich weiß«, knurrte Elder. »Ich versuche seit fünf Tagen, dich einmal ohne diese größenwahnsinnige Eidechse zu erwischen.«

»Jetzt ist es dir ja endlich gelungen«, antwortete Kara. »Und was hast du jetzt vor? Mich verprügeln?«

»Vielleicht sollte ich das tun«, murmelte Elder. Er ließ ihre Handgelenke plötzlich los und trat einen Schritt zurück. »Können wir jetzt miteinander reden?« fragte er.

Kara starrte ihn eine Sekunde lang zornig an, dann blickte sie in die Richtung, in der die beiden Krieger verschwunden waren.

»Noch ein oder zwei solcher Zwischenfälle, und ich brauche mir um meinen guten Ruf keine Sorgen mehr zu machen«, sagte sie, während sie ihre brennenden Handgelenke massierte.

»Kara...« sagte Elder. Seine Stimme klang beinahe gequält.

»Was?« schnappte Kara. Es gelang ihr nicht mehr wirklich, Zorn auf Elder zu empfinden. »Was willst du? Soll ich mich bei dir entschuldigen - weil du mich die ganze Zeit über belogen hast?«

»Ich habe dich...?« Elder war ehrlich verwirrt. »Aber wieso denn? Ich meine... was habe ich denn -«

»Du wußtest, was wir dort unten finden werden!« unterbrach ihn Kara. »Du wußtest, wer Liss und die beiden anderen getötet hat - und warum. Du wußtest, daß sie dort unten waren - daß sie dort unten auf uns warten würden. Angella könnte noch leben, wenn du uns gewarnt hättest!« Die letzten Worte hatte sie förmlich herausgeschrien.

»Aber wie konnte ich das?« murmelte Elder. »Ich kannte euch doch kaum. Ihr wart... Fremde für mich. Nichts anderes als Krieger, die -«

»- du nach Gutdünken opfern konntest?« unterbrach ihn Kara schneidend. »Wie Bauern auf einem Schachbrett!«

»Die für mich nicht mehr bedeuteten als Thorns Krieger heute für dich«, sagte Elder ungerührt. »Wie viele von ihnen hast du getötet? Meinst du nicht, auch sie hätten Freunde und Familien?« Er schnitt ihr mit einer zornigen Bewegung das Wort ab, noch ehe sie ihn überhaupt unterbrechen konnte. »Verdammt, ich habe Fehler gemacht. So wie du, wie Aires und Angella und auch Thorn.«

»Und sein Vorgänger«, sagte Kara.

Elder sah sie mit einem Ausdruck an, der Erschrecken sein konnte, aber auch ehrliche Verwirrung.

»Sag mir die Wahrheit, Elder«, sagte sie. »Warst du dieser Mann? Bekämpfst du Thorn, weil du glaubst, er säße auf einem Platz, der eigentlich dir gehört?« Das war etwas, das ihr im selben Moment erst in den Sinn gekommen war, in dem sie es aussprach. Ein paar Augenblicke starrte Elder sie einfach nur an - und plötzlich begann er zu lachen, trat mit einer raschen Bewegung auf sie zu und schloß sie mit einer ebenso raschen Bewegung in die Arme. Kara versteifte sich unter seiner Berührung, aber sie versuchte nicht mehr, sich zu wehren.

»Und das hast du wirklich geglaubt?« fragte er. »Wer hat dir diesen Unsinn erzählt? Thorn?«

»Nein«, antwortete Kara.

»Das hätte mich auch gewundert«, sagte Elder. »Er lügt zwar gern und oft, aber eigentlich sehr viel geschickter.«

Kara befreite sich aus seiner Umarmung und schob ihn mit sanfter, aber doch entschlossener Gewalt auf Armeslänge von sich - ohne ihn allerdings loszulassen. »Das ist keine Antwort auf meine Frage. Warst du es?«

»Und ich werde sie dir auch nicht beantworten«, sagte Elder ernst. »Weil du das nämlich ganz gut allein kannst, weißt du? Überleg selbst: Was war ich, als wir uns kennenlernten? Ein Soldat, der seit fünf Jahren in Schelfheims Stadtgarde diente. Überzeuge dich selbst davon, wenn du mir nicht glaubst. Außerdem - woher sollte ich die Hilfe bekommen, auf die ich warte, wenn ich nichts als ein gefeuerter Angestellter der gleichen Firma wäre, die ich zu bekämpfen vorgebe?«

»Das kann eine weitere Lüge sein!«

»Dann wäre es allerdings keine sehr kluge Lüge, denn in spätestens vier oder fünf Tagen würde ich dir erklären müssen, wieso die Schiffe und Krieger nicht kommen, die ich euch versprochen habe.«

»Und wenn!« sagte Kara mit gespieltem Trotz. »Das ändert nichts daran, daß du mich belogen hast. Ich... ich habe gedacht, du vertraust mir. Aber du gibst immer nur gerade soviel von der Wahrheit preis, wie du unbedingt mußt, nicht wahr?«

»Ich habe dir erklärt, warum«, antwortete Elder. »Vielleicht ist es eine schlechte Angewohnheit. Vielleicht liegt es an der Art von Leben, die ich seit mehr als einem Jahrhundert führe. Wenn man zu lange gelernt hat, allem und jedem zu mißtrauen, dann verlernt man vielleicht irgendwann einmal, was Vertrauen überhaupt noch bedeutet, verstehst du?«

»Nein«, antwortete Kara. »Das verstehe ich nicht. Ich habe lieber Menschen um mich, denen ich vertrauen kann.«

»Ich auch«, sagte Elder ernst. »Aber ich habe zu viele getroffen, die mein Vertrauen ausgenutzt haben, und zu wenige, die es nicht taten. Ich weiß, daß das falsch ist, aber ich kann nun einmal nicht aus meiner Haut. Niemand kann das.« Er lächelte traurig. »Vielleicht ist das der Preis, den man für ein so langes Leben zahlen muß.«

»Wenn das wirklich so ist, dann ist der Preis zu hoch«, antwortete Kara. Elders Worte überzeugten sie nicht. Zum einen waren sie ihr einfach zu glatt, selbst wenn er die Wahrheit sprechen sollte. Und zum anderen hatte sie eines schon früh begriffen, daß man auch Offenheit und das Eingestehen von Fehlern zu seinem Vorteil nutzen konnte und daß Elder ein wahrer Meister in dieser Kunst war. Nicht zum ersten Mal gestand sie sich ein, daß Elder ihr in jeder Beziehung überlegen war. Sie fragte sich, ob er nicht vielleicht selbst jetzt nur mit ihr spielte und in Wahrheit längst wußte, daß ihr Verhalten nur zu ihrem Plan gehörte, sein Vertrauen völlig zu gewinnen. Doch wie sollte sie das Vertrauen eines Mannes gewinnen, der ihr vor einer Minute selbst gesagt hatte, daß er absolut niemandem traute?