»Es ist nichts«, antwortete Kara. »Jedenfalls nichts, was dich betrifft.« Elder sagte nichts mehr, aber er starrte sie so durchdringend an, daß allein sein Blick sie dazu zwang, weiterzureden. »Es war... alles zuviel, Elder. Ich weiß manchmal einfach nicht mehr, was ich denken soll. Was richtig ist und was falsch.«
»Aires«, vermutete er und bestärkte Kara damit in ihrer Vorsicht, ihn als den sehr präzisen Beobachter und Zuhörer zu behandeln, für den sie ihn hielt.
»Ja. Wir... hatten Streit. In den letzten Tagen haben wir uns praktisch ununterbrochen gestritten, wenn wir allein waren. Aber ich beginne mich zu fragen, ob sie nicht recht mit dem hat, was sie über diese Welt gesagt hat, unserer Verantwortung und unseren Pflichten ihr gegenüber.«
»Das hat sie«, antwortete Elder. »Genauso wie du.«
»Aber wie können wir beide recht haben?«
»Weil eure Standpunkte gar nicht so verschieden sind, wie es auf den ersten Blick aussieht«, sagte Elder sanft. »Und ich bin sicher, ihr werdet das früher oder später selbst erkennen.«
»Erkläre es mir«, verlangte Kara.
»Nein. Soll ich vielleicht noch dein Leben für dich leben?« antwortete Elder mit sanftem Spott. »Es gibt ein paar Dinge, die man besser selbst herausfindet und auf seine eigene Weise. Ist dir eigentlich klar, daß sie dich sehr liebt?«
»Aires?« Kara riß ungläubig die Augen auf. »Sie haßt mich!«
»Das ist es, was du glaubst. Und wahrscheinlich glaubt sie selbst es auch. Aber es stimmt nicht.« Für die Zeit, die ihre Blicke brauchten, um ineinander zu verharren, blieb er noch reglos stehen, dann seufzte er plötzlich tief und wandte sich mit einem Kopfschütteln ab.
»Vielleicht sollte ich dich jetzt besser alleinlassen«, sagte er. »Du brauchst Zeit, um über dich selbst nachzudenken. Und wenn wir uns das nächste Mal sehen - versprichst du mir, daß ich dir dann näher als zehn Meter kommen darf, ohne daß Hrhon mir auch noch die andere Hand bricht?«
49
Sie kam auch in dieser Nacht nicht dazu, ihrem Körper die Stunden Schlaf zurückzugeben, die sie ihm in den letzten Wochen vorenthalten hatte. Hrhon hatte vor ihrer Tür Posten bezogen und versprochen, niemanden hereinzulassen, ganz gleich, wie dringend es war, aber Kara erwachte zwei Stunden vor Sonnenaufgang durch einen Laut, der sie selbst in den Tiefen ihres Schlafes aufschreckte und schlagartig erwachen ließ: dem Geräusch eines Drachenschwarmes, der sich der Festung näherte.
Mit einem Satz war sie aus dem Bett und am Fenster. Draußen herrschte fast vollkommene Dunkelheit, in der die wenigen brennenden Feuer verloren und kalt wirkten. Der Himmel hatte sich bewölkt und hing so niedrig über den Ruinen des Hortes, daß man fast meinte, ihn anfassen zu können. Sie hörte noch immer das gewaltige dunkle Flügelschlagen, das sie geweckt hatte, aber es vergingen einige Augenblicke, bis sie die Drachen sah: drei, fünf, acht - schließlich ein Dutzend dreieckiger schwarzer Schatten, die von Westen nach Osten über die Festung zogen und zwischen den scharfkantigen Felsen zur Landung ansetzten. Offenbar versuchten die Reiter, ihre erschöpften Tiere unmittelbar zu den Höhlen zu bringen, um ihnen die Anstrengung eines neuerlichen Starts zu ersparen.
Das waren... die Krieger aus Schelfheim! dachte Kara verblüfft. Das Dutzend Drachen, das sie zum Schutz der Stadt zurückgelassen hatte!
Eine Sekunde lang blickte sie das Dutzend riesiger Schatten noch an, das beinahe lautlos über die Zinnen der Burg dahinzog, dann fuhr sie herum, lief zum Bett zurück und schlüpfte rasch in ihre Kleider, ehe sie das Zimmer verließ. Sie war nicht die einzige, die die Rückkehr der Drachen bemerkt hatte. Eine ganze Anzahl von Kriegern schloß sich ihr an, als sie das Haus verließ und sich auf den Weg zu den Drachenhöhlen machte, unter ihnen auch Cord und Elder, dessen blasses Gesicht verriet, daß auch er abrupt aus dem tiefsten Schlaf gerissen worden war.
Da der direkte Zugang zu den Höhlen bei Thorns Angriff verschüttet worden war, mußten sie einen zeitraubenden Umweg in Kauf nehmen, so daß ihnen die ersten der zurückgekehrten Drachenreiter bereits entgegenkamen, als sie die Treppe erreichten. Die Männer wirkten erschöpft und zitterten vor Kälte, trotz der dicken Kleider und Mäntel, in die sie sich gehüllt hatten. Die Nächte waren zu dieser Jahreszeit ohnehin nicht mehr warm; auf den Rücken der Drachen aber mußte es eisig sein.
Kara wandte sich ohne die Formalität einer Begrüßung an den ersten Krieger, der ihr auf der Treppe entgegenkam. »Wo ist Ian?« frage sie. Ian war ein älterer Krieger, nicht ganz so alt wie Cord, aber erfahren genug, daß sie ihm ohne zu zögern das Kommando über das Geschwader übergeben hatte. Außerdem war er einer der ganz wenigen Menschen, die Markor außer Kara selbst auf seinem Rücken duldete, und sie hatte ihn gebeten, den Drachen zu reiten, der in Schelfheim zurückgeblieben war.
Noch ehe der Mann antworten konnte, erblickte sie Ians verschwitztes Gesicht hinter ihm auf der Treppe. Im Fellbesatz seiner Jacke hatte sich glitzerndes Eis gebildet, und er trug ein flaches, metallenes Kästchen in der Rechten. Als er Kara erblickte, stahl sich ein Ausdruck von Sorge auf seine Züge.
»Ian! Was ist geschehen? Wieso kommt ihr mitten in der Nacht zurück?« Zum ersten Mal kam ihr die Idee, daß die Männer vielleicht angegriffen worden waren. Hastig ließ sie ihren Blick noch einmal über die pelzvermummten Wesen gleiten, die vor Kälte dampften, entdeckte aber nichts, was auf einen Kampf hingewiesen hätte.
»Sie haben uns rausgeworfen«, sagte Ian.
»Wie bitte?«
»Es gab einen Zwischenfall«, fuhr Ian fort. »Aber es war nicht unsere Schuld. Trotzdem kam dieser Karoll eine Stunde später und forderte uns auf zu verschwinden.« Er reichte Kara das schmale Kästchen. »Hier - das soll ich dir geben.«
Kara griff danach und hätte es beinahe fallengelassen, denn es war unerwartet schwer. Einen Moment lang betrachtete sie es unschlüssig, reichte es dann an Cord weiter und wandte sich wieder an Ian. »Das wirst du uns genauer erklären müssen«, sagte sie. »Aber nicht hier. Deine Männer sollen sich ausruhen. Wir gehen zu Aires und besprechen, was genau passiert ist.« Sie wollte sich umdrehen, wandte sich aber dann noch einmal an Ian: »Wie geht es Markor?«
»Gut«, antwortete Ian in einem Ton mühsam unterdrückter Wut, den Kara nicht verstand.
»Was ist los mit ihm?« fragte sie noch einmal.
»Nichts«, beharrte Ian. »Außer, daß er der Grund für die ganze Aufregung war.«
»Wieso?« Kara machte eine abwehrende Geste, als Ian antworten wollte. »Komm - gehen wir zurück, bevor du alles zweimal erzählen mußt.«
Sie überquerten den Hof in umgekehrter Richtung, wobei sich die Männer auf die wenigen noch bewohnbaren Gebäude verteilten, jeder von einer ganzen Meute Neugieriger belagert, die ihn mit Fragen bestürmten. Wahrscheinlich, dachte Kara spöttisch, würde sie die letzte in dieser Burg sein, die erfuhr, was sich in Schelfheim zugetragen hatte. Es fiel ihr schwer, ihre Neugier noch zu bezähmen, bis sie Aires' Turmkammer erreichten; um so mehr als die Magierin noch schlief und sie sich einige Minuten gedulden mußten. Kara nutzte die Zeit, sich eingehender mit Karolls ›Geschenk‹ zu beschäftigen - ohne daß sie indes hinterher sehr viel klüger gewesen wäre. Es war ein flacher Kasten aus Metall, an dessen Schmalseite sich ein Tragegriff befand.
Elder sah ihr eine Weile wortlos dabei zu, wie sie den Kasten betrachtete, dann trat er ebenso wortlos neben sie und berührte ihn an einer bestimmten Stelle, und das Kästchen klappte lautlos auseinander wie ein zusammengefaltetes Blatt Papier. In seinem Inneren kam eine mattgraue Glasscheibe und eine Anzahl winziger, mit fremdartigen Zeichen beschrifteter Tasten zum Vorschein. Das Gerät ähnelte dem Apparat, den sie in der Höhle unter der Stadt gefunden hatten, nur daß es kleiner war.